Johann Most - Babylonismus

Wenn eine einzige Bombe genügt, alle Goldkälber von Chicago in einen fünfjährigen Tatterich zu versetzen und sie zu vermögen, eine halbe Million Dollars als Polizei-Schmiere zu schwitzen, was würde das niedliche Kapitalisten-Getier wohl beginnen, falls an 100 Orten je 100 wohlgezielte Bomben am rechten Platz zu rechter Zeit krepierten?

Diese Frage entstand gewiß in mehr als einem gesunden Gehirn, als jüngst ein Anwalt der Saukrösusse von Chicago sich genug Courage soff, um das Armutszeugnis seiner Hintermänner öffentlich auszustellen.

Welch' ein "Geist" muß in der amerikanischen Bourgeoisie stecken, wenn sie schon bei dem allerersten Schimmer eines Wetterleuchtens der sozialen Revolution nichts anderes zu tun weiß, als sich unter die Diktatur der Polizei zu stellen und dieser sogar, als Lohn, eine förmliche Ausraubung ihrer Kassen zu gestatten?

Die Erklärung für diesen Idiotismus liegt in der Geschichte jeder einzelnen dieser spargelartig emporgeschossenen Personifikationen des Mammonismus.

Der eine begann seine Laufbahn als Pferdedieb, den ein Viehglück vom Gelynchtwerden bewahrte. Der andere hat seine Glücksleiter, deren Sprossen lange Finger waren, als Clerk an irgendein "Haus" gelehnt, dessen Chef selber der Diebszunft entstammte. Ein dritter hat vielleicht als Gambier Fortuna genotzüchtigt. Ein vierter hat für einen Pappenstiel ein Stück Land erworben, das durch die daneben aufwuchernde Weltstadt sich ganz von selbst mit Banknoten bedeckte. Und so fort. Die ganze Bourgeoisie von Amerika, und besonders die von Chicago, hat nur die Vergangenheit von Abenteurern, Straßenräubern, Bauernfängern und Spitzbuben aufzuweisen.

War auf krummen Wegen einmal eine Stockhenne erworben, so legte dieselbe ganz von selber goldene Eier. Die Befruchtung besorgten die Hähne der Spekulation, des Wuchers, der Sklavengerberei, des Handelsbetrugs, der Verkehrsbrandschatzung und der Legislatur- und Exekutiv-Bestechung.

So wurden die Strolche immer reicher, aber keineswegs geschliffener. Viele erklommen die höchsten Gipfel millionäser Protzenhaftigkeit, aber der ganz gewöhnliche Rowdy, das ungeschlachtete Urvieh glotzte ihnen nach wie vor aus jedem Knopfloch, aus jeder Fratzenrunzel.

Diese geschwollenen Geldhamster haben notorisch nicht die Spur von allgemeiner Bildung. Ihre Clerks müssen für sie schreiben und rechnen, ihre Advokaten besorgen die Tricks, Zeitungsschreiber die Reklame. Kunst und Wissenschaft sind ihnen fremde Welten. Das Hurenhaus, der Gamblingtisch, die Kirche, die Schnapsbar, die Pferderennbahn und die Preisboxerarena bilden ihre Unterhaltungsplätze.

Wie käme eine solche Barbarenbande dazu, über Welt und Leben von irgend einem Standpunkte aus Philosophie zu treiben? Wie sollte wohl gar in ihren Büffelschädeln die Fähigkeit Platz greifen, die neueren Strömungen des Volkes auch nur einigermaßen zu begreifen oder richtig zu taxieren?

Arbeiterbewegung bedeutet für sie einfach Radau, den der Polizistenknüppel zu meistern hat. Anarchismus vollends kann in ihren Augen nichts weiter sein, als Mord und Brand, Verbrecherei im höchsten Grade, wofür nur Galgen und Zuchthaus bereit sein können.

Aber so eine Art instinktives Bewußtsein von der eigenen Schlechtigkeit scheint immerhin in der grauen, resp. gräulichen Gehirnsubstanz dieser Raubmords-Monster sich bei besonderen Anstößen zu regen. Einen solchen Anstoß erteilte der Bombenknall vom 4. Mai 1886.

Als das Echo desselben den Scheusalen am nächsten Morgen aus den Zeitungsspalten am Frühstückstische in die Ohren gellte, da fuhr es ihnen wohl durch Mark und Bein, als ob sie selber Dynamit gerochen hätten. Sollte das der Anfang vom Ende ihrer Herrlichkeit sein? Sollte es ihnen an den Kragen gehen? Sollten sie etwa anrücken, jene Hunderttausende, die von ihnen und ihresgleichen bis zur Erschöpfung ausgeschunden wurden? Im Geiste mochten sie schon Balken wider die Pforten ihrer Paläste rammen hören. Wie,--wenn sie alle kämen, die Insassen der Fabrikszwinger, Schlacht- und Holzhöfe, Kornspeicher etc., gefolgt von den unzählbaren Arbeitslosen und Habenichtsen aller Art, um anzuklagen, zu richten und abzurechnen mit den Schöpfern ihres Unglücks? -

In solcher Gänsehaut- und Zähneklapper-Verfassung dürfte sich die Sau-, Kuh- und sonstige Protzokratie Chicago's befunden haben, als ihre vermeintlichen Erlöser auftauchten, die Sendboten ihrer Leibgarde, die Herolde ihrer Banditen-Polizei.

Was hatten diese zu offerieren? Hohle Hände! "Tut Geld in unsere Beutel!" lautet das Diktat. Allgemeine Konsternation. Was, auch diese Knechte werden keck? Man werde sich das noch überlegen, überhaupt-- "Geld, viel Geld, oder wir überlassen Euchden Roten", donnerte es ihnen die zaudernden Gedanken entzwei. Und da griffen sie denn hinein in die zum Überquellen gefüllten Kassen und brachten die Taler ins Rollen. Im Lager der uniformierten Teufel aber feierte man Bacchanalien. Und auf dem Altare des Gottes Mammon wurden fünf der besten Menschen geschlachtet.--

Seitdem die Institution des Privateigentums existiert, ist eine generelle Rauferei um Mein und Dein, die Katzbalgerei von Spitzbuben unter sich und der kleine und große Krieg zwischen Räubern und Bestohlenen nie und nirgends ausgegangen.

Unter dem Vorwande, diesem Krakehl ein Ende zu machen und den Frieden herzustellen, wurde die Polizei mit ihren militärischen und gerichtlichen Anhängseln gegründet. Alsbald stellte es sich aber heraus, daß die Polizei nichts weiter ist, als eine ganz riesige Knappenschaft, welche sich die Raubritter alter und neuer Gattung zulegten, um vor den Bestohlenen sich sicherer fühlen zu können.

Selbstverständlich ist es daher, daß man zum Polizeiwesen nur ganz hartgesottene, professionelle Raufbolde gebrauchen kann. In Europa rekrutiert sich demgemäß die Polizei aus den ausgedienten Soldaten; in Amerika sucht man sich die Ruppigsten im Lumpenproletariat aus. Weil es in diesem Lande - abgesehen von den Milizrüpeln - einen Militarismus von ausgedehnterem Maßstabe nicht gibt, so sucht man diesen "Mangel" durch eine besonders brutal qualifizierte Polizei zu ersetzen. Wenn ein amerikanischer Polizist überhaupt mit irgend einer anderen Kreatur verglichen werden kann, so ist es ein mittelalterlicher Landsknecht von echtem Schrot und Korn - rauflustig und beutegierig.

Schon das Äußere eines amerikanischen Polizisten, selbst wenn sich so ein Kerl in Zivilkleider steckt, verrät die wilde Bestie von Ferne. Wie zum Hohne wird solch' ein zweibeiniger Jaguar zwar als "Diener des Volkes" hingestellt, aber jeder Mensch, der nicht selber auf ähnlicher Tiefe steht, kann davor - je nach dem Grade seiner Ver- oder Entknechtung - nur Furcht oder Abscheu empfinden.

Wer nicht zu denen zählt, welche die Herren der Polizei sind und derenthalben sie eigentlich existiert, ist nie vor ihren Knüppeln und Revolvern sicher. Genau betrachtet herrscht in Amerika beständig eine Art Belagerungszustand, auf Grund dessen die Polizei (die bewaffnete Macht) schaltet und waltet wie eine Erobererhorde in Feindesland. Daß man das in weiteren Kreisen gar nicht mehr recht empfindet, beweist nur, wie sehr man sich an diese infame Situation bereits gewöhnt hat.

Zu den vornehmsten Privilegien der Landsknechte von ehedem zählte das Recht auf Plünderung der Besiegten, resp. Unterjochten. Auch in dieser Beziehung steht der moderne Landsknecht, der amerikanische Polizist, seinem älteren Vorbild in nichts nach.

Im Gegenteil. Trotzdem so ein Kerl ein zehnfach höheres Einkommen hat, als sein älteres Muster, ist er noch ein viel ärgerer Räuber als dieses, wobei ihm die von Muckern und sonstigen Kretins fabrizierten amerikanischen "Sitten"-Gesetze wider alle erdenklichen lauteren und unlauteren Amüsements vortrefflich zu Statten kommen. Der unbefangene Beobachter muß geradezu auf den Gedanken kommen, daß alle diese Abderiten-Diktate unter dem Einflüsse der Polizei zustande kamen, und nur den ausschließlichen Zweck haben, dieser ein noch nie anderwärts dagewesenes System der allgemeinsten Brandschatzerei zu ermöglichen.

Was so ein Polizist aus denen, welche die fraglichen Gesetze übertreten, jährlich heraus preßt und suckert, das grenzt ans Fabelhafte.

Kurzum, ein amerikanischer Polizist ist das schofelste, dreckigste Subjekt, das je ein qualifizierter Mephisto zur Geißel der Menschheit hätte erfinden können. Und der Abschaum von dem ganzen polizeilichen Gesindel der Vereinigten Staaten scheint in Chicago zusammengeschwemmt worden zu sein.

Demgemäß kann man es auch verstehen, daß diese Inkarnation allen Halunkentums in seiner Unersättlichkeit und der damit korrespondierenden Verputzungsqualität auf die Dauer sich nicht mehr mit dem Schröpfen ihrer herkömmlichen Opfer begnügte, sondern seinen Haifischrachen nach einer Richtung hin aufsperrte, wo die Goldfüchse en gros gezüchtet werden.

Die Besitzer der letzteren sind freilich die Herren der Polizei, aber weshalb sollte es denn nicht wenigstens versucht werden, dieselben blechen zu lassen, bis sie schwarz werden. Man braucht ihnen ja nur eine gehörige Angst vor den "Roten" einzujagen. Und siehe da: die Sache klappte. Die reich und üppig gewordenen Rowdies konnten sich doch nicht selbst ihrer Haut wehren, namentlich seitdem die Maibombe gezeigt hatte, daß man sich den Kadaver dabei verbrennen kann. So erfüllten sie dann die Herzenswünsche ihrer Leibpanduren.

Man hat es schon erlebt, daß in anderen Ländern mißglückte Aufstandsversuche insofern fruktifiziert wurden, als man nach denselben eine Vermehrung der Polizei ins Werk setzte. Riesige Staatsmittel sind schon von jeher überall für die politische Geheimpolizei aufgewendet worden. Aber daß die besitzende Klasse privatim ihre ohnehin glänzend gestellte Polizei förmlich mit Trink- resp. Saufgeldern überschüttet hätte, um so von derselben eine "Gesellschaftsrettung" durch Mord und Totschlag, Meineid und Vandalismus zu erkaufen, das war diesem "free country" vorbehalten.

***

Was, fragen wir, wäre wohl die Folge, wenn solch' ein Skandal in Paris, London, Berlin oder einer anderen europäischen Weltstadt ans Licht gekommen sein würde?

Man braucht nicht mit der Phantasie eines Romanschriftstellers ausgestattet zu sein, um nach einer solchen Eventualität im Geiste ein riesenhaftes brausendes Menschenmeer in allen Straßen erscheinen zu sehen, das in unzweideutiger Weise seiner tiefinnersten Erregung Luft machte.

Keine sonst noch so verwegene Regierung könnte es wagen, eine Polizei von solcher Qualität länger amtieren zu lassen.

Die Bourgeoisie aber, welche sich irgendwo in Europa solche Blößen geben würde, beschwöre nicht allein den interessiertesten Haß und die allgemeinste Verachtung wider sich herauf - sie begrübe sich auch unter einem Ozean der Lächerlichkeit.

Hierzulande war die ganze Geschichte nichts weiter, als eine Abwechslung auf dem Gebiete der Sensation, die der Amerikaner zum Alltagsleben benötigt, wie der Morphinist die Einspritzung.

Und die Arbeiter, die 50.000 organisierten und 150.000 unorganisierten Arbeiter von Chicago? Was sagen sie zu der Bescherung?

Werden sie begreifen, daß sie wie ein Mann vor allem darauf zu dringen haben, daß die vier noch hinter Schloß und Riegel befindlichen Opfer jener diabolischen Polizei- und Monopolisten-Verschwörung ihre Freiheit erlangen? Werden sie ferner begreifen, daß sie vor aller Welt unter allen Botekuden dastehen, wenn sie jetzt noch immer fortfahren, den Massenvorspann am Karren der Raubmord-Politiker zu leisten?

Fast scheint es, als ob darauf mit einem definitiven Nein! geantwortet werden müsse, denn wir hören nichts von einer Regung des Volkes, die der Situation entsprechend wäre.

Was sind denn das für Menschen? Haben die auch rotes warmes Blut oder nur eine weiße kalte Brühe im Leib, wie die Schnecken? Besitzen sie ein Herz, das irgendwelcher Gefühle fähig ist, oder steckt nur ein rindslederner Zirkulations-Regulator in ihrer Brust? Bergen ihre Schädel überhaupt Gehirne, oder ist es in denselben gänzlich wüst und leer?

Wahrhaftig, wenn solche Dinge, wie sie in Chicago fort und fort ans Licht kommen, das Proletariat nicht revolutionieren - welch' ein Agitator müßte da wohl erstehen, um Wandel zu schaffen?

Welche Zeiten, welche Menschen!

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung „Freiheit“ am 23.1.1892. Digitalisiert von www.anarchismus.at


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS