Erich Mühsam - Räterepublik und sexuelle Revolution

Die Tatsachen, die ich als aktiver Teilnehmer an der Revolution in Bayern beobachten konnte, bestätigen durchweg die in allen Revolutionen gemachte Erfahrung, daß die Lust der Massenverbundenheit zur Ausrottung von Fäulnis und Knechtung und zum Aufbau reiner und gerechter Gesellschaftsformen zugleich in Erscheinung tritt als erhöhte sinnliche Lust, die freien Atem hat und sich in heller Freude am Dasein selbst bejaht. Die sinnliche Reaktion revolutionsfeindlicher, auf die Wiederherstellung der umgestürzten Mächte bedachter Anstrengungen tritt im Gegensatz zu jener erotischen Beseelung schaffenden Eifers in der Gestalt brutaler, egoistischer Geschlechtsgier in die Erscheinung, die in sadistischen Peinigungen überwältigter Gegner schwelgt, im Siege über die Revolution zu Notzucht und Lustmord neigt und gleichwohl die Unterwerfung der Neuerer als Sieg der moralischen Tugenden, der Keuschheit und der Frauenehre über Sittenverderbnis und Liebesschändung gefeiert wissen will. Eine geschichtliche Untersuchung dieser verschiedenartigen Wirkung von Revolutionen auf das geschlechtliche Verhalten der Verkünder des Neuen und ihrer Bekämpfer, die meines Wissens noch nicht unternommen worden ist, würde für alle Umwälzungen und Umsturzversuche dieselben Erscheinungen zutage fördern, wie sie die bayerischen Ereignisse zeigten …

Allgemein können die Vorgänge in Bayern insofern als besonders typische angesehen werden, als hier die Revolution einen viel dramatischeren Verlauf nahm als - abgesehen von Ungarn, das ein ganz ähnliches Schicksal hatte - in den übrigen durch den Kriegsausgang 1918 in revolutionäre Bewegung geratenen Ländern. Trat in Berlin eine Regierung an die Spitze, deren ganzes Bestreben dahin ging, der durch die Niederlage geschaffenen Lage nur die allernötigsten Zugeständnisse zu machen, nach Möglichkeit aber zu retten, was vom alten System irgend zu retten war, so ging man in München ans Werk, dem Staat wenigstens in politischer Hinsicht ein völlig verändertes Gesicht zu geben. Die Republikanisierung Bayerns war unter Führung Kurt Eisners ein ernster Versuch, aus dem Niederbruch der Monarchie auch moralische Konsequenzen zu ziehen, während im Reich die Republik wohl oder übel hingenommen wurde, ihr Inhalt jedoch in blinder Abhängigkeit von der Tradition restlos von der Monarchie übernommen wurde. So verursachten in Norddeutschland auch die Versuche der um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gescharten Arbeiter, die alte Herrschaft von innen heraus zu brechen, von Anfang an gewaltsamen Gegendruck unter Verwendung gerade der Kräfte, die durch das Versagen der von den Novemberereignissen weggespülten Verhältnisse am meisten kompromittiert waren, und die Kämpfe, die in den Jänner- und Märzmorden in Berlin kulminierten, trugen den Charakter einer Konterrevolution ohne eigentliche Revolution.

In Bayern stemmten sich zwar wesensverwandte Gesinnungsgenossen der Berliner Machthaber ebenfalls dem vordrängenden Radikalismus entgegen, standen aber völlig in der Defensive, und die Revolutionsbewegung entwickelte sich in stürmischem Tempo vorwärts, drängte in raschem Wechsel glücklicher und unglücklicher Ereignisse großen Entscheidungen entgegen, ermannte sich nach der Ermordung Eisners zu weitestreichenden Entschlüssen sozialistischer Verwirklichung, erlebte die Bekriegung durch aus allen Teilen Deutschlands in aller Eile herbeigezogene weißgardistische Landsknechtsarmeen, kämpfte in heroischer Entschlossenheit unter furchtbaren Opfern um ihre Ideale und ertrank schließlich in einem Ozean von Blut, Mord, Plünderung, Schändung, Lästerung und Justizrache.

An Hand revolutionärer Dekrete läßt sich die Einwirkung der Revolution in Bayern auf die Sexualauffassungen der öffentlichen Moral nirgends feststellen. Die erste Revolutionsperiode vom 7. November 1918 bis zu Eisners Ermordung (21. Februar 1919) griff dort in die Fragen der allgemeinen Menschenrechte so wenig ein wie im übrigen Deutschland. Alle Kundgebungen der Regierung und der revolutionären Organe bezogen sich auf die politische Demokratisierung des Staates und bestenfalls auf soziale Maßnahmen zugunsten der ökonomischen Arbeiterinteressen.

Nach dem 21. Februar, in der zweiten Revolutionsperiode, die bis zum 6. April gerechnet werden kann, beschäftigte sich das Proletariat schon ernsthafter auch mit Problemen der inneren Wandlung gesellschaftlicher Vorstellungen. Doch hatte der zunächst souveräne Rätekongreß sich fast ausschließlich mit der Neuorganisation der öffentlichen Gewalt zu beschäftigen und fand wenig Zeit, grundsätzliche Zukunftsforderungen zu stellen, und die von ihm eingesetzte Regierung und die ihr beigeordneten Kommissariate hatten erst recht ihre Tätigkeit zu spezialisieren, fanden wohl auch keinen Anlaß, das erotische Verhalten der Massen zu beobachten und Reformen des staatlichen Rechtes auf diesem Gebiet anzubahnen. Die dritte Revolutionsperiode endlich, von der Ausrufung der Räterepublik (7. April) bis zum Einmarsch der Weißen Armee in München (1. Mai), hatte keine Zeit, andere Dinge zu betreiben als die militärische Verteidigung der von den Arbeitern und Bauern geschaffenen revolutionären Tatsachen. Die außerordentlich freiheitlichen Pläne, die unser Volksbeauftragter für Bildung und Volksaufklärung, Gustav Landauer, für die Neugestaltung des gesamten Schul-, Universitäts- und Akademiebetriebes fertiggestellt hatte und die natürlich nicht mehr zur Ausführung gelangen konnten, zeigten aber, daß die Räterepublik entschlossen war, auf allen Gebieten des geistig-seelischen Lebens ebenso wie auf denen der Wirtschaft moderne Anschauungen zur Geltung zu bringen.

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft und mithin die Problematik der Ehe als Rechtsgut konnte in Bayern nur wegen der kurzen Dauer der Räteherrschaft nicht zum Gegenstand revolutionärer Entscheidungen werden. Auch die russische Revolution beschränkte sich in der ersten Zeit darauf, der Entwicklung der revolutionären Sexualmoral keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen, und zog die verfassungsrechtlichen Folgerungen erst nachher aus den Erfahrungen der Praxis. Im übrigen ist die Erkenntnis, daß eine Revolution sich erst festigen kann, wenn mit den alten Gewalten auch die alte Moralauffassung in der Stellung der Geschlechter zueinander beseitigt ist, nicht erst die Errungenschaft unserer Tage. Schon zu Anfang der Französischen Revolution trat der Freigeist Boissel mit seinem „Catechisme du genre humain“ - erschienen 1789! - hervor, worin er Eigentum, Religion und Ehe als die drei Erfindungen bezeichnet, durch die die Menschen versucht haben, ihrer Herrschsucht eine legitime Grundlage zu geben.

Maßnahmen, offizielle Anträge oder auch nur vorbereitende Besprechungen, die die Aufhebung der Ehe oder sonst eine radikale Durchbrechung der monogamischen Sitten der Gesellschaft bezweckt hätten, sind in der bayerischen Revolution nicht zutage getreten. Die Gleichberechtigung der unehelichen Mütter und Kinder, die Aufhebung der Strafbarkeit des nach bayerischem Polizeistrafrecht als „Unzucht“ geächteten Konkubinats wurde in Versammlungen gefordert, aber in der Praxis erst viel später und nur zum Teil verwirklicht, soweit die öffentliche Moral trotz der Gegenrevolution die gar zu reaktionäre und unsoziale Haltung der Behörden nicht mehr duldete.

Die ungeheure Erstarkung der kirchlichen Macht gerade in Bayern hat viel schon Erreichtes wieder verschüttet, und heute steht Bayern bezüglich moralischer Engstirnigkeit und bockbeinigem Zelotentum an der Spitze aller deutschen Länder. Vorausgesehen haben diese Entwicklung in der Revolutionszeit vor allem die radikal-bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, die im Rätekongreß in allen wichtigen Fragen mit dem äußersten linken Flügel zusammengingen. So wurde am 7. März ein von Dr. Anita Augspurg, Lydia Gustava Heymann und anderen eingebrachter Antrag verhandelt, der diesen Wortlaut hatte: „Ausbauung und Ergänzung des Rätesystems durch Errichtung von Frauenräten, um insbesondere auf dem Lande der Propaganda der Reaktion durch Aufklärung und Politisierung der Frauen entgegenwirken zu können.“ (Stenographischer Bericht vom 25. Februar bis 8. März 1919.)

Anita Augspurg begründete den Antrag, der sich besonders gegen die politische und moralische Beeinflussung der Frauen auf dem Lande durch die Geistlichkeit wendete. Wie sehr aber die Rednerin auf die schnelle Modernisierung des ganzen gesellschaftlichen Lebens und mithin auf die restlose Anerkennung der Gleichberechtigung der Frauen in allen Bezirken der Öffentlichkeit durch das Fortschreiten der Revolution vertraute, geht aus der Bemerkung hervor, daß sie in den beantragten Frauenräten „nur zeitlich beschränkte Einrichtungen“ sehe. „Ich hoffe“, führte sie aus, „daß sie in fünf, zehn, fünfzehn Jahren wieder verschwinden können und daß die Frauen dann so weit politisch gebildet und interessiert sind, daß sie in den allgemeinen Arbeiter- und Bauernräten mitarbeiten und tätig sein werden. Aber für die Zwischenzeit halte ich es für notwendig, daß Frauenräte eingerichtet werden, und zwar auf öffentlich-rechtlicher Grundlage. Ich halte es für sehr nötig, daß die Frauen in ihrer Eigenschaft als Mütter imstande sind, die Erziehung und die Interessen ihrer Kinder von früher Jugend an auf die politischen Gesichtspunkte hinzulenken und ihnen die Wirksamkeit der öffentlichen Einrichtungen klarzumachen.“

Der Antrag Augspurg-Heymann wurde - bezeichnend genug - nur von uns ganz Linken unterstützt. Die Gemäßigten, die im Kongreß die Mehrheit bildeten, mochten eine Befreiung der Frau gerade in ihrem Geschlechtswillen als Wirkung der politischen Verselbständigung ahnen; sie brachten den Antrag zu Fall.

Vielleicht hat diese Spießbürger auch die erotisch durchflutete Luft geängstigt, die, wie ich glaube, eingangs plausibel gemacht zu haben, vom Atem der Revolution selbst ausgeht. Die Verdächtigungen, die in der bayerischen wie in jeder anderen Revolution laut geworden sind, als hätte den Frauen in mänadenhafter Trunkenheit revolutionäre Begeisterung zum Vorwand schamloser Aufführung gedient, sind ebensolche Tendenzlügen wie die Behauptung, die Führer der revolutionären Bewegung seien (außer von materiellen Interessen, die selbstverständlich von der Gegenrevolution unterstellt wurden) auch von der Aussicht auf Befriedigung ihrer geilen Triebe geleitet worden, die Massen bis zur Besinnungslosigkeit aufzuregen, und so seien wilde Orgien und Nacktgelage unter Teilnahme aller bekannten revolutionären Persönlichkeiten an der Tagesordnung gewesen.

Erst mit dem Niederbruch der Revolution scheint in München die kraftvolle Erotik, die das Attribut jeder hoffnungsfreudigen Massenbewegung ist, einer schwächlichen und verkrampften Sexualität gewichen zu sein. Mit dem Einmarsch der Weißen Truppen und vorher schon, als die Zuversicht, die Räterepublik zu halten, bei vielen verlorenging, als die Hiobsposten über den Fall immer weiterer revolutionärer Positionen, über die Grausamkeit, mit der die Gefangenen niedergemetzelt wurden, und über militärische Niederlagen und Desertionen aus der revolutionären Front einander jagten, trat, wie das stets bei Zusammenbrüchen großer Bewegungen der Fall ist, bei den weniger charakterfesten Revolutionären eine Demoralisierung ein, die sich logischerweise auch auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit bemerkbar machte.

Wie sehr jedoch in Zeiten der Leidenschaft leidenschaftliche Naturen durch erotische Erlebnisse aus der Bahn geworfen werden können, zu was für entsetzlichen Verirrungen eine in solchen Zeiten von Liebesleidenschaft erfaßte Person ausgleiten kann, dafür sei ein Beispiel erzählt. Vom ersten Tag der Umwälzung an beteiligte sich ein Arbeitermädchen, Therese B., mit hingebender Leidenschaft am revolutionären Werk. In jeder Versammlung, bei jeder Demonstration war sie die bekannteste und beliebteste Erscheinung. Immer lief sie mit Flugblättern, spartakistischen Aufrufen und meiner Revolutionszeitschrift „Kain“ herum, die sie mit lauter Stimme ausrief. Auf eigene Faust und in Gemeinschaft mit anderen betrieb sie unermüdlich Haus- und Straßenagitation, in ganz München nannte man sie „die rote Res“. Sie war in den schwierigsten und diskretesten Missionen unbedingt zuverlässig, Tag und Nacht auf dem Posten, gefällig, freundlich und immer gut gelaunt. Wir alle hatten sie sehr gern. Das blieb so vom November an die ganze Revolutionszeit. In der letzten Zeit hatte sie ein Verhältnis mit einem kommunistischen Genossen W., der beim Herannahen der Katastrophe mit wichtigen Funktionen betraut wurde. W. machte sich aber dann schwerer Verrätereien verdächtig und wurde eines Tages ermordet aufgefunden. Die rote Resl hatte ihren Freund gegen den Verdacht in voller Überzeugung von seiner Unschuld leidenschaftlich verteidigt. Nach seinem Tode leistete sie trotzdem ihre Arbeit in der Bewegung weiter, bis sich herausstellte, daß sie selbst, um den Geliebten zu rächen, Verräterin geworden war. Sie trug dem Gegner alles ihr erreichbare Material über die Rote Armee zu und lieferte viele ausgezeichnete Kameraden, die ihr völlig vertrauten und denen sie selbst in monatelanger treuer Kampfgemeinschaft verbunden gewesen war, buchstäblich ans Messer. Es dauerte lange, bis das Unfaßliche von den Genossen überhaupt geglaubt wurde. Ich selbst habe, als mir im Gefängnis die unzweifelhaften Beweise für die Verbrechen der roten Resl vor Augen kamen, geweint, der Fall dieser jugendlichen Arbeiterin ist die einzige verbrecherische Tat aus sexuellen Motiven, die mir auf der Seite der Roten bekannt ist.

Demgegenüber ist bezeichnend, daß die Weißen, um die Wut gegen die Revolutionäre aufs höchste anzustacheln und ihre Sache zu kompromittieren, in ihrem systematischen Verleumdungskrieg gerade Behauptungen aus der Sphäre der Geschlechtlichkeit bevorzugten. Die nach Bamberg geflohene „rechtmäßige“ Rumpfregierung der von uns abgesetzten konstitutionellen Parteien ließ unter den in Bayern einmarschierenden Freikorps Flugblätter verbreiten, die sich als richtige Lynchaufreizungen erwiesen und schreckliche Wirkung taten. Hierin wurden wir alle, die wir im Vordergrund der Revolution sichtbar waren, in der skrupellosesten Weise persönlich in den Schmutz gezogen. Als besonders wirksam zur Aufpeitschung der Mordinstinkte der weißen Landsknechte bewährten sich die Verleumdungen mit sexuellem Unterton. Tatsächlich sind alle auf den Zetteln gebrandmarkten Personen, die nicht fliehen konnten oder, wie ich, bereits außerhalb Münchens in festem Gewahrsam saßen, bei der Verhaftung umgebracht worden. Die grauenhafte Ermordung Gustav Landauers, dieses großen und edlen Geistes, ist allein darauf zurückzuführen, daß den Soldaten in jenen schwarzen Listen eingeredet wurde, Landauer und Mühsam hätten die Frauen verstaatlichen wollen; das bedeute, daß jede Frau von Gesetzes wegen allen Führern der spartakistischen Revolution zur Verfügung stehen müsse. Dieser Wahnsinn wurde ausgerechnet den anarchistischen Revolutionären unterschoben, die bekanntlich den Staat abschaffen und alle Gemeinschaft auf die völlige Freiheit der Persönlichkeit ohne Unterschied des Geschlechtes gründen wollen. Der tolle Galimathias wurde aber geglaubt und tat seine verhängnisvolle Wirkung.

Als ich noch zwei Jahre später aus dem Gefängnis zu einem Zahnarzt geführt wurde, fragte mich der gute Mann, ob wir uns denn nicht überlegt hätten, wie unsere Frauenverstaatlichung die bayerische Bevölkerung erbittern mußte. Ich erklärte ihm natürlich das ganze Geschwätz als blanke Verleumdung ohne eine Spur auch nur mißverstandenen Gehaltes; der Zahnarzt ließ sich aber nicht überzeugen und verachtete mich offenbar nur als einen Menschen, der sein kompromittierendes Verhalten nachträglich nicht mehr wahrhaben wollte. In entlegeneren Teilen Bayerns werden sich wohl heute noch Landauers und mein Name mit der Vorstellung von Lüstlingen verbinden, denen Leben und Schicksal des ganzen Landes für ihre tierischen Begierden feil sind. Ein kommunistischer Agitator, der dem royalistischen Bürgertum besonders verhaßt war, wurde in jenen Steckbriefen ohne den geringsten Beweis als „Gehirnsyphilitiker“ stigmatisiert, und später, als der energische, der Revolution ganz ergebene und persönlich absolut integre Kommunist Eugen Leviné vom Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen war, verleumdete ihn die antisemitische Presse durch die infame Beschuldigung, er habe sich an der gefangenen Gräfin Westarp, der Sekretärin der Thule-Gesellschaft, vergriffen.

Die Gräfin Westarp wurde am 30. April 1919 mit sechs anderen Konterrevolutionären, die als Untersuchungsgefangene im Luitpoldgymnasium in München saßen, unter dem Eindruck der Ermordung von dreißig Rotgardisten, die in Starnberg erfolgt war, standrechtlich von den Roten erschossen. Die Angelegenheit ist unter dem unzutreffenden Namen „Geiselmord“ greuelhaft aufgezogen und zu einer blutrünstigen Hetze gegen alle Revolutionäre benutzt worden. Leviné hatte mit der Festnahme und der Erschießung der Thule-Leute nicht das allermindeste zu tun. Dessenungeachtet hat man ihn nach seinem Tod im Zusammenhang damit eines schmählichen Sexualverbrechens bezichtigt.

Wollte man den unwahren Behauptungen über sadistische Akte der Revolutionäre die nachweislich wahren Sexualverbrechen der mordend und plündernd in München wütenden „Befreier“ gegenüberstellen, so ergäbe sich dasselbe Bild wie überall, wo verwilderte Scharen sich mit geilen Nerven auf einen besiegten Feind stürzen. Hier fehlt es durchaus an den ethischen Sicherungen des Gewissens, die die für eine neue und bessere menschliche Gesellschaft kämpfenden Revolutionäre stets vor geschlechtlichen Roheitsexzessen beschützen. So fürchterliche Entartungen des Gefühles, wie sie in München bei standrechtlichen Erschießungen von spartakistischen Frauen im Stadelheimer Gefängnishof vorkamen, dürften in der Revolutionsgeschichte aller Länder von revolutionärer Seite niemals verzeichnet sein. Dort haben die weißen Pelotons zu wiederholten Malen die ersten Schüsse auf die Geschlechtsteile von Frauen und Mädchen gezielt, in anderen Fällen die Exekution vollzogen, indem sie zuerst in die Beine, dann in den Unterleib schossen und sich an den Qualen der langsam verendenden Opfer weideten. Leider sind diese entsetzlichen Dinge, für deren Wahrheit Zeugen beizubringen sind, selbst von den frömmsten Staatsstützen stets unterdrückt worden, um den Abscheu der Mitwelt ungeteilt auf die politischen Feinde der kapitalistischen und klerikalen Staatsordnung konzentrieren zu können. Denn es gilt auch für die Erotik der Revolutionen, was Ricarda Huch einmal allgemein festgestellt hat: „Immer wieder wird die Erfahrung gemacht, daß der rote Schrecken harmlos und gutartig ist gegen den weißen! Aber jenen zeichnen die Geschichtsbücher durch die Jahrhunderte auf, über diesen gleiten sie mit verlegenen Redensarten hinweg.“

Originaltext: Magnus Hirschfeld (Hg.): Zwischen zwei Katastrophen, Hanau 1966

Aus: Viesel, Hansgörg (Hg.): Literaten an der Wand. Die Münchener Räterepublik und die Schriftsteller. Büchergilde Gutenberg 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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