Augustin Souchy - Mühsams Werk in der deutschen Sowjetzone (1956)

Die Hamburger Zeitung "Die Welt" veröffentlichte am 7. Juni eine Notiz über den literarischen Nachlass unseres von den Nazis ermordeten Genossen Erich Mühsam, in welchem gesagt wird: "Sowjetischen Amtsstellen übergaben der sowjetzonalen (d.h. der ostdeutschen Akademie der Künste) in 94.000 Mikroaufnahmen den literarischen Nachlass des Dichters Erich Mühsam, der sich bislang im Moskauer Institut für Weltliteratur befand und den die Witwe Mühsams vor dem Zugriff der Nationalsozialisten retten konnte".

Der Wunsch, den literarischen Nachlass ihres Mannes zu veröffentlichen, war es, der Zensl Mühsam, die Witwe Erich Mühsams, bewog, nach Russland zu gehen. Zensl hatte den Versprechungen der Kommunisten Glauben geschenkt und begab sich Anfang 1935 von Prag nach Moskau. Bald musste sie erfahren, dass sie einem Betrugsmanöver zum Opfer gefallen war. Die Manuskripte Mühsams wurden nicht veröffentlicht und Zensl in der Sowjetunion festgehalten. Bald kam die Zeit der grossen Verfolgungen. Auch Zensl Mühsam wurde ins Gefängnis geworfen und hatte schwere Leiden zu erdulden. Von Zeit zu Zeit hat die Weltpresse über ihr Schicksal berichtet. Unser alte Freund Rudolf Rocker hat eine Broschüre über den Fall Zensl Mühsam geschrieben, die in Deutschland nach dem Fall Hitler veröffentlicht wurde.

Inzwischen ist zur Gewissheit geworden, was wir alle intuitiv wussten. Das Organ der österreichischen Sozialdemokratie, die "Arbeiter-Zeitung", Wien, veröffentlicht am 4. September dieses Jahres einen Artikel unter der Überschrift "Nach zweiundzwanzig Jahren", in welchem von dem Schicksal Zensl Mühsams die Rede ist. In diesem Bericht heißt es:

"Seither hat man auch erfahren, warum Zensl Mühsam in die russischen Konzentrationslager kam. Sie war nicht bereit gewesen, in die Verfälschung der Werke ihres Mannes zugunsten der Kommunisten einzuwilligen. Dadurch war sie den deutschen Stalinisten unbequem geworden, und darum verschwand sie im Kerker. 1947 durfte sie nach Moskau zurückkehren. Sie hätte schon damals nach Deutschland reisen sollen, aber der allmächtige Generalsekretär der ostdeutschen SED, Walter Ulbricht, widersetzte sich ihrer Heimkehr weil er das Bekanntwerden seiner Rolle im Fall Zensl Mühsam und in anderen ähnlichen Fällen fürchtete. Der Henkersknecht Ulbricht erwirkte sogar, dass die kranke Frau neuerlich in ein russisches Arbeitslager geschickt wurde. Es ist noch nicht ganz klargestellt, wieso sie jetzt im Zeichen der Entstalinisierung doch nach Deutschland darf. Die ostdeutsche Regierung hat ihr einen "geruhsamen Lebensabend" versprochen. Aber die Herren sind nicht bereit, der zweiundsiebzigjährigen,kranken Frau die Weiterreise nach Westdeutschland zu gestatten,- wohl um zu verhindern, dass die ganze, grausame Wahrheit über den Fall Zensl Mühsam bekannt wird".

Nach privaten Berichten, die mir aus Deutschland zugingen, soll Zensl Mühsam nicht nur körperlich krank, sondern auch seelisch gebrochen sein. Sie kann nach all den Jahren von Leiden und Verfolgungen nicht mehr die Kraft aufbringen, aus der deutschen Sowjetzone auszureisen. Ihr Schicksal ist tragisch. Erich Mühsam wurde ein Opfer des nationalsozialistischen Totalitarismus, sie selbst dagegen fiel dem bolschewistischen Totalitarismus in die Hände.

Dass sie am Leben geblieben ist, hat sie wohl nur dem Umstand zu verdanken, dass sie selbst nie persönlich politisch tätig war. Der literarische Nachlass Erich Mühsams aber wird wohl in den Bibliotheksräumen der ostdeutschen Akademie der Künste vermodern. Zensl Mühsam wird die Herausgabe der Werke ihres Mannes wohl nicht mehr erleben.

Augustin Souchy, Mexico, Oct. 1956


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Im Alter von 78 Jahren verstarb am 10. März 1962 in einsamer Zurückgezogenheit, in der sie seit 1956 leben mußte, in der DDR, Zensl Mühsam - als ein Opfer dreier Diktatoren - Hitler, Stalin und Ulbricht.

Erich Wollenberg schreibt, daß Mühsam seine Frau während ihrer Besuche im KZ beschworen hatte: "Versprich mir Zenzl, niemals nach Rußland zu fahren, solange dort Stalin herrscht. Behüte besonders meine Tagebücher wie Deinen Augapfel, und lass meine Schriften nicht in die Hände der Kommunisten fallen. Das wäre schlimmer als mein Tod!"

Ob diese Sätze Mühsams authentisch sind, ist schwer zu sagen. Vermutlich sind sie sinngemäß richtig... (Wollenberg starb im November 1973 in Hamburg)

Aus Heft Nr. 5/6 "europäische ideen", Berlin 37, Mühlenstr. 17b, Seite 56

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Aus: Zeitgeist 28/29, 1974, 16.Jg. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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