Der Anfang der sozial-revolutionären Gewerkschaftsbewegung in Deutschland

„Anarchistisch-syndikalistisch" - das war in letzer Zeit das Schreckgespenst, welches den großen und kleinen Kindern innerhalb der deutschen Gewerkschaftsbewegung bis zum Überdruß vorgeführt wurde. Partei-und Gewerkschaftsblätter waren in rührender Übereinstimmung bemüht, ihren getreuen Schäflein Grauen einzuflößen vor dem schrecklichen Anarchismus und Syndikalismus.

Verständlich genug ist ja das emsige Bemühen der roten Pfaffen; galt es doch, die ersten Keime einer gesunden Gewerkschaftsbewegung auszurotten, das Erwachen, das Selbständig werdender deutschen Arbeiterschaft zu hintertreiben zum dauernden Nutzen des autokratischen Führertums.

Die kleine, aber immerhin lebensfähige „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften" war den berufenen Führern der sozialdemokratischen Partei und noch mehr denen der Zentralverbände längst ein Dorn im Auge. Der Generalstreikpropaganda und dem dieser entwachsenden Skeptizismus gegenüber dem Parlamentarismus mußte entgegengetreten werden, solange Dummheit und Arroganz noch machtvolle Faktoren der Arbeiterbewegung waren.

So machten denn die Zentralverbandsführer mobil, um ihre bedrohte Domäne zuschützen; dabei begegneten sie dem liebevollen Verständnis der sozialdemokratischen Parteigrößen, deren Herrlichkeit gleichfalls gefährdet war. Bereits auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Lübeck drängten die Gewerkschaftshäuptlinge zu energischem Vorgehen gegen die „lokalistischen Zersplitterer der Gewerkschaftsbewegung", ohne ihr Ziel zu erreichen. Der Parteitag nahm eine Resolution an, in welcher die Zentralverbände als beste gewerkschaftliche Organisation empfohlen und die Parteigenossen ersucht werden, aus den Lokalorganisationen auszutreten und sich den Zentralverbänden anzuschließen!

Es war das erste, unerhört infame Vorgehen auf der Bahn der Einmengung der Politiker in die Kampfesangelegenheiten einer ökonomischen Bewegung. Obige Resolution fand jedoch keinerlei Beachtung, und so versuchten die Gewerkschaftsführer ihr Glück abermals auf dem Parteitag 1906 zu Mannheim. Dort erreichten sie, daß der Parteivorstand beauftragt wurde „... bis zum nächsten Parteitag den Versuch zu machen, in Verbindung mit der Generalkommission diese Frage im Sinne der Lübeckschen Resolution zu regeln..."

Die Anträge, welche ein schärferes Vorgehen gegen die Lokalisten forderten, fanden nicht genug Gegenliebe, sodaß die Haupttreiber in dieser Angelegenheit sich mit diesem einen Erfolg begnügen mußten. In Ausführung obigen Auftrages wendete sich der Parteivorstand nun an die Geschäftskommission der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften", die sich dann mit den einzelnen Organisationen der „Freien Vereinigung" in Verbindung setzte.

Dieser Schritt zeitigte für die Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie einen nur minimalen Erfolg, da nur zwei Gewerkschaften sich bereit erklärten, überhaupt in Einigungsverhandlungen einzutreten. Darauf hin unternahm es der Parteivorstand, direkt an die der „Freien Vereinigung" angeschlossenen Organisationen heranzutreten, um dieselben für die Einigung empfänglich zu machen.

Dieser mit allen möglichen raffinierten Mitteln unterstützte Versuch brachte die Einigungsfreunde insofern ihrem Ziele näher, als sich nun eine ganze Reihe von Gewerkschaften der Einiung geneigt zeigten. Allerdings war eine ganz respektable Kulissenarbeit notwendig, um die Dinge soweit zu treiben, daß die Einigungsverhandlungen in der Öffentlichkeit fortgesetzt werden konnten.

Die Zentralverbände machten „weitgehende Konzessionen", welche den Lokalisten den Übertritt erleichtern und versüßen sollten. Zwar bedeuten diese Zugeständnisse im Grundegenommen wenig oder garnichts; den Einigungsfreunden jedoch genügten sie, um sich mit allen Kräften für das Zustandekommen der Einigung ins Zeug zulegen.

Mit Hochdruck wurden die Verhandlungen betrieben, um sobald wie möglich damit zu Ende zu kommen und allen Einigungsgegnern das Wasser abzugraben. Zum Teil wurden die Mitglieder erst nach Beendigung der Verhandlungen in Kenntnis gesetzt, also vor eine vollendete Tatsache gestellt.

Inverhältnismäßig kurzer Zeit fanden eine Anzahl Konferenzen der die Einigung wünschenden Organisationen statt, trotzdem diese kurz zuvor dem Parteivorstand geantwortet hatten: „Änderung in unserer Haltung kann uns wohl der 8.Kongreß vorschreiben; vor Stattfinden dieses Kongresses ist es uns unmöglich, eine andere als diese Antwort geben zu können."

Trotz dieses Hinweises auf den 8.Kongreß der „Freien Vereinigung" hielten einige Organisationen es für angebracht, bereits vor diesem Kongreß die Einigungsverhandlungen anzubahnen und zum Teil auch zum Abschluß zu bringen.

Die Vereinigung der Zimmerer beschloß bereits in den ersten Tagen des Dezember den Übertritt mit 27 gegen 22 Stimmen. Eine auch aus dem Stimmenverhältnis ersichtliche sehr starke Opposition stand der Einigung feindlich gegenüber, sodaß ein Übertritt der gesamten Mitglieder nicht stattfindet.

Der Allgemeine deutsche Metallarbeiterverband hat eine Einigung abgelehnt; jedoch sind innerhalb dieser Organisation neuerdings Zwistigkeiten entstanden, welche wahrscheinlich eine Spaltung herbeiführen werden.

Hier spielt der Verbandsvorsitzende Wiesenthal eine sehr bedenkliche Rolle, um die ihn wohl kein anständiger Mensch beneiden wird, die aber dem Charakter des sattsambekannten Herrn durchaus entspricht.

Die Schiff- und Bootsbauer, welche als die ersten „Geeinigten" angesehen wurden, konnten auf ihrer Ende Dezember stattfindenden Konferenz die Übertrittsbedingungen nicht akzeptieren und lehnten daher die Einigungmit 18 gegen 5 Stimmen ab, trotzdem sich der Vorsitzende sowohl als die Vertreter des Schiffszimmerer-Verbandes die denkbar größte Mühe gaben, den Delegierten die Suppe möglichst schmackhaft zu machen.

Die Maurer- und die Bauarbeiter-Organisationen beschlossen auf ihren Konferenzen, den Übertritt zu vollziehen. Beiden letzteren war gleichfalls eine ansehnliche Minderheit gegen die Einigung vorhanden.

Bei allen diesen Konferenzen wurde von den Einigungsfreunden stets das gleiche Argument für die Einigung geltendgemacht: „Die „Freie Vereinigung" ist nicht mehr sozialdemokratisch, sondern anarchistisch-syndikalistisch geworden, daher ist es uns als Sozialdemokraten unmöglich, ihr fernerhin anzugehören."

Die dieses Argument anführenden Redner wußten zwar ganz genau, daß die „Freie Vereinigung" nichts weitergetan hatte, als was ihr auf dem 7.Kongreß beschlossenes Programm besagte; doch es war ihnen darum zu tun, die „Freie Vereinigung" zu sprengen und die Anhänger derselben in Mißkredit zu bringen und dazu war ihnen jedes Mittel recht, sofern es Erfolgversprechend schien. Mit mehr oder minder großem Erfolg gelang es denn auch, Anarchismus und Syndikalismus als das schreckliche Etwas hinzustellen, vielmehr zu entstellen, und den geduldigen Schäflein Grauen und Entsetzen einzuflößen.

Unter solchen Verhältnissen begann am 22.Januar dieses Jahres der 8.Kongreß. Bereits zu Anfang stand es fest, daß alle Bemühungen der Einigungsfreunde nicht vermocht hatten, die Grundvesten der autonomen „Freien Vereinigung" zu erschüttern. Zwar war der Kongreß außerordentlich stark besucht von den an der Einigung Interessierten, die das Fortbestehen der „Freien Vereinigung" wünschenden Organisationen aber waren gleichfalls auf dem Posten und machten alle Pläne der Gegner zuschanden. Nach Erledigung des 1. und 2. Punktes der Tagesordnung mußten die Delegierten der Organisationen, welche den Übertritt in die Zentralverbände bereits beschlossen hatten, den Kongreß verlassen. Dabei ging es nicht ohne stürmische Szenen ab, aber ander Tatsache, daß das Weiterbestehen der „Freien Vereinigung" gesichert war, ließ sich trotz alledem nichts ändern.

Die Einigung, wie sie von den Zentralverbänden und der sozialdemokratischen Partei gewünscht war, konnte nicht zustande gebracht werden; die Idee des Syndikalismus hat bereits zu feste Wurzeln gefaßt. Wohl haben die Einigungsfreunde es fertiggebracht, in Verbindung mit „der berufenen Vertreter in der Arbeiterklasse", der Sozialdemokratie, einen Teil von der „Freien Vereinigung" loszureißen.

Der übriggebliebene Teil aber steht fester als vordem, denn allez weideutigen und zweifelhaften Elemente sind untergetaucht in dem großen Sumpf der Zentralverbände, wo sie es sich Wohlergehen lassen können bei Prinzipienlosigkeit und Bömelburgscher „Ruhe".

Der 8.Kongreß hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß die „Freie Vereinigung" auf syndikalistischem Boden steht und entschlossen ist, auch fernerhin syndikalistische Bahnen zu gehen. Durch die Einigungsversuche sind die Zauderer, welche doch nur hemmend auf die Entwicklung wirken konnten, abgeschüttelt worden; es wird dadurch auch in Deutschland möglich sein, die wirklich revolutionäre Gewerkschaftsbewegung vorwärts zu bringen. Den Verlust der 5.000 Mitglieder wird und kann die „Freie Vereinigung" verschmerzen; hat sie doch die Gewähr, daß der festgebliebene größere Teil durchdrungen ist von der ihm zustehenden großen Aufgabe, bahnbrechend zu sein für die deutsche Arbeiterschaft.

Daß bei der Lösung dieser Aufgabe die Anarchisten Deutschlands redlich ihren Mann stehen müssen, ist selbstverständlich. Für eine syndikalistische Gewerkschaftsbewegung alle Kräfte einzusetzen, stets frisch pulsierendes Leben zu wecken und entschlossen und zäh den Kampf mit dem Kapitalismus durchzufechten bis ans Ende, ist eine Arbeit, zu deren Bewältigung die Anarchisten stets bereitstehen werden.

Saul

Aus: "Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus", 2. Jahrgang, Nr. 9, März 1908. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat, Scenen zu Szenen usw.) von www.anarchismus.at.


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