Rudolf Rocker - Moderne Probleme des Anarchismus (1927)

Es ist kein Zweifel, daß die anarchistische Bewegung aller Länder seit den letzten sechs, sieben Jahren eine große geistige Krise durchlebt, die natürlich auch in der praktischen Betätigung der Bewegung ihren Niederschlag findet. Der Krieg und die Periode der Revolutionen in Rußland und Zentraleuropa haben eine ganze Reihe neuer Probleme aufgerollt, die man früher überhaupt nicht kannte, oder über die man leicht hinwegzukommen meinte. Tausend Fragen, die man längst gelöst zu haben glaubte, erscheinen uns heute in einer ganz anderen Perspektive. Ein großer Teil unserer alten Propagandaliteratur hat heute nur noch geschichtlichen Wert, weil sie zu den modernen Problemen des gesellschaftlichen Lebens überhaupt keine Beziehungen mehr hat. Die tiefer schürfenden Elemente in unserer Bewegung fühlen das sehr wohl. Daher tauchen während der letzten Jahre eine ganze Reihe neuer Ideen und Vorschläge in der anarchistischen Presse aller Länder auf, durch welche man den dringenden Forderungen des praktischen Lebens gerecht zu werden versucht. Leider haben diese neuen Versuche und Bestrebungen gerade in der anarchistischen Presse Deutschlands fast keinen Anklang gefunden, obwohl sie für die ganze weitere Entwicklung unserer Bewegung von der größten aktuellen Bedeutung sind.
 
In Italien waren es besonders unsere Kameraden Errico Malatesta und Luigi Fabbri, die in zahlreichen Abhandlungen in "Pensiero e Volonta" zu den brennenden Fragen der Gegenwart Stellung nahmen. Ich erinnere an die glänzenden Artikel Malatestas über die Fragen der Diktatur, der Demokratie usw. und an Fabbris Essay "Die Krise im Anarchismus". Auch die Frage der Gewaltanwendung wurde in den letzten Jahren wieder häufig diskutiert, wobei zu verzeichnen ist, daß ein Teil unserer Genossen in Amerika in ihrer Ablehnung der Gewalt soweit ging, die Revolution als Mittel zur Verwirklichung des Anarchismus prinzipiell zu verwerfen. Auch die Meinung des Genossen Merison, der sich, ähnlich wie Saverio Merlino, schon vor dem Kriege für eine Beteiligung der Anarchisten an den Wahlen einsetzte und zwar aus agitatorischen Gründen, fand neuerdings wieder ein schwaches Echo bei einem Teil unserer Kameraden in Amerika. Daß ein Teil der Anarchisten nach dem Kriege den bolschewistischen Bestrebungen ziemlich weitgehende Konzessionen machte, ist bekannt. Ich erinnere nur an die Stellung der beiden anarchistischen Zeitschriften "The Commune" in England und "Toekomst" in Holland.

Die Gruppe der russischen kommunistischen Anarchisten in Paris veröffentlichte vor einiger Zeit ihre Richtlinien zur Gründung einer internationalen anarchistischen Partei, die in der anarchistischen Presse der meisten Länder heiß umstritten werden. Die große Mehrheit der Kameraden steht der sogenannten "Plattform" jener russischen Genossen direkt ablehnend gegenüber, die bereits eine Gegenschrift einer anderen russischen Gruppe hervorgerufen und zu heftigen polemischen Erörterungen geführt hat. Immerhin haben diese Auseinandersetzungen das Gute, daß sie zu einer eingehenden Prüfung unserer Ideen und taktischen Methoden Anlaß geben und auf diese Weise neue Wege für die Zukunft vorbereiten.

Wir werden versuchen, auf all diese neuen Strömungen innerhalb unserer Bewegung näher einzugehen. Vorläufig möge die folgende Abhandlung, die ich auf Wunsch der spanischen Kameraden in Steubenville (Ohio) geschrieben habe, und die bisher nur in spanischer Sprache erschienen ist, als Einleitung dienen. Unsere spanischen Kameraden haben nämlich vor einiger Zeit eine ganze Reihe wichtiger Fragen aufgestellt und in einem internationalen Aufruf die Genossen aller Länder aufgefordert, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Eine große Zahl spanischer Genossen und auch Kameraden anderer Länder haben sich an diesem "Certamen" wie man es spanisch nennt, beteiligt, das vor kurzem seinen Abschluß erreicht hat. Zahlreiche Abhandlungen wurden bereits in unserem Organ "La Protesta" in Buenos Aires veröffentlicht. Der nachfolgende Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage: "Über die gegenwärtigen Probleme des Anarchismus und die Mittel, der Reaktion des autoritären Gedankens international entgegenzuwirken".

Über die gegenwärtigen Probleme des Anarchismus und über die Mittel sprechen, der Reaktion der autoritären Gedankens international entgegenzuwirken, heißt über Dinge sprechen, die von vielen Genossen während der letzten Jahrzehnte versäumt wurden. Hätten die Anarchisten in dieser Hinsicht alles getan, was man billigerweise von ihnen erwarten durfte, so wäre die Aufrollung der ganzen Frage nur ein müßiges Vergnügen ohne jeden praktischen Wert. Die Tatsache allein, daß man heute diese Frage stellt, ist der beste Beweis dafür, daß in unserer Bewegung bestimmte Mängel vorhanden sind, die sich zwar überall deutlich genug bemerkbar machen, über deren eigentlichen Grund man sich aber keineswegs klar zu sein scheint.

Wer die anarchistische Bewegung während der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre aufmerksam verfolgt hat, wird sich nicht wundern, daß man heute sehr häufig von einer Krise im Anarchismus spricht, ja daß man des öftern in anarchistischen Zeitschriften die Notwendigkeit einer Revision der anarchistischen Ideen betont hat. Unserer Meinung nach handelt es sich heute weniger um eine Revision der anarchistischen Ideen, als um eine Revision der allgemeinen Haltung der Anarchisten und ihrer gegenwärtigen praktischen Betätigung. Die schönsten Theorien haben schließlich nur dann Wert, wenn sie aus den praktischen Erfahrungen des Lebens geschöpft sind und neugestaltend auf das Leben zurückwirken. Sonst entsteht unwiderruflich jener trockene und lederne Doktrinarismus, der sich in bestimmten religiösen, politischen oder sozialen Dogmen verkapselt und jedes geistige Leben in einer Bewegung langsam erstickt, indem er sich auf unfruchtbare Formeln festlegt und blind an den Ereignissen des gesellschaftlichen Geschehens vorübergeht. Dies scheint mir tatsächlich in weiten Kreisen der allgemeinen sozialistischen Bewegung der Fall zu sein. Die Anarchisten machen hier keine Ausnahme.

Es wäre sinnlos, sich einzureden, daß ein bestimmtes politisches Aushängeschild eine Bewegung vor diesem Zustand schützen könnte. Auch der Anarchist ist in erster Linie Mensch und den Perioden geistiger Erschöpfung gerade so gut ausgesetzt, wie die Anhänger jeder anderen Richtung. Es kommt stets darauf an, ob sich eine Idee im einzelnen Menschen als inneres Erleben auswirkt, das alle Handlungen seines Lebens geistig durchglüht, oder ob es sich um ein Lippenbekenntnis handelt, das in Schlagworten seinen Ausdruck findet, ohne das innere Wesen des Menschen zu befruchten. Wo dies der Fall ist, sind die Wirkungen überall dieselben. Aber auch Ideen, die anfangs geisteserneuernd auf Menschen wirkten, können durch gewohnheitsmäßige Routine und Mangel an praktischer Auswirkung im Leben zum toten Schlagwörtertum erniedrigt werden, wie dies in der Geschichte immer wieder zu beobachten ist.

Ich war nie fester von der Richtigkeit des anarchistischen Gedankens überzeugt als gerade jetzt. Der Weltkrieg und seine furchtbaren Ergebnisse, die revolutionären Ereignisse in Rußland und Mitteleuropa, der Wunderglaube an die Allmacht der Diktatur, der heute wieder breite Schichten der Völker erfaßt hat, das unheimliche Erstarken der nationalistischen Reaktion in der Form ausgebreiteter faschistischer Bewegungen, die kapitalistische Rationalisierung und hundert andere Erscheinungen, die mit den übrigen eng verflochten sind, haben mich mehr denn je davon überzeugt, daß eine weitere Entwicklung der menschlichen Rasse in dieser Richtung in einen ungeheueren Sumpf von Blut und geistiger und materieller Versklavung führen muß.
 
Alles, was für unsere Generation früher nur eine relativ theoretische Bedeutung mit mehr oder weniger abstrakten Ausblicken hatte, manifestiert sich heute im vollen Licht der nüchternen Wirklichkeit, so daß wir nunmehr imstande sind, jedes praktische Ergebnis dieses Zustandes bis in seine letzten Konsequenzen zu verfolgen. Selten in der Geschichte war eine solche Möglichkeit so klar geboten wie heute. Die Resultate einer aufmerksamen Beobachtung sind einfach erschütternd. Viele Erscheinungen, die wir längst im Dunkel einer barbarischen Vergangenheit verschwunden glaubten, erheben wieder drohend ihr Haupt, ohne nennenswerten Widerstand zu finden. Es macht ganz den Eindruck, als ob das Gefühl der Menschlichkeit momentan gelähmt und unfähig sei, auf die furchtbaren Ergebnisse einer sich auf allen Gebieten immer mehr ausbreitenden Reaktion überhaupt zu reagieren.

Ohne Zweifel hat der Krieg eine allgemeine Verrohung der Sitten und eine beispiellose Geringschätzung des Lebens und der Freiheit hervorgerufen, aber diese verhängnisvolle Erscheinung sollte gerade ein Grund mehr für uns sein, unser Letztes aufzubieten, um den freiheitlichen Bestrebungen, die heute von allen Seiten bedroht sind, das Feld zu sichern. Leider geschieht nur sehr wenig in diesem Sinne, und wo ja noch etwas geschieht, ist es vereinzelt und ohne rechten Zusammenhang. Wir haben uns der Freiheit und dem Sozialismus nicht genähert, trotz aller revolutionären Phraseologie; wir sind vielmehr ein gut Stück vom Wege abgedrängt worden und müssen es blutenden Herzens mitansehen, wie die siegreiche Reaktion immer weiter um sich greift.

Und doch fühlen wir mehr denn je, daß die Entwicklung unserer Rasse zur Freiheit, Solidarität und wahren Menschlichkeit nur auf dem Wege zum Anarchismus liegen kann. Jeder andere Weg scheint mir schlechterdings ungangbar, da er nach allen Erfahrungen, die wir machten, in das Labyrinth autoritärer Anschauungen und Institutionen zurückführen müßte.

Was verstehen wir unter Anarchismus?

Wir nennen Anarchismus diejenige Richtung in der sozialistischen Gedankenwelt, die eine Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens auf der Basis persönlicher Freiheit und sozialer Gleichheit der Menschen anstrebt. Der Anarchist ist der Meinung, daß eine solche Erneuerung nicht von oben nach unten durch ein Konsortium von Gesetzgebern oder durch irgendeine Regierung diktiert werden kann, sondern sich organisch aus dem Schoße des Volkes entwickeln und zuerst als bestimmte Überzeugung ihren geistigen Niederschlag finden muß. Aus diesem Grunde erstreben wir nicht die Eroberung der politischen Macht - das unverrückbare Ziel aller politischen Parteien -, sondern die Ausschaltung des Staates und aller seiner Organe aus dem gesellschaftlichen Leben, da der Staat seinem innersten Wesen nach stets ein Werkzeug für die geistige Bevormundung und die wirtschaftliche Ausbeutung der Massen gewesen ist und nie etwas anderes sein kann, ungeachtet der Parteischablone, der er zufällig unterworfen ist, und der Personen, die vorübergehend seine ausführenden Organe sind.
 
Der Anarchist sucht also nicht Fuß zu fassen in den Herrschaftseinrichtungen der heutigen Gesellschaft; er bekämpft diese Einrichtungen bis zum Äußersten und fördert nur solche Organisationsgebilde und Institutionen, die sich spontan aus der Masse entwickeln, deren unmittelbare Bedürfnisse verteidigen und dem Einzelnen die größtmögliche Freiheit und die Betätigung bewußter Solidarität und gegenseitiger Hilfe gewähren. Freiheit und Solidarität, die sich in dem Begriff der sozialen Gerechtigkeit synthetisch zusammenfinden, sind die Eckpfeiler der Anarchie.

Ich glaube nicht, daß an diesen Grundanschauungen etwas zu revidieren ist, mag auch ihre praktische Anwendung wie alles andere dem Wechsel der Zeit und der gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen sein. Es wäre meiner Meinung nach sogar verhängnisvoll, an diesen Ideen zu drehen und zu deuteln, nicht weil ich sie als unantastbares Dogma betrachte, sondern weil ich in ihnen die schöpferischste und heilsamste Kraft der menschlichen Entwicklung erblicke, die trotz aller Beschränkungen bisher am wohltätigsten und fruchtbarsten auf den Gang des privaten und gesellschaftlichen Lebens eingewirkt hat.

Um so mehr bin ich von der Notwendigkeit überzeugt, unsere praktische Betätigung und die Formen unserer Propaganda einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Wenn es uns gelingen sollte, nach solch eingehender Prüfung zu greifbaren Ergebnissen zu gelangen, so dürfte die Frage nach den besten Mitteln, um der Reaktion des autoritären Gedankens international und vor allem wirksam entgegenzutreten, ganz von selbst ihre Lösung finden.

Um es gleich vorweg zu nehmen: wir sind zu doktrinär geworden und denken in allen Dingen mehr mit den Gedanken unserer Vorgänger, als mit unseren eigenen Gedanken. Ein Blick auf die anarchistische Presse der verschiedenen Länder zeigt uns dies deutlich genug, denn die Zahl der Blätter, die fortgesetzt nach neuen Mitteln und Wegen der Propaganda Ausschau halten, ist wirklich sehr klein. Viele unter uns haben fast vollständig verlernt, unsere Ideen auf die Hunderte verwickelter Probleme der Gegenwart praktisch anzuwenden und auf den verschiedenen Gebieten des kollektiven Lebens schöpferisch zu wirken. In manchen Ländern haben sich unsere Genossen in solchen Zustand geistiger Erstarrung hineingelebt, daß sie jede praktische Betätigung, sofern sie von der üblichen Routine der alten Propagandamethoden auch nur haarbreit abweicht, als Sünde gegen den heiligen Geist des Prinzips betrachten und ein solches Abweichen vom "richtigen Wege" mit einer verbissenen Intoleranz und Gehässigkeit bekämpfen, wie sie bei den Parteigängern der autoritären Richtungen nicht schlimmer zu finden sind.

Jeder, der mit der Geschichte der anarchistischen Ideenentwicklung auch nur einigermaßen bekannt ist, muß zugeben, daß in der Periode, welche zwischen der alten Internationale und den ersten Anfängen der modernen kommunistisch-anarchistischen Bewegung liegt, nicht nur eine viel größere geistige Regsamkeit in unserem Lager bestand, sondern auch eine viel stärker ausgeprägte Toleranz und breiteres Verständnis für Meinungsverschiedenheiten prinzipieller und taktischer Natur. Ein tieferes Studium der alten Zeitschriften zeigt uns ganz einwandfrei, daß meine Behauptung nicht auf willkürlichen Voraussetzungen beruht.

Abgesehen davon, daß es heute fast kein Land gibt, in welchem die anarchistische Bewegung nicht durch innere Streitigkeiten zerrüttet und zerklüftet ist, werden die inneren Bruderkämpfe vielfach in so verletzender und abstoßender Form geführt, daß sie der Bewegung sicherlich keine neuen Anhänger werben können. Man sage nicht, daß es bei den übrigen sozialistischen Richtungen, besonders bei den kommunistischen Parteien, auch nicht besser aussehe. Das ist, finde ich, ein schlechter Trost, und würde nur beweisen, daß zwischen uns und den anderen in der geistigen Einstellung wie in der persönlichen Auswirkung der Ideen kein wesentlicher Unterschied bestehe. Wäre das der Fall, dann hätte die anarchistische Bewegung überhaupt keine Existenzberechtigung. Denn schließlich muß man doch erwarten, daß die ideelle Veranlagung und die geistige Einstellung eines Menschen auch einen gewissen Ausdruck in seinem Handeln und vor allem im Verkehr mit seinen eigenen Genossen findet. Bedeutete der Anarchismus für uns nichts anderes als ein schönes Ideal einer noch weit im Felde liegenden Zukunft, dann - man verzeihe mir die ketzerische Ansicht - wäre sein moralischer Wert von kleiner Wichtigkeit. Aber eine Idee - und besonders eine Idee wie die anarchistische - sollte dem Menschen etwas mehr bedeuten, als die platonische Vorstellung eines schönen Zukunftsideals, wie anziehend und vorzüglich es immer sein möge. Sie muß dem Einzelnen zum inneren Erlebnis werden und unverkennbaren Einfluß auf sein ganzes Tun und Handeln ausüben. Die Idee der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit, die im Anarchismus ihre Verkörperung findet, muß also zum mindesten eine gewisse Harmonie zwischen Gedanken und Tat hersteilen, zur inneren Zufriedenheit des Menschen beitragen und in ihm zur nackten Selbstverständlichkeit werden.

Gewiß ist auch der Anarchist an die gesellschaftlichen Verhältnisse gebunden, in denen er lebt, und kann nicht immer handeln, wie er gern möchte; aber niemand kann ihn verhindern, im Verkehr mit anderen Menschen, insbesondere im Verkehr mit seinen eigenen Kameraden, die ethischen Voraussetzungen zu beachten, die man billigerweise von ihm erwarten darf. Wenn man für sich das Recht der freien Entschließung und des Handelns nach eigener Überzeugung in Anspruch nimmt, dann muß man dieses kostbare Recht auch bei anderen respektieren, findet es doch erst im Rechte Anderer seine Bestätigung. Wenn ich also die Freiheit des Anderen zu beschränken suche und stets darauf bedacht bin, jede seiner Handlungen zu verkleinern und ihnen die gehässigsten Motive zu unterschieben, wie das leider allzu oft auch bei uns geschieht, dann beweise ich bloß, daß in mir selber noch Überreste autoritärer Gedankengänge vorhanden sind, trotz der schönsten anarchistischen Fassade. Für die Idee der persönlichen Freiheit und sozialen Gerechtigkeit ist deshalb gegenseitiges Tolerieren und Verständnis für die Motive und Handlungen meiner eigenen Kameraden die erste und unumgängliche Voraussetzung. Jeder Versuch, das Gegenteil zu beweisen, und im Namen der sogenannten "individuellen Freiheit" oder des "klar erkannten Egoismus" die Rücksicht auf andere brutal zu ignorieren, ist gewöhnliche Sophistik, die des öfteren nur persönlicher Feigheit entspringt, indem sie unlautere und selbstsüchtige Handlungen durch eine philosophische Floskel zu rechtfertigen sucht. Wahre Freiheit gründet sich stets auf die persönliche Verantwortlichkeit und das solidarische Mitempfinden mit dem Mitmenschen. Sonst ist sie nur eine Maske für schnöde Willkür und Tyrannei.

Ich habe gefunden, das dort, wo der Anarchismus dem Menschen in Fleisch und Blut überging und sein Denken von lebendigem Geiste durchdrungen war, auch immer die notwendige Toleranz vorhanden war. Dort aber, wo von der Idee nur noch gewöhnliche Routine übrigbleibt, die unvermeidlich zum toten und geistlosen Dogmatismus führt, beginnt auch die Geringschätzung für alles, was der gewohnheitsmäßigen Schablone nicht entspricht - mit einem Wort: dort setzt die innere Notwendigkeit des autoritären Denkens ein. Ein trockner Dogmatiker,    der an den wirklichen Erscheinungen des täglichen Lebens achtlos vorübergeht, neigt stets zur Autorität, auch wenn er sich Anarchist nennt. Es sähe manches besser aus, wenn diese Auffassung von jedem einzelnen nicht bloß innerlich empfunden, sondern auch praktisch betätigt würde.

Nichts wirkt in sozialen Bewegungen stärker, als das persönliche Beispiel ihrer Träger. Ja, es ist unbestreitbare Tatsache, daß Menschen, welche einer Idee neu gewonnen werden, ihre Reinheit und Größe zunächst nach dem persönlichen Beispiel ihrer Bekenner beurteilen. Erst später lernen sie allmählich zwischen Personen und Ideen unterscheiden. Schon aus diesem Grunde sollte man unter allen Umständen vermeiden, prinzipiellen oder rein persönlichen Auseinandersetzungen, die in einer Bewegung nie zu umgehen sind, jenen bitteren und gehässigen Charakter zu geben, der allzu oft jedes Gefühl menschlicher Würde außer acht läßt und nicht selten ganze Bewegungen in einen Trümmerhaufen verwandelt. Etwas mehr Taktgefühl und wohlwollende Beurteilung und vor allem guter Wille könnten hier Wunder wirken. Blinde Rechthaberei und beschränkter Doktrinarismus, die immer den Mangel an geistiger Regsamkeit und solidarischem Empfinden bekunden, sind stets das Ergebnis einer autoritären Einstellung.

Aus: Fanal, 2. Jahrgang, Nr. 1, Oktober 1927. Digitalisiert von www.anarchismus.at anhand eines PDF der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien (bearbeitet, Oe zu Ö usw.)


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