Die Weltanschauung des Anarchismus

Wenn wir uns von unserem Elend befreien und zu einem glücklichen Dasein gelangen wollen, so müssen wir vor Allem die Ursache unserer Leiden erkennen; denn nur wenn wir diese erkannt und beseitigt haben, wird das Elend, das deren Folge ist. verschwinden.

Unsere Lage — die Lage des arbeitenden Volkes, der Proletarier und Bauern — ist heute in kurzen Worten beschrieben, die folgende: Wir wollen leben und glücklich sein; und um leben zu können, wollen wir arbeiten; wir wollen durch den vernünftigen Gebrauch unserer Kraft und Geschicklichkeit uns Nahrung, Kleidung, Obdach schaffen — kurzum alles, was wir zu einem gesunden und glücklichen Leben nötig haben. Dazu aber brauchen wir in erster Linie den Grund und Boden — die Erde, aus welcher alles Leben entspringt — und wir brauchen Hilfsmittel — Werkzeuge und Maschinen — um den Boden zu bebauen und seine Erzeugnisse uns nutzbar zu machen.

Ein solches Leben aber — das einzig naturgemäße und vernünftige, das es gibt — wird uns heute unmöglich gemacht. Den Boden und die Arbeitswerkzeuge hat eine verhältnismäßig kleine Anzahl Menschen als ihr Privateigentum erklärt. Wenn wir sie benützen wollen, also wenn wir essen und leben wollen, so müssen wir zuerst für jene arbeiten, damit sie nicht zu arbeiten brauchen. Wenn wir auch selber darben und mit Arbeit überbürdet sind, so müssen wir doch zuerst ihre Speicher mit Getreide füllen, kostbare Kleider für sie weben, prachtvolle und bequeme Häuser für sie bauen — und erst wenn wir all dies getan haben, erlauben sie uns, daß wir vom Brot, das wir schaffen, auch ein wenig behalten dürfen, daß wir ein wenig von unserer übrigbleibenden Arbeitskraft dazu verwenden, um unser Dasein fristen zu können  — so lange sie uns nötig haben. Wir müssen allzeit nach ihrem Willen leben und in ihrem Dienst bereit sein, so lange unsere Arbeit ihnen Nutzen bringt; wenn sie uns nicht mehr brauchen, wenn wir, in dieser Arbeit erschöpft, frühzeitig alt und siech geworden sind, dann können wir angesichts der aufgestapelten Reichtümer, der Früchte unserer Arbeit, vor Hunger sterben.

Denjenigen, die sich diesem vernunftwidrigen und entwürdigenden Zustand nicht fügen wollen, wird derselbe mit Gewalt aufgezwungen. Nicht durch die persönliche Kraft der Besitzenden und Herrschenden. Diese sind eine kleine Minderheit der großen Masse jener gegenüber, denen sie die Anerkennung ihrer Besitzrechte und ihrer Herrschaft aufzwingen, um dadurch ohne Arbeit und in Bequemlichkeit leben zu können. Wenn sie sich nur auf ihre eigene Kraft, ihre körperliche Stärke und Geschicklichkeit und die Macht ihrer Waffen stützen könnten, um andere Menschen in ihren Diensten und zum Gehorsam zu zwingen, so würde ihre ganze Sicherheit und Bequemlichkeit, jeder Vorteil ihrer Stellung vernichtet werden; und auch um diesen Preis könnten sie nur eine ganz kleine Anzahl Menschen in ihrer Macht halten. Um eine große Mehrheit sicher und mühelos beherrschen zu können, müssen die Herrschenden wenigstens einen großen Teil der übrigen Menschen von der Unvermeidlichkeit, Notwendigkeit und Berechtigung ihrer Herrschaft überzeugen können, so daß ihnen stets große Massen von Besitzlosen und Unterworfenen zur Verfügung stehen, welche von ihnen befehligt und organisiert, die Herrschaft und den Besitz ihrer Herren — also ihre eigene Knechtschaft und Armut — gegen jene verteidigen und jenen aufzwingen, die nach eigenem Willen frei leben und arbeiten wollen, ohne die Macht und die Rechte der Besitzenden anzuerkennen und ohne ihnen Gehorsam und Tribut zollen zu müssen.

Zum Schutze ihres Privateigentumes und ihrer daraus entspringenden privilegierten Stellung organisieren sich die Besitzenden eines jeweiligen Landstriches im Staate, welcher durch seine Gesetze sich anmaßt, das Leben eines jeden Einwohners zum Nutzen der herrschenden Minderheit zu regeln; und wer diesen Gesetzen zuwiderhandelt, wer sich weigert, an ihrer Vollstreckung — wenn auch mit der Verletzung seiner eigensten Interessen und Gefühle und mit Gefahr für sein Leben — teilzunehmen, der wird durch die gedrillte bewaffnete Macht der Unterworfenen und Unterwürfigen — von denen, die aus Furcht oder Wahnglauben, aus Gedankenlosigkeit oder kurzsichtiger Selbstsucht den Befehlen der Herrschenden Folge leisten — mit Kerker und selbst Tod bestraft.

Dies sind die Grundzüge unserer heutigen Gesellschaftsordnung. Die Frage ist: Wie konnte ein solcher Zustand, welcher allem gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitsgefühl Hohn spricht, und dem größten Teile der Menschheit Elend und Leiden bereitet, entstehen, wie kann er sich behaupten? Warum lassen sich die Menschen zum größten Teil die Früchte ihrer Arbeit nehmen, warum fügen sie sich Befehlen und Gesetzen, durch welche ihr Leben zum bloßen Werkzeug der Bequemlichkeit Anderer gemacht wird; was bewegt sie dazu, durch Hinmorden und Martern ihrer Leidensgenossen den Zustand der Sklaverei, unter welchem sie alle schmachten, aufrecht zu erhalten?

Unwissenheit und Aberglaube, die Furcht und Achtung vor eingebildeten höheren Gewalten, die Unfähigkeit, selbständig zu denken - dies sind die Ursachen aller Unterwerfung. Aufgeklärte, vernünftig denkende Menschen werden stets nach eigenem bestem Einsehen handeln, so wie es ihrem wahren Interesse und Gefühl entspricht. Sie werden keinerlei Vorschriften Gehorsam leisten, sich keiner Herrschaft unterwerfen, und sich zu nichts gegen ihre Überzeugung und ihren Willen zwingen lassen. Wissend, daß sie durch vereinte verständige Arbeit — und durch diese allein — im Stande sind, sich alles, was zu einem gesunden, reichlichen und schönen Leben notwendig ist, im Überfluß zu schaffen, werden sie in freiem Zusammenwirken und gegenseitiger Hilfe leben und arbeiten, so wie es die Bedürfnisse und Neigungen eines jeden am besten befriedigt, anstatt daß einer den andern die Früchte ihrer Arbeit entreißt und die Benützung des Bodens und der Arbeitswerkzeuge, die er selber nicht braucht, unmöglich macht, um sich auf Kosten Anderer unnützen Reichtum aufzuhäufen. Sie werden die Freiheit und das Glück eines jeden in der Freiheit und im Glück Aller erkennen und dieselben durch freiwillige Verständigung und Vereinbarung verwirklichen, anstatt zu trachten, einander zu bekämpfen und zu beherrschen. Jeden Versuch einzelner oder einer Gruppe von Menschen, welcher darauf gerichtet ist, andere auszubeuten und zu unterdrücken, werden siedurch vereinten Widerstand unmöglich machen.

Die überwiegende Mehrzahl der Menschen glaubt aber heute noch — aus Unwissenheit und Unfähigkeit zu denken oder aus einer durch kirchliche Dogmatik verfehlten Überzeugung heraus — an die Unvermeidlichkeit, Notwendigkeit und Berechtigung der Herrschaft. Die Ausgebeuteten und Bedrückten fristen ihr Elend in dumpfer Ergebenheit und Angst dahin, ohne daß es ihnen in den Sinn käme, daß es anders sein könnte; sie halten diesen Zustand für die Verfügung einer göttlichen Weltordnung oder für ein unabwendbares Schicksal oder ehernes Naturgesetz. Ihren einzigen Vorteil erblicken sie darin, durch Gehorsam und Mithilfe an der Unterdrückung und Ausbeutung anderer, mit Erlaubnis ihrer Herren und der Gesetze, einen Teil des erpreßten Reichtums und der Machtbefugnisse über andere mit zu genießen. Wo sie dazu Gelegenheit haben, streben sie danach, ihrerseits andere zu beherrschen und deren Arbeitskraft auszunützen. Der tyrannisierte Bauer und Proletarier ist Schwächeren, besonders seiner Frau und Kindern gegenüber, häufig der ärgste Tyrann; die Arbeiter, die zu Aufsehern, die gemeinen Soldaten, die zu Unteroffizieren avanzieren, sind oft die härtesten Vorgesetzten; und der Arbeiter, der ein schmarotzernder Politiker geworden, wird gewöhnlich zum ärgsten Unterdrücker gegenüber dem Gegner. Sie alle halten jede Verbesserung ihrer Lage nur dadurch möglich, daß sie aus der Reihe der Beherrschten immer mehr in die Reihe der Herrschenden hinaufsteigen. Sie sind überzeugt, daß das monopolistische  Privateigentum, der Staat, das Gesetz, die Obrigkeit unbedingt notwendige und an sich gute Einrichtungen sind; das gibt den meisten Besitzenden und Herrschenden eine so starke moralische Kraft über ihre Untergebenen; das macht so viele der Beherrschten zu nicht bloß gehorsamen, sondern willigen, pflichtgetreuen, aufopfernden Dienern ihrer Herren und der herrschenden ausbeuterischen Ordnung. Und sogar eine Änderung dieser Ordnung scheint ihnen nur durch eine Änderung der Form der Herrschaft durchführbar, wohinter sich meistens das Bestreben versteckt, daß ein Teil der beherrschten Klasse zur herrschenden Klasse werden soll, welcher die große Masse so wie ehedem frohnden und gehorchen müßte.

Der Glaube an eine übernatürliche Macht, die Ursprung und Rechtfertigung aller Herrschaft sei, und das Streben danach, andere auszubeuten und zu beherrschen, ist eine Folge jenes Urzustandes der Menschen, in dem sie nicht fähig waren, ihr eigenes Leben und die Natur geistig zu erkennen und zu begreifen und sie deshalb deren Elemente und Äußerungen nicht durch brüderlich vereinte Kräfte auszunützen verstanden, sondern überall und in Allem Verderben, drohende, feindliche Gewalten sahen. Diese Unwissenheit, der Aberglaube und die falsche Weltauffassung, die daraus entstanden, wurden von denen, die diese Faktoren zur Förderung ihrer eigenen Bequemlichkeit auf Kosten der Arbeit anderer auszunützen verstanden, systematisch aufrechterhalten, befestigt, und zu Religionen, Moralsystemen und Rechtsvorschriften ausgebildet; und diese Irrtümer, dieser Aberglaube wurden einer Generation der Beherrschten nach der anderen von frühester Kindheit an eingedrillt und anerzogen; das Erkennen der wahren Tatsachen des Lebens, das selbständige Prüfen und Nachdenken wurde ihnen mit allen Mitteln unmöglich gemacht.

Dadurch — und nur dadurch — ist es bisher den Herrschenden gelungen, ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten. Denn sobald die Beherrschten zur Einsicht gelangen, daß ein herrschaftsloses Zusammenwirken der Menschen möglich ist, und daß dies die einzige Art ist, um allen Menschen das volle, wirklich edle Glück des Lebens zu sichern, werden sie sich nicht mehr ihrem Zustand fügen, sondern durch gemeinsames Handeln ihr Leben auf diese Weise, gemäß ihrem Freiheitsempfinden gestalten. Diese Erkenntnis ist aber die unvermeidliche Folge einer der Wahrheit und der Vernunft entsprechenden Weltanschauung, und kann nur auf Grund einer solchen entstehen. Darum müssen diejenigen, die die Ursache ihres Elendes erkannt haben und nach Befreiung von demselben streben, vor Allem in sich selbst und ihren Leidensgenossen alle Unwissenheit und Lüge, allen Glauben an übernatürliche Gewalten und die Anerkennung und Verehrung einer jeden Autorität geistig zermürben, und auf Grundlage vorurteilsloser, genauer Beobachtung des lebenden Naturganzen und eigenem, klarem, vernünftigem Denken eine neue Weltanschauung aufbauen und verkünden.

Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 12 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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