Christoph Knüppel - „In eine abschreckend katholische Gegend sind wir hier geraten“. Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Anarchist Gustav Landauer in Bregenz

1. Einleitung

Dass der deutsch-jüdische Schriftsteller und anarchistische „Antipolitiker“ Gustav Landauer (1) in den Jahren 1894/95 zeitweise in Bregenz wohnte, hat in der Forschung, die mit der Wiederentdeckung Landauers im Zuge der Studentenbewegung einsetzte, bisher kaum Beachtung gefunden. Erstmals erwähnt wird dieser Sachverhalt in zwei englischsprachigen Monographien. Charles B. Maurer, der zuletzt als Bibliotheksdirektor an der Denison Universität in Granville (Ohio) tätig war und dessen Buch die überarbeitete Fassung seiner Dissertation darstellt, datiert Landauers Aufenthalt auf den Zeitraum „nach April“ bis zum Ende des Jahres 1895 und behauptet fälschlich, Landauer habe in Bregenz eine (unbekannte) Zeitung herausgegeben. (2) Eugene Lunn, der bis zu seinem Tod 1990 als Historiker an der Universität von Kalifornien lehrte, schreibt zutreffend, dass Landauer sich bereits 1894 in Bregenz aufgehalten hat, nimmt jedoch an, dass er nach seinem zweiten Aufenthalt schon im August 1895 nach Berlin zurückgekehrt sei. Ähnlich wie Maurer behauptet er, dass Landauer in Bregenz „für wenige Monate“ eine (unbekannte) Zeitschrift herausgegeben habe. Zunächst, so Lunn, habe Landauer jedoch die Vorarlberger Textilarbeiter beobachtet. (3) Lunns Angaben hat dann Ulrich Linse 1974 in einer Zeittafel zu Landauers Biographie übernommen. (4) Diese dürftigen Hinweise, die sich hauptsächlich auf eine Anmerkung in der vor nunmehr 80 Jahren von Martin Buber herausgegebenen Briefauswahl stützen, (5) sind bis heute nicht weiter vertieft worden. In Bregenz selbst wurde Landauers Aufenthalt erstmals 1980 von Eberhard Tiefenthaler, dem damaligen Leiter der Vorarlberger Landesbibliothek, zur Kenntnis genommen. In einem Mitteilungsblatt des Landesarchivs schreibt er: „Ganz überraschend hat sich herausgestellt, dass der deutsche Philosoph, Literaturwissenschaftler [sic!] und Sozialist Gustav Landauer [...] im Sommer 1895 einige Monate in Bregenz verbracht hatte.“ (6) Entdeckt hatte er den Namen in einem Protokollbuch der Bezirkshauptmannschaft für das Jahr 1895. (7) Tiefenthalers Hinweis scheint jedoch keine weiteren Nachforschungen ausgelöst zu haben. Auch in der einschlägigen Literatur zum österreichischen Anarchismus und zur Arbeiterbewegung in Vorarlberg findet Landauers Aufenthalt in Bregenz keine Beachtung. (8) Die Gründe hierfür sind, dass der Eintrag im Protokollbuch der Bezirkshauptmannschaft zwar belegt, dass Landauer 1895 in Bregenz polizeilich überwacht wurde, die dazugehörige Akte jedoch um 1900 einem Hochwasser zum Opfer fiel (9), und dass Landauer in Bregenz politisch nicht öffentlich in Erscheinung trat. Ausgehend von den in Landauers Teilnachlässen vorhandenen Briefen, den Angaben in deutschen Archivakten und einigen Zeitungsartikeln lässt sich allerdings ein halbwegs präzises und vollständiges Bild seines Bregenzer Aufenthalts gewinnen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

2. Ein Anarchist in Vorarlberg

Nachdem Gustav Landauer in Heidelberg, Straßburg und Berlin neuere Philologie und Philosophie studiert hatte, ohne einen Abschluss zu erwerben, schloss er sich im Februar 1892 den „Unabhängigen Sozialisten“ an, die sich nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes als linke Opposition zur sozialdemokratischen Partei formiert hatten. Bereits im Februar 1893, mit 22 Jahren, übernahm er die Redaktion ihres Organs Der Sozialist und machte diesen binnen kurzer Zeit zur ersten anarchistischen Zeitung, die auf deutschem Boden erschien. Seit dem 22. Juli 1893 wurde dieser Wandel auch durch den neuen Untertitel „Organ aller Revolutionäre“ zum Ausdruck gebracht. Daneben tat er sich als Versammlungsredner hervor und wurde im August 1893 von den Berliner Unabhängigen und Anarchisten zum internationalen Arbeiterkongress in Zürich delegiert. Am 13. Oktober 1893 wird Landauers politische Karriere dann jäh unterbrochen: Er wird in seiner Charlottenburger Wohnung verhaftet und nachfolgend wegen eines ungezeichneten, aber zweifelsfrei von ihm selbst verfassten Artikels im Sozialist und wegen zweier Reden über den Züricher Kongress zu einer Strafe von insgesamt elf Monaten Gefängnis verurteilt. Dies wiegt in seiner Situation um so schwerer, als seine Lebensgefährtin, die Schneiderin Margarethe Leuschner (10), zu dieser Zeit hochschwanger ist. Die ersten Monate seiner Haft verbringt Landauer im Untersuchungsgefängnis Moabit. Am 27. Januar 1894, kurz nach der Geburt seines Kindes, verlegt man ihn nach Sorau in der Niederlausitz. Besuch erhält er dort kaum, und so nutzt er die über ihn verhängte Ruhezeit und arbeitet, ausgestattet mit dem Privileg der „Selbstbeschäftigung“, Schriften der Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, des Psychologen Wilhelm Wundt, des Physikers Hermann von Helmholtz, des katholischen Kirchenhistorikers Johannes Janssen und des antisemitischen Volkswirtschaftlers und Philosophen Eugen Dühring durch. Im April 1894 denken Landauer und Margarethe Leuschner dann erstmals darüber nach, Berlin zu verlassen und ihren Wohnsitz vorübergehend nach Süddeutschland zu verlegen. Dabei ist neben Urach, einer schwäbischen Kleinstadt, in der Landauer zwei Jahre zuvor seinen von Nietzsches Zarathustra beeinflussten Roman Der Todesprediger (1893) abgeschlossen hat, zunächst vor allem die südliche Umgebung von München im Gespräch. Das österreichische Bregenz wird erstmals in einem Gefängnisbrief an Margarethe Leuschner vom 28. Mai 1894 erwähnt:

„Wie steht es mit unserm Umzug? Es wird wohl noch nichts entschieden sein, und da will ich Dir doch sagen, dass der Bodensee jetzt angefangen hat mir zu gefallen. Aber nicht Konstanz, noch weniger Friedrichshafen; auch nicht Lindau. Dagegen denke ich mir Bregenz oder die dortige Gegend sehr schön; und vor allem für uns Vagabunden (ein bisschen wollen wir’s auch jetzt noch bleiben, nicht wahr?) liegt es sehr angenehm: nicht allzu weit von München, nahe am Allgäu, unweit der schönsten Teile der Schweiz (Chur, Davos) und nur ein Katzensprung nach Italien. Dagegen gestehe ich, dass mir entfallen ist, ob Bregenz zu Österreich oder Bayern oder der Schweiz gehört; ist aber auch egal.“ (11)

Den Bodensee, insbesondere Friedrichshafen, kannten Landauer und Margarethe Leuschner durch ihre Reisen nach Zürich im Winter 1892/93 und im August 1893. Als Schüler hatte Landauer außerdem die Sommerferien regelmäßig bei seinen Großeltern in Buchau und Buttenhausen sowie bei Verwandten in Riedlingen an der Donau verbracht – gut möglich, dass man von dort aus einen Ausflug zum Bodensee unternahm. Im August 1894 jedenfalls wird Landauers Vetter Hugo Landauer, der damals ein Textilgeschäft der „Brüder Landauer“ in Biberach führte (12), damit beauftragt, in Seenähe eine Wohnung anzumieten. Wenig später erfolgt die freudige Mitteilung, dass er eine Wohnung in der Bregenzer Oberstadt gefunden hat. Das Haus am Ehregutaplatz 1, in dem fünf weitere Parteien wohnen, umschließt das einzige erhaltene Stadttor der Oberstadt und gehört dem freisinnigen Buchdrucker und Verleger Anton Flatz, der seit 1886 das Bregenzer Tagblatt verlegt und als verantwortlicher Redakteur auch leitet. (13) Aus der kleinen Wohnung im zweiten Stockwerk eröffnet sich ein weiter Blick über den Bodensee. Die Miete in Höhe von 30 Mark übernimmt Hugo Landauer, der das junge Paar schon früher finanziell unterstützte, nachdem Landauer von seinem Vater, dem Karlsruher Kaufmann Hermann Landauer, auf Grund seiner politischen Aktivitäten kein Geld mehr erhalten hatte.

Als Landauer am 2. Oktober 1894 endlich aus der Haft entlassen wird, kehrt er zunächst nach Berlin zurück. Dort will er vor dem bevorstehenden Umzug nach Bregenz Margarethe Leuschner standesamtlich heiraten. Die politische Polizei, die seine Schritte nun wieder überwacht, zeigt sich bestens informiert und vermerkt am 9. Oktober 1894: „Landauer gedenkt Ende dieser Woche die p. Leuschner zu heirathen und will dann seinen Wohnort in der Schweiz, in einem Städtchen nahe am Bodensee, nehmen.“ (14) Offenbar aus formalen Gründen kommt die Heirat vorerst jedoch nicht zustande. Im nächsten Bericht heißt es: „Landauer ist am 13. d. Mts. morgens 8.20 Uhr vom Anhalter-Bahnhof [...] in aller Stille abgereist; in seiner Begleitung befanden sich die unv. Margarethe Leuschner und beider Kind. Die Hochzeit ist bis auf Weiteres verschoben worden.“ (15) Die Familie reist zunächst nach Karlsruhe, Landauers Geburtsort. Dort stellt ihm das Bezirksamt am 15. Oktober 1894 einen Reisepass „auf die Dauer von drei Jahren zum Zwecke des Aufenthaltes im Ausland“ aus. (16) Unmittelbar darauf meldet das Bezirksamt dem badischen Innenministerium, dass sich Landauer mit seiner Familie in Bregenz niederlassen wolle, und macht gleichzeitig der Bezirkshauptmannschaft in Bregenz „geeignete Mitteilung“ über die Persönlichkeit des Passinhabers. Am 20. Oktober geht diese Mitteilung bei der Bezirkshauptmannschaft ein und wird sogleich an den örtlichen Gendarmerieposten weitergeleitet. (17) Landauer ist mit Margarethe Leuschner und der gemeinsamen Tochter Charlotte Clara bereits am 16. Oktober in Bregenz eingetroffen, vermutlich in Begleitung seines Vetters Hugo Landauer.

Auch den Zeitungen ist Landauers Wegzug aus Berlin nicht verborgen geblieben. So berichtet etwa die Konstanzer Zeitung unter Berufung auf den Berliner Reichsboten: „Nach elfmonatlicher Haft wurde letzte Woche der Redakteur des anarchistischen ‚Socialist’, cand. phil. Gustav Landauer, aus dem Zellengefängnis in Sorau entlassen und siedelte mit Frau und Kind nach Konstanz am Bodensee über, wo er sich der Ausarbeitung eines Romans, den er bereits im Gefängnis begonnen hatte – er genoß das Vorrecht der Selbstbeschäftigung – widmen will. Landauer beabsichtigt, sich von der Politik gänzlich zurückzuziehen und nur noch litterarisch thätig zu sein.“ (18)

In der Tat will Landauer, der sich in der Großstadt zeitlebens unwohl fühlte, vorübergehend seine politische Agitation gegen Staat, Kirche und Sozialdemokratie und für eine herrschaftsfreie Gesellschaft einstellen und sich literarischen Arbeiten widmen, insbesondere der Vollendung seiner Novelle Lebenskunst, die er im Gefängnis begonnen hat. An seinen Studienfreund Otto Dempwolff schreibt er kurz nach seiner Ankunft: „Ich will es vermeiden, mich in demselben überhasteten Tempo verbrauchen zu lassen, wie das während meiner letzten Berliner Zeit der Fall war.“ (19) Eine Ablenkung durch anarchistische Gesinnungsgenossen brauchte Landauer in Bregenz nicht zu befürchten. Die einzigen anarchistischen Gruppen in Österreich bestanden damals in Wien und in Graz. (20) Auch die Sozialdemokratie, die in Vorarlberg als eine Partei der „Fremden“ galt, spielte nur eine marginale Rolle. (21)

Den Unterhalt für sich und seine Familie hofft Landauer durch Artikel und Rezensionen für die Frankfurter Zeitung, die Neue deutsche Rundschau, das Magazin für Litteratur, Theodor Barths Nation und Maximilian Hardens Zukunft verdienen zu können. Diese Hoffnung erfüllt sich allerdings nicht. Nur Harden druckt einen längeren Artikel Landauers (22) und in der freisinnigen Nation erscheinen einige wenige Rezensionen. Vereitelt werden seine literarischen Pläne aber vor allem durch eine schwere Nierenentzündung seiner Frau, die bereits um den 1. November 1894 ausbricht und die Verabreichung starker Schmerzmittel erforderlich macht. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass Landauer mit seiner Familie Bregenz vermutlich bereits am 29. Dezember 1894 wieder verlässt (23) und am 5. Januar 1895 wieder in Berlin eintrifft. (24) Als sich die Krankheit dort noch verschlimmert, muss Landauer seine Frau am 14. Januar ins Jüdische Krankenhaus einliefern. Hier bleibt sie, nach einer Operation, bei der die Hälfte der linken Niere entfernt wird, bis zum 30. März. Der Chirurg Eugen Holländer, der sie behandelt hat, rät dringend zu „äußerster Schonung“ und einem Aufenthalt auf dem Land. Die Familie mietet sich daraufhin zunächst im Haus der Brüder Bernhard und Paul Kampffmeyer, die mit ihrem Erbe die Herausgabe des Sozialist unterstützt hatten, im Vorort Friedrichshagen ein. (25) Zu allem Überfluss hatte der Sozialist am 12. Januar 1895 sein Erscheinen einstellen müssen. Nachdem im Vorjahr bereits seine Redakteure – darunter Ladislaus Gumplowicz, Wilhelm Spohr und Albert Weidner – nacheinander verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, wurden bei zwei polizeilichen Durchsuchungen am 10. Dezember und 14. Dezember 1894 sämtliche Korrespondenzen der Redaktion und der Expedition, ferner die Geschäftsbücher und Abonnementslisten beschlagnahmt. (26) Die für die Ausgaben vom 8. Dezember und 15. Dezember 1894 verantwortlichen Redakteure Paul Petersdorf und Georg Warsönke wurden verhaftet. Als danach auch noch sämtliche an den Sozialist gerichteten Postsendungen  und Geldzahlungen einbehalten wurden, mussten die verbliebenen Zeitungsmacher aufgeben. (27) Angesichts der Verfolgungsmaßnahmen, die vor dem Hintergrund der im Reichstag beratenen Umsturzvorlage begriffen werden müssen, findet sich in einem Leitartikel der Satz: „Wir kennen in Deutschland noch Rechtszustände, die höchstens in den Zuständen des heiligen Rußlands und des gemüthlichen Österreichs eine Parallele finden.“ (28)  In der gleichen Nummer erscheint ein letzter, zweifellos in Bregenz verfasster Artikel Landauers über die „Demagogen der Reformationszeit“ (gemeint sind damit vor allem die „Fürstenknechte“ Luther und Melanchthon), der erneut zur Beschlagnahmung führt. Der verantwortliche Redakteur wird wegen der „Beschimpfung einer christlicher Kirche“ zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Damit haben sich Landauers legitime Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme seiner Redaktionstätigkeit vorerst zerschlagen.

Allerdings war zur gleichen Zeit unter den Berliner Anarchisten eine Bewegung entstanden, die den bisher propagierten, aber wenig erfolgreichen Klassenkampf mittels lokaler Gewerkschaften durch positives Handeln, nämlich durch den Aufbau von sozialistischen Genossenschaften ablösen wollte. Diese Bewegung wurde von Landauer begrüßt und nach Kräften gefördert. Im März 1895 verfasst er einen Aufruf  „An die Arbeiterschaft Berlins und Umgegend“, der die Vorbereitung von Konsumgenossenschaften, aus denen später „lebensfähige Produktiv-Genossenschaften“ hervorgehen sollen, ankündigt. (29) Dieser Aufruf erscheint auch in der Wiener Zukunft, die vorübergehend den Sozialist ersetzt. (30) Passend zum 1. Mai 1895 erscheint dann in einer Auflage von 10 000 Exemplaren die anonyme Broschüre „Ein Weg zur Befreiung der Arbeiter-Klasse“, als deren Verfasser sich Landauer wenig später zu erkennen gibt. (31) Statt von der Herbeiführung eines „gewaltsamen Massenausbruchs“ zu träumen, sollten sich die Arbeiter dem tätigen Aufbau einer neuen Gesellschaft widmen. Es gelte daher, den vorhandenen Spielraum zu nutzen und zunächst Organisationen zu schaffen, die den Arbeiter gegen „die Ausbeutung, Vergewaltigung und Überlistung“ durch den Kapitalisten schützen. Solche Organisationen seien allein schon durch ihre antikapitalistische Tendenz „Bildungsstufen“ der sozialistischen Gesellschaft. „Positive Arbeit ist nötig zur Vorbereitung der sozialistischen Gesellschaft; und wenn die so sehr beliebte Frage: ‚Reform oder Revolution?‘ aufgeworfen wird, dann antworte ich, daß diese Frage falsch gestellt ist; sie sollte lauten: Reform oder Phrase? Und da entscheiden wir uns doch wohl für die Reform; das heißt, nicht für die Staatsreform, sondern den Aufbau von freien Arbeiterorganisationen auf dem Wege der energischen und rücksichtslosen Selbsthilfe. Hoffen wir, daß dann spätere Geschichtsschreiber, nach dem Sieg der sozialistischen Sache, werden mit Recht sagen können: Diese Selbsthilfe – das war die eigentliche Revolution.“ (32) Nachdem bereits in einer Versammlung am 28. April unter Landauers Beteiligung die Konsumgenossenschaft „Befreiung“ gegründet wurde, kann diese am 2. August in das Genossenschaftsregister eingetragen werden und am 1. Oktober 1895 in der Kottbuserstraße 11 ihr erstes Geschäftslokal eröffnen. (33) Zu den Unterstützern der anarchistischen Genossenschaftsbestrebungen gehörte auch der bekannte pazifistische Offizier Moritz von Egidy, der für ein undogmatisches und überkonfessionelles Christentum eintrat und den Landauer damals näher kennen lernte.
 
Die Familie Landauer hat Berlin jedoch schon kurz nach Erscheinen der Genossenschaftsbroschüre verlassen. Am 6. Mai reisen sie zu Landauers Eltern nach Karlsruhe, um den 17. Mai 1895 setzen sie dort ihre Reise fort und beziehen wieder ihre Wohnung in Bregenz. (34) Nachdem im März 1895 Landauers halbherzig betriebener Versuch gescheitert war, seiner Vorbestrafung zum Trotz an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität ein Medizinstudium aufzunehmen, bemüht sich der arbeitslose Anarchist verstärkt um eine Stelle als Zeitungsredakteur. In diesem Zusammenhang wendet er sich am 23. April 1895, also noch von Berlin aus, an seinen Bregenzer Vermieter Anton Flatz und schlägt diesem vor, in dessen Verlag „eine aufklärende Wochenschrift für Vorarlberg und Tirol“ herauszugeben. (35) Umgehend antwortet ihm Flatz mit den folgenden Worten:

„Ihr wertes Schreiben habe gestern erhalten und kann nicht umhin Ihnen schon heute Ihrem darin ausgesprochenen Plane meine vollste Zustimmung zu geben und Sie zugleich meiner ganzen Sympathie hierfür zu versichern. Es würde mich sehr freuen, sollte sich dieses Projekt sehr bald realisieren und ich selbst werde hierzu mein Möglichstes beitragen. Bei diesem Unternehmen wird man hierzulande allerdings mit leider noch zu mächtigen Gegnern zu rechnen haben die nicht zu unterschätzen sind (36), was aber nur ermutigen kann, sich dem hehren Ziele für wahres Volkswohl mit aller Energie zu widmen: Durch Kampf zum Sieg! – Angenehm wäre mir auch näheres zu erfahren über Format, Umfang, Einteilung, Inhaltsprogramm u. dergl. auf die Zeitschrift Bezughabendes. Bei wöchentlichem Erscheinen müßte die Ztg. gestempelt sein, bei 14tägigem nicht. – Ließe sich dieselbe nicht mit dem [Bregenzer] Tagblatt verschmelzen? Zum Druck und Verlag könnte ich mich nur dann herbeilassen, wenn mir die Herausgabe für mehrere Jahre garantiert würde. Auch hierüber, wie Sie diese Angelegenheit arrangieren und führen wollen und was außer Druck und Verlag meine weitere Aufgabe wäre, wäre mir Aufklärung erwünscht.“ (37)

Nach diesen vollmundigen Beteuerungen kehrt bei den Verhandlungspartnern bald wieder Ernüchterung ein. Als Landauer nach Bregenz zurückkehrt, stellt sich im direkten Gespräch heraus, dass Flatz seinem Gegenüber die Rolle des Geldgebers zugedacht hatte. Landauer schreibt darüber an Fritz Mauthner:

„Die Sache mit dem hiesigen Blatt wird aller Voraussicht nach nichts; mit Bestimmtheit sogar nichts. Der Mann ist ganz gut – moralisch, weniger gut scheint er geschäftlich. Er dachte sich, er bekomme die feste Bezahlung und ich übernehme das Risiko, während ich es umgekehrt meinte. Daher auch seine Begeisterung für den Plan. Es fehlt also der Boden zur Verständigung.“ (38)

Dass Flatz, der mit seiner Ehefrau Emma Flatz, geb. Weingärtner fünf Kinder hatte, in bedrängten finanziellen Verhältnissen lebte, wird durch die Tatsache unterstrichen, dass er das Torhaus am Ehregutaplatz 1896, also nur ein Jahr darauf,  im Wege eines „exekutiven Versteigerungsaktes“ verlor. (39) Auch in dem von Flatz herausgegebenen Bregenzer Tagblatt lassen sich in der Folgezeit keine politischen oder literarischen Artikel von Gustav Landauer nachweisen. Im Juni 1895 bereitet Landauer Auszüge aus seinem Gefängnistagebuch für den Abdruck in der Zeitschrift Der sozialistische Akademiker vor, die Hans Baake in Berlin herausgibt. (40) Außerdem arbeitet er vermutlich an einer „Kritik der Schopenhauerschen Philosophie“, ein Vorhaben, das er dann später seinem Freund Mauthner überlässt. (41) Seine berufliche Perspektivlosigkeit wird in dem bereits zitierten Brief an Fritz Mauthner deutlich:

„Ich habe nun vor, wenn sich mir vorher nichts bietet, bis zum Herbst hier zu bleiben. Findet sich bis dahin absolut keine lohnende Schriftstellerbeschäftigung, so muss ich bis dahin entschlossen sein, Medizin zu studieren, wozu ich, als dem ungefähren Ende meines litterarischen Daseins, die denkbar grösste Unlust habe. Auch glaube ich nicht es durchführen zu können, da mein Leben mir dann keinen rechten Sinn mehr hätte. Wenn Sie also noch etwas für mich finden können, was mich und die Meinen, ohne mich Schriftsteller zu beerdigen, nährt etc., so wäre ich Mensch und Schriftsteller Ihnen fürs Leben dankbar. Oder können Sie mir wenigstens raten, wie ich es anstellen muss?“ (42)

Ein Ausweg aus dieser Situation deutet sich erst im Juli 1895 an. Zu dieser Zeit bereiten einige Berliner Anarchisten unter der Führung des Tischlers Richard Weiß und des kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassenen Feinmechanikers Wilhelm Spohr das Wiedererscheinen des Sozialist vor und fragen bei Landauer an, ob er bereit wäre, Verlag und Redaktion des Blattes zu übernehmen. Hugo Landauer sagt seinem Vetter für dieses Vorhaben seine Unterstützung zu und spätestens am 26. Juli 1895 sind die brieflichen Verhandlungen – Landauer konnte ein Monatsgehalt von 150 Mark vereinbaren – erfolgreich abgeschlossen. Jedenfalls bereitet Landauer, froh über die neue Aufgabe, nun mit Feuereifer die erste Nummer der „Neuen Folge“ vor und wendet sich mit der Bitte um Beiträge an seine Schriftstellerfreunde, darunter Wilhelm Bölsche, Julius Hart und Fritz Mauthner. Marie von Ebner-Eschenbach bittet er – allerdings vergeblich – um die Erlaubnis, ihre Erzählung „Das Gemeindekind“ (1887) abzudrucken. (43) Mauthners realistischer Befürchtung, dass Landauer erneut mit dem Gesetz in Konflikt kommen könnte, begegnet dieser mit dem Hinweis auf den „lehrhaften“ Charakter der geplanten Zeitung, die auch mit einer literarischen Beilage versehen sein werde. „Das Hauptblatt führt den Kampf für die Kultur der Zukunft und gegen die Unkultur der Gegenwart, das Beiblatt will die Leser an der Kultur der Gegenwart teilnehmen lassen.“ (44) Dass die Macher der Zeitung trotz aller Vorsicht auch weiterhin staatlichen Repressionen ausgesetzt sein werden, zeigt sich freilich schon wenige Tage später. Noch vor Auslieferung der ersten Nummer wird eine Versammlung in Berlin, mit der die Öffentlichkeit auf das „bevorstehende Neu-Erscheinen des Sozialist“ vorbereitet werden soll, polizeilich aufgelöst, als der Anarchist Karl Wiesenthal ganz im Sinne Landauers dazu aufruft, Genossenschaften zu bilden, um die bestehenden Zustände zu überwinden. (45) Unter dem Datum des 17. August 1895 – die Auslieferung erfolgte bereits am 15. August – kann dann aber planmäßig die erste Nummer des Wochenblatts erscheinen. Der Untertitel lautet nun Organ für Anarchismus-Sozialismus, die Auflage liegt anfangs bei 3500 Exemplaren. Landauers emphatischer Leitartikel zur „Wiedergeburt des Sozialist“ beginnt mit dem Auferstehungsbericht aus dem Lukasevangelium und endet mit einem Zitat aus Nietzsches Zarathustra, das wohl nicht nur eine politische Haltung, sondern auch Landauers innere Situation widerspiegelt:

„Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern. So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm heiße ich meine Segel suchen und suchen. An meinen Kindern will ich es gut machen, daß ich meiner Väter Kind bin: und an aller Zukunft – diese Gegenwart!“ (46)

Bis zur achten Nummer vom 5. Oktober 1895 erscheint das Wochenblatt mit der Verlegerangabe „Gustav Landauer, zur Zeit in Bregenz“. Nomineller Redakteur ist der Zigarrenmacher Oskar Witzke, nach seiner Verhaftung am 14. September 1897 ersetzt ihn der Tischler Johann Snudat, der am 9. Oktober 1895 auch den Verlag des Sozialist übernimmt, als Expedient fungiert Wilhelm Spohr. (47) In Wahrheit leitet jedoch Landauer den Sozialist und steuert auch den größten Teil der Artikel und Übersetzungen bei. Dies bleibt der politischen Polizei nicht verborgen. So berichtet der mit der Überwachung der Berliner Anarchisten betraute Kriminalkommissar Boesel in einer späteren Gerichtsverhandlung, dass mehrere Briefe, die Landauer im Sommer 1895 im Zuge der Neugründung des Sozialist an den Tischler Richard Weiß gerichtet habe, belegen würden, dass Landauer „der eigentliche geistige Leiter und die Seele des Blattes“ sei. (48) Durch eine solche Konstruktion, also den Einsatz von Strohmännern, sollte vermieden werden, dass der heimliche Redakteur gerichtlich belangt wird. 

Aus den Überwachungsberichten geht ferner hervor, dass Landauer mit seiner Familie bereits am 2. Oktober 1895, genau ein Jahr nach seiner Entlassung aus dem Sorauer Gefängnis, nach Berlin zurückkehrte. (49) Nachdem sie vorübergehend bei seinem Freund Wilhelm Spohr in Friedrichshagen Unterschlupf gefunden haben, teilt Landauer auch den Lesern des Sozialist am 12. Oktober 1895 mit, dass er „von Bregenz nach Pankow bei Berlin, Spandauerstraße 44, parterre“ verzogen sei. (50) Schon vor geraumer Zeit hatte er Mauthner geschrieben: „Wenn ich diesmal wieder nach Berlin zurückkehre, gedenke ich nicht mehr herauszugehen. Es ist nichts mit Natur und Einsamkeit, wenn man kein Geld hat.“ (51) Erstaunlich ist rückblickend, dass Landauers Tätigkeit für den Sozialist in der Bregenzer Öffentlichkeit unbemerkt blieb. Selbst im antisemitischen Vorarlberger Volksblatt, das dem vermeintlichen „Judenfreund“ Anton Flatz und dessen Bregenzer Tagblatt ausgesprochen feindlich gesonnen war und für das der Zuzug eines jüdischen Anarchisten und Schriftstellers ein gefundenes Fressen gewesen wäre (52), wird Landauer im fraglichen Zeitraum mit keinem Wort erwähnt. Die Art und Weise, wie das Vorarlberger Volksblatt zwei Jahre später über einen Vortrag Landauers in München berichtet, bestätigt, dass die Behörden über dessen Aufenthalt in Bregenz offenbar Stillschweigen bewahrt haben. (53)

Mit wem Gustav und Margarethe Landauer während ihres ersten Aufenthalts im Herbst 1894 verkehrt haben, geht aus den erhaltenen Briefen leider nicht hervor. Seit Juli 1895 bestand jedenfalls ein freundschaftliches Verhältnis zur katholischen Familie Seyer, die damals ihr Wohnungsnachbar wurde. (54) Alois Seyer, der wie seine Ehefrau aus Tirol stammte, war im Juni 1895 nach Bregenz gezogen und hatte am 8. Juli 1895 in der Wallfahrtskirche von Absam (Tirol) die Witwe Amalia Beck geheiratet. (55) Alois Seyer war bei den Österreichischen Staatsbahnen angestellt und stand als Oberverschieber, später als Platzmeister im Rang eines Unterbeamten. Amalia Seyer war in erster Ehe mit dem Matrosen Anton Beck verheiratet gewesen, der am 4. Dezember 1892 im Alter von nur 27 Jahren an Typhus gestorben war. (56) Bis zur neuerlichen Heirat hatte sie bei ihren Schwiegereltern in der Graf-Wilhelm-Straße 10 gewohnt, also ebenfalls in der Bregenzer Oberstadt. Zur Familie Seyer gehörten mit dem sechsjährigen Anton (57) und der vierjährigen Fanny (58) noch zwei Kinder, die aus der ersten Ehe von Amalia Seyer stammten. Amalia Seyer kümmerte sich regelmäßig um Landauers kleine Tochter Charlotte und „frisst sie schier auf vor Liebe“, wie Landauer im August 1895 seiner Frau schreibt, die sich damals erneut zur Beobachtung im Jüdischen Krankenhaus in Berlin aufhalten musste. (59) Heute nachmittag, heißt es in einem anderen Brief, sei Frau Seyer mit Charlotte „zum Konzert in den Garten oben bei Knöpfler; ich folge nach, wenn ich den Brief fertig habe.“ (60) Johann Nepomuk Knöpfler war damals der Besitzer der oberhalb von Bregenz gelegenen Gastwirtschaft „Zum Walsertal“, in der an diesem Tage die Musikkapelle von Vorkloster spielte. (61) Auch Amalia Seyers ehemalige Schwiegermutter Franziska Beck, die vermutlich wegen ihrer beiden Enkelkinder Anton und Fanny häufig im Hause war, wird in diesem Brief erwähnt.

Kontakte bestanden ferner zum protestantischen Pfarrer Karl Krcal, der seit 1876 in Bregenz tätig war. Krcal stammte aus Mähren und hatte in Basel, Edinburgh und Göttingen Theologie studiert. (62) Außerdem deutet manches darauf hin, dass Gustav und Margarethe Landauer die unverheiratete Lehrerin Anna Waldner kennen lernten, die 1885 eine Privatschule für Mädchen gegründet hatte. Diese Schule mit damals drei Klassenstufen, die unweit des Ehregutaplatzes in der Belruptstraße 20 beheimatet war, profilierte sich als Alternative zu den katholischen Klosterschulen und wurde bevorzugt von Kindern aus liberalen Elternhäusern besucht. (63)

Zweifellos begegnete Landauer auch dem damals 60-jährigen ehemaligen Rittmeister und Schriftsteller Robert Byr (d. i. Robert von Bayer), der in seiner unmittelbaren Nachbarschaft am Ehregutaplatz 4 wohnte. (64) In Landauers literaturkritischen Arbeiten und seiner Korrespondenz hat eine solche Begegnung allerdings keine Spuren hinterlassen. Kurz nach seinem Umzug fragt er Mauthner: „Lohnt es sich, Robert Byr, der hier wohnt, kennen zu lernen?“ (65) Man wird davon ausgehen dürfen, dass Mauthner diese Frage verneint hat.

Zusammen mit seinem Vetter Hugo Landauer unternahm Landauer im Sommer 1895 von Bregenz aus mehrere Ausflüge und Wanderungen. Sie besuchen Feldkirch, wandern von Bludenz durch das Brandnertal zum Lüner See und fahren nach Weesen am Walensee, von wo aus Landauer alleine den Speer besteigt, einen Nagelfluhberg, der zu den Appenzeller Alpen gehört. Außerdem schreibt Landauer im August 1895, dass sie – wenn die Zeit reicht – Paul Kampffmeyer besuchen wollen, der sich zu dieser Zeit in Innsbruck aufhielt. Ob dieser Besuch zustande kam, lässt sich leider nicht ermitteln. Kampffmeyer hat dann für die erste Nummer des neuen Sozialist einen Nachruf auf den am 5. August 1895 gestorbenen Friedrich Engels verfasst. (66)

3. Reflexionen und Wirkungen

Während Landauer in seinen Briefen mehrfach ihre „trauliche“ und „gemütliche“ Wohnung, den großartigen Ausblick und die wunderschöne Umgebung preist, befremdet ihn das katholische Milieu, das ihm in Bregenz begegnet, anfangs erheblich. „In eine abschreckend katholische Gegend sind wir aber hier geraten. Ist das denn in ganz Österreich so?“, entsetzt er sich in einem seiner ersten Briefe an den jüdischen Atheisten Fritz Mauthner. (67) Einem Studienfreund berichtet er: „Hier gibt es Kapuziner, Nonnen verschiedener Gewandung und die heilloseste Pfaffenwirtschaft, die sich einer vorstellen kann. Wie sehr lebendig der Katholizismus ist, sehe ich hier mit Schrecken. Und klug sind diese Leute! Alles Weltliche, allzu Weltliche wird geistlich umkleidet. Wenn die kleinen Mädchen in einer hiesigen Schule (Klosterschule) aufs Klosetchen müssen, haben sie zu sagen, sie wollten dem Jesukindlein ein Opfer bringen! Hübsch, nicht wahr?“ (68) Diese geistliche „Umkleidung“ wurde damals offenbar an der Thalbachschule, der Klosterschule der Dominikanerinnen, praktiziert. (69) Vertraut waren Landauer, der schon früh den „Glauben an einen allgütigen und allgerechten Gott“ negiert hat und 1892 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war, die Milieus des assimilierten Judentums, des bürgerlichen Protestantismus und der religionslosen bis religionsfeindlichen Arbeiterbewegung. In der Bezirkshauptmannschaft Bregenz waren 1890 von 41 824 Einwohnern 40 967 katholisch getauft. (70) Dieser weitgehend geschlossene ultramontane Katholizismus, der allen Säkularisierungstendenzen zu trotzen schien, war neu für ihn und wurde ihm zum Anlass, über die Bedingungen und Möglichkeiten politischer Propaganda nachzudenken. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Auseinandersetzung mit der jüdisch-christlichen Tradition wie ein roter Faden durch die Schriften Landauers zieht. Kaum in Bregenz angekommen, kündigt er an, einen „neuen Beitrag zur Fundierung unsrer modernen Religion“ leisten zu wollen: „Ich glaube nämlich, daß der Kern unserer Bestrebungen auf geistigem Gebiet der ist, der frechen Alles- und Nichtswisserei des Judentums und Christentums erstens die unverrückbar festen Ergebnisse der Wissenschaft entgegenzuhalten, und zweitens die Religion des Fragezeichens, das soll heißen, das Bewußtsein, daß der Kern der Welt unmenschlich ist, nicht zu fassen mit den Zangen unsrer Gehirn- und sonstigen Körperorganisation; und dieses Bewußtsein sollte bei einem normalen Menschen in der Tat mit den Gefühlen der Erhobenheit und des bescheidenen Staunens verbunden sein, was ich religiös nenne.“ (71)

Landauers Auseinandersetzung mit dem „lebendigen Katholizismus“, die noch während seines Bregenzer Aufenthalts im Sozialist erschien (72), steht im Zusammenhang mit seiner wiederholten Kritik am geplanten Agrarprogramm der deutschen Sozialdemokratie. (73) Die Diskussion innerhalb der sozialdemokratischen Partei wurde von dem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den Reformisten um Georg von Vollmar und den Marxisten um Karl Kautsky bestimmt, der dazu führte, dass der vorgelegte Entwurf eines Agrarprogramms auf dem Breslauer Parteitag im Oktober 1895 abgelehnt wurde. (74) Der Anarchist widersprach beiden sozialdemokratischen Positionen. Wenn man die Bauern für den Sozialismus gewinnen wolle, so Landauer, dürfe man sich nicht zum Sprachrohr ihrer kurzsichtigen wirtschaftlichen Interessen machen. Wichtiger sei eine religiöse Aufklärung, weil der Bauer weltanschaulich heute noch überwiegend im Zeitalter der Reformation stehe. Dies bedeutet, dass er einerseits für neue religiöse Vorstellungen aufgeschlossen sei, andererseits aber nach wie vor durch seine Fixierung auf einen christlichen Wunder- und Jenseitsglauben vom politischen Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit abgehalten werde. Es sei daher verkehrt, unter Berufung auf das Erfurter Programm (1891) die Religion als Privatsache zu behandeln:

„Wenn man die Bauern bei ihren Interessen packen soll, dann heißt das noch lange nicht, daß man mit ihnen in ein und dasselbe Horn stoßen muß. Man soll vielmehr ein Thema anschlagen, daß sie aus irgend welchen Gründen besonders interessiert. Da darf man denn vor allem nicht die Parole ausgeben: Religion ist Privatsache! Denn vielfach noch mehr, fast immer aber ebenso viel als seine irdischen Interessen gilt dem Bauern die Religion. Und es ist durchaus unwahr, daß der übergroßen Mehrheit der Bauern die Religion ein ‚Rühr mich nicht an’, etwas Unantastbares wäre. Im Gegenteil, wer irgendwo in deutschen Landen mit bäuerlichen Kreisen zu thun gehabt hat, der muß den Eindruck bekommen haben, daß keine historische Entwicklungsstufe so viel Ähnlichkeit, um nicht zu sagen: Wesensgleichheit mit dem gegenwärtigen Zustand der deutschen Bauernschaft hat als das sechzehnte Jahrhundert, die vorreformatorische und die Reformationszeit. Die deutschen Bauern sind in der That im großen Ganzen auf der Stufe des sechzehnten Jahrhunderts stehen geblieben.“

Zum Beleg seiner Aussagen rekurriert Landauer im Folgenden auf seine Vorarlberger Erfahrungen: „Schreiber dieses hat sich längere Zeit unter einer erzkatholischen Bevölkerung aufgehalten, und der Eindruck, den ich bekommen habe, ist der: Wenn diese Leute vollständig von der übrigen Kultur isoliert wären, so würde binnen wenigen Jahrzehnten ein neuer Luther unter ihnen erstehen, aber auch nur ein Luther, und eine mächtige religiöse Bewegung würde aufflammen. In vielen katholischen Kreisen werden die Pfaffen, vor allem die Ordensleute verhöhnt und verlacht, sehr viele Frauen, vor allem die Wittfrauen haben persönliche Erfahrungen über die sehr menschlichen Bedürfnisse vieler ehelosen Geistlichen und Klosterleute, und die ergötzlichsten Geschichten sind allenthalben im Schwange über die aufregende Rolle, die der Beichtstuhl im Leben mancher Pfarrer und Mönche spielt; überall, wo gemischte Bevölkerung ist, glaubt man nicht an die ewige Verdammnis der Nichtkatholischen; kurz: man zweifelt an allem Möglichen, und nichts ist beliebter, als der immer wiederholte Versuch, in die religiöse Wirrnis Klarheit zu bringen. Aber, und das ist die andere Seite der Sache: nur bis zu einer bestimmten Grenze wagt sich fast immer der Zweifel vor: man zweifelt so gut wie nie an der Existenz des allmächtigen Gottes, man glaubt felsenfest an eine moralische Weltordnung, und man hat allen Grund, an die unglaublichsten Wunder zu glauben: denn fast jeder Einzelne hat persönlich mehr als einmal Wunder erlebt. Das ist bisher von unsern Aufklärern viel zu wenig beachtet geworden.“

Um den Einfluss, den die katholische Religion auch damals noch ausübt, zu illustrieren und gleichzeitig die Bedeutung religiöser Aufklärung zu unterstreichen, teilt Landauer anschließend  zwei Fallbeispiele mit. Der erste Beispieltext nimmt verkürzend auf das Hostienwunder von Amsterdam Bezug, das sich im März 1345 ereignet haben soll und in dessen Folge bis zum Einzug des Protestantismus 1578 alljährlich große Prozessionen unter Mitführung des heiligen Sakraments stattfanden. 1881 wurde dieser Brauch durch Joseph Lousbergh und Carel Elsenburg in Gestalt des „Stillen Omgang“ wiederbelebt; 1888 hatte diese nächtliche Prozession erstmals eine größere Öffentlichkeit erreicht und konnte seitdem als Ausdruck eines neuerwachten katholischen Selbstbewusstseins in den Niederlanden gelten. (75)

„Man muß, wenn man den modernen, den lebendigen Katholizismus verstehen will, sich immer gegenwärtig halten, daß es sich in diesem Religionsgebäude nicht in erster Linie um die Verehrung des Vergangenen handelt, sondern um eine ungeheure Macht, die in der Gegenwart ausgeübt wird. Was in grauer Vergangenheit geschehen ist, das ist bei den echten Katholiken jeden Tag wieder zu erwarten. Sollte man das folgende für möglich halten? Es ist so geschehen, wie ich es erzähle. Einem Mann wurde, aus irgend welchen damit nicht zusammenhängenden Gründen, vielleicht weil er einen Magenkatarrh hatte, übel, kurze Zeit, nachdem er beim Abendmahl gewesen war und die Hostie, den Leib des Herrn, zu sich genommen hatte. Er mußte sich übergeben und brach unter anderm auch die Hostie wieder aus. Zu dieser gebrochenen Hostie wurde von Hunderten gewallfahrtet, um Rettung aus Not und Heilung von Krankheit zu erbitten. Die Gläubigen waren der Meinung, an dieser Stätte ihrem Gotte besonders nahe zu sein.“

Wallfahrten, die mittelalterliche Hostienwunder zum Ursprung hatten, fanden damals auch in Österreich statt, beispielsweise zur Seefelder Heiligenblutkapelle in Tirol. (76) Der zweite Beispieltext gibt ein Gespräch Landauers mit einer Bregenzer Katholikin – möglicherweise Amalia Seyer – wieder:

„Die Macht der religiösen Vorstellung ist in den streng katholischen Ländern – meine Erfahrungen sind in Österreich gesammelt – so ungeheuer, daß die Leute das Entfernte und Unwahrscheinliche für selbstverständlich und unzweifelhaft halten, an das uns Nächstliegende aber noch nie in ihrem Leben gedacht haben. Ich unterhielt mich mit einer sehr klugen Frau, die entschieden reformatorische Neigungen hatte, über allerhand religiöse Dinge. Schließlich kamen wir auf das Jenseits zu sprechen; und da fand sie es undenkbar, daß ich nicht an die Unsterblichkeit, an Vergeltung, an Himmel und Hölle glauben könne. Und endlich setzte sie mir den Einwand entgegen: ‚Jawohl muß es eine Hölle und einen Teufel geben. Sehen Sie einmal, wir sind unser ganzes Leben arm und haben nichts Gutes vom Leben. Und die ... (sie nannte mir verschiedene Namen), die brauchen ihr Leben lang nicht zu arbeiten und leben in Saus und Braus, machen Reisen, haben große Gesellschaften und trinken alle Tage Wein. Soll das nach dem Tod auch so weiter gehen? Sollen die auch in den Himmel kommen? Warum wären denn wir im Leben so arm, wenn die nicht in die Hölle kämen?’ [...] Als ich der Frau dann einwandte, daß man hier auf dieser Erde die Ungerechtigkeit und Unterdrückung entfernen müsse und daß gerade der zur Geduld mahnende Glaube geeignet sei, die Armen zu veranlassen, unwürdige Zustände auf sich lasten zu lassen, daß ihr Glaube also nicht, wie sie meine, ein Glaube für die Armen, sondern für die Reichen sei – da war dieser uns so einfache Gedanke ihr gänzlich neu; er war auf einem andern Boden gewachsen.“

Später, während der Novemberrevolution 1918/19, wird Landauer schreiben, man müsse „in den Kirchen unkirchlich die Lehren Christi und Buddhas“ verkündigen. (77) Mit dem katholischen Antisemitismus, der ihm in Bregenz begegnete (78), hat sich Landauer weder brieflich noch publizistisch auseinandergesetzt. Eine bewusste und differenzierte Haltung zu seinem eigenen Judentum entwickelte Landauer, angeregt durch seine zweite Frau, die Dichterin und Tochter eines jüdischen Kantors Hedwig Lachmann, und seinen Freund Martin Buber, erst nach der Jahrhundertwende. Allerdings erscheint im Sozialist 1896 unter seiner Redaktion ein Artikel über den „Antisemitismus in Österreich“, der hier kurz wiedergegeben werden soll. (79) Hinter dem Pseudonym „Ein Bärenländer“, das der Verfasser gewählt hat, verbirgt sich aller Wahrscheinlichkeit nach der Budapester Anarchist Mathias Malaschitz. (80) Anlass des Artikels sind die aktuellen Wahlerfolge der österreichischen Antisemiten, also der Christlichsozialen und der Deutschnationalen. (81) „Die große Masse des Wiener Bürgertums ist derzeit antisemitisch, sie stimmt wenigstens bei allerlei Wahlen nur für antisemitische Kandidaten.“ Der Verfasser sucht nun zu erklären, aus welchen Gründen vor allem die in Not geratenen Vertreter des Kleingewerbes – also der Mittelstand – antisemitisch wählt, und lässt zu diesem Zweck einen Liberalen, einen Sozialdemokraten und einen Antisemiten aufmarschieren. Der Liberale rät dem Vertreter des Kleingewerbes, dass er sein Geschäft aufgeben und eine Fabrik errichten solle, um in einer Gesellschaft der freien Konkurrenz bestehen zu können. Der Sozialdemokrat rät ihm, dass er sein Geschäft aufgeben und Proletarier werden solle, um auf diese Weise dem Gesetz des historischen Materialismus zu folgen. Diesen Ratschlägen könne bzw. wolle der Vertreter des Kleingewerbes verständlicherweise nicht folgen. Nun begegnet er dem Antisemiten, der zwar auch kein positives Wirtschaftsprogramm habe, das den „kleinen Mann“ retten könnte, dafür aber eine „starke Lunge“, außerdem trinke er „viel Bier“ und sei „ein klein wenig fromm“. Dieser weist ihm nach, dass sowohl die Fabrikbesitzer, die sein Geschäft bedrohen, als auch die Arbeiterführer, die seine Gehilfen zum Streik verführen, Juden sind. Sein Lösungsvorschlag sieht daher vor, dass die Juden vertrieben werden und das jüdische Geld unter den „Ariern“ aufgeteilt wird. Auf diese Weise werde die „gute alte Zeit“ zurückkommen. Als Anarchist würde man nun begreifen, dass sich bei den Juden im Kampf ums Dasein zu ihrem gegenwärtigen Vorteil  „eine Schlauheit und ein Geschäftssinn“ habe entwickeln müssen, weil sie von bäuerlichen und handwerklichen Berufen Jahrhunderte hindurch ausgeschlossen worden seien. Diese Hintergründe seien dem Vertreter des Kleingewerbes jedoch fremd: „Noch ein Humpen Bier, noch ein paar Würstel, der Mann geht und – stimmt antisemitisch.“ Dieser Artikel ist das einzige Indiz dafür, dass Landauer der katholische Antisemitismus in Vorarlberg nicht verborgen blieb.

Auffällig ist, dass Landauer nach seinem Aufenthalt in Bregenz in der Litterarischen Beilage zum Sozialist zahlreiche österreichische oder in Österreich lebende Schriftsteller zu Wort kommen lässt. Stefan Großmann veröffentlicht unter dem Pseudonym St. Corday „Pariser Briefe“, aber auch politische Essays, Erzählungen und Gedichte, von Peter Altenberg erscheint die Prosaskizze „Tristan und Isolde“, von Franz Held (d. i. Franz Herzfeld) das Zeitbild „Es wiegt sich auf“, von Anton Smital eine „Skizze aus dem Wiener Leben“, Karl Maria Heidt und Robert Hamerling (d. i. Rupert Johann Hammerling) sind mit Gedichten vertreten, Emil Reich schreibt über „Volk und Kunst“. Von Adalbert Stifter, der zu Landauers Lieblingsdichtern zählt, erscheint ein Auszug aus dessen Novelle „Feldblumen“. Nachdem Landauer für seine in Bregenz abgeschlossene Novelle „Lebenskunst“ vergeblich einen Verleger gesucht hat, erscheint dieser Text ebenfalls 1896/97 in der Litterarischen Beilage zum Sozialist. (82) Seine Beschäftigung mit Schopenhauer schlägt sich unter anderem 1896 im Abdruck des Kapitels „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“ aus dessen Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) nieder. In einer Vorbemerkung schreibt Landauer: „Daß der Tod nicht im Stande ist, des Menschen innerstes Wesen zu zerstören, das beweist auch die Tatsache, daß Schopenhauer uns heute mehr lebt, als seinen Zeitgenossen, für die er zu groß war. Daran ändert auch nichts die Albernheit der verhegelten Marxisten, die Schopenhauer (siehe z. B. den Wandkalender des Berliner ‚Vorwärts‘ von diesem Jahr) als einen ‚Spießbürgerphilosophen‘ bezeichnen.“ (83)

Mit dem Leitartikel „Anarchismus-Sozialismus“ entstand in Bregenz auch einer der wichtigsten politisch-programmatischen Beiträge Landauers. Darin beschreibt der Verfasser in einem Bild, das für sein gesamtes Wirken gültig bleibt, den Unterschied zwischen der gesellschaftlichen Utopie der marxistischen und der anarchistischen Sozialisten:

„Man denke sich eine Stadt, in der ab und zu die Sonne scheint und hin und wieder Regen fällt. Wenn nun einer aufträte und sagte: Gegen den Regen können wir uns nicht anders schützen, als dadurch, daß wir einen ungeheuren Schirm über die ganze Stadt aufspannen, unter dem jedermann jederzeit, auch wenn es garnicht regnet, sich zu bewegen hat, dann wäre das ein ‚Sozialist‘ nach der Erklärung der Sozialdemokraten. Wenn dagegen ein anderer spräche: Sowie es regnet, nehme jeder von den Schirmen, die gerade in der Stadt vorhanden sind, einen für sich, und wer keinen mehr kriegt, soll selbst sehen, wo er bleibt – dann wäre das der ‚Anarchist‘, wie ihn die Sozialdemokratie als Schreckgespenst an die Wand malt. Wir Anarchisten-Sozialisten dagegen wollen nicht alle Einzelnen unter den großen Gesellschaftsschirm zwingen, und sind ebensowenig so thöricht, um den Besitz der Schirme eine Keilerei zu beginnen, sondern wo es zweckmäßig ist, benutzen kleinere und größere Gesellschaften einen gemeinsamen Schirm, den man aber jederzeit entfernen kann; wer allein gehen will, habe seinen Schirm für sich, sofern er sich allein behaupten kann, und wer naß werden will, den zwingen wir nicht zur Trockenheit. Ohne Bild gesprochen: Menschheitsvereinigung in Menschheitsinteressen, Volksvereinigung in Volksangelegenheiten, Gruppengemeinschaft in Sachen der Gruppen, Vereinigung von Zweien, wo Zwei für sich gehen, Vereinzelung in allem, was nur das Individuum angeht. An Stelle des heutigen Staates und an Stelle des Weltstaates und der Weltherrschaft, wie sie die Sozialdemokratie erträumt, wollen wir Anarchisten ein freies Gefüge der mannigfachsten […] Interessenvereinigungen und Gruppen setzen.“ (84)

4. Aus Österreich abgeschafft

Im Rahmen einer Vortragsreise kehrt Landauer im August 1897 noch einmal nach Österreich zurück. Am 20. August will er, nachdem er in München vor mehr als 1000 Besuchern einen Vortrag über „Anarchismus als Weltanschauung“ gehalten hat, in Wien über das Thema „Anarchismus und Konsumgenossenschaft“ sprechen. Sein Freund Stefan Großmann (85) hat die Versammlung einberufen. Am frühen Morgen wird Landauer jedoch in dem Wiener Gasthof, in dem er übernachtet hat, verhaftet und für immer aus Österreich „abgeschafft“. So sitzt er bereits am Abend wieder im Zug und fährt um 21 Uhr vom Wiener Westbahnhof über Amstetten und Innsbruck nach Bregenz, wo er am folgenden Tag um 15.10 Uhr eintrifft, dann weiter zu seinem Vetter Hugo Landauer nach Biberach. (86) Landauer berichtet über diesen Vorfall im Sozialist: „Von München ging’s nach Wien, wo ich in drei Versammlungen sprechen sollte, und von da sollte ich nach Graz fahren, um zu versuchen, ob es dem Anarchisten besser glücke, als dem Freidenker [Bruno] Wille kurz zuvor. Aber es sollte nicht dazu kommen. Vielleicht ahnte die hochwohllöbliche Polizei schon, daß ich zu schlau sei, um mich in den Maschen der verstaubten Gesetzesparagraphen zu fangen – man spielte das Prävenire, setzte mich am Morgen nach meiner Ankunft fest und wies mich aus,  – wie der technische Ausdruck lautet, wurde ich für immer aus den im Reichsrat vertretenen Ländern (das ist ganz Österreich, aber nicht Ungarn) abgeschafft. Für den Fall, daß ich wiederkäme, wurden mir sechs Monate Gefängnis angedroht, übrigens geschahen all diese Brutalitäten in ausgesucht höflicher und liebenswürdiger Form, wie ich sie in andern Polizeipräsidien nicht gefunden habe.“ (87) Den Vortrag in Wien übernimmt daraufhin der ungarische Tolstoi-Anhänger und Mitarbeiter des Sozialist Eugen Heinrich Schmitt. (88) Danach formuliert Stefan Großmann noch einmal seinen Protest gegen die Ausweisungen von Bruno Wille und Gustav Landauer: „Heutzutage könne sich kein halbwegs zivilisirter Ausländer über die Grenze hereinwagen. Vom Kommissär zur Mäßigung gemahnt, erklärte Großmann, ohnehin sehr gemäßigt zu reden, er sei erstaunt über sich selbst, wie gemäßigt er rede.“ (89)

Diese Ausweisung ist der Grund dafür, dass Landauer, der sich später noch mehrfach in der Schweiz, aber auch in England und Belgien aufhielt, nie wieder nach Bregenz zurückkehrte, obwohl sein Vetter Hugo Landauer die Wohnung am Ehregutaplatz noch mehrere Jahre gemietet hatte. Als ihn Leo Herrmann, damals Vorsitzender des Prager Vereins jüdischer Hochschüler, der sich den Namen Bar Kochba gegeben hatte, Anfang 1912 für einen Vortrag über „Judentum und Sozialismus“ zu gewinnen sucht, muss Landauer ihm eine Absage erteilen: „Sehr gerne käme ich zu Vortrag und Aussprache nach Prag. Leider aber ist es ganz ausgeschlossen. Ich bin vor etwa 15 Jahren, weil ich die Verwegenheit hatte, nach Wien zu kommen und dort öffentlich ankündigen zu lassen, ich wolle einen Vortrag über ‚Konsumgenossenschaften’ halten, aus ganz Österreich ausgewiesen worden. Der Versuch, diese Maßregel rückgängig zu machen, könnte vielleicht gelingen; ich habe ihn nie angestellt, war aus privater Veranlassung öfter in Österreich, kann aber nicht öffentlich auftreten.“ (90) Tatsächlich hat Landauer im Juli 1910, im August 1911 und im August 1912 gemeinsam mit seiner zweiten Frau Hedwig Lachmann bzw. seiner Tochter Gudula Wanderungen im österreichischen Tirol unternommen. (91) Dabei reiste er offenbar unter dem Namen „Gustav Lachmann“ und versandte vorsichtshalber keine Briefe oder Ansichtskarten von unterwegs. Nachdem Landauer im Sommer 1913 einen Beitrag für das berühmte Sammelbuch Vom Judentum geliefert hat (92), lädt ihn der Bar Kochba-Kreis erneut zu einem Vortrag ein, der im Januar 1914 stattfinden soll. Daraufhin wendet sich Landauer brieflich an die Wiener Polizeidirektion und bittet um die Rücknahme seiner Ausweisung. Zur Begründung seiner Bitte schreibt er hier:

„Was mich angeht, so darf ich sagen, daß ich ein in allen Kreisen geachteter Schriftsteller bin. Zur öffentlichen Rede, auf literarischen, philosophischen, ethischen Gebieten, habe ich eine natürliche Begabung; und so kommt es, daß man überall wo Deutsche sind, ab und zu den Wunsch hat, einen Vortrag von mir zu hören. Nachdem ich nun mehrfach unter Hinweis auf die noch zu Recht bestehende Ausweisung rein literarische Vorträge habe ablehnen müssen, wobei ich überall die consternirte Antwort erhielt: ‚Aber das war ja die Badeni-Zeit!’, habe ich mich entschlossen, das Ersuchen zu stellen, die Ausweisung zurücknehmen zu wollen. Ich darf gewiß darauf hinweisen, daß durch diesen Schritt die Sicherheit der k. k. Monarchie nicht im geringsten gefährdet werden würde, da es ja der Behörde völlig unbenommen wäre, mich, wenn ich mich im geringsten lästig machen würde, sofort wieder auszuweisen. Da die ‚Abschaffung für ewige Zeiten’ mit meinen sozialistischen Anschauungen in Zusammenhang gestanden hat, erlaube ich mir, durch gleichzeitige Sendung der k. k. Polizeidirektion ein programmatisches Buch ‚Aufruf zum Sozialismus’ einzureichen, das meine Gesinnung zum Ausdruck bringt. Ich darf mit Sicherheit sagen, daß das rückhaltlose Aussprechen dieser Gesinnung mir heute in Österreich keine Ausweisung zuziehen würde. Mindestens dürfte man es auf den Versuch ankommen lassen, ob ich das Gastrecht mißbrauchen würde. Ich will schliesslich noch betonen, daß mir kein Land Europas ausser Österreich seine Türen verschlossen hat und daß ich erst vor kurzem im Deutschen Kunstverein in Brüssel einen Vortrag über Tolstoi gehalten habe.“ (93)

Weil man schon vorher in Erfahrung gebracht hat, dass sich Landauer, der in Berlin seit 1909 den dritten Sozialist herausgab, nach wie vor als Anhänger des Anarchismus begreift, auch wenn er als Gründer des „Sozialistischen Bundes“ eigene Wege beschreitet, wird diese Eingabe noch im Januar 1914 abschlägig beschieden.

Als Korrespondenzpartner bleiben bzw. werden für Landauer jedoch auch nach seiner Ausweisung verschiedene Österreicher bedeutsam. Neben seinem Freund Stefan Großmann, dem Chronisten der anarchistischen Bewegung Max Nettlau und dem Tolstoi-Übersetzer Ludwig Berndl sind hier vor allem die Schriftsteller Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann und Hugo von Hofmannsthal zu nennen. Fritz Mauthner und Martin Buber, die vielleicht wichtigsten Freunde Landauers, sowie die Schriftstellerin Auguste Hauschner und der sozialistische Pfarrer Carl Vogl lebten zwar später im Deutschen Reich, waren jedoch ebenfalls in der Donaumonarchie geboren und aufgewachsen.

Christoph Knüppel

SIGLEN:
BA Berlin: Bundesarchiv Berlin
LA Berlin: Landesarchiv Berlin
SA Bregenz: Stadtarchiv Bregenz
CZA Jerusalem: Central Zionist Archives Jerusalem
JNUL Jerusalem: Jewish National and University Library Jerusalem
SA München: Stadtarchiv München
ÖLA Wien: Österreichisches Literaturarchiv Wien

Fußnoten:
1.) Zur Verortung Landauers in der anarchistischen Bewegung des Deutschen Kaiserreichs vgl. Ulrich Linse: „Poetischer Anarchismus“ gegen „Partei-Anarchismus“: Gustav Landauer und die anarchistische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich und in der bayerischen Revolution 1918/1919, in: Wolf D. Gruner und Paul Hoser (Hg.) Wissenschaft – Bildung – Politik. Von Bayern nach Europa. Festschrift für Ludwig Hammermayer zum 80. Geburtstag. Hamburg 2008 [Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte Bd. 38], S. 361-384; Christoph Knüppel: „Aus der Scholle festem Grunde wächst dereinst die Freiheitsstunde”. Gustav Landauer und die Siedlungsbewegung, in: Von Ascona bis Eden. Alternative Lebensformen. Lübeck 2006 [Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft H. 27], S. 45-66.
2.) Charles B. Maurer: Call to Revolution. The Mystical Anarchism of Gustav Landauer. Detroit 1971, S. 36.
3.) Eugene Lunn: Prophet of Community. The Romantic Socialism of Gustav Landauer. Berkeley/Los Angeles/London 1973, S. 92 ff. – Lunns Ausführungen zu angeblichen Beobachtungen unter Bregenzer Arbeitern beruhen auf dem Missverstehen eines Briefes, den Landauer am 4. 12. 1894 an seinen Freund Alfred Moos gerichtet hat. Landauer berichtet darin über seine Erfahrungen mit proletarischen Gefangenen, also aus der Zeit vor seiner Haftentlassung.
4.) Ulrich Linse (Hg.) Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918/19. Die politischen Reden, Schriften, Erlasse und Briefe Landauers aus der Novemberrevolution 1918/19. Berlin 1974, S. 270 f.
5.) Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen. Hg. von Martin Buber unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer. Frankfurt a. M. 1929, Bd. 1, S. 3. – In diese Edition wurden keine Briefe aus Bregenz aufgenommen. Ina Britschgi-Schimmer, die Verfasserin des Kommentars, weiß schon damals nichts mehr davon, dass Landauer sich auch 1894 in Bregenz aufhielt. In einer unveröffentlichten hs. Anmerkung zu einem Brief Landauers an Fritz Mauthner vom 5. 11. [1894] notiert sie: „1894 war Landauer nicht in Bregenz sondern ist erst im Mai 1895 von Berlin fort nach K[arls]ruhe und dann nach Bregenz.“ Ausgehend von ihrer Anmerkung in der Briefausgabe schrieb auch Max Nettlau in seiner „Geschichte der Anarchie“, dass Landauer im Sommer 1895 die Redaktion einer „unbekannten, vermutlich indifferenten Zeitschrift“ in Bregenz übernommen habe. Vgl. Max Nettlau: Anarchisten und Syndikalisten, Teil 1. Hg. vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam. Vaduz 1984 [Geschichte der Anarchie, Bd. 5], S. 231.
6.) Eberhard Tiefenthaler: Ein Anarchist in Vorarlberg, in: Neue Zeitung aus dem Vorarlberger Landesarchiv Jg. 1, Nr. 1 (Januar 1980), S. 2-3.
7.) Das alphabetische Protokollbuch im Vorarlberger Landesarchiv belegt, dass für Landauer 1895 eine polizeiliche Überwachung angeordnet wurde.
8.) Vgl. zum österreichischen Anarchismus vor allem Gerhard Botz u. a., Im Schatten der Arbeiterbewegung. Zur Geschichte des Anarchismus in Österreich und Deutschland. Wien 1977 [Schriftenreihe des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung Bd. 6]; Reinhard Müller: Der aufrechte Gang am Rande der Geschichte. Anarchisten in der Steiermark zwischen 1918 und 1934, in: Robert Hinteregger u. a. (Hg.) Auf dem Weg in die Freiheit. Graz 1984, S. 163-195; zur Arbeiterbewegung in Vorarlberg Kurt Greussing (Hg.) Im Prinzip: Hoffnung. Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870 – 1946. Bregenz 1984 [Beiträge zu Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs Bd. 4]; Kurt Greussing (Hg.) Die Roten im Lande. Arbeitsleben und Arbeiterbewegung im westlichen Österreich. Steyr 1989; Reinhard Mittersteiner: „Fremdhäßige“, Handwerker und Genossen. Die Entstehung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Vorarlberg. Bregenz 1994 [Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs Bd. 12].
9.) Mitteilung von Herrn Norbert Schnetzer (Vorarlberger Landesbibliothek), 6. 2. 1995.
10.) Amalie Emma Margarethe Leuschner, geb. 11. 5. 1872 in Berlin, gest. 14. 1. 1908 in Berlin, stammte aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie und teilte die politischen Überzeugungen Landauers. In der Forschung wurde bisher davon ausgegangen, dass Landauer sie, wie ursprünglich von ihnen geplant, im November 1892 in Zürich geheiratet hat. Dies ist jedoch nicht der Fall; die Heirat erfolgte frühestens 1895 in Berlin. Im Mai 1899 trennten sich Gustav und Margarethe Landauer, die Scheidung erfolgte am 21. 3. 1903. Wenig später heiratete Margarethe Landauer den Düsseldorfer Kunstmaler Gustav Melcher, der damals in Friedrichshagen bei Berlin wohnte.
11.) Brief an Margarethe Leuschner, 28. 5. 1894. – Die Briefe Gustav Landauers stammen, soweit nicht anders vermerkt, aus dessen Teilnachlass im Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam. Insgesamt sind 19 Briefe erhalten, die Landauer in Bregenz schrieb.
12.) Zu Hugo Landauer vgl. Christoph Knüppel: Volksbildung am Bodensee. Martin Buber und Hugo Landauer als Begründer einer Überlinger Wochenzeitung. In: Manfred Bosch (Hg.) Alemannisches Judentum. Spuren einer verlorenen Kultur. Eggingen 2001, S.110-122; überarbeitet auch in Manfred Bosch u. a. (Hg.) Schwabenspiegel. Literatur vom Neckar bis zum Bodensee 1800-1950. Biberach 2006, Bd. 2.1: Aufsätze, S. 719-730.
13.) Anton Flatz, geb. 26. 5. 1835 in Ehingen (Württemberg), gest. 6. 5. 1915 in Bregenz, hatte früher selbst im Haus Ehregutaplatz 1 gewohnt und dort von 1863 bis 1884 zunächst die Vorarlberger Landes-Zeitung herausgegeben.  Das Bregenzer Tagblatt wurde ab 1896 von seinem Sohn, dem Schriftsetzer Alfred Flatz, herausgegeben; Anton Flatz blieb jedoch bis 1909 verantwortlicher Redakteur. Vgl. Christoph Vallaster: Schlagzeilen. Vorarlberger Pressegeschichte. Dornbirn 1985; Hans Zipf: Ehreguta und Epona, in: Montfort Jg. 33 (1981), Nr. 1, S. 7-34.
14.) LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 16346 : Gustav Landauer 1892-1902, Bl. 81 RS.
15.) Ebd.
16.) GLA Karlsruhe, Abt. 236/17050: Ertheilung von Ausweispapieren an Anarchisten und Sozialdemokraten 1894, erstes Schreiben vom 16. 10. 1894; auch vermerkt in GLA Karlsruhe, Abt. 236/17044: Das Treiben der Anarchisten 1886-1895, Bl. 447.
17.) Vorarlberger Landesarchiv, Einlaufbuch der Bezirkshauptmannschaft Bregenz für das Jahr 1894, Geschäftszahl 14565.
18.) Konstanzer Zeitung Nr. 235, 9. 10. 1894. – Nahezu gleichlautende Meldungen erschienen im Berliner Intelligenzblatt Nr. 233, 5. 10. 1894, und im sozialdemokratischen Volksfreund (Offenburg) Nr. 120, 10. 10. 1894.
19.) Brief an Otto Dempwolff, 31. 10. 1894.
20.) Zur damaligen Bedeutungslosigkeit der anarchistischen Bewegung in Österreich vgl. auch die Berichte der Berliner politischen Polizei in Dokumente aus geheimen Archiven. Übersichten der Berliner politischen Polizei über die allgemeine Lage der sozialdemokratischen und anarchistischen Bewegung 1878-1913. Bearb. von Dieter Fricke und Rudolf Knaack. Bd. 2: 1890-1906. Weimar 1989.
21.) Vgl. zuletzt Reinhard Johler: Sozialismus im ‚Ländle’ - Sozialismus in der Peripherie. Ein Überblick, in: Georg Sutterlüty (Hg.) Ruf aus Vorarlberg um Gleichberechtigung. Politik in Vorarlberg vor 1918. Regensburg 2002, S. 83-94.
22.) Gustav Landauer: Der Anarchismus in Deutschland, in: Die Zukunft (Berlin) Jg. 3, Bd. 10, Nr. 14 (5. 1. 1895), S. 29-34.
23.) Im Einlaufbuch der Bezirkshauptmannschaft Bregenz für das Jahr 1894 wird der 29. 12. 1894  als „Datum der Erledigung“ angegeben. Vermutlich hielt sich die Familie Landauer danach noch einige Tage bei Landauers Vetter Hugo Landauer in Biberach oder Ulm auf.
24.) Angabe nach LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 16346: Gustav Landauer, Bl. 126.
25.) Bernhard und Paul Kampffmeyer hatten auch im Januar 1895 in London und Amsterdam Gespräche über eine mögliche Herstellung des Sozialist im Ausland geführt, nachdem das Blatt in Deutschland unterdrückt worden war. Bernhard Kampffmeyer lebte seit dem 22. 12. 1893 in London, Paul Kampffmeyer hielt sich im April 1895 in Friedrichshagen auf.
26.) Vgl. Ein unerhörter Gewaltakt, in: Der Sozialist Jg. 4, Nr. 51 (15. 12. 1894), S. 1; Ein neuer Schlag!, in: Der Sozialist Jg. 4, Nr. 52 (22. 12. 1894), S. 1.
27.) Vgl. hierzu Albert Weidner: Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung. Berlin und Leipzig 1905 [Großstadt-Dokumente Bd. 9], S. 68 ff.
28.) Wir haben es herrlich weit gebracht!, in: Der Sozialist Jg. 5, Nr. 1 (5. 1. 1895), S. 1. – Die Zitierung von David Friedrich Strauß, Heinrich von Treitschke und Herbert Spencer deutet darauf hin, dass Landauer diesen anonymen Leitartikel verfasst hat.
29.) Das Flugblatt, das vermutlich am 11. 3. 1895 erschien, ist erhalten in LA Berlin, A Pr. Br. 030, Nr. 8724: Die anarchistische Bewegung in Berlin 1895-1896, Bl. 12. – Nach einem Vermerk des Kriminalkommissars Boesel wurde es „vertraulichen Nachrichten zufolge“ von Landauer verfasst. Unterzeichnet haben das Flugblatt die Anarchisten Wilhelm Wiese, Paul Stief, Oskar Witzke, August Müller, Hermann Leimert, Paul Meyer, Gustav Landauer, Carl Quarder, Paul Schulz und Gustav Friedrich.
30.) An die Arbeiterschaft Berlins und Umgegend, in: Die Zukunft (Wien) Jg. 3, Nr. 6 (17. 5. 1895); ausführlicher wenig später W[ilhelm] W[iese]: Berliner Brief, in: Die Zukunft (Wien) Jg. 3, Nr. 9 (19. 7. 1895). – Die anarchistische Zukunft konnte vom 27. August 1892 bis zum 11. Dezember 1895 erscheinen und wurde zuletzt von Stefan Großmann redigiert.
31.) Landauer wird bereits im Juni 1895 in der New Yorker Freiheit, dem von Johann Most herausgegebenen „Internationalen Organ der Anarchisten deutscher Zunge“, als Verfasser dieser Broschüre angegeben. Vgl. Illusionen, in: Freiheit Jg. 17, Nr. 23 (8. 6. 1895), S. 1. – In den Folgenummern präsentiert Most einzelne Abschnitte aus der Broschüre. Vgl. Gustav Landauer: Die politische Lage und die wirthschaftliche Selbsthilfe, in: Freiheit Jg. 17, Nr. 24 (15. 6. 1895), S. 2; ders., Revolution und Reform. Positive Arbeit, in: Freiheit Jg. 17, Nr. 25 (22. 6. 1895), S. 2; ders., Die Konsum-Genossenschaft, in: Freiheit Jg. 17, Nr. 26 (29. 6. 1895), S. 2.
32.) Ein Weg zur Befreiung der Arbeiter-Klasse. Berlin 1895, S. 8.
33.) Auf die Geschichte der Konsumgenossenschaft „Befreiung“ kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden. Vgl. hierzu LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030,  Nr. 10306: Die Arbeiter-Konsumgenossenschaft „Befreiung“.
34.) Diese Datierungen ergeben sich aus Briefen Landauers an Hugo Landauer vom 5. 5. 1895, Moritz von Egidy vom 12. 5. 1895 (BA Berlin, NL Moritz von Egidy), Fritz Mauthner vom 20. 5. 1895 und Emil Blum-Neff vom 31. 5. 1895 (JNUL Jerusalem, Gustav Landauer-Archiv). – Die politische Polizei war zunächst fälschlich davon ausgegangen, dass Landauer am 6.  Mai 1895 nach Innsbruck gefahren sei. Vgl. LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 16346: Gustav Landauer, Bl. 131.
35.) Brief an Hugo Landauer, 16. 4. / 23. 4. 1895.
36.) Hier fügt Landauer in seiner Abschrift ein: „(er meint die Pfaffen)“.
37.) Abschrift Landauers im Brief an Hugo Landauer, 29. 4. 1895.
38.) Brief an Fritz Mauthner, 20. 5. 1895. – Landauers Briefe an Fritz Mauthner sind – allerdings mit zahlreichen Abschreibfehlern – abgedruckt in Gustav Landauer – Fritz Mauthner. Briefwechsel 1890-1919. Hg. von Hanna Delf und Julius H. Schoeps. München 1994.
39.) Hans Zipf: Ehreguta und Epona, S. 21 und S. 30.
40.) Gustav Landauer: Aus meinem Gefängnis-Tagebuch, in: Der sozialistische Akademiker Jg. 1, Nr. 13 (1. 7. 1895), S. 237-240; Nr. 14 (15. 7. 1895), S. 258-261; Nr. 15 (1. 8. 1895), S. 277-280; Nr. 17 (1. 9. 1895), S. 319-321; Nr. 18 (15. 9. 1895), S. 341-344.
41.) Erwähnt im Brief an Fritz Mauthner, 11. 2. 1896. – Zu Mauthners Kritik an Schopenhauer vgl. ders., Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd. 2. München und Leipzig 1911, S. 344 ff; als Sonderdruck ders., Schopenhauer. München und Leipzig 1912. Nach eigener Aussage hat Mauthner diesen Beitrag „lange vor dem Tod Kuno Fischers“, also vor 1907, verfasst.
42.) Brief an Fritz Mauthner, 20. 5. 1895.
43.) Vgl. Brief an Fritz Mauthner, 2. 8. 1895. – Landauer hatte 1891 bereits Ebner-Eschenbachs Novelle „Oversberg“ (1891) besprochen, in: Das Magazin für Litteratur Jg. 60, Nr. 52 (26. 12. 1891), S. 829-830.
44.) Brief an Fritz Mauthner, 2. 8. 1895.
45.) Unsere Bewegung, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 1 (17. 8. 1895), S. 6.
46.) Gustav Landauer: Die Wiedergeburt des „Sozialist“, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 1 (17. 8. 1895), S. 2. Vgl. auch Dass der „Sozialist“ […], in: Freiheit Jg. 17, Nr. 36 (7. 9. 1895), S. 2.
47.) Der Schriftsetzer Albert Weidner, der später eine wichtige Rolle bei der Herausgabe des Sozialist und seiner „proletarischen“ Ergänzung, des Armen Konrads, spielte, wurde erst am 9. 11. 1895 nach vierzehn Monaten aus dem Gefängnis entlassen.
48.) Unsere Blätter vor Gericht, in: Der arme Konrad Jg. 2, Nr. 6 (6. 2. 1897), S. 21-24; hier S. 22. – Auch 1896 wurde Landauer als „geheimer Redacteur“ des Sozialist identifiziert. Vgl. LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 8725 : Die anarchistische Bewegung in Berlin 1896, Bl. 179. Albert Weidner bestätigt später gegenüber Nettlau, dass Landauer seit August 1895 der eigentliche Redakteur des Sozialist gewesen sei. Vgl. Max Nettlau: Anarchisten und Syndikalisten, Teil 1, S. 236.
49.) LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 16346: Gustav Landauer, Bl. 135.
50.) Anzeige in Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 9 (12. 10. 1895), S. 54.
51.) Brief an Fritz Mauthner, 30. 7. 1895.
52.) Vgl. hierzu Kurt Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus in Vorarlberg um 1900. Bregenz 1992 [Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs Bd. 10].
53.) In einer Anarchistenversammlung, in: Vorarlberger Volksblatt Nr. 190, 21. 8. 1897. – Die Zeitung berichtet ausführlich über den Vortrag am 18.8.1897 in München, geht aber auf Landauers Ausweisung aus Österreich im Zusammenhang mit dem geplanten Vortrag am 20.8.1897 in Wien mit keinem Wort ein.
54.) Nachweisbar sind auch die Schreibweisen „Sejer“ und „Saier“.  – Obwohl im Haus Ehregutaplatz 1 fünf oder sechs Parteien wohnten, taucht in Landauers Briefen nur die Familie Seyer namentlich auf. Daneben werden noch eine junge Fabrikarbeiterin namens Luise sowie ein Kindermädchen namens Marie erwähnt.
55.) Angaben nach SA Bregenz, ALB, Heimatsachen Nr. 1071: Sejer Alois. – Alois Seyer wurde am 16. 12. 1866 in Kufstein als Sohn des Magazinaufsehers Georg Seyer geboren und starb am 29. 6. 1941 in Bregenz, Amalia Seyer, geb. Flir wurde am 11. 4. 1862 in Karres bei Imst als Tochter des Bauern Josef Flir geboren und starb am 6. 4. 1931 in Bregenz. Aus der Ehe gingen 1902 und 1904 mit Wilhelmine und Aloisia – genannt Luise – zwei Töchter hervor.
56.) Vgl. Auszug der Geborenen, Getrauten und Verstorbenen in der Stadt- und Landpfarrei Bregenz im Monat Dezember 1892, in: Vorarlberger Volksblatt Nr. 5, 6. 1. 1893. – Anton Beck wurde am 25. 2. 1865 in Bregenz geboren.
57.) Anton Eduard Beck, geb. 14. 1. 1889 in Bregenz, gest. 1. 2. 1934 in Bregenz, wurde wie sein Vater Matrose bei der Bodenseeschifffahrt.
58.) Franziska Anna Maria Beck, verh. Vogel, geb. 5. 7. 1891 in Bregenz, gest. 14. 7. 1973 in Bregenz, wurde Pelznäherin und heiratete 1920 den Buchhalter Johann Vogel.
59.) Brief an Margarethe Leuschner, 2. 8. 1895.
60.) Brief an Margarethe Leuschner, 21. 7. 1895.
61.) Zu dieser Gastwirtschaft, dem früheren Ansitz Schedler, vgl. Andreas Ulmer: Die Burgen und Edelsitze Vorarlbergs und Liechtensteins. Dornbirn 1925, S. 663 ff; zum Konzert Bregenzer Tagblatt Nr. 2852, 21. 7. 1895.
62.) Zu Karl Krcal vgl. Wolfgang Olschbauer und Karl Schwarz (Hg.) Evangelisch in Vorarlberg. Festschrift zum Gemeindejubiläum. Bregenz 1987, S. 46 f.
63.) Anna Waldner, geb. 1854 in Schlanders (Südtirol), gest. 7.7.1924 in Dornbirn, hatte von 1872 bis 1876 die Lehrerinnenbildungsanstalt in Innsbruck besucht und war seitdem in Bregenz tätig. Ihre Privatschule bestand von 1885 bis 1914. Zum Hintergrund vgl. Mittheilungen an das Volksblatt, in: Vorarlberger Volksblatt Nr. 282, 10. 12. 1892; Anna Waldner +, in: Vorarlberger Tagblatt vom 15. 7. 1895. – Margarethe Landauer hat sich von März bis Juli 1903 noch einmal mit ihrer Tochter Charlotte in Bregenz aufgehalten. Während dieser Zeit hat Charlotte vermutlich die Waldnersche Privatschule besucht. Leider sind keine Unterlagen dieser Schule erhalten, die diese Vermutung bestätigen könnten. Vgl. Brief an Rosa Landauer, geb. Neuburger, 26. 3. 1903, in dem Landauer ausdrücklich schreibt, dass Charlotte in Bregenz auch die Schule besuchen soll; ferner der Meldebogen in SA München, PMB L13, aus dem hervorgeht, dass Margarethe und Charlotte Landauer vom 22. 7. bis 5. 11. 1903 wieder in München wohnten.
64.) Vgl. Edgar Schmidt: Robert Byr – Leben und Werk. Ein Dichter des 19. Jahrhunderts. Diss. Innsbruck 1964. – Gleichlautende Kurzfassungen dieser Arbeit erschienen im Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 1981/82, S. 223-227, und in den Vorarlberger Nachrichten vom 13. 4. 1985.
65.) Brief an Fritz Mauthner, 5. 11. 1894.
66.) P[aul] K[ampffmeyer]: Friedrich Engels +, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 1 (17. 8. 1895), S. 5. – Dass Kampffmeyer sich damals in Tirol aufhielt, wird auch bestätigt durch LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030,  Nr. 11112: Paul und Bernhard Kampffmeyer, Bl. 93. Im Stadtarchiv Innsbruck und im Tiroler Landesarchiv finden sich keine Hinweise zu seinem Aufenthalt. Im Folgejahr kehrte Kampffmeyer zur Sozialdemokratie zurück und betätigte sich seitdem als Mitarbeiter der revisionistischen Sozialistischen Monatshefte.
67.) Brief an Fritz Mauthner, 5.11.1894.
68.) Brief an Otto Dempwolff, 31.10.1894. – Landauer gibt die hier geschilderte Anekdote auch in dem unten behandelten Artikel über den „lebendigen Katholizismus“ wieder.
69.) Neben dieser Schule könnte unter Umständen die 1854 gegründete Klosterschule der Frauen vom Heiligsten Herzen Jesu (Sacré Coeur-Schule) zu Riedenburg in Frage kommen, die allerdings außerhalb des Stadtgebiets lag. Vgl. hierzu Andreas Ulmer: Die Klöster und Ordensniederlassungen in Vorarlberg einst und jetzt. Dornbirn 1926 [Veröffentlichungen des Vereins für christliche Kunst und Wissenschaft in Vorarlberg und im Westallgäu H. 14], S. 160 ff.
70.) Angaben nach Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14. Aufl. Leipzig 1894, Bd. 3, S. 483.
71.) Brief an Otto Dempwolff, 31. 10. 1894. – Die „Religion des Fragezeichens, die die Erkenntnis überall anwendet, wo etwas zu erkennen ist – und das Unerkennbare dahingestellt sein läßt“ erwähnt Landauer später auch in dem Artikel M. v. Egidy, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 4 (7. 9. 1895), S. 24.
72.) Gustav Landauer: Der lebendige Katholizismus. Ein Beitrag zum Bauernprogramm, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 2 (24. 8. 1895), S. 11-12. Auch die nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Artikel. – Die kürzlich von Siegbert Wolf unter „Österreich“ rubrifizierten Artikel Landauers, die auf die Ermordung der Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 und die Erschießung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 eingehen, enthalten dagegen keinerlei Bezugnahme auf österreichische Verhältnisse und sind daher im Rahmen dieses Beitrags getrost zu vernachlässigen. Vgl. Gustav Landauer: Internationalismus. Hg. von Siegbert Wolf. Lich 2008 [Ausgewählte Schriften Bd. 1], S. 147 ff.
73.) In diesen Zusammenhang gehören Gustav Landauer: Land-Agitation, in: Der Sozialist Jg. 3, Nr. 26 (24. 6. 1893); Gustav Landauer: Henry George und der sozialdemokratische Agrarprogrammentwurf, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 1 (17. 8. 1895), S. 3-4; Aus einer Sitzung der sozialdemokratischen Agrarkommission, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 1 (17. 8. 1895), S. 4; Der sozialdemokratische Bauernprogrammentwurf, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 9 (12. 10. 1895), S. 53.
74.) Zu den Hintergründen vgl. zusammenfassend Gerhard A. Ritter: Die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich. Die sozialdemokratische Partei und die freien Gewerkschaften 1890-1900. Berlin-Dahlem 1959, S. 128 ff; Detlef Lehnert: Sozialdemokratie zwischen Protestbewegung und Regierungspartei 1848 bis 1983. Frankfurt a. M. 1983, S. 87 ff.
75.) Vgl. Peter Jan Margry: Archief van het Gezelschap van de Stille Omgang te Amsterdam (stadsarchief.amsterdam.nl/archieven/archiefbank/overzicht/1320.nl.html); ders., The National Cult of  the Amsterdam Miracle. Religious Strife and the Identity Politics of Dutch Catholics 1345-2005 (erscheint 2011). – Eine ähnliche Sage wie die in Amsterdam entstandene, die allerdings in Vergessenheit geriet, sollte im 16. Jahrhundert die Wallfahrt zum Kreuzberg in der bayerischen Rhön motivieren. Hier wollte ein Hirte an einer Quelle seinen Durst löschen, erbrach dabei das zuvor empfangene Sakrament und schaute in der erbrochenen Hostie das Kreuz Christi. Vgl. Wolfgang Brückner: Die Wallfahrt zum Kreuzberg in der Rhön. Würzburg 1997, S. 17 ff.
76.) Vgl. hierzu Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde in fünf Bänden. Wien 1956, Bd. 3, S. 166 ff.
77.) Brief an Hugo Landauer, 19. 3. 1919.
78.) Vgl. hierzu Werner Dreier (Hg.) Antisemitismus in Vorarlberg. Regionalstudie zur Geschichte einer Weltanschauung. Bregenz 1988 [Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs Bd. 4].
79.) Ein Bärenländer: Der Antisemitismus in Österreich, in: Der Sozialist N. F. Jg. 6, Nr. 36 (5. 9. 1896), S. 215.
80.) Malaschitz hat am 8. Januar 1897 in der von Eugen Heinrich Schmitt herausgegebenen Zeitschrift Ohne Staat. Organ der idealistischen Anarchisten einen Artikel in auffallend ähnlicher Diktion veröffentlicht. Vgl. M[athias] M[alaschitz]: Reform, in: Ohne Staat Jg. 1, Nr. 2 (8. 1. 1897), S. 2-3.
81.) Vgl. hierzu zuletzt Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k. u. k. Monarchie. Wien 2005.
82.) Landauer hatte sich erfolglos an die Verleger Albert Langen und Eugen Diederichs gewandt. Später erschien diese Novelle unter dem Titel „Arnold Himmelheber“ in Landauers Novellenband „Macht und Mächte“ (1903). – Eine systematische Untersuchung der Litterarischen Beilage zum Sozialist, die bis 1899 erschien, steht noch aus. Gestreift wird sie bei Walter Fähnders: Anarchismus und Literatur. Ein vergessenes Kapitel deutscher Literaturgeschichte zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1987, S. 32 ff.
83.) Arthur Schopenhauer: Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich [1], in: Literarische Beilage zum Sozialist Jg. 2, Nr. 38 (19. 9. 1896).
84.) Gustav Landauer: Anarchismus-Sozialismus, in: Der Sozialist N. F. Jg. 5, Nr. 4 (7. 9. 1895), S. 19-20; hier S. 19.
85.) Zu Stefan Großmann und seiner Freundschaft mit Landauer vgl. zuletzt Bernhard Fetz und Hermann Schlösser (Hg.) Wien – Berlin. Mit einem Dossier zu Stefan Großmann. Wien 2001 [Profile. Magazin des Österreichischen Literaturarchivs Bd. 7].
86.) Ankündigung dieses Reiseverlaufs im Brief an Stefan Großmann, 20. 8. 1897 (ÖLA Wien, NL Stefan Großmann). Abfahrts- und Ankunftszeit wurden im damals gültigen Fahrplan überprüft bzw. aus diesem entnommen. – Dass Landauer tatsächlich über Bregenz fuhr (und dort vermutlich von seinem Vetter Hugo Landauer abgeholt wurde), geht aus dem alphabetisches Protokollbuch der Bezirkshauptmannschaft Bregenz für das Jahr 1897 hervor, das unter dem betreffenden Gegenstand „Überstellung“ vermerkt.
87.) Gustav Landauer: Reiseberichte, in: Der Sozialist N. F. Jg. 7, Nr. 41 (9. 10. 1897), S. 240. – Am 2. Juli 1897 hatte der mit Landauer befreundete Schriftsteller und freireligiöse Prediger Bruno Wille in Eggenberg bei Graz vor 400 Personen über die „Religion der Freude“ sprechen wollen. Die Versammlung wurde während seines Vortrags polizeilich aufgelöst, Wille wurde verhaftet und des Verbrechens der Religionsstörung durch „Verbreitung von Unglauben“ angeklagt. Gegen Kaution wurde er auf freien Fuß gesetzt, durfte Österreich jedoch nicht verlassen. Am 4. Januar 1898 wurde er wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung zu einer Woche Arrest verurteilt und wie Landauer für immer aus Österreich ausgewiesen. Vgl. Aus der Zeit, in: Der Sozialist N. F. Jg. 7, Nr. 28 (10. 7. 1897), S. 168; Der Prozeß gegen Dr. Bruno Wille, in: Der arme Konrad Jg. 2, Nr. 51 (18. 12. 1897), S. 203-204; Bruno Wille: Aus Traum und Kampf. Mein 60jähriges Leben. Berlin 1920 (Nachdruck: Berlin-Friedrichshagen 2000), S. 30 ff; Reinhard Müller: Franz Prisching. G’roder Michl, Pazifist und Selberaner. Nettersheim 2006, S. 22 f.
88.) In Graz, wo Landauer am 23. August 1897 ebenfalls einen Vortrag halten wollte, spricht an seiner Stelle der aus Böhmen stammende Anarchist Anton Stransky. Stransky gehörte 1892 zu den Mitbegründern der österreichischen Partei unabhängiger Sozialisten und hatte bis 1895 unter seinen Initialen „a.s.“ in der Wiener Zukunft publiziert.
89.) Ein Vortrag über „idealistischen Anarchismus“, in: Arbeiter-Zeitung (Wien) Nr. 234, 25. 8. 1897, S. 4.
90.) CZA Jerusalem, NL Leo Herrmann, Nr. 145/159: Brief vom 28. 2. 1912. – Landauer hatte einen solchen Vortrag bereits am 7. Februar 1912 in der zionistischen Ortsgruppe West-Berlin gehalten. Eine Mitschrift des Vortrags durch Hugo Bergmann erschien in dem von Leo Herrmann geleiteten Wochenblatt Selbstwehr (Prag) Jg. 6, Nr. 7 (16. 2. 1912), S. 2; abgedruckt in Gustav Landauer: Dichter, Ketzer, Außenseiter. Essays und Reden zu Literatur, Philosophie, Judentum. Hg. von Hanna Delf. Berlin 1997, S. 160-161.    46
91.) In der Korrespondenz lassen sich keine Hinweise auf weitere Aufenthalte Landauers in Österreich ermitteln. Kurzbesuche können jedoch nicht ausgeschlossen werden, da die Familie Landauer sich im Sommer fast immer in Baden, Württemberg oder Bayern aufhielt.
92.) Gustav Landauer: Sind das Ketzergedanken?, in: Vom Judentum. Ein Sammelbuch. Hg. vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag. Leipzig 1913, S. 250-257.
93.) LA Berlin, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 16347: Gustav Landauer, Bl. 147 VS und RS (Brief vom 14. 1. 1914 , ms. Abschrift). – In der Abschrift heißt es fälschlich „Abschaffung für einige Zeiten“ statt „ewige Zeiten“. Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ war 1911 im Verlag des Sozialistischen Bundes erschienen. Landauer hatte zwei Monate zuvor, also im November 1913, im Deutschen Kunstverein in Brüssel über Tolstoi gesprochen.

Originalquelle: Der Text wurde www.anarchismus.at dankenswerterweise vom Autor zur Verfügung gestellt. Er erschien 2009 im Jahrbuch des Franz-Michael-Felder-Archivs der Vorarlberger Landesbibliothek, 10. Jahrgang (S. 37 - 63).


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