Otto Reimers - Erich Mühsam zum 40. Todestag

Als Sonderheft zum 40. Todestag unseres von bayrischer SS ermordeten anarchistischen Kameraden Erich Mühsam erschien Heft 5/6 = europäische ideen =. Herausgeber Andreas W. Mytze, l Berlin 37 (Zehlendorf) Mühlenstr. 17b.

Die Herausgabe dieses Sonderheftes kann nicht hoch genug bewertet werden. Der Herausgeber hat keine Mühe gescheut um für den Inhalt, Mitgefangene Mühsams, und Freunde zu gewinnen um das Leiden und Sterben Mühsams der Nachwelt eindrucksvoll zu erhalten. Verhehlen wollen wir nicht, dass die scheußlichen Taten in den KZ', ausgesonnen von den Schreibtischsadisten Hitlers, zumeist von den Handlangern, jener Proletarier und kleinen Geschäftsleuten in SA-und SS-Uniformen, ausgeführt wurden.

Wenn unsere rebellische - anarcho-Jugend je nach Vorbildern im Kampf gegen Faschismus Ausschau hält, so ist eines der Vorbilder - Erich Mühsam.

Er hat sich keiner Illusion hingegeben was nach der Machtübernahme des Faschismus allen droht. Er wußte, dass "die Nacht der langen Messer" die Hitler und Konsorten angekündigt hatten, kein leeres Gerede sein werde.

Als schon der braune Proletarier und Kleinbürger – Mob, die Studenten aller Couleur, bereits die Strasse beherrschten, fand noch eine Versammlung des 'Schutzverband deutscher Schriftsteller' in Berlin statt.

"Und ich sage Euch", schrie Mühsam,"daß wir, die wir hier versammelt sind, uns alle nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenen Posten. Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen des Dritten Reiches verrecken werden, so müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinaus rufen, dass wir Protestieren. Wir sind dem Untergang geweiht"!

Konnte Mühsam ahnen, dass er als Jude, als anarchistischer Dichter, auf derart scheußliche Art, viehisch-sadistisch vor seinem Tode von Hitlers braunen Schergen gnadenlos gequält wurde? Nach 16 Monaten glich Mühsam nur noch einem Schatten seiner selbst. Taub geprügelt, Zähne ausgeschlagen, büschelweise sein Barthaar ausgerissen - und als er um Schreiberlaubnis an seine Frau bat, wurde ihm dies sogar erlaubt, man brach ihm aber zuvor beide Daumen und sagte ihm dann höhnisch: "so nun schreiben sie mal ihrer Frau".

Oder: „Am nächsten Vormittag ertönt ein wildes Geschrei auf der Treppe. Gestöhn. Fußtritte von Nagelstiefel. Faustschläge. Ein dumpfer Fall. Ein Körper stürzt die Treppe herunter - Stiefelspitzen treten ihm ins Gesicht. Es ist blutverschmiert. Der Gefolterte liegt in einer Lache, er will sich erheben, aber die Stiefel treten ihn jedesmal nieder. Ich erwische einen Blick von ihm. Der Gefangene leidet, aber sein Blick ist nicht gebrochen. Der Gefangene aber, an dem sie ihre Rachsucht austoben, den sie blutig schlagen und blutig treten, ist Erich Mühsam. Und das wiederholt sich Tag für Tag.''

Ein anderes mal wurde Mühsam von einer Abteilung bewaffneter SA auf den Hof geführt: er solle jetzt endlich erschossen werden. Man stellte ihm an die Mauer und verband ihm die Augen. Mühsam riß die Binde herunter und rief laut über den ganzen Hof: "Ich will die Hunde sehen, die mich erschießen", aber man erschoß ihn nicht - es war nur eine andere Art der Quälerei."

"Ich werde nie den Anblick vergessen, den er bot, als er fahl über einen dieser Zuchthaushöfe wankte, ein Ohr durch Schläge zu einer dicken unförmigen Masse aufgeschwollen, zu einer Fleisch-Halbkugel geklumpt. Das eine Ohr taub und ebendeshalb schlugen die barbarischen Peiniger in Brandenburg ihm aufs andere Ohr, so dass er nun völlig taub war. Man riß ihm Bart- und Haupthaare büschelweise aus. Zwei SA-Männer hielten ihm mit Gewalt den Mund auf, zwei weitere hielten ihn fest, ein fünfter rotzte hinein! Nacht für Nacht wurde er geprügelt. Er sollte das 'Horst Wessel-Lied' singen. Er sang es nicht. Er sang, als er schon ganz zerschlagen, als er schon halb tot war, 'Die Internationale'. Joseph Goebbels selbst hatte gesagt: Dieses rote Judenaas muß krepieren! …"

Endlich glaubte die vertierte SS-Bande Mühsam sei durch ihre Quälereien fertig, dass er sich selber das Leben nehmen würde. Am 9. Juli 1934 wurde Mühsam ins Büro gerufen, dort sagte der SS Sturmführer Ehard: "Mir gehm' dir 48 Stunden Zeit, di umzubringen und wann's du's dann net tuast, wer'n ma scho nachhelfen!"

Mühsam sagte dies seinen Mithäftlingen und fügte hinzu: "Was auch passiert, die werden nicht erleben,dass ich mir das Leben nehme"!

Am Abend wurde Mühsam zum Stiefelputzen gerufen, jämmerlich zusammengeschlagen, zu Tode geprügelt und hernach tot in die Latrine gehängt. Das war das Ende der Qualen für Erich Mühsam.

Zum Inhalt des Heftes: Beiträge über Begegnungen mit Mühsam im KZ. von Stefan Szende, Stockholm - Wilhelm Girnus, Ostberlin - Hery Marx, New York. Weitere Beiträge, Günter Dallmann, Stockholm - Alfred Kantorowicz, Hamburg - Bruno Frei und Hugo Huppert, Wien - Fritz Küster u.a. Gespräche mit Cläre M. Jung, Ludwig Renn, Hedda Zimmer, Augustin Souchy u.a.m.
Besonders aufschlußreich sind Andreas W. Mytze's Darlegungen über "Zur Frage des Mühsam-Nachlasses".

Jeder unserer Leser sollte sich den Inhalt dieses Heftes zu eigen machen. Nirgendwo wird über den Leidensweg des Dichters und Anarchisten Erich Mühsam so informiert als hier auf 87 Seiten.

Einige Nachbemerkungen

Dass mit betreiben Wilhelm Piecks die UdSSR "sich 1936/37 den Nachlass Mühsams auf niedrige Weise aneignete, um den Kommunisten gegenüber kritischen Anarchisten für die Zukunft unschädlich zu machen" (Mytze, S.57) ist uns weniger verwunderlich. Nicht umsonst,oder gar einer Laune wegen hat Erich Mühsam während eines Besuches im KZ gesagt: "Versprich mir Zenzl, niemals nach Rußland zu fahren, solange dort Stalin herrscht. Behüte besonders meine Tagebücher wie Deinen Augapfel, und lass meine Schriften nicht in die Hände der Kommunisten fallen. Das wäre schlimmer als mein Tod!"

So erlebten wir dann auch, dass nach 1945 bei bestimmten Anlässen die kommunistische Presse und jene, die von ihnen mit finanziert wurde, sich strickt daran hielten, bei Namensnennung Mühsam tunlichst das Wort "Anarchist" zu vermeiden.

"Zum 70.Geburtstag Erich Mühsams" brachte am 6.4.1948 das "Neue Deutschland" einen 85 Zeilen langen Artikel von Elisabeth Borchardt. Hierin ist Mühsam der "Antimilitarist", der in seiner Zeitschrift "Fanal", "zum Kampf aufrief", der aber auch mit "Die Schönheit seines dichterischen Wortes und die Reinheit seines menschlichen Wollens die Menschen mitriss und wurden besonders jungen Menschen zum unvergesslichen Erlebnis." … "Nach unsäglichen Qualen hatte dieses Dichterherz zu schlagen aufgehört, den Menschen Erich Mühsam, den Freiheitskämpfer und Märtyrer, haben sie ermordet, aber die Erinnerung an ihn wird in der Arbeiterschaft, der er immer aufs engste verbunden blieb … lebendig bleiben…"

Keine Silbe, dass dieser Freiheitskämpfer und Märtyrer ein Anarchist gewesen ist. Aber die Phrase, das Jargon der Kommunisten, aber die Erinnerung an ihn wird in der Arbeiterschaft … lebendig bleiben!

Zum 25.Todestag am 10. Juli 1959 schrieb Zensl Mühsam einen Artikel:  - "Erinnerungen an Erich Mühsam" - den die "Deutsche Woche" am 15. Juli 1959 in über 150 Zeilen veröffentlichte. Aber auch hier wurde das Wort Anarchist fein säuberlich aus den Artikel Zensl's ausgemerzt.

"Ein Gedenkblatt zum 30. Todestag von Erich Mühsam" überschreibt am 9.7.1964 "Die Andere Zeitung" einen ebenso langen Artikel von Werner A. Fischer. Hier war Erich Mühsam eben auch nur "ein deutscher Dichter und Revolutionär, Weggenosse Frank Wedekinds und Kampfgefährte Ernst Tollers". Und doch wußte Fischer nur zu gut, dass Mühsam der anarchistische Propagandist gewesen ist.

In der selben Nummer wird auch ein Artikel: "Und das Feuer glimmt weiter!" von Siegfried Einstein gebracht. Selbst S. Einstein hat sich gegenüber den Redakteuren von "DAZ" nicht durchsetzen können. Er der mit ergreifenden Worten für Erich Mühsam eintritt, gelang es nicht, ihn als Anarchist bezeichnen zu können.

"Die Bayrische Räterepublik - vor 50 Jahren." unter dieser Überschrift brachte am 8. Mai 1969 die "UZ" das Organ der derzeitigen DKP, einen Artikel von Freya Eisner in dem es heißt: "Ihre führenden Repräsentanten, die Anarchisten Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller… berücksichtigten jedoch weder den Reifegrad der Arbeiterklasse noch besaßen sie ein Programm".

So einfach ist es, von parteikommunistischer Sicht eine Geschichtsverdrehung vorzunehmen um die Schuld von den damals ausschlaggebenden, von Moskau eingeschläusten Führern, Parteikommunisten, abzuwenden, und auf die Anarchisten abzuwälzen.

Man kann in jeder Darstellung über die Münchener-Räterepublik nachlesen, oder herausfinden, um mit den Worten Freya Eisner zu reden, wo die "führenden Repräsentanten die den Reifegrad der damaligen Arbeiterklasse nicht erkannten".

Wohl aber auch zuerkennen, dass die Kommunisten damals auch ihre Direktiven von Moskau, dem ZK erhielten.

Dem Mißlingen der Räterepublik, den Anarchisten Landauer, Toller und Mühsam anlasten zuwollen ist doch ein zu billiger Trick. Aber der heutigen Jugend, die in Unkenntnis der damaligen
Zeit lebt, bei der findet man leider zu sehr glauben.

Otto Reimers


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Das Problem des Staates ist ein Problem der Macht. Menschen, einzelne oder Gruppen verbunden, denen die Erringung der gesellschaftlichen Macht über die Mitmenschen gelungen ist, bedürfen eines zentralen Machtapparates, um die Unterworfenen auf die Dauer in ihrer ökonomischen Abhängigkeit zu halten. Es gibt keine andere Unterwerfung von Menschen unter die Macht andrer Menschen als ihre Fesselung in wirtschaftliche Hörigkeit. Das politische Zwangsinstrument dieser wirtschaftlichen Fesselung ist der Staat…

Die warnende Lehre der russischen Revolution aber ist ihre Kapitulation vor der Idee des Staates. Staat, man mag ihn kneten wie man will, ist Unterwerfung der Arbeitenden, ist Klassenscheidung der Gesellschaft. Ein "Rätestaat" ist niemals eine Räterepublik, denn Staat ist immer die Ausdrucksform unterdrückender Zentralgewalt: Räterepublik aber ist die föderalistische Ordnungsform der Anarchie, d.h. der obrigkeitslosen Selbstbestimmung der gesellschaftlichen Gesamtheit.

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift "Fanal", Jahrgang 1. Nr. 1 Oktober 1926.

Originaltext: Zeitgeist Nr. 28/29, 1974 (16. Jg.). Einige Änderungen bei Rechtschreibung ( z.B. das/dass). Digitalisiert von www.anarchismus.at


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