Die gegenwärtige Situation und die Aufgaben der russischen Anarchisten

Wir entnehmen den nachfolgenden Artikel einem neuen russisch-anarchistischen Blatte, "Buntar", das bislang in seiner ersten, aber inhaltlich ausgezeichnet reichhaltigen, 32 seitigen Nummer vorliegt. Was diese Zeitschrift des Bedeutenden enthält, haben unsere Leser aus unterer "Übersicht der anarchistischen Presse" in voriger Nummer der "Freien Generation" entnehmen können.

Nachträglich wollen wir noch hinzufügen, dass der "Buntar" für die anarchistische Bewegung in Russland eminent bedeutent ist in theoretischer als auch taktischer Hinsicht. Mit welch markanten Strichen unsere russischen Genossen die momentane Revolutionsperiode, wie auch ihre Aufgaben zeichnen, geht aus dem Artikel, ein historisches Dokument des Sozialrevolutionären Ringens im Osten, von selbst hervor und bedarf keines Kommentars.

"Wir leben in einer Revolutionsperiode. Es ist dies eine Tatsache, die von niemandem bestritten werden kann. Sogar die halboffiziöse "Novoje Vremja" ist gezwungen, dies anzuerkennen. Dieses feige Blättchen seufzt und klagt; es ergiesst die bittersten Tränen und weist auf England, wo angeblich die Revolution so ruhig und anständig ist

Nur ein Faktum kann es nicht bestreiten: in Russland schreitet eine kolossale Volksrevolution einher! Was müssen wir, als Anarchisten, tun? Welches sind unsere Aufgaben?

Die Antwort scheint einfach genug: Mit der kämpfenden Arbeiterklasse und ihr voraus sein; das Banner des kommunistischen Anarchismus entfalten; aufrufen zur sozialen Revolution — dies sind unsere Aufgaben. Wir müssen unsere Kräfte organisieren, um die Revolution erfolgreich zu verwirklichen — das ist unsere höchste Pflicht.

Das ist das Betätigungsprogramm der russischen Anarchisten: überall und immer. Allein wir müssen auch die Ausnahmen von der gegenwärtigen Kampfessituation ins Auge fassen. Und nimmer wird derjenige die Situation begreifen können, der einen allmählich an die Oberfläche ringenden Hauptfaktor des russischen Lebens nicht sieht: Russland organisiert sich! Statt der ungeheuren, in keinerlei bestimmte Gruppierungen zerklüfteten Masse, statt des geheimnisvollen Unbekannten, genannt "das Volk", der humanistisch gesinnten Intelligenz treten Parteien mit bestimmten Klasseninteressen und bestimmten Losungen auf den Plan.

Es ist in unserem eigenen Interesse gelegen, uns "nicht in unserem eigenen Safte zu kochen". (*)

Nur zu rufen: "Wir wollen keine Bourgeoise, wir wollen eine soziale Revolution ! Wir wollen den Klassenkampf, keinen demokratischen Fliedensschwindel!" — genügt nicht. Einzig und ausschliesslich dürfen wir uns nicht beschränken auf diese wenn auch richtigen, doch immerhin nur generalisierenden Positionen. Es ist notwendig für uns, die Programme und Losungen unserer Gegner und Feinde zu analysieren. Wir müssen den breiten Volksmassen erklären, es ihnen beweisen, dass sowohl die Bourgeoisie als auch die Sozialdemokraten, beide unter der Fahne sogenannter "Befreiung" kämpfend, in ihrem Streben sehr zweideutig sind; dass sie ob der einseitigen Verteidigung ihrer Klassen- und Parteiinteressen zu Unsinn und Sophismen gelangen. Die letzteren müssen entblösst werden, da unsere Losungen, unsere Taktik augenblicklich teilweise von den Losungen und Aufgaben unseres Feindes abhängen: der Bourgeoisie.

Ihre Aufgaben liegen klar angezeichnet vor ihr. In immer breiteren Wellen ergiesst sich der Strom revolutionärer Bewegung. Die Leidenden und Ausgebeuteten haben ihre Geduld eingebüsst. Angstvoll und schreckerfüllt sieht die Bourgeoisie diese grimmig verzerrten Antlitze vor sich. Herrschaftliche Häuser und Güter gehen in Flammen auf; der Arbeitslose revoltiert; innerhalb der Armee breiten sich Streiks immer weiter aus.

Wo ist für die Liberalen noch die Gewähr, dass dieser reissende Strom die "heilige Wurzel" des Eigentums nicht ausreissen würde? Wo die Garantie, dass das Schwert, welches sich ursprünglich gegen die Selbstherrschaft richtete, sich nun nicht wider sie selbst kehren wird? Wohl wahr, sie haben treue Bundesgenossen in den bourgeoisen Sozialisten, aber dann —. Die Bourgeoisie hat sich nämlich mit einer ganzen organisierten Gruppe von Beschützern versorgt, welche sich rote Kappen mit sozialistischen Enden und Ecken anzogen und dem Arbeiter verkünden, dass vorerst eine bürgerliche Revolution stattfinden müsse. Ihr wisst doch: die Geschichte befiehlt es! Und aus diesem Grunde sind die "Armen" gezwungen, die Arbeiterklasse hinein in ihre "schmutzige Geschichte" zu locken, in den Kampf um die Herrschaft der Bourgeoisie. Herr M. (**) brüstet sich noch damit, dass sie, die Sozialdemokraten, dem Proletariat es stets sagten, dass man den Kampf nicht weiter als bis zur Herrschaft der Bourgeoisie führen dürfe. Jawohl, die russische Bourgeoisie begreift es, dass die Sozialdemokraten ihre unbezahlbaren Freunde sind.
 
Wird es diesem "Freunde" aber auch wirklich gelingen, so alles zu organisieren, dass das Volk aus Achtung vor dem heiligen Privateigentum zum gesetzlichen Weg übergeht? Der blosse Gedanke an diesen Zweifel zerreisst das Herz der Bourgeoisie in Stücke. So macht Herr Struwe, der Führer der Kadetten, den Sozialdemokraten Vorwürfe über den misslungenen Generälstreik im Dezember 1905; er behauptet, auf diese Weise müsse die ganze Kultur untergehen, deren Entwicklung ja nach der Meinung der Sozialdemokraten allein zum Sozialismus führen könne. Es ist zweifelhaft, ob selbst die Bourgeoisie glaubt, dies erreichen zu können; immerhin will sie der Revolution möglichst früh Schranken vorschreiben, indem sie die Parole ausgab eine bürgerliche Revolution und nicht weiter!

Es ist somit unbedingt notwendig für uns, die schwachen Seiten unserer Gegner kennen zu lernen. Wo sie in ihren Bestrebungen gezwungen sind, sozialistischen Unsinn anzuwenden, wann dieser sich am klarsten äussert. Und in der Erbringung des Beweises für die schwache Seite des Gegners müssen wir gleichzeitig diese für unsere Zwecke ausnützen.

Die grösste Dummheit ist es, auf dem Lande, im Dorfe zu erklären, man wolle die Revolution zu einer ausschliesslich bourgeoisen gestalten. Dort offenbart sie sich eben am klarsten und deutlichsten. Legen wir die Herren Kadetten bei Seite, denn sie sprechen ja davon, dass man den Grund und Boden zurücknehmen dürfe nur für Geld ... für Geld! Der russische Bauer weiss sehr wohl, was ihm dies kostete zur Zeit der "Befreiung", als er sich loskaufen konnte. Er begreift, dass die Herren Kadetten die grosse, soziale Expropriation der Erde am liebsten in eine Geschäftsangelegenheit verwandeln möchten.

Aber selbst die feurigsten Sozialisten wagen es nur, bloss von der Expropriation des Grund und Bodens zu sprechen. Doch woher soll der Bauer die Werkzeuge nehmen, um den Boden zu bestellen? Ohne Gerätschaften kann eine anständige Wirtschaft nicht betrieben werden. Und propagieren denn die Herren Sozialdemokraten wenigstens im Dorfe die Expropriation von Werkzeugen und der Arbeitsmittel? Sie tun nichts dergleichen. Dafür aber haben sie viele "Projekte", z.B. man solle den Bauern einen "billigen" Kredit zu niederem Zinsfuss gewähren. Abermals eine Geschäftsangelegenheit! Bloss dass die Kadetten ein Handelsgeschäft daraus machen, während die Sozialdemokraten damit versuchen, die Aufmerksamkeit der Bauern von der Notwendigkeit der Expropriation ab-, ihren Projekten — die der bürgerlichen Welt nicht im geringsten schaden — zuzulenken.

Man sollte eigentlich denken, dass, sobald der Kampf um die Erde einmal begonnen hatte, es doch naturgemäss die Pflicht bewusster Sozialisten sein müsste, alle jene Forderungen aufzustellen, deren Verwirklichung eine tatsächliche Befreiung von der Beherrschung der Erde mit sich führt! Sonst wird die Macht des Geldes ja doch alle "Gleichheiten" der sozialdemokratischen Parteien vernichten, brutal mit Füssen treten. Bekanntlich hat der Pfiff der Maschinen, wie auch der Rubel auf dem Lande, in jedem Dorfe bereits längst all die schönen "Gleichheiten" ausgerottet. Wird denn nun aber das Tosen der Maschine und die Prostitution des Geldes geringer sein unter einer bourgeoisen Konstitution? Mit nichten; daran glauben doch auch die Herren Sozialdemokraten und Sozialisten-Revolutionäre kaum, dass der "Kredit" den Bauer in die Lage versetzen kann, sich mit allen Werkzeugen und den übrigen agrikultureilen Bedürfnissen zu versehen.

Sprechen die bourgeoisen Ökonomen davon, dann erklären sie ja selbst alle solche rosigen Hoffnungen als öden Optimismus, Und ist denn das ganze nicht nur Dummheit, wenn wir doch ganz genau wissen, dass der Grund und Boden ohne Werkzeuge so ziemlich dasselbe ist wie eine Nussschale ohne Kern? An uns anarchistischen Kommunisten, ist es, uns in den Dörfern zu erheben, klar und scharf zu erklären: Wir wollen die Expropriation der Erde und der Werkzeuge! Damit stellen wir anstatt der widerspruchsvollen und verdrehten Formel von der "Vergesellschaftung" und "Nationalisierung" dasjenige auf, das die Bauern der Demokratie abtrünnig machen, die Bauernbewegung in einen echten Klassenkampf zwischen Besitzenden und Besitzlosen verwandeln wird.

Eine weitere schwache Seite der Anhänger einer nur bourgeoisen Revolution ist die Armee. Überall im grossen Russland erwacht der Soldat. Sein Schwert, welches seit jeher der Unterdrückung und Vergewaltigung diente, wird nicht mehr einheitlich für diese geführt. Auch der Soldat empört sich über das schmachvolle Unrecht. Mit ihm erhebt sich der Matrose. "Potemkin", "Sweaburg", "Litowsk", "Asoff", das sind Namen, reich an historischem Andenken. Es sind die strahlenden Heroennamen der russischen Revolution.

Was bieten die Demokraten der Armee? Sie sagen: "Komme mit uns; lass uns mittlerweile kämpfen für die bourgeoise Republik!" Was aber wird dann sein? Kapitalismus und Handel werden sich entwickeln. Ausländische und noch öfter inländische Kriege werden sich ereignen. Es ist ganz klar, auch dann wird der Soldat gezwungen sein, zu morden, nicht weniger als jetzt: Früher oder später können solche Argumente nicht verfehlen, die Demokraten in den Augen der Soldaten und Matrosen direkt lächerlich zu machen! Leicht genug verständlich ist es, dass dem Soldaten nur eines nützen kann die Aufforderung, sich dem militärischen Dienst zu entziehen, die Vernichtung des Militarismus. Nur dann wird man Frauen und Kinder nicht zu morden brauchen. Gewöhnlich aber brauchen die Demokraten und selbst die Sozialdemokraten gegen die Selbstherrschaft solche Argumente, dass sie dieser vorwerfen, nur durch die schlechte Organisation unseres Militarismus hätten die Japaner unsere Armee besiegen können! Und sie fordern laut die Republik, weil, so erklären sie, das Militär dort besser organisiert sein würde. Dann — die Folgerung liegt gewissermassen auf der Hand — sind wir imstande die andere Seite zu schlagen.

Eine tückische, grausame Ironie ist es, was da mit dem Gewissen des Soldaten getrieben wird! Diesen Widerspruch in der Sozialdemokratie müssen wir unerschrocken aufdecken. Wir müssen unsererseits zur Dienstverweigerung auffordern; aufrufen zum Militäraufstand, zur aktiven Unterstützung des Volkes in seinem Kampfe gegen die bestehende Ordnung denn nur mit dem Falle dieser "Ordnung" wird auch der Krieg untergehen. Alle unsere Fähigkeiten müssen wir vereinigen mit der konsequentesten antimilitaristischen Aktion innerhalb der Armee.

Diese zwei Punkte: unsere Taktik auf dem Lande, unsere Taktik im Heere — darüber müssen wir uns unzweideutig aussprechen. Indem wir uns auf dieselben stützen, zerreissen und überschreiten wir alle die Grenzen der "bourgeoisen Revolution", mit welchen man die Arbeiter- und Bauernrevolution umgeben möchte.

Mit Hilfe der Sozialdemokratie ist die Bourgeoisie auch zur Erfüllung einer weiteren Aufgabe fähig, die für sie nicht minder wichtig; sie bemüht sich, diejenigen Elemente zu organisieren und für ihre Zwecke auszunützen, welche irgendwie willens und fähig sind, aufgesetzlich legalem Boden zu stehen. Freilich ist es für sie Bedingung ihrer eigenen Existenz, den Geist der Zerstörung, der Empörung wider das Alte auszurotten. Somit drängt sie dem Proletariat eine Taktik auf den Kampf mittels des Gesetzes, um das Gesetz.

Unser Ziel aber ist das entgegengesetzte: Die Entwicklung und Vertiefung des Geistes der Empörung und Zerstörung! Der Kampf gegen alle geschriebenen Gesetze mit ungesetzlichen Mitteln — dies unsere Taktik.

Wir fragen: in welchen Kreisen wird die Taktik der Gesetzlichkeit auf den grössten Widerstand stossen? In der Volks- und Arbeiterbewegung; und sie macht sich schon stark fühlbar. Wir haben nur nötig, uns dieses Widerstandes zu bedienen, unsererseits eine tiefe und revolutionäre Tradition in der Arbeiterklasse zu entwickeln. Möglich ist dies nur, wenn der ökonomische Terror unablässig gebraucht, wenn er ein Gewohnheitsrecht der rebellischen Massen wird. Nie dürfen wir dies vergessen!

Friedliche und humane Schwärmereien sind in der gegenwärtigen Situation ein Gift für den Anarchismus; ebenso ist jede Zweideutigkeit und Unentschlossenheit ein doppeltes Verbrechen im gegenwärtigen Moment. Ein jeder lebender Organismus muss in der Jugend einen gewissen Vorrat von Kräften und Energien ansammeln. Wehe ihm, wenn er dies nicht zur richtigen Zeit tut; Schwachheit, frühzeitiges Altern ist die Strafe dafür. Wehe dem russischen Arbeiter, wenn er nicht jetzt, in diesem Augenblicke bereits alle seine revolutionären Traditionen sammelt, trotzdem es der Bourgoeisie natürlich alles andere als genehm sein kann, zu beobachten, dass jeder nicht bewilligten Arbeiterforderung kein gütliches Verhandeln, vielmehr ein direkter, revolutionärer Angriff auf dem Fusse folgt. Wir meinen den ökonomischen Massenterrorismus; er ist unbedingt notwendig.

Was werden die Herren Demokraten nicht alles tun in einer Republik, um den ökonomischen Kampf auf das gesetzliche Gebiet zu beschränken? Mittels des ökonomischen Terrors können die russischen Arbeiter, haben sie bereits viele ihrer Forderungen errungen. Wird die Notwendigkeit des Kampfes für sie in einer Republik oder Demokratie nicht bestehen? Nichts ändert sich, dieselben Forderungen werden aufgestellt werden müssen und die Phantasievorstellungen der Demokraten von friedlicher, gesetzmässiger Arbeit würden sehr bald in die Brüche gehen. Nur noch mehr der revolutionären Traditionen — und die Sache dieser
Herren ist verspielt.

Und weiter: Die Reservearmee, die Hungernden, die Barfüssler — auch sie bilden eine für die demokratischen Hoffnungen der Bourgeoisie sehr gefährliche Gruppierung. Wenn diese Armee der Hungerleider sich ruhig verhält, schläft, nicht auftritt, dann weist die protzige Bourgeoisie auf ihre Faulheit, ihren Arbeitsunwillen, als auf die Quelle der Prostitution und des Verbrechens.

Allein das stört sie nicht, dieselben als Streikbrecher zu benützen, in allen Staaten Gesetzesparagraphen zum Schutze der dann plötzlich zu Arbeitswilligen Gewordenen zu erlassen. In diese Reservearmeen müssen die Anarchisten eintreten; diesen Schichten müssen sie ein Losungswort geben, ihnen beweisen, wie zwecklos sie handeln, wenn sie, so oft ihnen die Bourgeoisie zuruft: "Huligane, schwarze Hunderte, heraus!" sich als die Kaine des Proletariats bewähren. Die Bourgeoisie zittert vor ihnen; sie weiss nur zu gut, dass die ganze "Ordnung" und "Gesetzlichkeit" nicht bestehen können, wenn diese Armee, von Erkenntnis erfüllt, sich erhebt. Sie kann die Reservearmee nur im Sinne ihres — bourgeoisen — Friedens, ihres Fortschritts organisieren, ihr Erwachen ist das Todesurteil der bürgerlichen Gesellschaft. Dem Hungrigen Koalitionsrechte und Redefreiheiten geben — welch boshafter Zynismus, nutzloses Gaukelspiel ist darin gelegen!

An uns liegt es, diese grandiose Kraft sofort zur Erhebung zu bringen. Lasst uns der Selbstherrschaft unverzüglich diese grosse Macht entreissen, sie gegen das Eigentum kehren. Genossen, begebt euch an die Stätten der Arbeitslosen! Seht auf die Sozialdemokraten — auch sie beschreiten diesen Weg; freilich: wie! In Moskau verteilten sie Karten, durch die man heisse Suppe gratis erhalten konnte.

Brauchen wir von den "Kadetten" zu lernen? Fast ein jeder ihrer Professoren und Führer trat als "Ideologe" dafür ein, dass die Duma die Arbeit und die Arbeitslosen organisieren müsse. Allerdings werden die Speisekarten der Sozialdemokratie oder jenen Kadetten helfen? Nur wir bereiten den Arbeitslosen den Weg, wie dies geschehen kann, mit ihnen zu sein, ist jetzt unsere Aufgabe. Denn es sei wiederholt: revolutionäre Kräfte im gegenwärtigen Moment zu entfesseln, ist gleichbedeutend mit der Entwaffnung der Politiker.

Sie wissen nicht, was anzufangen mit den Barfüsslern. Unsere Losung an die Arbeitslosen hingegen lautet "Organisiert und bewaffnet euch!" Stürzt euch als wohlorganisierte Masse auf die gefüllten Magazine und nehmt die euch am nützlichsten Gegenstände. Nur so wird euer Verlangen nach Brot gehört werden. Stosst die Arbeitsgelegenheit nicht zurück, wenn die Bourgeoisie sie euch bietet. Doch vorderhand habt ihr zu wissen, dass es für euch die nackte Existenz bedeutet, euren Hunger zu einem Ruhe- und Lebensproblem für die Herrschenden zu gestalten!

Somit sind unsere Aufgaben Grund und Boden samt Werkzeugen für die Bauern! Verweigerung des Militärdienstes. Aufruf zur Insurektion, Unterstützung des Volkes in seinem rebellischen Kampfe! Erweckung der Reservearmee von Arbeitslosen!

Gerade die letztere Aufgabe ist darum wichtig, weil sie die Zahl der Feinde der gegenwärtigen Gesellschaft vermehrt, Feinde, mit denen keinerlei Demokratie fertig zu werden vermag. Und mit all unseren Arbeiten und Betätigungen vereiteln wir das Bemühen der Volksfeinde, die Seele der Arbeiterbewegung, ihren revolutionären Geist, zu vernichten.

Aber noch in einem muss sich unser Tun ergehen, es muss sein der Gipfelpunkt desselben: Wir müssen eine revolutionäre Kommune proklamieren! Ein solcher Versuch wäre eine Demonstration für die ganze Welt, durch welche das Proletariat durch die Praxis seine Kraft und Fähigkeit zur Selbstverwaltung bewiese! Die Kommune würde auftreten als absoluter Aufruf zur Expropriation aller Produktionsmittel. Statt der Worte "soziale Revolution" erblickt der Proletarier Tatsachen.

Eine revolutionäre Kommune würde im Nu die Kernfrage der russischen Revolution für ganz Russland fixieren, verächtlich zur Seite schleudern die bürgerlichen und demokratischen Parteien mit ihrem Geschrei von der "Gleichheit vor dem Gesetz". Um dies aber ausführen zu können, lassen wir an alle Genossen die Losung ergehen Freunde, Brüder, organisiert euch!

Nur planmässige Arbeit, nur eine allgemeine, föderative Organisation wird uns die Kraft und Möglichkeiten geben, uns vor unseren mächtigen Feinden zu verteidigen. Dadurch gelangen wir in die Position, unablässig zum Angriff übergehen zu können. Der Kampf ist ein schrecklicher, die ganze Bourgeoisie werden wir gegen uns vereinigt finden in dem einen Rufe "Vernichtet die Anarchisten!" Unsere Angriffe müssen um so unablässiger, unermüdlicher sein. Nur so werden wir ein historischer Faktor in dem Befreiungskämpfe des russischen Volkes sein, nicht nur eine zufällige Erscheinung der gegenwärtigen Episode.

Schliessen wir uns fest zusammen in unwiderstehlichen Kampfeskolonien! Erheben wir freudig die Fahne der Revolution! Möge durch ganz Russland ein tosender Sturm heulen, dem sich das arbeitende Volk anschliesse unter dem Rufe "Nieder mit dem Drucke von Herrschaft und Kapital!"

Und möge aus ihm hervorgehen das einigende Reich der Wahrheit und Freiheit — des anarchistischen Kommunismus!

Anmerkungen:
*) Russisches Volkssprichwort.
**) Sovremenine Otkliki, ein sozial demokratischer Abgeordneter.

Aus: "Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus", 1. Jahrgang, Nr. 8, Februar 1907. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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