Der sozialdemokratische "Antimilitarismus" in Verzweiflung

1914 lieferte die Sozialdemokratie mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten und ihrer Kriegsbegeisterung den schlagenden Beweis für die Einschätzung dieses Textes von 1910...

In keinem Lande läßt sich der Bankerott des soz.-dem. Antimilitarismus leichter beobachten als in England. Gerade dort erlebt er seine ärgsten Nackenschläge,denn in England wird die innere Inkonsequenz und Unaufrichtigkeit seines Standpunktes glänzend aufgedeckt.

Bekanntlich hat die internationale Sozialdemokratie den Standpunkt verfochten, daß der Krieg im Falle nationaler Verteidigungszwecke ethisch vollkommen berechtigt sei. Bebel in Deutschland, Adler in Österreich, Ferni und Jaures in Italien und Frankreich — sie alle haben erklärt, daß, wenn "ihr Vaterland" von einem ausländischen "Feind" angegriffen werden würde, so würden sie mit Freuden in den Krieg ziehen, um "ihr Vaterland" zu verteidigen. Hat doch der alte Liebknecht noch zu Lebzeiten, als man ihn fragte, was er tun würde, wenn man Elsaß-Lothringen von Deutschland losreißen wollte, ganz militärisch-kurz erklärt: "Ich würde wie ein Deutscher handeln!" Kurzum, international ist die Sozialdemokratie eine begeisterte Patriotin, wenn es gilt, das Vaterland gegen einen ausländischen Feind zu verteidigen. Einzig wir Anarchisten sind es, die den Satz des "Kommunistischen Manifestes": "Die Arbeiter haben kein Vaterland!" noch unentwegt aufrecht erhalten.

Um diesem dummen Verteidigungs-Standpunkt der Sozialdemokratie ein Mäntelchen des Scheinrechtes umzuhängen, fügten diese wunderlichen "sozialistischen" Patrioten stets die Hypothese hinzu, daß sie sagten, wenn ihr Vaterland z.B. von Rußland angegriffen werden würde, so könne man ja gar nicht anders, als die Flinte auf den alten Buckel zu schultern. Könne man sein hochstehendes, alle Kultur und Zivilisation vertretendes Vaterland von politisch und sozial "tiefer stehenden" Nationen angreifen lassen? Nie und nimmer! Eher Mord und Todschlag und Verwüstung im Namen der eigenen Kultur auf Geheiß des eigenen Staates!

Dieser theoretische Unsinn zog ziemlich lange. Es gibt nämlich noch immer Leute, die glauben, daß die Rechte und Freiheiten eines Volkes im eigenen Lande von den dort Herrschenden abhängen; die da glauben, daß wenn andere Herrschende kämen, diese Rechte und Freiheiten verschwinden würden. Diese Leute haben einerseits aus den napoleonischen Kriegen wenig gelernt — denn erst der prasselnde Einsturz der europäischen Throne durch Napoleon brachte den versklavten nichtfranzösischen Völkern Europas einen Atemzug freiheitlicher Gedanken —, anderseits vergessen sie, daß Rechte und Freiheiten eines Volkes nicht von den Launen der Herrschenden, sondern von der Kraft des Volkes, sie gegen die Launen der Herrschenden verteidigen zu können, abhängen.

Aber dieser ganze soz.-dem. Angriffs-Antimilitarismus und Verteidigungs-Militarismus hat seit einiger Zeit in England ein großes Loch erhalten, so daß die eigenen Anhänger nicht mehr ein noch aus wissen. Zwei der bedeutendsten Sozialdemokraten Englands, der Marxist Hyndman und der wirklich ausgezeichnete Publizist Blatchford sind auf einmal aufgetreten und haben erklärt, daß England rüsten müsse; es brauche eine stärkere Flotte, ein besseres Heersystem u. dgl. schöne Dinge mehr. Und weshalb alles dies? Nun, weil England in Gefahr stehe, von Deutschland angegriffen, "überfallen" zu werden, und weil es sich doch verteidigen müsse! In beweglichen Klagetönen haben die beiden wackeren Sozialdemokraten die Gefahren "ihres Vaterlandes" geschildert und zum Erwachen aufgerufen. Hyndman — ein reicher Börsianer — war diskreter, er vertrat seinen Standpunkt nur in seinem Blatt "Gerechtigkeit"; aber Blatchford, als ehemaliger Soldat und fähigerer Journalist, ersuchte die Sensationspresse um Aufnahme seiner Artikel, die das "arme England" beweinten und zum heiligen Verteidigungskrieg gegen das "bismärkische Deutschland" aufriefen.

Dieser Standpunkt Blatchford's ist der internationalen Sozialdemokratiefreilich sehr unangenehm. (1) Deutschland, das natürlich der gefährlichste und stärkste Militärstaat Europas ist, für den sozialen Befreiungskampf des Proletariats weit gefährlicher ist als Rußland und überhaupt geistig wie materiell der wahre Reaktionsherd Europas, eigentlich der ganzen Welt ist — dieses Deutschland wird von der internationalen Sozialdemokratie mit liebevollen, pietätvollen Augen angesehen, weil dort die stärkste Sozialdemokratie der Welt ist. Daß diese gleichzeitig auch vollkommen machtlos, das ficht sie nicht weiter an; so lange nur das Äußere glänzt und schimmert, ist es einerlei, ob das von echtem Gold oder von Talmi kommt. Zudem befindet sich die Sozialdemokratie Deutschlands den Argumenten Blatchford gegenüber in einer argen Zwickmühle. Was Blatchford behauptet, daß Deutschland nur gegen England rüstet, ist nämlich vollständig wahr. Auch ohne diese Tatsache, daß alle diesbezüglichen Reden Bebels im deutschen Reichstag es dem Kanzler zum Vorwurf machen, daß er, statt gegen Rußland sich zu kehren, sich gerade von den zwei entwickeltsten Staaten Europas, Frankreich und England immer weiter entferne, wären Blatchford's Befürchtungen — von seinem soz.-dem. Standpunkte aus — ganz richtig. Ganz abgesehen aber von all diesem weiß heutzutage jeder politische Schulknabe, daß die rapide, sich entwickelnde, ohne Schranken vorschreitende Industrie- und Kolonialpolitik Deutschlands in England das größte Hindernis erblicken muss; wie umgekehrt natürlich der englische Staat das mächtig emporschießende Deutschland als dräuende Gefahr für seine ohnedies schon durch die Vereinigten Staaten arg wackelig gewordene Weltherrschaft auf industriellem wie kolonialem Felde betrachten muß. Die Kapitalisten beider Länder kennen sich und wissen, daß sie einander nicht schonen werden; die einzige Lösung einer solchen Spannung von Interessenkonflikten, die es innerhalb Staatentum und Kapitalismus gibt, ist der Krieg — wenn die Völker beider Staaten ihn zulassen!

Hier liegt nun die Zwickmühle, in die der soz.-dem. Antimilitarismus geraten, hier ist die Sackgasse, in der er sich dank seiner eigenen Unsinnstheorie — als ob es je eine Berechtigung für das gegenseitige Brudermorden der Proletarier zweier kriegführender Staaten geben könnte; als ob der sich "verteidigende" Militärstaat nicht ebenso am Krieg Schuld trüge wie der "angreifende"; als ob es im Interesse der Proletarier gelegen sein könnte, welches "Vaterland" die Oberhand behielte; als ob sie nicht alle beide gleich ausbeuten und auch nach dem Kriege gleich ausbeuten würden! — verrannt hat. Die ganze soz.-dem. Theorie des Antimilitarismus leidet gegenwärtig am eigenen Widerspruch. Denn einerseits hat Blatchford Recht, Deutschland rüstet gegen England und anderseits — dies ist der heikelste Punkt! — weiß sogar jeder Sozialdemokrat daß England in Bezug auf soziale und politische Verhältnisse (trotz all seiner perfiden Heuchelei!) ein viel entwickelterer, dem breiten Volke ungleich mehr bietender Staat ist als Deutschland. Wollte die deutsche Sozialdemokratie nun ihrem schon so oft wiederholten Standpunkt den "niederen Völkern" gegenüber treu bleiben, so müßte sie in logischer Verfolgung ihres Antimilitarismus auf Blatchford's Argumente hin erklären, daß, wenn diese wahr werden sollten, sie, als gegenüber England minderwertigere Staatsverfassung etc., den Militärstreik ihrerseits proklamieren werde, sobald der deutsche Staat es wage, den Krieg gegen das vorgeschrittenere England zu proklamieren.

Durch eine solche Erklärung würde sie dem Frieden zwischen Deutschland und England ungeheuer Vorschub leisten, da der deutsche Staat einsehen würde, daß man mit einem Militärstreik von Hunderttausenden im eigenen Land keinen Krieg führen kann; sie würde damit aber auch Blatchford zwingen, Farbe zu bekennen und die soz.-dem. Parteien Englands mit ihm, indem diese auch ihrerseits prinzipiell erklären müßten, daß auch sie den Militärstreik im Falle eines Kriegsausbruches — einerlei von welcher Seite provoziert — proklamieren würden. Es wäre dies ein erhabener Solidaritätsausdruck der Arbeiterklassen dieser beiden Länder, er wäre die leuchtende Morgensonne eines Tages, an dem die Völker aller Länder auf den Ruinen der Staatenwelt sich brüderlich und in freier Gruppierung umfangen halten werden. Zudem würde die deutsche Sozialdemokratie mit einer solchen ihren Prinzipien getreuen Proklamation Blatchford's Hauptwaffe ihm aus der Hand schlagen: denn dieser motiviert seine patriotische Haltung eben damit, daß er sagt, England müsse rüsten, es dürfe sich nicht auf die große deutsche Sozialdemokratie oder die deutsche Arbeiterklasse verlassen, denn von diesen beiden Faktoren sei gar nichts zu erwarten; sie würden auch in den Krieg gegen England ziehen, weil sie willenlose Sklaven des deutschen Staatsprinzips seien, und das englische Volk, wenn es sich auf sie verließe, absolut verloren wäre.

Es ist eine teuflische Logik und Wahrheit in diesen Befürchtungen des antimilitaristisch-militaristischen Blatchford gelegen. Denn statt nun die Logik ihres eigenen Prinzipstandpunktes zu vertreten, oder aber die Auffassung des Anarchismus zu akzeptieren und die strikte Vaterlandslosigkeit, dafür aber die freie Volks- und Kulturgemeinschaft zu proklamieren — hält sie fest an dem deutschen Staatsprinzip, nimmt nichts von ihren dummen soz.-dem. "antimilitaristischen" Thesen — die Blatchford nun mit eherner Schärfe und durchaus logisch vertritt — zurück, sondern steckt nur den Kopf in den Sand. Durch dieses Manöver glaubt sie, das Unheil beschwören zu können. Aber wenn sie auch hundertmal behauptet, Blatchford sehe zu schwarz, in Deutschland läge auch nicht die leiseste Absicht zu einem Krieg gegen England vor, so wissen wir es doch hundert und ein Mal, daß sie selbst an diese öligen Redensarten nicht glaubt. Sie beweist durch solche nur aufs neue, daß sie geistig und praktisch unfähig geworden ist, ernsten, sich gerade aus ihrer Schlaffheit mit historisch bedingten Notwendigkeiten ergebenden Situationen irgendwie machtvoll und wahrhaft entgegen zu treten. Aber es ist wichtig, immer wieder aufs neue darzutun, wie die Torheit des soz.-dem. "Antimilitarismus" einfach durch die Ereignisse des Lebens und die Entwicklung innerhalb ihrer eigenen Partei ganz ebenso abgetan wird, wie auch sonst ihre übrige Theorie.

Übrig bleibt eben nur der einfache, klare Wahrheitsstandpunkt des Anarchismus und seiner antimilitaristischen Taktik, die keinen Unterschied zwischen Angriffs- oderVerteidigungskrieg kennt, da das Proletariat im Kapitalismus nichts zu verteidigen noch anzugreifen hat, so wie dies die Staatenwelt verstanden haben will, der die Sozialdemokratie nachäfft. Für das internationale Proletariat gibt es nur eine antimilitaristische Devise: Jeder Krieg mordet nicht die Kriegsanstifter, sondern die Tausende unschuldiger Proletarier, die in den Krieg ziehen; wir aber als Proletarier werden und wollen niemals Brudermörder sein!

Anmerkung:
1.) Daß Blatchford nach Southend fuhr, um sich die englische Seemacht und-Flotte anzusehen, und sich an ihr<.m Anblick zu weiden, wird ihm von der Wiener "Arbeiterzeitung" zum Vorwurf gemacht, die dabei ganz vergißt, daß der österr. Sozialdemokrat Schuhmeier zu ganz demselben Zweck nach Pola fuhr. Anm. d. Red.

Aus: "Wohlstand für Alle", 3. Jahrgang, Nr. 3 (1910). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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