Johann Most - Katzenjammer

Diese schwere, aber nahezu allgemein bekannte und periodisch gefühlte Krankheit hat sich in jener speziellen Form, die man "moralischen Kater'' nennt, momentan in Amerika epidemisch gezeigt, und zwar so, daß für die davon Betroffenen das Schlimmste zu befürchten ist. Mindestens dürfte sich als dauernde Folge eine Art Crankismus, wenn nicht höherer Idiotismus, zeigen.

Die letzten Wahlen haben eine solche Konsequenz gezeitigt. Es bedeuteten ja dieselben den schnurrigsten Froschmäuslerkrieg, welchen jemals der Stinkpottismus (bekannter unter der Bezeichnung Wahlsystem oder Parlamentarismus) mit sich brachte.

Die Spießer, Bauern und Proletarier waren nämlich plötzlich dahinter gekommen, daß ihre Tamaniten und sonstigen "demokratischen" Autoritäten ganz unmoralische, korrupte, niederträchtige Schweine seien, die man eigentlich kriminalrechtlich, mindestens aber elektional einschlachten müsse, auf daß die "bürgerliche Souveränität" wieder ihren Weg habe und die "gute Sitte" besser in Schwung käme.

Das Merkwürdigste bei dem ganzen Rummel ist der Umstand, daß die sämtlichen Purifikationsbrüder bei dieser Gelegenheit gerade so taten, als hätten sie früher noch gar nichts von bestechlichen Richtern, banditialen Polizeikapitänen und verluderten Bütteln vernommen, welche vom Obersten bis zum Untersten zum regulären Preise - von einem Scheck börsenmäßiger Höhe bis herunter zu einem kräftigen Schnaps - für irgendeine Schandtat oder ein Blindekuhspiel usw. zu haben gewesen waren.

Die nämlichen Kerle, die schon von jeher, sobald sie in irgendwelche Schwulitäten gerieten, nicht etwa den regulären Rechtsweg einschlugen (soviel anarchistische Instinkte hatten sie immerhin schon im Leibe, um denselben "der Katz" zuzusprechen), sondern sich durch Vermittlung von kleinen oder großen - Ward-, County- oder Staats- -Politikern ihre Angelegenheiten per Kapitän, Polizei- oder Kriminalrichter, Sheriff, Mayor oder Governor "fixen" ließen, gerieten plötzlich aus dem Häuschen, nachdem ihnen z.B. in New York durch die "Lerow- Komite"-Komödie ein X für ein U vorgemacht worden war (anderwärts spukte es ähnlich), und warfen sich ungeheuer "moralisch" ins Zeug, um eine "ehrliche Regierung" im Großen wie im Kleinen per Stimmzettel herzustellen.

Daß das ganze Kasperletheater nur ein ganz plumpes "republikanisches" Manöver war, das sahen sie nicht ein - speziell nicht in New York, wo eine ungeheure Anzahl sogenannter "Reform"-Demokraten (fast lauter deutsche Michel) für die republikanischen Schwindler die Kastanien aus dem Feuer holten, zahlten, daß sie schwarz wurden und Zeit wie Kraft vergeudeten, um sich gänzlich zwischen zwei Stühlen niederzusetzen und jetzt sicherlich bald genug auszufinden, daß sie ihre unbewußten, weil dämlicher Weise geleisteten Dienste mit "republikanischen" Fußtritten belohnt bekommen.

Jetzt jubiliert das souveräne Viehzeug durch das ganze Land, daß ein Wildschwein darob die Cholera bekommen könnte. Und doch: was ist denn eigentlich geschehen? Ist denn wirklich eine Wendung zum Besseren herbeigeführt worden? Eine Kuh könnte Lachkrämpfe über eine solche Frage bekommen. Ja, eine Kuh, aber so ein amerikanischer "Souverän" ist doch keine Kuh, das ist ja ein wohlentwickelter Zweihänder, der lesen und schreiben kann (aber fragt mich nur nicht, wie), deshalb liegt die Sache "tiefer" - sogar sehr tief.

Diese souveränen Nichtkühe und Dochrinder leben momentan in der Tat in der Einbildung, daß sie den Teufel mittelst Belzebub famos ausgetrieben hätten, hat man es doch in diesen Nurwiederkäuern lediglich mit Wesen zu tun, bei denen das Denken das Wenigste ist. Wäre dem nicht so, dann müßte es ihnen wenigstens "schwanen", daß diese Burschen, denen sie jetzt die Löffel zum Abräumen der Sahne in die Hand gegeben haben, noch viel gründlicher zulangen werden, als ihre Vorgänger in diesem sauberen "Amte", haben sie doch schon lange auf diese günstige Gelegenheit vergebens gelauert und sich gar viel Schmiere kosten lassen, deren Preis nun mit Zinsen und Zinseszinsen so schnell wie möglich herausgeschlagen werden soll.

Wird das ein Heulen und Zähneklappern geben, wenn die saudummen Luder, die jetzt im Siegestaumel schwelgen, erst ausfinden, daß sie vom Regen unter die Traufe kamen. Während der "Kater" momentan die Geschlagenen zerwurmt, ergreift er schließlich mit doppelter Macht die "Sieger", und beide Rotten klotzen sich einander mit so gottesjämmerlichen Fratzen an, daß es ein Schauspiel für - Anarchisten sein wird.

Diese Entwicklung der Dinge findet umso sicherer statt, als nicht bloß ganz selbstverständlicher und erfahrungsgemäßer Weise "republikanisch" nicht minder gestohlen, geraubt, gebrandschatzt, geschwindelt und geboodelt wird, als unter der "demokratischen" Aera üblich war, sondern weil naturgemäß die "guten Zeiten", welche die Ganzdummen (zahllos wie der Sand am Meer) vom republikanischen Regiment erhoffen, ausbleiben.

"Gute Zeiten" - wo sollen denn die herkommen, wenn, im Grunde genommen, alles beim Alten bleibt - beim Alten bleiben muß, weil ja doch die neuen Office-Diebe genau solche Strolche sind, wie die alten Office-Diebe, und weil beide Sorten auf ein und dasselbe soziale System, die Ausraubung des Proletariats durch die Bourgeoisie unter staatlicher Protektion und kirchlicher Einsegnung eingeschworen sind? -

Die Folgen der kapitalistischen Produktions-, respektive Ausbeutungsweise, haben sich einfach in den letzten Jahren empfindlicher gezeigt, als je zuvor, weil sich eben die Dinge von Jahr zu Jahr immer mehr zuspitzen müssen, wie das eigentlich jedes Kind sich an den Fingern ablutschen kann, wenn es nicht geistig blind geboren wurde. Daß dieser Entwicklungsgang vom Schlechten zum Ganzmiserablen von nun ab nicht durch Regierungsdekrete oder Legislativ-Experimente aufgehalten werden kann, zumal ja die Regierer und Gesetzgeber nach wie vor nichts anderes sind, als die Anwälte und Clerks der kapitalistischen Klassen, sollte wahrlich auch kein Nichtbüffel einen Augenblick übersehen können. Aber leider gibt es noch ungeheuer viele Büffel - besonders in Amerika, wo die Gottespest die vornehmlichste Nationalkrankheit bildet, der Souveränitäts-Kretinismus die weitaus größte Mehrheit aller Schädel angefressen hat und hinsichtlich der sozialen Zusammenhänge eine wahrhaft ägyptische Finsternis herrscht.

Und so tappen sie denn vorerst eine Weile herum in der Wüste leerer Erwartungen, wie weiland die Juden, als sie sich auf der Suche nach dem gelobten Lande befanden. Der Unterschied ist nur der, das die letzteren, wenigstens der Sage nach, ihr Ziel erreichten, während es schon jetzt für jeden Einsichtigen bombenfest steht, daß die heutigen Wüstenzügler weder Wachteln antreffen werden, die sich mit den Händen fangen lassen, noch Manna, das ihnen in den Mund regnet, noch erfrischende Quellen, die durch Mosesstäbe den nächsten besten Felsen entlockt werden, noch daß sie gar das gewünschte Kanaan finden können.

Ob durch solche Irrgänge die Menschen-Menagerie dieses Landes endlich zu einer Einschlagung des rechten (revolutionären) Weges veranlaßt werden kann, vermögen wir nicht vorher zu sagen, wenn wir auch das Beste hoffen und wünschen, denn die bisherige Gebarung dieses zoologischen Konzerns hat uns mit der Zeit sehr skeptisch gestimmt.

Bisher lag die Sache nämlich so: Einerseits wollte der Amerikaner eigentlich von einem patriarchalischen, sich in alles mischenden Regierungssystem nichts wissen. Er stand vielmehr theoretisch auf dem Standpunkte, wonach der Staat nur eine Nachtwächterrolle zu spielen habe, was ja auch von Hause aus die Staatsauffassung der Bourgeoisie nebst kleinbürgerlichem Schwanze ist. Praktisch aber ist noch nirgends so sehr von einer Verschiebung der Parteikräfte im Amte eine Änderung der sozialen Verhältnisse erwartet worden, als gerade in Amerika gelegentlich jeder Wahl geschieht. Deshalb, und aus keinem anderen Grunde, haben die Stimmviehmassen es bald mit dieser, bald mit jener Partei versucht. Die Parteien selbst (eigentlich nur verhältnismäßig kleine Politikanten-Rotten) faßten allerdings, wie schon oben gezeigt, die Sache nur als eine spezielle Geschäfts-, respektive Räuberbanden-Angelegenheit auf. Kurzum, mit anderen Worten, die Wähler waren von jeher die reinsten Waisenknaben und die Amtshaber und Ämtersucher waren die einzig Schlauen.

Bildlich gesprochen, ist die Sache bisher so gewesen - wir haben das schon öfter erklärt, es kann aber nicht oft genug den Stimmkasten-Mondkälbern eingetränkt werden: - Die ganze politische Maschinerie der Vereinigten Staaten kann verglichen werden mit einer Schwarzwälder-Uhr. Rechts und links hängt ein Gewicht herab, das demokratische und das republikanische Gewicht - dazwischen sieht man einen Perpendikel, der sich hinum und herum bewegt, das ist der Reformationsschwanz, welcher eigentlich nur in letzter Linie in Betracht kommt und jedenfalls mit dem Fortgang der Maschinerie wenig zu schaffen hat.

Ernst und feierlich zerrt das souveräne Volk das demokratische Gewicht herunter und erwartet, daß das republikanische Gewicht wunderbar arbeite. Da die Folge zeigt, daß alles beim Alten bleibt, so wird das nächste Mal das umgekehrte Verfahren eingeschlagen, natürlich mit dem nämlichen Resultate. Einige tüfteln dazwischen hinein noch an dem Perpendikel herum – greenbäcklerisch,  Silberboldisch, georgial, populistisch, sozialdemokratisch oder sonstwie utopistisch -, machen dabei aber nicht mehr Eindruck, als die Cockroaches, die als sonstige "Independente" am Zifferblatt auf und ablaufen. Das breite Publikum schneidet ob all' dieser Manipulationen wichtige Fratzen, kann aber selbst unter Aufgebot der blödsinnigsten Kalkulationen, schließlich doch nichts anderes ausfinden, als daß die alte Uhr in gleichem Tempo läuft. Nur eines drängt sich selbst den Allerdümmsten auf: daß sie von Jahr zu Jahr mehr "Öl" erheischt, welches die "Souveräne" zu schwitzen haben, um zu hören (aber trotzdem nicht zu begreifen), wieviel es geschlagen hat.

Was ist nun die Moral von der ganzen Geschichte? Nun, nichts weiter, als der Ratschlag, daß man allgemein, wenn man ernsthaft an eine Änderung der Dinge herantreten will, mit der Wählerei ganz und gar zu brechen und andere Saiten aufzuziehen hat.

Nehmt alle Politiker beim Wickel, hängt sie auf, merzt jede Autorität aus, sorgt für eine fröhliche Himmels- oder Höllenfahrt der Pfaffen, laßt das Boßtum über die Klinge springen und sorget dafür, daß durch gemeinsames freiwilliges Wirken und Schaffen alle Bedürfnisse der Gesamtheit reichlich befriedigt werden können. Dann - aber verdammt nicht eher - wird die soziale und damit überhaupt jede wesentliche Streitfrage gelöst sein.

Gottlose und kommunistische Anarchisten habt Ihr zu werden, im Sinne der hiermit gegebenen Prinzipien habt ihr die Welt umzukrempeln. Wollt ihr das nicht - nun, so hole euch der Teufel, d.h. dann möget ihr zur Hölle fahren, respektive in einem Zustande versinken, welcher die Hindus von Indien und die Kulis von China schon seit Jahrhunderten foltert. Entweder – oder!

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung „Freiheit“ am 24.11.1894. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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