Augustin Souchy - Die kubanischen Libertarios und die Castro-Diktatur

Die Anfänge der anarchistischen Bewegung Kubas gehen auf das vorige Jahrhundert zurück. Als die Insel noch eine spanische Kolonie war, propagierten aus Spanien eingewanderte Anarchisten die Ideen der 1. Internationale: "Die Befreiung der Arbeiter muss von den Arbeitern selbst erkämpft werden."

Obwohl sie an den Unabhängigkeitskriegen teilnahmen, sahen die anarchistischen Wortführer in der nationalen Souveränität nur eine Etappe auf dem Wege zur Beseitigung jeglicher Klassen- und Rassendiskriminierung. Unter der Kolonialherrschaft nach Afrika verbannt, wurden die hispanischen Freiheitskämpfer von der kubanischen Regierung nach Spanien deportiert.

Im souveränen Kuba sahen nordamerikanische Geldleute einen günstigen Boden für Kapitalinvestitionen. Die nun einsetzende wirtschaftliche Gründerzeit war bald von schweren Klassenkämpfen begleitet, bei denen die Anarchisten eine führende Rolle spielten. Im Jahre 1902 brach, nur wenige Monate nach erlangter Selbständigkeit des Landes, in Havanna ein Generalstreik aus, der von den eigenen Machthabern blutig niedergeschlagen wurde. Bald darauf fielen anlässlich eines Landarbeiterstreiks die der anarchistischen Bewegung nahestehenden Campesinos Casanas und Montero dem rücksichtslosen Vorgehen der Landpolizei (Guardia Rural) zum Opfer. Die von der anarchistischen Zeitung "Tierra" in Gang gesetzte Protestaktion gegen diese Gewalttat verbreitete sich über das ganze Land.

Die kubanischen Anarchisten beteiligten sich auch an internationalen Protest- und Solidaritätsaktionen. Als 1909 der Vorkämpfer der freien Schule, Francisco Ferrer, in Spanien hingerichtet wurde, erhob sich in Kuba ein von den Anarchisten angeregter Sturm der Entrüstung; und als 1910 die mexikanische Landbevölkerung unter Emiliano Zapata die Fahne der Revolution entfaltete, stellten sich die kubanischen Anarchisten mit Solidaritätskundgebungen als erste an ihre Seite.

Schliesslich waren es auch spanische Anarchisten, die im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit im Osten des Landes eine freiheitliche Kolonie gründeten, die Vorläuferin eines freiheitlichen Kuba sein sollte, wie die idealistischen Pioniere es erhofften.

Während des 1. Weltkrieges wurde die Zuckerproduktion zur lukrativsten Erwerbsquelle des Landes. Nun galt es für die Arbeiter der Zuckerindustrie, ihre Interessen zu verteidigen, damit auch sie an dem neuen Wohlstand teilnehmen konnten. Um das zu erreichen, mussten sie Gewerkschaften gründen und kämpfen. Wieder waren es die Anarchisten, die mit ihrer Initiative das Beispiel gaben. In den ideologischen Zeitschriften "Nueva Aurora" und "Nueva Luz" und den von ihren freiheitlichen Ideen inspirierten Gewerkschaftszeitungen "El Progreso" und "La Madera" stärkten sie unablässig die Kampfmoral der Arbeiter.

Die russische Revolution von 1917 löste unter den kubanischen Anarchisten grosse Begeisterung aus. Fern von der russischen Wirklichkeit, glaubten sie, der von Lenin proklamierte Kommunismus sei der grosse Durchbruch zum kommunistischen Anarchismus kropotkinscher Prägung und erklärten sich für den Anschluss an die Kommunistische Internationale. Als aber 1920 auf dem 2. Kongress der Komintern in Moskau die von einem autoritären Geiste erfüllten 21 Aufnahmebedingungen bekannt wurden, wandten sie sich als Gegner des autoritären Staatskommunismus enttäuscht von Moskau und der Komintern ab.

Zur Zeit der Machado-Diktatur (1925-33) war die freiheitliche Bewegung zur Illegalität verurteilt. Nach dem Sturz Machados hatte Kuba eine von kürzeren Diktaturintervallen unterbrochene, bis 1932 währende demokratische Periode, in der sich die anarchistische Bewegung relativ frei entfalten konnte. Trotz begrenzter Mittel - mit den von Moskau finanzierten Kommunisten konnten sie nicht konkurrieren - breitete sich die Bewegung über das ganze Land aus.

1944 fand in Havanna ein freiheitlicher Kongress statt, an dem Gruppen aus allen Teilen der Insel teilnahmen. Hier wurde der Beschluss gefasst, der Bewegung den Namen "Asociacion Libertaria de Cuba (ALC)", - Freiheitliche Vereinigung Kubas -, zu geben. 1948 fand der 2. Kongress der ALC in Havanna statt, an dem der Schreiber dieses Berichtes teilnahm. Über hundert Delegierte waren aus allen Teilen des Landes erschienen. Der Kongress arbeitete eine Prinzipienerklärung und eine Strategie aus. Darin wird gesagt, dass die freiheitliche Bewegung Kubas an die Stelle des zentralistischen Staates eine Föderation freier Gemeinden und als Alternative zur privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung freie, selbständig miteinander wirtschaftende Produktions- und Konsumgenossenschaften setzen will.

Der Kongress begnügte sich aber nicht mit einer mehr oder weniger abstrakten Grundsatzerklärung über die zukünftige Gesellschaft, er stellte auch Gegenwartsforderungen für den Kampf der Arbeiter und Bauern gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen Bürokratismus und Nepotismus in der öffentlichen Verwaltung auf. Anarchistische Gewerkschafter konkretisierten ihre Postulate in 14 Punkten. Die wichtigsten davon waren: Sechsstundentag, Verbesserung der Sozialversicherung, besonders des Mutterschutzes, Kontrolle der Unternehmungen durch die Gewerkschaften, direkte Aktionen gegen Preiserhöhungen für Lebensmittel und Gebrauchsartikel, Verhinderung der Erzeugung von Produkten schlechter Qualität, Herabsetzung des Gewichtes der Reis- und Zuckersäcke zwecks Erleichterung der Arbeit im Transportwesen.

Zur Lösung der Landarbeiter- und Agrarprobleme wurde ein Programm von 19 Punkten aufgestellt. Endziel war Neuverteilung des Ackerbodens und Gründung freiwilliger Arbeitskollektiven, sowie Organisierung von Produktions-, Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften. Staatliche Zwangskollektiven russischen Modells lehnte man ausdrücklich ab. Auf dem Kongress anwesende Agronomen und Sachverständige in Landwirtschaftsproblemen stellten ihre fachmännischen Kenntnisse den Landarbeitern zur Verfügung.

Der Militärputsch des Generals Batista (1952) machte dem Aufschwung der Bewegung ein jähes Ende. Die Freiheitliche Assoziation wurde aufgelöst, ihre Presse verboten. Nichtsdestoweniger kämpften die freiheitlichen Militanten im Untergrund weiter, sodass auch sie das ihrige zum Sturz des Diktators beitrugen.

Nicht so die Kommunisten. Die Kommunistische Partei, die bereits in Batistas erster Diktaturregierung 1940-1944 durch zwei Ministergenossen, Blas Roca und Rafael Rodriguez, vertreten war, lehnte es ab, gegen ihren ehemaligen Protektor Batista zu kämpfen. Erst als der Sturz Batistas unmittelbar bevorstand, schlug sie sich an die Seite Fidel Castros.
 
Die Hoffnung, der Fall Batista würde eine neue Ära der Freiheit einleiten, sollte sich nicht erfüllen.

Als Fidel Castro sich im ersten Jahre seiner Machtergreifung als Diktator aufspielte, wurden die Anarchisten misstrauisch und mit ihnen die Mehrheit des Volkes. Der Verdacht, dass es bei dem mysteriösen Tode des den Anarchisten nahestehenden Camilo Cienfuegos - in der Sierra nach Fidel und Che der dritte Mann - nicht mit rechten Dingen zugegangen war, verstärkte sich. Fidel Castros diktatorische Massnahmen: Unterdrückung der Presse- und Koalitionsfreiheit, Verstaatlichung der Gewerkschaften und Massenverhaftungen nichtkommunistischer Revolutionäre wurden von den Anarchisten als Verfälschung und Verrat an der Revolution gebrandmarkt.

Im Juni i960 veröffentlichten die freiheitlichen Syndikalisten ein Manifest, in welchem die Aufhebung der zwangswirtschaftlichen Massnahmen und die Reorganisierung der Wirtschaft nach dem Modell der Kollektivierungen während des spanischen Bürgerkrieges, sowie Nichteinmischung des Staates in die kollektivierten Betriebe und Genossenschaften gefordert wurde. In dem Manifest heisst es wörtlich: "Die Gewerkschaften sind die berufenen Organe der Arbeiterklasse zur wirtschaftlichen Umgestaltung der Gesellschaftsordnung; nur sie können die alte sozialistische Forderung verwirklichen, nach welcher die Regierung der Menschen durch die Verwaltung der Dinge ersetzt werden soll. Die Unterordnung der Gewerkschaften unter den Staat hingegen bedeutet Verrat an der Revolution, besonders wenn das in einer Zeit des revolutionären Umbruchs erfolgt."

Damit stellten sie sich offen in Gegensatz zu der von Che Guevara geforderten und von Fidel Castro durch geführten Entmündigung der Arbeiterklasse.

Als konsequente Antimilitaristen verurteilten sie auch die von Fidel Castro eingeführte allgemeine Wehrpflicht, die es bis dahin in Kuba nicht gegeben hatte. "Nationalismus und Militarismus", sagten sie in ihrem Manifest, "ist gleichbedeutend mit Nazifaschismus. Was wir brauchen, sind Lehrer, keine Soldaten, Pflüge, keine Kanonen, Brot und Butter fürs Volk, nicht Waffen."

Sie forderten den Aufbau der Gesellschaft "von unten nach oben, vom Einfachen zum Zusammengesetzten." Sie erklärten, dass sie die Batista-Diktatur nicht bekämpft hatten, um eine neue Diktatur zu errichten, sondern um alle Diktaturen abzuschaffen. "Solange die Einzelnen unfrei sind, kann es keine freie Gesellschaft geben."

Die Waffenbrüderschaft aus der Batistazeit war aufgelöst. Die freiheitlichen Sozialisten und Syndikalisten sahen in Fidel Castro und seiner kommunistischen Gefolgschaft Verräter an der Revolution, für Castro hingegen waren alle, die sich nicht mit ihm einverstanden erklärten, Konterrevolutionäre.

Nach der Verstaatlichung der Gewerkschaften wurde die von den freiheitlichen Sozialisten und Syndikalisten inspirierte Gewerkschaftsopposition aufgelöst, ihre Presse verboten. Den Anarchisten und allen antidiktatorischen Sozialisten und Revolutionären blieb nur die Wahl zwischen Gefängnis, Arbeitslager oder Exil. Bald war die Emigration die einzige Rettung.

Die Tragödie der nichtbolschewistischen russischen Revolutionäre nach dem endgültigen Siege Lenins sollte sich 40 Jahre später nach Castros Machtergreifung für die nichtkommunistischen kubanischen Revolutionäre wiederholen. Wer nicht im Kerker enden wollte, musste sein geliebtes Revolutionsland verlassen.

Im Exil setzen die kubanischen Libertären ihren Kampf für ein freies Kuba fort. Ihre teuer erkauften Erfahrungen legten sie in einer Grundsatzerklärung nieder, die 1971 dem Internationalen Anarchistenkongress zu Paris unterbreitet wurde. Darin heisst es: "Wir müssen uns hüten, erneut in die Fehler wirklichkeitsfremder Verallgemeinerungen zu fallen und uns mit aller Entschiedenheit gegen jedes Totalitätsregime wenden, das die Menschenrechte mit Füssen tritt. Wir müssen unterscheiden zwischen einem Totalitätsregime und jenen Regierungssystemen, die die Menschenrechte anerkennen und anarchistische Organisationen zulassen. Wir müssen dafür kämpfen, dass der technische Fortschritt allen Menschen zugute kommt. Das kann durch Gründung von Produktions- und Konsumgenossenschaften und durch freiwillige Zusammenschlüsse aller Art gefördert werden. Wir sind der Auffassung, dass die Periode der heroischen Revolutionen der Vergangenheit angehört. Man muss sich endgültig freimachen von der Idee, die Revolution "aufzwingen" und dadurch die "Anarchie einführen" zu wollen. Dagegen sollten wir alle Bewegungen unterstützen, die sich für mehr Freiheiten und für die soziale Gerechtigkeit einsetzen und gleichzeitig alle Regierungsformen und Bewegungen bekämpfen, die Völker und Menschen versklaven, wie die Totalitätsregimes es tun. Unsere Militanten sollten sich in der Arbeiter- , Bauern- und Studentenbewegung, sowie in allen Volksgruppierungen betätigen, um bei jeder Gelegenheit die Freiheiten und die soziale Gerechtigkeit zu verteidigen."

Diese Grundsatzerklärung ist so eindeutig und unmissverständlich, dass sich jeder Kommentar hierzu erübrigt.

Originaltext: Akratie Nr. 4, Herbst 1975. Digitalisiertund bearbeitet (ae zu ä usw.) von www.anarchismus.at


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