Krieg dem Kriege, es lebe der Friede!

Vielleicht ist dasjenige bereits ausgebrochen, wenn die Augen unserer Leser diesen Zeilen begegnen: Der Krieg zwischen den Staaten des österreichischen und des serbischen Volkes, das blutige, bestialische Völkerringen verblendeter und gleichmäßig bedrückter und ausgebeuteter Menschenscharen im höheren Interesse der Gewaltsbestie Autorität und der erbärmlichen Ausbeutungsfreiheit des internationalen Kapitalismus. Vielleicht aber ist dieser Kelch der Kriegsgefahr, beseitigt durch gegenseitige diplomatische Profitabmachungen zwischen Serbien und Oesterreich, wieder einmal glücklich an den Völkern beider Staaten vorübergegangen. Wie immer auch die Zeit sein mag, in der diese Zeilen das Licht der Öffentlichkeit erblicken, wir rufen es aus, ohne Zögern, ohne Rückhalt, als tiefinnersten Ausdruck unserer Gewissenspflicht: Krieg dem Kriege, es lebe der Friede!

Die gegenwärtige Situation erübrigt es vollständig, viele Worte darüber zu verlieren, um zu beweisen, daß ein solcher Krieg zwischen Österreichs und Serbiens Staaten nichts anderes als das brutale, raubgierige Ringen kapitalistischer Machtinteressen ist. Man komme uns nicht mit den Phrasen, daß die seit dreißig Jahren okkupierten Länder Bosnien und Herzegowina schon längst dem österreichischen Staate "gehörten"; oder daß Serbien hier ein Stück Patriotismus verteidige und seinen Besitzstand behaupten wolle; man rede uns nicht von Vergrößerung des "Vaterlandes" oder von Bekämpfung des Panslavismus und derlei Dingen mehr. Für uns ist bloß das Eine feststehend: zwei Staaten — der österreichische und der serbische — beide aus blutigen Machtkämpfen hervorgegangen, beide bestrebt, ihre Reichtumsmacht auf industriellem und kommerziellem Gebiet zu behaupten, schlagen sich wie Tiere um Interessen derjenigen Klasse, die allein den Vorteil aus einem Kriege zieht: der kapitalistischen Klasse. Es handelt sich einfach darum: soll die österreichische oder serbische Kapitalsmacht zunehmend profitieren? Sonst um nichts, denn allen Redensarten zum Trotz sagen wir es laut und deutlich: es ist eine noch unentschiedene Frage, ob der Kampf gegen den Pangermanismus für ganz Europa nicht weit wichtiger ist, als jener gegen irgend eine andere Rassenrichtung; nicht als ob wir ihm das Wort redeten, aber gesagt soll es werden, wenn solch unsinnige patriotische Verkleidung den Krieg gegen Serbien heiligen möchte.

Um parlamentarische Interessen handelt es sich in diesem Kriege ganz und gar nicht. Für Serbiens, wie für Österreichs Proletariat bleibt es vollkommen gleichgültig, welche Staatsmacht in diesem Kriege etwa gewinnt. Nur der Besitzstand der herrschenden Klassen wird zu Gunsten jener der siegenden Staatsmacht verschoben.

Warum gehen die österreichischen Arbeiter, warum ziehen die serbischen Bauern in einen Krieg? Hassen sie sich gegenseitig? Mit nichten; nach wie vor sind sie beide Angehörige derselben international entrechteten und ausgesaugten und durch Steuerlast erdrosselten Bürgerschar des Proletariats, die nur einen Feind kennt: die goldene Internationale, die Weltgilde der Staats- und Kapitalsmacht. Zwischen dem Proletariat Österreichs und jenem Serbiens besteht kein Zwist, keine Trennung oder wahnsinniger Nationalitäten- oder Rassenhaß. Wer zählt die Tausende und Hunderttausende von Gegenseitigkeitsverhältnissen und Beziehungen, die zwischen diesen beiden Ländern vorwalten; wer weiß nicht, daß sie im eigenen Inlande weit größere Hassensgründe erblicken, denn jenseits der Grenzen!

Und doch wollen sie einander aufreiben. Aus den Kanonenschlünden blitzt der Mord, aus den Gewehren fährt der Brudermord, die Säbel und Bajonette wollen im Stichkampfe sich gegenseitig der Väter. Brüder, all des menschlich Teuren berauben, das dem Leben und der Kultur Weihe und Wert und den Familiengemeinschaften beider Länder Glück verleiht. Wie grauenhaft, wie entsetzlich! Volk gegen Volk, obwohl keines auch nur eine Ahnung davon hat, weshalb es grausam Brudermord vollführen soll, weshalb es nun Mord, Totschlag, Raub und Vergewaltigung verüben darf, wenn doch sonst Bibel- und Gesetzesworte all dies verpönen und verbieten. Und wo sind die Organisatoren, wo die Urheber dieses entsetzlichen Blutringens, dieser Bartholomäusnacht der Kriegsbestialität? Stehen sie in den vordersten Reihen, bieten sie ihre Brust den totsendenden Waffen dar? Ach nein, und um nur einen zu nennen, unser Baron von Aehrenthal ist gegenwärtig nicht im Kriege, ihm wird kein Haar gekrümmt, seiner Familie wird der Vater, Bruder und Gatte nicht entrissen. Aber für seine Interessen, die Interessen eines adeligen Reichen, müssen Tausende von Arbeitern und Bauern, von unseren Brüdern und Volksgenossen, ihr Blut verspritzen, müssen Tausende ihrer Geliebten und Brotverdiener beraubt werden, muß ein bestialischer Krieg entbrennen.

Es ist der Staat, der alle diese Verwüstung und Verpestung der Menschheit anrichtet. Hier seht ihr ihn in seiner ursprünglich wahrsten und einzigen Mission: er zwingt die unterdrückten Volksmassen, sich gegenseitig den Tod zu bereiten, um durch sie ihre Lohnsklaverei und ihr soziales Elend, die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten. Der Staat ist es, der als blutbefleckter Kriegsmörder vor uns steht, als der einzige, wirklich große und mächtige Verbrecher. Nichts, gar nichts ist das Verbrechen des Einzelmörders, Räubers, Einbrechers gegenüber diesem gegenseitigen staatlich dekretierten und verübten Massenmord, Massenraub, Masseneinbruch. Wir sind für den Frieden, für allmenschliches Glück, für Harmonie — und umso tiefer schmerzt es zu sehen, wie unumschränkt die Bestialität des Herrschaftsgedankens, der Staatsgewalt noch im Besitz des Geistes und Gemütes der sich bekriegenden Völker ist, so daß die Staaten die Völker noch zwingen können, sich gegenseitig in tierischer Weise den Garaus zu bereiten! Was für eine Gesellschaftseinrichtung ist aber solch ein Staat, desen einziges Wesen darin bestand und besteht, in dieser Weise die Völker zu verbestialisieren, sie zu etwas zu zwingen, das sie ohne Staat niemals begehen könnten! Mit ungebrochener Macht muß sich immer stärker und stärker der einzige Kulturruf erheben, den es eigentlich in tieferem Sinne gibt: Heraus aus dem Staat, Beseitigung des Staates, nieder mit jeder Form  des Staates, denn so wie der Staat entstanden ist im Krieg und durch die Gewalt, ist sein einzig Tun und Lassen unablässig und stets wieder Krieg und Gewalt!

Noch ist der Staat imstande, die Völker zu zwingen, sich gegenseitig zu morden. Teils durch ihre grauenhafte Unwissenheit, die er selbst verursacht und künstlich züchtet, teils durch ihre Feigheit, teils durch die Niedertracht ihrer berufsmäßigen Führer und Tribunen. Österreichs Proletariat brauchte nur ernstlich zu wollen, und jeder Krieg wäre eine Unmöglichkeit.

Wir reden gar nicht von den Millionen und Millionen von noch nicht sozialistisch Denkenden; wir reden auch nicht von der Millionenstimmenziffer der österreichischen Sozialdemokratie. Denn diese letztere ist zum größten Teile leichter Schall und Rauch, nur von Wichtigkeit für die Abgeordneten, auf daß ihnen die Regierung ihre Diäten zahlen soll. Wovon wir reden, das ist die angeblich etwas über 500.000 Mann starke österreichische Gewerkschaftsbewegung: sie kommt für uns in Betracht. Was tat sie, um einen Krieg zu verhindern? Wenn nur der fünfte Teil dieser Gewerkschaftsmacht sich wider den Krieg erhöbe und ausspräche, daß sie einen solchen niemals dulden würde, dann wäre ein jeder Krieg eine Unmöglichkeit. Was haben ihre Führer getan, gelehrt, an Aufklärung in dieser Richtung geleistet, um einen Krieg zu verhindern? Nichts! Und während all der Monate der Kriegsvorbereitungen regte und rührte sich in dieser Gewerkschaftsbewegung der Sozialdemokratie nichts, wurde weder von der Partei noch ihrer Gewerkschaftsbewegung auch nur eine antimilitaristische, antikriegerische Versammlung einberufen, auch nur das Geringste getan, um einen Krieg abzuwenden. Statt dessen wurde politische Kannegießerei getrieben anstatt zu sagen: Jeder Krieg ist uns gleichbedeutend mit der Proklamation des Generalstreiks unsererseits — ward spintisiert über diesen und jenen parlamentarischen Quatsch und "bewiesen", daß ein Krieg ja doch nicht von Vorteil für Österreichs Kapitalisteninteresse sei. Nur daß letzteres dies leider besser weiß, als die sozialdemokratischen Redaktionsbürokraten.

Wer führt eigentlich die Regimenter nach dem Kriegsschauplatz? Die Eisenbahner und Arbeiter des Transportwesens. Wer verproviantiert sie? Die Arbeiter der Lebensmittelbranche. Wer befördert die Telegramme, wer vermittelt die telephonischen Gespräche usw.? Die Arbeiter dieser Betriebe. Wer reinigt und hält die Schienen der Eisenbahnen frei? Arbeiter. Wer verläßt Frauen und Kinder, um sich im Kriege totschießen zu lassen oder andere tot zu schießen? Arbeiter. O es ist eine entsetzliche Verantwortung, die auch wir Arbeiter tragen, täuschen wir uns darüber nicht. Und da wir immer denjenigen Teil der Arbeiterschaft meinen, der schon einigermaßen bewußt und sozialistisch denkend ist, das namenlos große Verbrechen des Krieges kennt, so sind gerade sie alle Teilnehmer an diesem Verbrechen, ihre Führer, die sich seiner Ausführung nicht in den Weg stellen, sind Hochverräter an dem Prinzip des Sozialismus und der internationalen Solidarität: in einem gewissen Sinne sind sie verachtungswürdiger als die Staatsmachthaber, denn diese opfern die Massen bewußt ihren Nutzinteressen, wählend die Führer der Hinschlachtung zur höheren Ehre des Kapitalismus kennen, wissen und sich dann doch nicht mit dem Signal des Kampfes in den Weg stellen — einfach weil auch sie, verräterisch genug, ihr Kleininteresse an einem gemächlichen Leben über das wahre Menschheitsideal der solidarischen Kampfesverbrüderung stellen.

Wehe ihnen und allen, die die Furie des Krieges entfesselten. Die Zukunft wird ihr geschichtliches Urteil, und nicht nur in Worten, über sie fällen! Wir aber, die wir die einzigen aufrechten Sozialisten Österreichs sind, wir kommunistische Anarchisten, rufen es laut und deutlich in all das unmenschliche Kriegsgetöse hinein: Der serbische Arbeiter und Besitzlose ist der Bruder des österreichisch-ungarischen Arbeiters und Besitzlosen!

Krieg dem Kriege, Krieg dem Morde. Krieg der Völkervernichtung, es lebe der Friede, die Freiheit, die Verbrüderung des serbischen und unseres Volkes gegen die gemeinsamen Feinde: Ausbeutung und Herrschaft!

Wenn diese Worte international erbrausen, werden sie wie Kanonendonner jeden Kriegslärm übertönen: wenn sie sich in Taten äußern, werden sie den Krieg selbst und mit ihm den Staat und Kapitalismus beseitigen. Erst ihre Entfernung aus der Menschheit bedeutet das Reich der Erfüllung, die harmonische Ordnung in Freiheit: die Anarchie.

Aus: "Wohlstand für Alle", 2. Jahrgang, Nr. 7 (1909). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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