Augustin Souchy - Syndikalismus in Schweden

1909 traten die schwedischen Arbeiter in einen Generalstreik, der mit einer Niederlage endete. Die Unzufriedenheit mit der als autoritär empfundenen Gewerkschaftsführung gab ein Jahr danach Anlass zur Gründung der Zentralorganisation der schwedischen Arbeiter (S.A.C.). Der Name Zentralorganisation darf indes nicht im Sinne von Zentralgewalt verstanden werden. Im Gegenteil, ihre Gründer bekannten sich zum Syndikalismus. Die neue Organisation mit dem freiheitlichen Sozialismus als Zielsetzung wurde föderalistisch aufgebaut. Das Entscheidungsrecht lag - und liegt - bei den peripheren Lokalvereinen, nicht bei den Ausführungsorganen des Zentralkomitees und Arbeitsausschusses.

Die Hoffnung der Syndikalisten auf massiven Anschluss der Mehrheit der Arbeiter ging nicht in Erfüllung. Anfang der Zwanziger Jahre, als man noch an den Sieg der sozialen Weltrevolution glaubte, war die Mitgliederzahl der SAC auf 40.000 gestiegen. Die Organisation verfügte über zwei Tageszeitungen, "Arbetaren" in Stockholm und "Norrlandsfolget" in Kiruna, dem Zentrum der schwedischen Eisenerzbergwerke.

Als Ende der Zwanziger Jahre die Sozialrevolutionäre Arbeiterbewegung durch den Nazifaschismus überrundet wurde, verlor auch in Schweden der Syndikalismus seine Anziehungskraft, doch er überlebte, im Gegensatz zu anderen Ländern, die Jahre der Reaktion und des zweiten Weltkrieges.

Zur Zeit hat die SAC in ihren syndikalistischen Gewerkschaften rund 20.000 eingeschriebene Mitglieder. Ihr Sitz ist in Stockholm, wo sie in einem eigenen zentral gelegenen fünfstöckigen Gebäude ihre Büroräume, eine leistungsfähige Druckerei und den Buchverlag "Föderativ" unterhält. Ihr Organ "Arbetaren", heute Wochenzeitung, ist eine der besten einschlägigen Publikationen Schwedens. Vor einigen Jahren erwarb SAC den 35 Kilometer von Stockholm am Ostseestrand herrlich gelegenen Landbesitz Stensnäs mit einem ehemaligen Herrenhaus und Nebengebäuden, wo ein "Kurshof" errichtet wurde, in welchem 60 Kursteilnehmer Unterkunft und Verpflegung finden. In diesem Bildungsinstitut veranstaltet SAC sozialwissenschaftliche, gewerkschaftliche und sozialpolitische Lehrgänge.
 
Im "Kursgarden" Stensnäs war es, wo zur Zeit der Sommersonnenwende dieses Jahres, zur Zeit der langen nordischen Tage und kurzen Nächte, in malerischer Umgebung des Ostseestrandes, der 20. Kongress der SAC stattfand, an dem als Gast teilzunehmen mir vergönnt war.

Es war ein erfolgreicher, harmonisch verlaufender Kongress. Meinungsverschiedenheiten, die vom selbständigen Denken der Teilnehmer zeugten, wurden im Grundton des Gemeinschaftsgeistes ausgetragen. Die 80 Anträge, die in gedruckter Form den 69 Delegierten vorgelegt wurden, waren bereits vorher in den Ortsvereinen von den Mitgliedern diskutiert worden. Die Kongressteilnehmer sprachen im Auftrag ihrer Ortsgruppen. Die grosse Anzahl jugendlicher Teilnehmer zeigte, dass im schwedischen Wohlfahrtsstaat ein günstiger Boden für die freiheitlich-sozialistische Gedankenwelt vorhanden ist.

Ein Punkt der Tagesordnung, der auch im Ausland Beachtung verdient, war der Entwurf einer neuen Prinzipienerklärung. Dass es die jüngere und mittlere Generation war, die sich für neue Formulierungen einsetzte, wunderte mich nicht. Nach ihrer Meinung sollte die aus dem Jahre 1952 stammende Grundsatzerklärung durch eine den heutigen Verhältnissen Rechnung tragende ersetzt werden. Die Sprecher der älteren Generation hingegen erachteten neue Grundsätze für überflüssig und plädierten für Beibehaltung der jetzigen Formulierungen. Schliesslich ernannte der Kongress eine Kommission, die den Auftrag erhielt, die vorliegenden Vorschläge zu einem einheitlichen Ganzen unzuarbeiten. Der neue Vorschlag soll nach Ablauf von vier Monaten den Mitgliedern zur Begutachtung und Beschlussfassung vorgelegt werden. Neben den alten Grundsätzen des freiheitlichen Sozialismus, des Föderalismus, Antimilitarismus etc. wird die neue Prinzipienerklärung auch die Forderung nach Umweltschutz aufnehmen und das Problem des Wirtschaftswachstums behandeln.

Für den Kenner des politischen Panoramas in Schweden war es keine Überraschung, dass auch das Problem des Parlamentarismus zur Sprache kam. Seit Jahrzehnten gibt es hierzulande eine Bewegung des "freien Kommunalvolkes", bei der syndikalistische Orstvereine mitmachen und sich an Gemeinderatswahlen beteiligen. Hierüber neisst es in der vorgeschlagenen neuen Prinzipienerklärung: "Die SAC betätigt sich nicht parlamentarisch. Ihre Mitglieder haben jedoch das Recht einer solchen gesellschaftlichen Betätigung ausserhalb unserer Organisation, falls diese mit ihrer politischen, philosophischen und / oder religiösen Überzeugung vereinbar ist, wobei jedoch vorausgesetzt wird, dass diese Betätigung nicht im Widerspruch zur syndikalistischen Bewegung steht."

Die brisanteste Forderung der schwedischen Arbeiterbewegung ist zur Zeit die Erneuerung der veralteten Arbeitergesetzgebung, vor allem Abschaffung des Paragraphen 32, der den Unternehmern Vorrechte aus der Zeit des Absolutismus in ihren Betrieben einräumt. Ein Parlamentsausschuss, der eine Gesetznovelle hierüber vorbereitet, hat nach schwedischem Brauch, den daran interessierten Organisationen seinen Entwurf zur Einsicht und Stellungnahme vorgelegt. Dazu gehörte auch die nicht im Reichstag vertretene syndikalistische SAC.

Der Arbeitsausschuss der SAC hat nach vorheriger Konsultation aller angeschlossenen Lokalvereine ein Antwortschreiben ausgearbeitet, das auf elf Schreibmaschinenseiten den syndikalistischen Standpunkt zu dieser Frage klarlegt. Dieses Schreiben wurde dem Kongress unterbreitet. Darin wird gesagt, dass die Syndikalisten den Entwurf für unzulänglich halten. Ein modernes Arbeitsgesetz müsse die Vorrechte des Kapitals aufheben und die Wirtschaftsdemokratie einführen. Nach Ansicht der Syndikalisten müsse ein neues Arbeitsgesetz das Verfügungsrecht der Arbeiter über die Produktion stipulieren. Unter Industriedemokratie verstehen die Syndikalisten aber keineswegs - das wird in dem Schreiben besonders betont - Verstaatlichung, sondern Übernahme der Betriebe durch die Arbeiter und Angestellten selbst.

Die Denkschrift nimmt auch zu dem Problem der zeitgebundenen Kollektivverträge Stellung, ein Problem, das in vergangenen Zeiten von den Syndikalisten aller Länder heiss umstritten war. Zu diesem "permanenten Krieg auf dem Arbeitsplatz" - wie es im syndikalistischen Memorandum heisst - wird gesagt: "Eine Bewegung, die sich auf freie und freiwillige Betätigung gründet, fühlt sich verantwortlich, vertraglich eingegangene Vereinbarungen einzuhalten. Voraussetzung aber ist ein echt demokratisches Verfahren beim Zustandekommen gegenseitiger Verpflichtungen." Das Verbot politischer Streiks, das in der neu vorgeschlagenen Fassung des Parlamentsausschusses noch enthalten ist, lehnen die Syndikalisten entschieden ab. "Solidaritätsstreiks," sagen sie, "können gewerkschaftliche oder auch politische Motive haben. Selbst internationale Solidaritätsstreiks dürfen nicht durch Gesetze verboten werden."

Als Minderheitsgruppe haben die schwedischen Syndikalisten einen schweren Stand gegenüber dem sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaftsbund L0, der dank seiner Mehrheit die Arbeitsplätze für seine eigenen Mitglieder monopolisiert, worunter syndikalistisch orientierte Arbeiter zu leiden haben. Im Wortlaut des neuen Gesetzentwurfes wird die sozialdemokratische Gewerkschaftsorganisation L0 begünstigt. Gegen diese Einseitigkeit erheben die Syndikalisten Protest. In ihrer Denkschrift wird hierzu gesagt: "Mit Gesetzen, die ausdrücklich dazu eingeführt werden, grosse und mächtige Organisationen noch mehr zu favorisieren, dient man weder den Arbeitern noch auch der Demokratie. Demokratie setzt eine Vielheit von Bewegungen, Gruppenbildungen und Organisationen voraus, denen das gleiche Koalitionsrecht zugestanden werden muss. In einer Demokratie dürfen freien Vereinigungen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Gesetzesbestimmungen, die die Starken privilegieren, werden von den Schwachen als ungerecht empfunden."

Die Syndikalisten erwarten nicht, dass der Parlamentsausschuss oder der Reichstag ihre Wünsche erfüllt. Dennoch denken sie nicht an Gewalttaktik. Gewaltsame Auseinandersetzungen aus sozialpolitischen Gründen sind in Schweden äusserst selten. In diesem Jahrhundert gab es nur einmal ein sozialpolitisches Attentat. Und das war 1908, als anlässlich eines Streiks auf das von ausländischen Streikbrechern bewohnte Schiff Amalthea im Hafen von Malmö eine Bombe geworfen wurde, wobei ein Menschenleben zum Opfer fiel. Revolutionen hat es in Schweden nie gegeben. Der politische und soziale Fortschritt wurde auf friedlichem Wege erreicht. So war es in der Vergangenheit, und alles spricht dafür, dass es in Zukunft nicht anders sein wird.

Von der marxistischen Diktatur des Proletariats will man in der schwedischen Arbeiterbewegung nichts wissen. Die Kommunisten sind schwach und ohne Einfluss auf die Politik des Landes. Gewalt anwendende links- oder rechtsextremistische Organisationen gibt es nicht. Die freiheitlichen Syndikalisten sind Gegner der Gewaltpropaganda. Sie erstreben Ausweitung der bestehenden politischen Demokratie und deren Ergänzung mit der Wirtschaftsdemokratie. Beide zusammen würden, nach ihrer Meinung, zur sozialen Gerechtigkeit führen.

Die Verwirklichung dieser Zielsetzung erwarten sie freilich nicht von den gegenwärtigen gesetzgebenden Körperschaften. Zu ausserparlamentarischen Aktionen fehlen aber die wirtschaftlichen und soziopsychologischen Voraussetzungen. Indes gewinnt die Idee der industriellen und wirtschaftlichen Demokratie nach und nach auch in den sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften mehr und mehr Anhänger.

Setzt sich dieser Trend fort - und das ist der Fall - dann könnte die vom Mehrheitswillen getragene Forderung für Wirtschaftsdemokratie eines Tages auf friedlichem Wege zum Durchbruch kommen. Die Schrittmacher dieser Idee sind die Syndikalisten der SAC.

Originaltext: Akratie Nr. 4, Herbst 1975. Digitalisiert und bearbeitet (ae zu ä usw.) von www.anarchismus.at


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