Ökonomische Grundzüge des kommunistischen Anarchismus

Der Mensch will leben, der Mensch will glücklich sein; das ist die Triebfeder seines Daseins. Wie jedes lebende Wesen sucht er sich seiner Umgebung anzupassen, die Gefahren und Unannehmlichkeiten, die ihn bedrohen zu vermeiden, die günstigen Umstände auszunützen. Das kann er aber nur so, wenn er sich mit anderen Menschen vereinigt. Umgeben von übermächtigen Feinden, in fortwährendem Kampf mit einander, wäre die Menschheit längst untergegangen, oder, besser gesagt, sie hätte sich nie aus den niedriger stehenden Tierarten entwickeln können. In Gruppen vereinigt, in welchen ein jeder für alle, und alle für jeden sorgten und arbeiteten, sind sie stärker geworden als alle Tiere und haben sich die ganze Erde unterworfen.

Durch diese Solidarität besteht und entwickelt sich die Menschheit. Jeder Fortschritt, jede Verbesserung und Verschönerung des menschlichen Lebens ist nur durch die Ausbreitung und das Erstarken dieser Solidarität, durch festeres Zusammenschließen, innigere Verbrüderung der Menschen zu Stande gekommen. Die Solidarität schließt aber von vornherein jede Herrschaft aus. Sobald unter den Menschen einer oder einige sich über die anderen erheben, und die anderen zwingen, nach ihrem Willen zu leben und für sie zu arbeiten, in dem Moment ist die Gemeinschaft zu Ende.

Ein Teil der Menschen wird zum bloßen Werkzeug, um die Bedürfnisse von anderen zu befriedigen, die ersteren müssen ohne Gewinn für sich selbst über ihre Kräfte arbeiten, um die letzteren in müßigem Wohlleben zu erhalten, und dieser unnatürliche Zustand muß durch Gewalt, Gefängnis, Tortur und Todesstrafe erzwungen werden.

Immer und immer wieder haben sich die Unterdrückten und Ausgebeuteten gegen diese Leiden aufgelehnt und versucht, die Herrschaft von sich abzuschütteln und in Solidarität und Freiheit ihr eigenes Leben zu leben. Der Erfolg ihrer Empörungen war aber immer nur kurz und unvollkommen, denn durch Unwissenheit und Vorurteile sahen sie die Ursache ihres Elends immer nur in diesen oder jenen herrschenden Personen oder Herrschaftsformen und begnügten sich damit, diese aus dem Wege zu räumen — um sich neue Herren zu schaffen, anstatt jeder Herrschaft ein- für allemal ein Ende zu machen. Deshalb ist der größte Teil der Menschheit heute noch elend, versklavt und verkümmert. Doch im Herzen des Volkes entwickelt sich jetzt langsam, aber sicher die klare Erkenntnis und das zielbewußte Streben nach der neuen besseren Gesellschaft; nach unserem Ideal, dem anarchistischen Kommunismus.

Was wollen wir also? Wir wollen eine Gesellschaft, in welcher es keine Armen und Reichen, keine Herren und Knechte, keine herrschenden und beherrschten Klassen gibt, sondern wo alle Menschen in freiwilligem Zusammenwirken leben und arbeiten, und jeder nach seinen Bedürfnissen den durch gemeinschaftliche Arbeit erzeugten Reichtum genießen kann.

In dieser Gesellschaft wird der Grund und Boden — die Quelle von allem, was der Mensch zum Leben braucht — allen gehören; und ebenso die Werkzeuge und Maschinen, welche zu dessen Bebauung und der Herstellung aller notwendigen Sachen nötig sind. Arbeiter und Bauern werden sich in Vereinigungen, Gemeinschaften zusammentun, welche nicht durch Gesetze und bindende Vorschriften, sondurch gemeinsame Interessen, gegenseitiges Vertrauen und freiwillige Übereinkunft zusammengehalten werden. Jede dieser Vereinigungen wird durch gemeinsame Arbeit das Land besiedeln und bearbeiten und die Fabriken und Werkstätten in Betrieb nehmen, welche zur Deckung sämtlicher Bedürfnisse ihrer Mitglieder notwendig sind; vom Erträgnis der gemeinsamen Arbeit wird sich jedes Mitglied das und soviel nehmen, was und wie viel es braucht.

Selbstverständlich wird es einem jeden freistehen, so für sich zu sorgen, wie es ihm gefällt, in seinem eigenen Haus zu wohnen, seinen eigenen Garten und sein Stück Feld zu bearbeiten (denn die Großstädte, in denen jetzt die Menschen dem Profit der Grundbesitzer zu lieb, zusammengepfercht sind, werden mit dem Privateigentum an Grund und Boden aufhören), sein eigenes Essen zu kochen, seine eigenen Kleider zu nähen usw. — überhaupt in voller Freiheit alles zu tun, was er will, solange er dadurch nicht andere schädigt.

Ebenso wird man sich nicht die Mühe nehmen, jedem seinen Anteil an den gemeinschaftlichen Vorräten nach seiner Arbeitsleistung abzumessen, man wird nicht mit einander rechnen und feilschen; Geld und Handel werden als überflüssige Dinge verschwinden. Wie es in einer einträchtigen Familie oder unter guten Freunden auch jetzt zugeht, wird ein jeder willkommen sein, das aufzubrauchen, was er nötig hat, und ein jeder wird es für selbstverständlich finden, daß er, ohne abzuwägen, was er erhalten hat, aus besten Kräften am Wohle seiner Gemeinschaft mitwirkt.

Wenn aber jemand den Übrigen dennoch Schaden und Unannehmlichkeiten zufügt und wenn einer, obgleich er gesund und kräftig ist, nicht arbeiten will, dafür aber das Meiste und Beste von den Arbeitsfrüchten der Übrigen verzehren möchte; was dann? Nun, kein vernünftiger Mensch wird so handeln; denn in einem, auf freiem, brüderlichem Zusammenwirken begründeten Gemeinwesen ist das Wohl jedes Einzelnen eins mit dem Wohle aller Übrigen, also der Gesamtheit. Die gemeinsame Arbeit und die freundschaftliche Harmonie können alle Bedürfnisse eines jeden Menschen aufs Beste befriedigen; und wenn jemand dieselben stört und unmöglich macht, so schadet er sich selbst, handelt also unvernünftig. Wer aber unvernünftig handelt, ist entweder unwissend, und da kann man ihn leicht aufklären; oder er ist geistig krank, dann muß man ihn wie einen Kranken behandeln und zu heilen trachten.

Übrigens dürfte die Krankheit, die man »Faulheit« nennt, in einer vernünftigen Gesellschaft recht bald verschwinden. Denn erstens wird alle Arbeit leicht, schön und angenehm sein (sie könnte, mit unserer Wissenschaft und unseren Erfindungen schon jetzt so sein, wenn es sich den Kapitalisten nicht besser »auszahlen« würde, ihre Arbeiter durch Überarbeit, Schmutz und Unfälle zu Grunde gehen zu lassen und immer neue Kräfte aus der Armee der Arbeitslosen anzuwerben); zweitens wird die Langeweile des absoluten Nichtstuns und die Mißachtung und der Spott der Arbeitenden mit der Zeit den ärgsten Faulenzer davon überzeugen, daß der Anschluß an irgend eine, seinen Fähigkeiten und seinem Geschmack zusagende Arbeitsvereinigung besser und angenehmer für ihn ist.

So werden alle Gesetze und alle Einrichtungen, um denselben Geltung zu verschaffen, wie Zentralzwang des Staates, Gerichtshöfe, Polizei, Gefängnisse usw. ihren Sinn und Zweck verlieren. Es wird keine »Verbrecher« mehr geben. Mord, Raub, Diebstahl, Betrug, Fälschung etc. werden nicht mehr existieren, wenn es kein Monopoleigentum mehr gibt. Auch die beiden anderen Ursachen der heutigen »Verbrechen«: Trunkenheit und ein unnatürliches — teils unterdrücktes, teils überreiztes — Geschlechtsleben werden in einer anarchistisch-kommunistischen Gesellschaft verschwinden. Denn es ist das Elend, welches die Menschen in die Schnapsschenken treibt und dieselbe Ursache, verstärkt durch die tyrannischen Eingriffe der Kirche, des Staates und des Familienoberhauptes hat zur Folge, daß der Geschlechtstrieb, frühzeitig geweckt durch das Zusammengepferchtsein der Eltern mit den Kindern auf engem Raum, nicht seine natürliche Befriedigung finden kann, und daß andererseits Menschen ohne gegenseitige Liebe zu geschlechtlicher Vereinigung und Zusammenleben gezwungen werden.

In einer Gemeinschaft, deren Mitglieder durch Solidarität verbunden sind, kann keine Obrigkeit bestehen. Wenn die Menschen sich freiwillig vereinigen, um ihre gemeinsamen Bedürfnisse und Interessen zu befriedigen, und ein jeder ebenso freiwillig aus jeder Vereinigung austreten und sich mit anderen vereinigen — oder auch, wenn er gerade dazu Lust hat, als Einsiedler leben — kann, wenn das seinen Interessen besser zusagt, dann gibt es keine Gegensätze, keine Streitigkeiten innerhalb der Gemeinschaft. In seinen Privatangelegenheiten wird ein jeder vollkommen ungehindert und frei tun, was er will; die Erledigung der gemeinsamen Angelegenheiten werden diejenigen, deren Interessen dieselben berühren, durch gemeinsame Überlegung und Verständigung und durch gemeinschaftliche Arbeit besorgen. Sie mögen je nach den Umständen die Durchführung der Aufgabe einem von ihnen, der dazu besonders befähigt ist, übertragen u n d beim Zusammenarbeiten seiner Leitung folgen, wenn sie dies als notwendig einsehen. Dadurch werden sie ihm aber nicht das Recht zuerkennen, ihnen in diesen oder anderen Dingen zu befehlen, sie werden ihn nicht mit Vorrechten und Machtbefugnissen ausstatten; mit einem Wort: sie werden sich keine Obrigkeit schaffen, keine Gesetze und Vorschriften ausarbeiten, welchen sich ein jeder unterordnen müßte. Die Fragen, welche die Interessen aller Mitglieder der Gemeinschaft betreffen und durch gemeinsamen Entschluß aller entschieden werden müssen, werden praktischer — meistens wirtschaftlicher und technischer — Natur sein, bei welchen jede persönliche Eitelkeit oder abstrakte Prinzipienreiterei ausgeschlossen ist; und wenn ein jeder das Wohl der Gesamtheit — welches sein eigenes Wohl ist — vor Augen hält, so wird sich nach Erwägung aller Umstände immer ein Weg finden, welcher für alle das Zweckmäßigste ist, ohne daß sich zwei Parteien bilden, von denen die schwächere sich gegen ihren Willen der stärkeren fügen müßte.

So wird jede Gemeinschaft in sich selbst ein harmonisches Ganzes bilden, welches jedem seiner Mitglieder das höchste Maß von Freiheit, Wohlstand und Glück sichern wird. Selbstverständlich wird, da die Bedürfnisse des Menschen mannigfaltig sind, ein jeder Mensch verschiedenen mannigfaltigen Vereinigungen angehören. Es wird Vereinigungen geben auf Grund des Wohnortes, um denselben schön und gesund zu gestalten; auf Grund der Beschäftigung und des Gewerbes, um mit den angenehmsten Arbeitsmethoden die vollkommensten Erzeugnisse hervorzubringen und allen Bedürfnissen aufs leichteste zu genügen; Vereinigungen für Aufrechterhaltung des Verkehrs, für wissenschaftliche Forschungen, Kunst, Geselligkeit, Sport usw. Die wichtigste Form der Vereinigung wird freilich die Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung des täglichen Lebens sein; zur Bebauung des Bodens, Herstellung von Nahrung, Kleidung, Wohnung etc.

Jede nicht zu große und nicht zu kleine Gruppe von Menschen wird sich diese Lebensnotwendigkeiten selber herstellen, so wie das in den alten Völkerstämmen und Dorfgemeinden geschah, welche ja in punkto natürlicher Lebensweise unserem Ideal des anarchistischen Kommunismus recht nahe stehen, wenn wir uns auch dessen Verwirklichung auf Grundlage unserer heutigen Geisteskultur denken. Die unsinnigen Zustände, bei welchen eine Gegend oder Land nur Getreide, ein anderes nur Stoffe, ein drittes nur Maschinen oder etwas anderes erzeugt, ist nicht im Interesse des allgemeinen Wohlstandes, sondern einzig und allein zum Profit der Kapitalisten und Vermittler den Menschen aufgezwungen worden. Infolge dieser Verhältnisse sind die Arbeiter zu geistlosen Maschinen herabgewürdigt worden, die Erzeugnisse dieser Landwirtschaft und Industrie sind nicht zum Gebrauch, sondern nur zum Schein, als Verkaufsobjekte da, und fruchtbare Landstriche verwandelten sich in öde Brachfelder oder verpestete Kehrichthaufen.

Die Natur des Menschen verlangt, daß sein ganzes Leben, seine ganze Arbeit in innigstem Zusammenhang mit dem Leben der Erde steht, aus welcher alles, was er braucht, entspringt. Die Bebauung des Bodens und die Verarbeitung seiner Erzeugnisse muß Hand in Hand gehen, diese verschiedenen Arbeiten und die geistige Arbeit, die zu derem erfolgreichem Vollbringen nötig ist, ergänzen sich gegenseitig. Nur so können sich alle körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen voll entwickeln; nur so kann die Arbeit zur Freude und schaffenden Kunst werden, die das ganze Leben verschönt; nur so kann das Erzeugnis der Arbeit wirklich vollkommen jenen Bedürfnissen dienen, für die es bestimmt ist.

Die natürlichen Verschiedenheiten der einzelnen Gegenden werden freilich auch in Zukunft bewirken, daß dieselben, nachdem sie die allgemein notwendige Arbeit und Befriedigung ihrer täglichen Bedürfnisse geleistet haben, einen Überfluß von irgend einem Erzeugnis produzieren, zu welchem Klima, Bodenbeschaffenheit oder ererbte Geschicklichkeit ihrer Einwohner sie besonders befähigen. So werden einige Gemeinden Getreide, andere Holz, andere wieder Kohle, Eisen, Salz, Petroleum etc. für sich und die übrigen Gemeinden produzieren. Die Menge der Produktion wird sich aber immer nach den genau gekannten Bedürfnissen der übrigen Gemeinden richten; die Schönheit des Landes, die Annehmlichkeit der Bewohner wird nicht der Produktion eines Artikels geopfert werden, es wird kein unnützes Hin- und Hertransportieren der Waren stattfinden, kein Berechnen Handeln oder Schachern mit Werten, sondern ein freundschaftliches Nehmen und Geben.

So wie das Verhältnis der einzelnen Menschen innerhalb der Gemeinschaft, so wird auch das Verhältnis der verschiedenen Gemeinschaften zu einander sein: vollkommene Solidarität untereinander, vollständige Freiheit in eigenen Angelegenheiten, freiwilliges Zusammenwirken für gemeinsame Interessen. Abwesenheit jedes Gesetzes, jeder Obrigkeit, jeder Herrschaft. So wie die Menschen in Vereinigungen, werden sich diese Vereinigungen wiederum in mannigfache Föderationen zu gemeinsamer Arbeit, gemeinsamer Verschönerung des Lebens zusammenschließen; jede Vereinigung wird verschiedenen Föderationen angehören, es werden keine Grenzen zwischen denselben, keine Zentralleitung innerhalb derselben bestehen. Die Gemeinschaften werden einfach miteinander in Verbindung treten, entweder unmittelbar (eine leichte Sache in unserem Zeitalter der Telegraphen und Telephone!) oder durch Abgesandte, deren Aufgabe aber nur die Besprechung der Fragen und die Darlegung des Willens ihrer Absender sein wird, und die nicht als »Volksvertreter« irgend eine Art von Parlament bilden werden.

Wenn solcher Art die Zentralgewalt der Staaten, also sie selbst nicht mehr existieren, wird es selbstverständlich auch keine Kriege, keine Armeen mehr geben. Ein brüderliches Bündnis wird alle Menschen auf der Erde umfassen, und durch dieses werden sie zu einem immer schöneren, immer glücklicheren Leben fortschreiten.

Dies ist in kurzen Zügen das Bild der freien Gesellschaft, nach welcher wir streben. Dieses Ziel müssen wir fortwährend im Auge behalten, wenn wir uns von unserem heutigen Elend befreien wollen.

Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 10 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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