Voline (1882-1945)

Vsevolod Michailowitsch Eichenbaum, der sich später Voline nannte, wurde 1882 im Distrikt Woronesch in Rußland als Sohn eines Ärzte-Ehepaares geboren. Er studierte in Petersburg Jura, war seit 1901 in der russischen Arbeiterbewegung aktiv und trat 1905 der Sozialrevolutionären Partei bei. Im selben Jahre wurde er wegen seiner revolutionären Tätigkeit zur Verbannung verurteilt, konnte aber nach Paris fliehen. Dort machte er die Bekanntschaft namhafter Anarchisten und schloß sich ihrer Bewegung an. 1915 verurteilten die französischen Behörden ihn zur Haft in einem Internierungslager, der er sich jedoch durch die Flucht in die USA zu entziehen vermochte. In New York wurde er Mitarbeiter von »Golos Truda« (»Stimme der Arbeit«), dem Organ der anarchosyndikalistischen »Union of Russian Workers in the United States and Canada«, die rund 10.000 Mitglieder zählte. Nach seiner Rückkehr nach Rußland im Juli 1917 übernahm Voline die Leitung der neugegründeten anarchosyndikalistischen Propaganda-Union in Petrograd, später in Moskau. Sie gab unter dem Namen »Golos Truda« eine Wochen- und seit Oktober 1917 Tageszeitung heraus, die zum wichtigsten Sprachrohr der Anarchisten im revolutionären Rußland wurde. Ende 1918 hatte Voline maßgeblichen Anteil am Zusammenschluß der anarchistischen Organisationen Südrußlands zur »Anarchistischen Föderation der Ukraine - Nabat (Sturmglocke)«. In ihrem Auftrag stieß er im August 1919 bei Odessa zur Bauernarmee Nestor Machnos, die im Kampf gegen die weißrußischen Truppen Denikins stand. Bis Anfang 1920 leitete er die »Aufklärungs-Abteilung« der Machno-Bewegung. Peter Arschinoff, einer der engsten Vertrauten Machnos und der Chronist der Bewegung, sagt Voline sei »von allen intelligenten und theoretisch gebildeten Anarchisten« der einzige gewesen, der sich »mit Entschiedenheit der Bewegung angeschlossen hat, und seine Fähigkeiten, seine Kräfte und sein Wissen voll in ihren Dienst gestellt hat.« [1] Nach vorübergehender, durch die schwierige militärische Lage im Kampf gegen die Konterrevolution bedingter Zusammenarbeit mit Machno ging die Rote Armee Mitte Januar 1920 erneut zum Angriff gegen diesen über. Auch Voline wurde festgenommen, war seit März in Moskau inhaftiert und mußte mit seiner von Trotzki angeordneten Hinrichtung rechnen. Doch Mitte Oktober kam es noch einmal zu einem Abkommen zwischen der bolschewistischen Regierung und Machno über eine gemeinsame Kriegführung gegen den weißrussischen General Wrangel. Seiner durch diese Vereinbarung wiedergewonnenen Freiheit sollte sich Voline indes nur wenige Wochen erfreuen. Nach schweren Niederlagen Wrangels brachen die Bolschewisten am 26. November 1920 die Übereinkunft mit Machno, und die letzte Phase der blutigen Auseinandersetzung zwischen der Roten Armee und der Machno-Bewegung begann. Die Kommandeure der Machno-Armee auf der Krim wurden zu einer Konferenz eingeladen, verhaftet und auf der Stelle erschossen. Am gleichen Tage nahm die Tscheka in den von ihr kontrollierten Gebieten Südrußlands alle bekannten Anarchisten und Anarchosyndikalisten fest. Die endgültige Liquidierung des russischen Anarchismus kündigte sich an. [2]

Der Terror steigerte sich zu Beginn des Jahres 1921 und vollends nach dem Kronstadter Aufstand. Als im Sommer 1921 die Rote Gewerkschafts-Internationale (Profintern) unter Beteiligung von Delegierten zahlreicher ausländischer anarchosyndikalistischer Organisationen in Moskau tagte, traten die dort eingekerkerten Anarchisten, unter ihnen Voline, in einen Hungerstreik. Mit Rücksicht auf den Kongreß ordnete die Regierung ihre Freilassung und Abschiebung aus Rußland an.

Voline ging zunächst nach Berlin und war seit 1924 in Paris publizistisch tätig, unter anderem als Mitarbeiter der von Sebastién Faure herausgegebenen »Encyclopédie anarchiste«. Später lebte er in Nimes und Marseille. Am 18. September 1945 ist er in Paris gestorben. Zwei Jahre nach seinem Tode erschien sein dreibändiges Werk »La Revolution inconnu«, die umfassendste Darstellung der Vorgeschichte, Geschichte und Nachgeschichte der Russischen Revolution aus anarchistischer Sicht, wertvoll vor allem durch zahlreiche Details über die Rolle der Anarchisten in der Revolution und ihr späteres Schicksal sowie eingehende Schilderungen der Machno-Bewegung und des Aufstandes von Kronstadt. [3]

Fußnoten:
[1] Geschichte der Machno-Bewegang. Berlin 1923, S. 290/91. Arschinoff wirft gleichzeitig den russischen Anarchisten vor, »in ihren Kreisen die größte Massenbewegung verschlafen (zu) haben, die in der gegenwärtigen Revolution einstweilen als einzige dazu berufen ist, die historischen Aufgaben der geknechteten Menschheit zu verwirklichen.« (S. 291) Er führt das auf ihre Nichtbereitschaft zur Organisation und zu einheitlicher Zielsetzung zurück: »Immer, wenn die Frage laut wird, die anarchistische Praxis müßte organisiert und neben Rechten auch Pflichten und Verantwortung jedes einzelnen festgelegt werden, greifen sie nach der Theorie der anarchistischen Freiheit der Persönlichkeit und widersetzen sich auf Grund dieser Theorie jeder Organisation und fliehen jede Verantwortung. Jeder von ihnen begibt sich in den Schatten seines eigenen Feigenbaumes, schafft sein eigenes Werk und predigt seinen eigenen Anarchismus. Denken und Handeln der Anarchisten werden auf unsinnige Weise gespalten.« (S. 293)
[2] Ende August 1921 überschritt Machno die russisch-rumänische Grenze. »Ende 1922 waren die Anarchisten in Rußland entweder tot, eingekerkert, verbannt oder stumm.« (Woodcock, p. 394)
[3] Die Hauptteile des Werks sind auch ins Englische übersetzt worden, eine deutschsprachige Ausgabe liegt bis jetzt nicht vor. (Anm.: es erschien inzwischen eine mehrbändige deutschsprachige Ausgabe – sie ist allerdings vergriffen und komplett schwer zu bekommen)

Aus:
Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

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