Erich Mühsam - In eigener Sache (1919)

Es scheint wirklich nötig, Klatschereien und Verleumdungen entgegenzutreten, die so dumm und so gemein sind, daß ich gehofft hatte, ihre Widerlegung erübrige sich für jeden, der mich und meine politische Tätigkeit kennt, von selbst. Seit ich in der Nacht des 6. April eine andere Haltung einnehme als einige Führer der KPD - ich will gar nicht unbedingt behaupten, daß ich dabei recht hatte, aber das ist eine Frage der Taktik, in der unter den Mitgliedern der Partei selbst Uneinigkeit herrscht -, seit ich also von meiner Unabhängigkeit von der Parteidisziplin Gebrauch gemacht habe, werde ich in geradezu halunkenhafter Weise in den Schmutz der Lüge und der Verleumdung gezogen. Man entblödet sich nicht, in öffentlichen Versammlungen zu behaupten, ich sei mit Schneppenhorst auf eine Agitationsreise nach Nürnberg gefahren, um mit ihm zusammen die Soldaten Nordbayerns gegen das Proletariat scharfzumachen. Und die Volksmassen, die monatelang von mir Reden gehört haben, die sie in revolutionärem Geiste beeinflußt und erzogen haben, glauben diesen niederträchtigen Schmarrn. Ich erkläre: Bei meiner Reise nach Nürnberg fuhr ich rein zufällig mit Schneppenhorst im gleichen Abteil. Ich traf den Mann erst in der Bahn, am Bahnhof Nürnberg gingen unsere Wege auseinander. Im gleichen Kupee fuhren eine Anzahl Politiker verschiedener Richtung, die bezeugen können, daß ich auf der Fahrt mit Schneppenhorst keinerlei Konspiration getrieben habe. In Nürnberg wurde ich von Mitgliedern der KPD am Bahnhof abgeholt, mit denen ich den ganzen Tag beisammenblieb.

Ich erkläre ferner: Ich habe meine Mitwirkung an der provisorischen Leitung der Räterepublik, nachdem ich von den Nürnberger Genossen über Herrn Schneppenhorst genauere Auskunft erhalten hatte, davon abhängig gemacht, daß 1. die Kommunistische Partei nicht wegen Ablehnung irgendeiner grundsätzlichen Forderung von der Mitwirkung ausgeschlossen bleiben dürfe, 2. Schneppenhorst unter gar keiner Bedingung an irgendeiner Stelle der neuen Organisation tätig sein dürfe. Diese Forderungen habe ich am 6. April in der Generalversammlung der KPD im Wagnersaal unter dem Beifall der Versammlung mitgeteilt. Daß sie erfüllt worden sind, weiß jeder. Denn das Fernbleiben der Kommunisten von der Regierung ist in ihrem eigenen Beschluß begründet, dessen Gründe ich vollkommen würdige, die aber durchaus auf keiner Meinungsverschiedenheit in den Aufgaben und Zielen der Räterepublik beruhen. Was ich hier behaupte, ist jederzeit beweisbar. Sollten die, die das unverantwortliche Geschwätz gewissenloser Demagogen ohne Prüfung geglaubt haben, an meinen Worten zweifeln, so bin ich bereit, die Wahrheit vor einem Ehrengericht, das nur aus Kommunisten zusammengesetzt sein soll, zu beweisen. Ich hoffe aber, daß sich die Proletarier, die ihr »Kreuzigt ihn!« so rasch bereit hatten, auf diese Erklärung hin ein wenig schämen und in Zukunft gegen die Dreckschleuder erbärmlicher Intriganten mißtrauisch sein werden. An hohen Posten liegt mir verdammt wenig, am Vertrauen des Volkes aber und an seinem Glauben an meine Ehrlichkeit und an die Sauberkeit meiner Handlungen liegt mir alles.

München, 10. April 1919

Originaltext: Münchener Neueste Nachrichten vom 11. April 1919

Aus: Viesel, Hansgörg (Hg.): Literaten an der Wand. Die Münchener Räterepublik und die Schriftsteller. Büchergilde Gutenberg 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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