Der Anarchismus unter den spanischen Landarbeitern

Vor kurzem meldete der spanische Korrespondent des „Vorwärts", dass nunmehr endlich Schritte getan würden, die spanische Landarbeiterbevölkerung aufzurütteln, und dass diese Schritte von sozialdemokratischer Seite aus unternommen würden. Natürlich war das wieder eine jener Tartaren-Nachrichten, wie sie dem„Vorwärts" von seinen spanischen Parteigängern wiederholt aufgehängt worden sind.

In Wirklichkeit ist in Spanien seit langem, und zwar von anarchistischer Seite , eine lebhafte Propaganda unter der spanischen Landbevölkerung betrieben worden.

Mit welchem Erfolg das der Fall war, beweist die Tatsache, dass bereits im Jahre 1891 ein spanischer Landarbeiterkongress in Cordava tagte, der in einem Manifest sich klipp und klar für den Anarchismus entschied. Dieses Manifest, ein interessantes Dokument der sonst fast überall erst im Anfang stehenden Landarbeiterbewegung, lautet:

„Die Delegierten des Landarbeiterkongresses des Landes Spanien an alle ihre Kameraden:

Elendsgenossen, wir grüssen Euch!

Nach Schluss der wichtigen Zusammenkunft der Landarbeiter in Cordova halten wir es für nötig, einige Worte an Euch zu richten.

Wir begehren Euren Beistand bei dem gemeinsamen Werke der Befreiung, das mit Feuer und Energie begonnen wurde.

Wir werden nicht weitschweifig werden, schreiben ist nicht unser Handwerk, und wir wollen klar und deutlich sprechen.

Gefährten, Ihr wisst sehr wohl, die Landarbeiter, wir alle, die ein Stück Landbrot dafür kriegen, dass wir im Schweisse unseres Angesichts die Länder der Bevorzugten bestellen — die Länder, die derganzen Menschheit gehören sollten — wir führen ein kümmerliches, entbehrungsreiches Leben, und wir sind so schauderhaft geknechtet, dass es uns unmöglich ist, es länger zu ertragen.

Wir sind Menschen so gut wie die anderen. Wir versorgen die Gesellschaft mit den wichtigsten Lebensmitteln und sind für den sozialen Körper von grosser Wichtigkeit. Es ist also unwürdig und niederträchtig, dass wir als die letzte Klasse der Gesellschaft gehalten werden, dass man uns als Lasttiere behandelt, und noch unwürdiger und niederträchtiger, dass wir uns diese Tyrannei, diese Verachtung und Beschimpfung gefallen lassen.

Andererseits sind die anderen Klassen der Arbeiterschaft — dieIndustrie- und Bergarbeiter — angestrengt bemüht, ihr Joch zu sprengen. Sie brauchen unseren Beistand für eine unwiderstehliche Bewegung, die der Knechtschaft ein Ende macht und die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschenwesen herbeiführt.

Eine doppelte Pflicht ruft uns also, uns diesem Befreiungskampf anzuschliessen: unsere eigene Not und unsere Menschenwürde sowohl als Klassenangehörige wie als Individuen.

Unser Ehrgeiz geht dahin, frei zu sein, und frei werden wir vorgehen, wenn die Umstände es gebieten. Das wichtigste ist, sich zu vereinigen, zu gruppieren, auf die Form kommt es wenig an. Möge jeder einzelne und jede Gruppe sich nach Belieben, je nach den Bedingungen, die sich vorfinden, organisieren. Die Hauptsache ist, dass die Möglichkeit geschaffen wird, uns untereinander zu verständigen. Geben wir die Isolierung auf, die fast ein Brudermord ist, verlassen wir den falschverstandenen Egoismus. Gruppieren wir uns, bilden wir unsere kleinen oder grossen Vereinigungen, das erste Mittel, die Solidarität auszuüben, uns zum Kampfe gegen das Kapital und zur Verteidigung unserer ewig mit Füssen getretenen Interessen zu rüsten.

Eine ganz einfache Organisation, in der das Individuum und die Gruppe völlig autonom bleiben, genügt, um eine Einigung und eine Verbindung herzustellen.

Wenn wir dem Warenhandel ein Ende setzen wollen, dieser Arbeitsweise, die nur der unersättlichen Bourgeoisie Vorteil bringt, gruppieren wir uns!

Wenn wir die Hungerkonkurrenz, die Niedrigkeit der Löhne, die billige Arbeit von Seiten fremder Arbeiter nicht mehr dulden wollen, gruppieren wir uns!

Wenn wir für den Augenblick unsere elenden Lohnverhältnisse verbessern wollen, wenn wir anständiger behandelt und respektiert werden wollen, gruppieren wir uns!

Wenn wir dem wirtschaftlichen und politischen Despotismus ein Halt entgegenrufen wollen, dann müssen alle unsere Vereinigungen sich zugemeinsamem Handeln zusammenfinden.

Wenn wir einfüralle Mal frei sein wollen; wenn wir wollen, dass alle Plage und alle Tyrannei verschwindet; wenn wir wollen, dass die Anarchie, die schönste und gerechteste Vorstellung der Menschen, in der Gesellschaft Wurzel schlagen soll — immer bedarf es dazu der Vereinigung, der Gruppierung, der Verständigung unter den Unterdrückten.

Wenn wir ewig fortfahren, Elende und Sklaven zu bleiben, dann sind wir selber schuld.

In der Überzengung, dass Ihr das nicht bleiben wollt, da niemand sein eigenes Unglück will, im Vertrauen, das unsere Stimme vernommen wird, grüssen wir Euch brüderlich und wünschen allen: Heil! Soziale Umgestaltung und Anarchie!"

Cordova,1.Dezember1891.

Die Delegierten.

Abgesehen davon, dass dieses Manifest jenen aufschneiderischen „Vorwärts"-Bericht aus Spanien Lügen straft, ist es auch als eine der schlichtesten und klarsten Prinzipienerklärungen aus der freiheitlichen Arbeiterbewegung anzusehen, wie uns eine solche aus dem Herrschaftsbereiche des sogenannten "wissenschaftlichen Sozialismus" der Sozialdemokratie bisher nicht bekannt geworden ist.

Aus: Der freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 29, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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