Emile Pouget - Die positiven Ergebnisse der Direkten Aktion in Frankreich

Der Aufmarsch für den Achtstundentag, den die in der Confédération Générale du Travail (Allgemeiner Arbeiterbund) verbundenen Gewerkschaften Frankreichs im Mai 1906 vollzogen haben, wird auch heute noch auf so sonderbare Manier gewürdigt, daß es sich lohnt, die Dinge ins rechte Licht zu stellen.

Der Plan zum Kampfe ist auf dem Kongreß von Bourges (September 1904) festgelegt worden. Eine sozusagen einstimmig angenommene Resolution bestimmte den 1. Mai des Jahres 1906 als den Augenblick, wo sich der Achtstundentag verwirklichen solle, oder doch als den Ausgangspunkt einer Bewegung in diesem Sinne.

Es war die Absicht des Kongresses, der Agitation einen neuen Anstoß zu geben. Sie sollte dafür sorgen, daß der Achtstundentag allgemein als eine leicht durchführbare Verbesserung der Verhältnisse und zugleich als eine vorläufige Errungenschaft der Arbeitermasse auf einem Wege erscheine, der nur dem Schwachen lang, dem Mutigen kurz vorkommen könnte. Man sehnte sich danach, aus der ewigen gedankenmäßigen Demonstration endlich einmal heraus und, ohne das wirtschaftliche Leben zu beirren, in Handlungen und Taten hinein zu kommen.

Das Arbeitergehirn mußte von der Erkenntnis ganz durchsetzt werden, daß man eben einfach einmal handeln, selbst seinen Mann für seine und aller Sache einsetzen müsse. Diese Einsicht mußte einmal in eine greifbare Tatsache umgesetzt werden, die Einsicht, daß die Proletarier eine Macht seien, der zur ausschlaggebenden Bedeutung nur der Wille fehle.

Ich für meine Person halte dafür, daß sich die Wünsche des Kongresses von Bourges verwirklicht haben. Was den Achtstundentag anlangt, hat der 1. Mai 1906 das Ende der Periode des Besinnens, des Studierens und unfruchtbaren Theoretisierens für die Gewerkschaftsbewegung bedeutet. Er ist der ersehnte Ausgangspunkt eines Feldzuges der Taten, nicht mehr nur der Gedanken, geworden.

Was die geistige Verfassung der Arbeiterschaft betrifft, sind die Ergebnisse die denkbar besten gewesen. Zunächst die Agitation: 18 Monate hindurch ist ohne Nachlassen mit einer Energie und Umsicht gekämpft worden, wie man sie nie vorher erlebte. In ebenso unerhörtem Grade ist es gelungen, die gesamte Arbeiterschaft in der Überzeugung zu einigen, daß es sich um eine allgemeingültige Forderung handle.

Und das Leben am 1. Mai 1906 selber: Das hätte man sollen mit ansehen dürfen! Eine Einheit des Fühlens und Wollens zu Stadt und Land, in ganz Frankreich umher, wie sie herrlicher die tiefgrabende Wucht der Propaganda nicht hätte beweisen können.

Das französische Proletariat hat aus dieser seiner Aktion, die es Mann an Mann geschart gewagt hatte, einen unberechenbaren Gewinn gezogen: Ein gefestigtes Selbstvertrauen und die Gewißheit, daß derartige Massenerhebungen, Vorspiele des endgültigen Generalstreiks möchte man sie nennen, die notwendige Gymnastik des Proletariats sind, falls es die Macht des Kapitalismus ernstlich niederringen will.

Nun hat man sich freilich auf seiten unserer theoretischen Gegner wohl oder übel dazu entschließen müssen, die Früchte der Direkten Aktion anzuerkennen, soweit ihr Saft und Mark in der Verdichtung des proletarischen Klassenbewußtseins und Klassenwillens besteht. Die Schätzung der praktisch durch die Direkte Aktion erzielten Vorteile dagegen: Da weiß man vielorts wenig zu rühmen; ja gewisse Leute versteifen sich darauf zu behaupten, daß sie solche überhaupt nicht entdecken könnten. Gerade von diesen materiellen Errungenschaften — denn sie sind da — möchte ich ein kleines Bild geben.

Am Kopf dieser Liste steht mit Fug und Recht, als eine unmittelbare Maieroberung des Proletariats, der Wöchentliche Ruhetag. In Paris und in verschiedenen Provinzstädten haben die Koiffeurgehilfen von diesem Tage ab, — und längst vor der Annahme des Gesetzes im Parlament — den Meistern die Verpflichtung auferlegt, ihre Buden einmal wöchentlich tagüber zu schließen. Die Annahme des diesbezüglichen Gesetzes ist lediglich dem Druck zuzuschreiben, den die Achtstundentagbewegung auf die Kammern ausgeübt hat.

Neben dem wöchentlichen Ruhetag, der vom Mai 1906 an Praxis geworden ist, steht eine zweite Verbesserung derselben Art, ihr Widerspiel gleichsam: Die "englische Woche", die die Schließung von Arbeitsplätzen, Werkstätten und Fabriken für den Samstag Nachmittag mit sich bringt. In vielen, namentlich metallurgischen Werkstätten und Fabriken ist vom 1. Mai ab diese "englische Woche" eingeführt und hat sich heute mehr und mehr eingelebt.

Im Baufach sind, vornehmlich in der Hauptstadt, ganz beträchtliche Fortschritte erzielt worden, moralische wie materielle. Die Steinhauer beziehen 85 und 90 Centimes statt 75; die Verputzarbeiter beziehen trotz einer Herabsetzung der Arbeitszeit von zehn auf neun Stunden nach wie vor 12 Franken pro Tag. Maurer von der Art der Mörtelmaurer beziehen 70 bis 75 statt 60 bis 65 Centimes. Andere, die Gipsarbeiter sind um 5 Centimes die Stunde gestiegen, nachdem sie vorher 75 bis 80 Centimes bezogen hatten. Ähnliche Lohnerhöhungen haben auch die hierhergehörigen Handlanger erlangt. Ganz allgemein aber ist, und zwar vor der Aktion des Parlaments, der wöchentliche Ruhetag durchgesetzt worden. Noch bezeichnender aber als es diese materiellen Erfolge sind, ist ein moralischer: Vordem nahm man auf einem Arbeitsplatz sein Beispiel an dem, der sich am meisten ins Zeug legte und schwitzte: heute richtet man sein Tempo mehr nach dem Kameraden ein, der Eile mit Weile verbindet. Das greift so um sich, daß die Arbeitsleistung, die ein Kleinunternehmer erhält, sich jetzt um 20 bis 25 Prozent, diejenige, die für den großen Unternehmer bleibt, um ungefähr 30 Prozent vermindert hat. Die unmittelbare Folge dieser moralischen Wandlung ist die, daß ein Bau länger zu tun gibt, oder daß man mehr Arbeiter anstellen muß.

Die Baumaler haben Lohnerhöhungen erwirkt und wenn die Schreiner, außer seitens weniger Firmen, fast nichts gewonnen haben, so hat sich ihre gewerkschaftliche Einigung doch stärker geschlossen. Die Erdarbeiter haben ähnliche Erfolge erzielt. Die tubistes unter ihnen, die 9 Stunden in geschlossenen Caissons unter Wasser arbeiteten, haben den Achtstundentag erlangt und ihren Lohn behauptet. Die übrigen haben mit Erfolg die Forderung aufgestellt, daß in neuen öffentlichen Bauanlagen der Achtstundentag zu erproben sei. Außerdem ist ihre Gewerkschaft von 800 zu 3000 Mitglieder emporgeschnellt. Ähnliche Resultate sind auch in der Provinz vielfach erzielt worden.

Im Lederverarbeitungs- und Kürschnergewerbe der Hauptstadt ist es den Arbeitern gemeinhin gelungen, ihre Bezüge um mindestens 10 Prozent zu steigern. In Chaumont haben die Weißgerber den Achtstundentag bei gleichbleibendem Lohn errungen; in Annonay sind sie bis zum Neunstundentag vorgedrungen und haben sich eine höhere Bezahlung für die neunte Stunde gesichert. In Döle ist der Arbeitstag von elf bis zwölf zunächst auf zehn Stunden herabgesetzt und der Lohn um 20 Prozent verbessert worden. Ähnliche Erfolge sind in Montlucon, Romans und anderorts erzielt worden. In Lorient und Lyon haben die Weber und Seiler ansehnliche Lohnerhöhungen gewonnen.

Im Pariser Kupfer-, Goldschmiede- und Schmuckgewerbe ist für die Spezialität in mehreren Häusern der Achtstundentag zugestanden worden und der Lohn von 6V2 auf 7 Franken 20 Centimes gestiegen. Frühere Arbeitsdauer: Zehn Stunden. In sehr vielen Provinzstädten sind in erster Linie beträchtliche Verkürzungen der Arbeitszeit eingetreten. Im Pariser Buchdruck desgleichen und dazu noch Erhöhungen der vorher elenden Löhne. In der Lithographie kam man Dank einem prächtigen Vormarsch der Arbeiterschaft zu Gunsten des Achtstundentages vorläufig zu neun Stunden.

In der Lebensmittelbranche haben die Marseiller Köche den Neunstundentag, den wöchentlichen Ruhetag und eine Lohnerhöhung erobert; ähnlichen Erfolg haben die Bäcker und Limonadearbeiter errungen. In Limoges und Pau haben die Bäcker ihre Lage verbessern können. In der Metallbranche und Mechanik sind außer den für Paris schon erwähnten Ergebnissen solche namentlich seitens der Westinghouse-Werke, in Amiens, Lyon, Unieux usw. gewährt worden.

Die Bekleidungsarbeiter, die noch zu wenig organisiert sind, hatten erst in wenigen Zentren ihre Forderungen aufgestellt; die Pariser Damenschneider bekamen 15 Prozent Lohnerhöhung; die Konfektionsarbeiter der großen Firmen haben es zu einer Verkürzung der Arbeitszeit von zwölf auf zehn Stunden bei gleichzeitigem Lohnzuschlag im Betrag eines halben Frankens pro Tag gebracht. In Lyon haben die Zuschneider und Konfektionsarbeiter sich eine ganze Reihe von Vorteilen gesichert: Neunstundentag, die "englische Woche", Bezahlung der männlichen Arbeiter während der Militärkurse (28 und 13 Tage), der weiblichen um die Zeit ihrer Entbindung seitens der Fabrikanten.

Diese kurze und notgedrungen unvollständige Übersicht über einige materielle Ergebnisse, die im Zusammenhang mit der Bewegung vom 1. Mai sich eingestellt haben, ist der schlagendste Beweisgrund für den Wert der Direkten Aktion.

Das ist auch der Grund, warum die französischen Gewerkschaften ihr Augenmerk entschieden einer raschen Veränderung der ökonomischen Verhältnisse zuwenden. Sie haben es praktisch erfahren, was alles sich mit Willen und Tatkraft tun läßt. Und nur dadurch. Durch eine Tat der ganzen Masse, die je länger je geschlossener wird, greifen sie ohne Zaudern und Zagen die kapitalistische Gesellschaft an, und ohne Unterlaß: Denn sie wissen, daß sie so die Bahn zum letzten Generalstreik öffnen, der uns vom Eigentum erlösen, uns Besessene von den Besitzern befreien wird. Durch uns selbst.

Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 12 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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