Emil Pouget - Das Wesen der direkten Aktion

Die direkte Aktion, der Ausdruck der Kraft und des Willens der Arbeiter, äußert sich in Taten, die sowohl sehr harmlos als auch recht gewaltsam sein können. Das hängt einfach davon ab, was notwendig ist.

Es gibt also keine besondere Form für direkte Aktion. Einige oberflächliche Leute glauben, daß dieselbe im Einschlagen von Fensterscheiben besteht. Es wäre sehr seltsam, die Entfaltung der proletarischen Kräfte von diesem Gesichtspunkt aus anzusehen; die direkte Aktion erschiene so als eine mehr oder weniger unbedachte Handlung, und man würde dadurch ihren großen Wert verkennen, der darin besteht, daß sie die geistige und seelische Empörung der Arbeiterschaft zum Ausdruck bringt.

Die direkte Aktion ist die Kraft der Arbeiterklasse in ihrer selbständig schaffenden Betätigung: die Kraft, die einem neuen sozialen Recht das Leben gibt, die neue soziale Gerechtigkeit erschafft!

Die Arbeitermassen sind immer durch eine schmarotzende Minderheit ausgebeutet und unterdrückt worden, welche wenn sie sich bloß auf ihre eigene Kraft stützen würde, ihre Herrschaft nicht einen Tag, eine Stunde lang aufrecht erhalten könnte! Diese Minderheit schöpft ihre Macht aus der unbewußten Zustimmung ihrer Opfer: diese — die Quelle aller Kraft — sind es, die, indem sie sich der Klasse, die von ihnen lebt, opfern, die Herrschaft der Kapitalisten und des Staates stützen und weiterleben lassen.

Aber um diesen Zustand der Gewalt und Ungerechtigkeit aufzuheben, genügt es nicht, die Lügen, aus denen ihre Prinzipien bestehen, aufzudecken, ihre Ungerechtigkeit zu enthüllen, ihre Verbrechen bloßzulegen. Im Kampf gegen die rohe Kraft ist die Idee, wenn sie sich nur auf ihre Überredungskunst verläßt, von vornherein besiegt. Die Ideen, die Gedanken, wie schön dieselben auch sein mögen, sind bloß Seifenblasen, wenn sie sich nicht auf die Kraft stützen und durch dieselbe fruchtbar gemacht werden.

Was muß also geschehen, damit die Mehrzahl der Menschen nicht immerfort einer genußsüchtigen und verbrecherischen Minderheit geopfert wird?

Es muß sich eine soziale Kraft bilden, die fähig ist, jener entgegenzutreten, die die besitzende und herrschende Klasse aus der Unterwürfigkeit und Unwissenheit des Volkes zieht. Die wirtschaftlich zielbewußt organisierten Arbeiter müßen diese Kraft in Wirksamkeit treten lassen; jene, die sich vom Joche — das sich die Mehrzahl der Menschen selbst schafft - befreien wollen, müssen gegen all diese Untätigkeit ankämpfen, sich zusammen finden, verständigen und vereinigen.

Diese notwendige Arbeit der Vereinigung und Sammlung der revolutionären Kräfte muß in der gewerkschaftlichen Organisation vor sich gehen: hier bildet und entwickelt sich eine immer wachsende Minderheit, die bestrebt ist, so stark zu werden, daß sie den Kräften der Ausbeutung und Unterdrückung zuerst das Gleichgewicht halten und dann dieselben überwinden kann.

Diese Kraft der Propaganda und Aktion arbeitet vor allem daran, jene Unglücklichen aufzuklären, die sich zu Verteidigern der herrschenden Klasse herabwürdigen, und so die elende Geschichte der Sklaven fortsetzen, welche von ihren Herren bewaffnet werden, um die befreienden Empörer zu bekämpfen. Man kann auf diese vorbereitende Arbeit nicht genug Sorgfalt verwenden. Wahrlich, die zahlreichen Beispiele der menschlichen Geschichte zeigen uns, daß alle Volkserhebungen, die nicht durch die Neutralität oder die Kräfte des uniformierten Volkes, der Armee, unterstützt wurden, besiegt worden sind. Darum müssen wir immerfort bestrebt sein, diese unbewußte Kraft, welche ein Teil der Arbeiterklasse den Herrschenden bietet, für unsere Ideen zu gewinnen, an ihre Gewissensstimme appellieren, nie gegen ihre Volksgenossen vorzugehen.

Dies ist, in großen Zügen die Aufgabe, welche die zielbewußten Arbeiter zu erfüllen haben.

Es wäre eine Anmaßung, voraussehen zu wollen, unter was für Umständen und wann der entscheidende Zusammenstoß zwischen den Kräften der Vergangenheit und jenen der Zukunft stattfinden wird. Das einzige, was man sagen kann, ist, daß derselbe von mehr oder weniger heftigen Vorkämpfen eingeleitet und vorbereitet werden wird. Und was man auch mit Gewißheit behaupten kann, ist, daß sich die Kräfte der Vergangenheit nicht freiwillig dazu entschließen werden, ihrer Macht zu entsagen und sich zu unterwerfen. Es ist gerade dieser blinde Widerstand gegen eine unaufhaltsame Bewegung, welcher in der Vergangenheit die Verwirklichung des gesellschaftlichen Fortschrittes allzu oft mit rohen Gewalttaten verknüpft hat.

Man kann es nicht oft genug betonen: daß nicht die Männer der Zukunft die Verantwortung für diese Gewalttaten zu tragen haben. Die Geschichte beweist uns, daß das Volk, ehe es sich der gewaltsamen Empörung zuwandte, immer erst durch die absolute Notwendigkeit, sich wider die Bedrückungen von oben zu wehren, dazu getrieben wurde; es greift nur dann zu diesem Mittel, wenn eine ganze Reihe von Erfahrungen ihm bewiesen haben, daß eine friedliche Entwicklung unmöglich ist; und selbst dann sind seine Gewalttaten nur die gemilderten und menschlich begreiflichen Erwiderungen auf die übertriebenen und grausamen Gewalttaten seiner Herren, wie uns Rußland zeigt.

Wenn das Volk von Natur aus gewalttätig wäre, würde es keinen Tag länger das Leben von Elend, Entbehrungen und harter Arbeit — und die Schurkereien und Verbrechen, die es oft zu erdulden hat — ertragen, das die heutige Gesellschaftsordnung ihm aufzwingt. Es ist nicht nötig, aus diesem Anlaß lang und breit zu beweisen, daß die Menschen weder gut noch schlecht geboren werden, sondern erst durch die Umgebung und die Verhältnisse so oder so werden. Die Frage wird durch die Beobachtung der täglichen Ereignisse genügend beantwortet. Es ist sicher, daß das Volk sentimental und wohlwollend veranlagt ist, und nichts von jenen tief eingewurzelten gewalttätigen Gefühlen in seiner Natur hat, welche die herrschende Klasse kennzeichnen und welche deren Herrschaft zusammenhalten; sind doch die Gesetze nur ein dünner Anstrich über den einen Zweck: die Grundlage der Herrschaft, die nackte Gewalt, zu verdecken.

Das Volk, niedergedrückt durch die Erziehung, die man ihm einpflanzt, vollgepfropft mit Vorurteilen, belogen und betrogen von den politischen Parteien aller Richtungen, kann sich nur mit großer Anstrengung zum Selbstbewußtsein erheben; und sogar wenn es so weit gekommen ist, läßt es sich nicht durch einen wie immer berechtigten Zorn so weit hinreissen, sondern sucht sich stets den Weg, der am schnellsten zum Ziele führt und am wenigsten Schwierigkeiten bietet.

Daraus aber, daß das Volk nicht aus Vergnügen zur Gewalt greift, wäre es sehr gefährlich zu folgern, daß man die selbstständige Volksaktion durch parlamentarische und demokratische Milderungsmittel ersetzen könne. Es gibt keine gesetzliche Maschinerie — weder die Volksabstimmung (Referendum) noch irgend ein anderes Vorgehen, welches angeblich die Hauptrichtung der Wünsche des Volkes zum Ausdruck bringt — durch welche man die Sozialrevolutionäre Bewegung umgehen könnte. Wenn man sich solchen Illusionen hingäbe, würde man aufs neue die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit durchkosten: jener Zeit, in welcher die Hoffnung aller auf das allgemeine Wahlrecht gerichtet war. Gewiß ist es viel bequemer, an die Allmacht des allgemeinen Wahlrechtes oder des Referendums zu glauben, als die Dinge zu sehen, wie sie sind; das erspart uns, etwas zu tun - aber es bringt uns der wirtschaftlichen Befreiung auch nicht näher.

Wenn man der Sache auf den Grund geht, bleibt unvermeidlich nichts anderes übrig, als unseren Glauben an die soziale Revolution uns unerschütterlich zu bewahren.

Jede Art von Abstimmung, Referendum usw. ist unfähig, die Ausdehnung und Stärke des revolutionären Gefühls in den Massen festzustellen. Unter gewissen Umständen können dieselben ihren Nutzen haben; durch das Referendum z.B. kann man in bestimmten Fällen die Richtung der Bestrebungen der Arbeiterklasse erkennen. Die Gewerkschaften gebrauchen dasselbe auch oft, wenn es notwendig ist (sowohl jene, welche sich noch nicht vom Einfluß des Kapitalismus frei gemacht haben und auf die Vermittlung des Staates hoffen, wie auch jene, die offen revolutionär gesinnt sind). Aber keine von ihnen erwartet, daß man aus dem Referendum ein festes System macht, welches die direkte Aktion der Minoritäten verdrängen soll.

Das Referendum ist also kein Hindernis der revolutionären Bewegung, ebensowenig wie es ein notwendiger Bestandteil derselben ist. Es ist ein Mechanismus zur Bestimmung der zahlenmäßigen Stärke einer Bewegung, kann aber nicht zur Bestimmung ihrer wahren inneren Kraft verwendet werden. Damm ist es unvernünftig zu glauben, daß irgend eine Volksabstimmung fähig wäre, die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft zu erschüttern. Die Anwendung des Referendums und des Majoritätsprinzips überhaupt darf nie den Platz der notwendigen Initiative der Einzelnen einnehmen.

Es ist kindisch, von Abstimmungen zu sprechen, wenn es sich um revolutionäre Volksaktionen handelt. Nehmen wir zum Beispiel die Erstürmung der Bastille. (1) Wenn am 14. Juli 1789 die Soldaten der französischen Garde nicht zum Volk übergegangen wären, wenn eine zielbewußte Minderheit nicht den Sturm auf die alte Festung gewagt hätte —, wenn man das Schicksal des gehaßten Kerkers durch eine Volksabstimmung hätte entscheiden wollen, dann würde er sich wahrscheinlich noch heute in der Mitte von Paris erheben.

Damit die wirtschaftliche Revolution, welche im Schöße der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ruht, endlich zum Ausbruch komme und zu schaffenden Taten schreite; damit jeder Rückschritt und jede brutale Reaktion unmöglich werden — dazu ist es notwendig, daß jene, die an diesem großen Werke mitarbeiten, genau wissen, was sie erreichen wollen, und wie sie es erreichen wollen. Sie müssen selbständig denkende Menschen sein und nicht bloß durch einzelne Führer vorwärts getrieben und geleitet werden! Die Kraft der Mehrzahl ist — von revolutionärem Standpunkte aus — nur dann wirksam, wenn jeder einzelne Mensch in der Masse mit eigener Überzeugung, aus eigenem Antrieb handelt. Sonst ist die Masse nur ein Haufen Menschen ohne Willen, gleich einem Haufen toter Stoffe, der durch jede äußere Kraft hierhin und dorthin geworfen werden kann.

Aus all dem sehen wir, daß die direkte Aktion, indem sie sich auf den Glauben an die Unvermeidlichkeit der zukünftigen sozialen Umwälzung stützt, das Ende aller auf die Gewalt gegründeter Herrschaft vorbereitet; um eine Gesellschaft der Vernunft und harmonischen Eintracht an deren Stelle erstehen zu lassen. In der alten Gesellschaftsordnung von Beherrschung und Ausbeutung verbreitet sie die schöpferischen Ideen, die die Menschheit befreien werden: die geistige und kraftvolle Entfaltung der Individualität, die Festigung des eigenen Willens, der Ansporn zum Handeln, die Abkehr und Abwendung von jeder Autorität oder Diktatur!

Außer ihrem praktischen Nutzen im sozialen, wirtschaftlichen Kampf hat also die direkte Aktion auch einen großen moralischen Wert, denn sie erzieht diejenigen, die sich zu ihr bekennen, zur Selbständigkeit des Denkens und zur vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit.

Emil Pouget, geschrieben im Gefängnis zu Corbeil, August—Oktober 1908.

Fußnote:
1.) Staatsgefängnis und Zwingburg von Paris, deren Zerstörung durch das aufständische Volk (1789) den Anfang der großen französischen Revolution bezeichnet. Anm. d. Red.

Aus: "Wohlstand für Alle", 2. Jahrgang, Nr. 3 (1909). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS