Johann Most - Präsente

Eine Betrachtung über Weihnachten wird um diese Zeit von jedem Zeitungsschreiber, namentlich wenn er ein Deutscher ist, erwartet. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob man Christ oder "Heide" ist, jeder mag da nach seiner Weise plaudern, aber totale Enthaltung wird nicht gestattet, wenigstens sehr übel vermerkt. Und in der Tat haben es meist alle Tintenfische, die den Teich der Presse beleben, fertig gebracht, den Bedarf zu befriedigen. Heuchelten sie nicht im christlichen Metten-Stile, so machten sie doch in "freisinnigem" Geschwafel über die Gebräuche der alten Germanen zur Zeit der Sonnenwende. Wollten sie aber recht geistreich und radikal auftreten, so jammerten sie darüber, daß die Phrase vom "Frieden auf Erden" und dem "Wohlgefallen der Menschen" (die "Ehre Gottes in der Höhe" verkniffen sie sich anstandshalber), welche in der sogenannten Christnacht von den Kanzeln geleiert und mehr oder weniger urdämlich kommentiert wird, gar schrecklich mit der Wirklichkeit kontrastiere, und trösteten ihre Leser damit, daß in nebelgrauer Ferne eine Zeit dämmere, wo Ähnliches zum Vorschein kommen könnte, möchte, dürfte.

Wir für unseren Teil erlauben uns von aller Betrachtung über diese Gegenstände uns zu drücken. Wir greifen ein anderes Moment der Weinachterei auf, die Manie der gegenseitigen Beschenkung.

Es ist kein Zweifel, daß sich jeder freut, wenn ihm jemand ein Präsent macht. Aber die Freude wird sehr gedämpft, wenn man gleichzeitig das Bewußtsein hat, daß der Geber eine entsprechende Gegenleistung erhofft und sehr saure Gesichter schneidet, wenn dieselbe hinter der Erwartung zurückgeblieben ist. -

Das Ganze ist ein sehr einfältiger Sport. Reiche Leute - was sollen die sich gegenseitig schenken? Sie haben ja ohnehin alles, was ihr Herz begehrt. Arme Teufel aber - die verbluten bei solcher Schenkerei und können doch damit keinen Hund vor den Ofen locken. Wir für unseren Teil verzichten auf alle und jede Geschenke, sehr froh aber wären wir, wenn jeder, der uns etwas schuldig ist, gelegentlich der Feiertage daran dächte, sein Konto zu begleichen. - Andererseits rücken wir auch nichts heraus - nicht einmal einen sogenannten illustrierten Neujahrsgruß, der gleichzeitig eine Art Bettelbrief für Zeitungshändler bildet.

Könnten wir freilich, wie wir wollten, so schickten wir jedem etwas Passendes ins Haus. Kaiser und Könige von der Hermelin- wie Frack-Qualität beglückten wir mit schönen Fancy-Boxes, die beim Öffnen wunderbare Knalleffekte mit sich brächten, und die Empfänger sehr gehoben fühlen machten.

Aristokraten alten Stammbaums und junger Rindvieh-, Boodel- oder Spekulantengnade bekämen von uns Champagner, der einen Rausch erzeugte, welcher mit einem Schlafe endete, dem kein Erwachen folgt.

Feisten Pfäfflein in Kutte und Talar besorgten wir Liebesgaben, deren Genuß den Eingang in's wohlverdiente "Himmelreich" bedeutete.

Für Bureaukraten von alter Kastenart, wie von demagogischer Geburt, hätten wir Havannas in Bereitschaft, von denen jede schon genügte, kein Verlangen nach einer zweiten zu erwecken, und die allem Weh der Welt für die Betreffenden ein Ende bereiteten.

Polizisten und Schandarmen, sowie die ganze anderweite Büttelspezies regalierten wir mit Schnäpsen, die jeden "selig" machten.

Menschen hingegen, die da ewig schaffen müssen und dennoch nur ganz spärlich genießen können, beschenkten wir mit guten Büchern und - auf daß dem hellen Kopf die starke Hand nicht fehle - feinen Hinterladern samt Zubehör von nicht geringem Quantum.

Indessen, unser diesbezügliches Verlangen ist ein illusorisches; aber unsere Wünsche kommen vom Herzen.

So, wie die Dinge liegen, müssen wir uns schon damit begnügen, unseren Lesern zu Weihnachten den üblichen Wochenbesuch abzustatten und zu sagen, was uns im Schädel sitzt.

Wohlan! Wir stehen vor der Jahreswende. Ist das nicht ein passender Moment, unser sogenanntes Gewissen zu erforschen? Haben wir da nicht Ursache, uns ernstlich zu fragen, ob wir im Laufe der letzten 12 Monate unsere Pflicht getan? Will jeder diese Frage bejahen? Wir glauben kaum.

Es ist wahr, die Situation, in der sich die Anarchisten während des Jahres 1892 befanden, war keineswegs eine rosige - besonders in Amerika. Es wurden zahlreiche Genossen in den verschiedensten Ländern aus unseren Reihen gerissen, in der Nacht des Kerkers begraben oder gar ermordet. Die Reaktion wütete gegen uns ärger denn je und trachtete ringsumher danach, unserer Bewegung mit allen Mitteln den Garaus zu machen - ein Gebaren, das noch obendrein durch allerlei unbesonnene Streiche anscheinend uns Befreundeter erleichtert wurde. Speziell in diesem Lande kam noch hinzu, daß die Arbeiterbewegung im Allgemeinen - so glänzend einzelne Auftritte, die aus ihr hervor gegangen, waren, wie beispielsweise die Kampfesszenen von Homestead, Tennesee, Idaho und Buffalo - auf der ganzen Linie in der Deroute begriffen war. Die meisten Vorstöße, welche die Arbeiter per Streik, Boykott und dergleichen machten, wurden kapitalistischerseits abgeschlagen, eine Niederlage folgte der anderen, ehemals großartige Organisationen brachen total zusammen oder wurden dermaßen geschwächt, daß sie auf lange Zeit hinaus von den erlittenen Schlappen sich nicht mehr erholen können. Diese Misere, unter welcher das Gros der organisierten Arbeiterschaft zu leiden hatte, verfehlte nicht, auch auf die Avantgarde einen nachteiligen Einfluß auszuüben.

Erfolganbeter, wie die Menschen (unsere Genossen zum großen Teil mit eingeschlossen) nun einmal sind, mußten die vielen Mißerfolge auf sie von deprimierender Wirkung sein. Und wie es in solchen Fällen nie ausbleibt, gesellten sich zu dem erwähnten moralischen Niederschlag auch noch die Stänkerei und Zwiespalt, weil jeder, der nicht eine reichere Erfahrung hinter sich hat oder sich bemüht, allen Dingen präzise auf den Grund zu gehen, geneigt ist, die Ursachen solcher Rückschläge überall zu suchen, nur nicht da, wo sie stecken, jeden Menschen, von dem sie annehmen, daß er hexen könne, aller möglichen Tun- und Lassenssünden zu zeihen, die eigentlichen Schuldigen aber gar nicht zu bemerken.

Mehr oder weniger stark ausgeprägte Pessimisterei, Schmollwinkelei und sonstige Sauerei ist dann immer das Resultat, so war es auch im jetzt vergehenden Jahre.

Wir konstatieren jetzt trotz alledem, daß wir, der ganzen Tragödie ungeachtet, weder den Kopf, noch den Mut verloren haben - nicht einmal den Humor. Das kommt daher, daß wir immer dem Laufe der Dinge genau folgen und demgemäß stets im vorhinein bestimmen können, wie die Sachen verlaufen müssen. Wir sind deshalb nicht dem Pessimismus verfallen; wir haben das Schifflein der Partei, die "Freiheit", durch alle Klippen, allen Schlamm und jedes Hindernis gesteuert und vermögen jetzt zu sagen, daß wir das stolze Bewußtsein in uns tragen, unsere keineswegs kleine Aufgabe in diesem Jahre voll Schwierigkeiten so gut erfüllt zu haben, als es nur immer angehen konnte. Lumpen sind wir nicht und treiben daher die Bescheidenheit nicht gar zu weit, obgleich uns niemand andererseits nachsagen kann, daß wir die Geschwollenen spielen. Wer da glaubt, daß er aus solch' schwierigen Situationen sich besser zu ziehen vermöge, soll es einmal eine Zeitlang probieren. Genug, wir sind, allem Ungemach des Jahres ungeachtet, zufrieden mit dem, was wir erreicht, respektive ins neue Jahr hinüber gerettet haben. Die Genossen von Nah und Fern sollten ein Einsehen haben und ähnlich denken.

Die Anarchisten sind nicht die Väter ihrer Zeit, sondern umgekehrt liegt es. Sie machen nicht Verhältnisse, unter denen sie leben, vielmehr können sie über den Rahmen nicht hinaus, in welchen sie von den Verhältnissen des Augenblicks eingeschlossen sind. Wie hochfliegend immer ihre Pläne sein mögen, wie sehr sie ans Himmelsstürmen zu denken geneigt sind - sie müssen, ob sie wollen oder nicht, sich nach der gegebenen Decke strecken.

Wer sich solche naturgemäße Grundsätze stets vor Augen hält; wer sein individuelles Denken niemals von der jeweiligen Wirklichkeit ablenkt und immerdar von dem realen Boden aus, auf dem er steht, seine Beobachtungen macht; wer seine Taten nach den Mitteln richtet, die ihm zur Verfügung stehen; wer nicht mit dem einen Fuße das "irdische Jammertal" betritt und mit dem anderen Fuße in ein Phantasie-Paradies hinein schreiten will, kurzum, wer sich nicht, bei allen seinen sonstigen Geistes-Kapazitäten, wie ein Narr gebärdet, der kann weder niederschmetternde Enttäuschungen erleben, noch wird er seine Ansprüche hinsichtlich des Erfolges seines Wirkens höher schrauben, als den Gesamt-Um-ständen, unter denen er sich betätigt, entspricht.

Diese kleine Predigt wollen wir denjenigen zum Präsent gemacht haben, welche sie nötig hatten.

Es steht jedem schlecht an, der ein durchdachter Anarchist sein will, heute sich dem Wahne hinzugeben, daß ein halbes Lot Pulver, obwohl schadlos zur Explosion gebracht, von riesenhafter Propaganda sei, und morgen, wenn man ihm das Kindische solcher Phantasterei zu Gemüte führte, die Flinte in das Korn zu werfen oder wie ein Rasender über diejenigen herzufallen, die sich bei allem Feuer revolutionärer Leidenschaft kühle, fanatismusfreie Köpfe bewahrten und demgemäß ebenso notwendige, als wohlgemeinte Ratschläge erteilten.

Wir hoffen, daß jeder Genosse, der sein Prinzip genau studierte, der ernsten Willens ist, mit allen Mitteln für die Verkündung der Lehren des Kommunismus und der Anarchie einzutreten, sich die Ermahnungen zu Herzen nimmt, die wir ihm hiermit gegeben haben - falls er es nötig hatte. Wem es im jetzt ablaufenden Jahre mit der Agitation zu langsam ging, der sollte - weit entfernt, im Schatten seiner vier Wände zu schelten - mit doppelter Kraft im neuen Jahre im Sinne unserer Bewegung an die Arbeit gehen. Wem das Parteileben nicht lebhaft genug erscheint, der hat wahrlich keinen Grund von dieser Sphäre fern zu bleiben. Will er Hebung dessen, was ihm in dieser Hinsicht am Herzen liegt, so muß er einfach vor allem selber tüchtig einzugreifen suchen und dafür Sorge tragen helfen, daß die Agitation gehoben wird.

Wir haben hinsichtlich der Abonnentenschaft der "Freiheit" in diesem Jahre nichts verloren, wenig gewonnen. Das ist mehr, als viele andere Blätter unserer Farbe sagen können (eitle Prahlereien nicht in Betracht gezogen). Mancher ist damit durchaus nicht zufrieden. Jeder Malkontente weise uns aber erst einmal nach, daß er sich bemühte, neue Abonnenten aufzutreiben. Mancher, der da sein Register mustert, dürfte "Reu' und Leid" empfinden. Und wieviele gibt es denn, die Jahr aus, Jahr ein sich mühen, Bücher und Broschüren zu hausieren? Sache der Kolporteure! Ein oberfauler Zauber! Was da an Gleichgültigkeit geleistet wird, das stinkt oft zum Himmel empor. Wen das immer angehen möge - wer im Jahre 1892 keine Schriften anarchistischer Tendenzen unter das Volk zu bringen suchte, der hat entschieden seine Pflicht als Parteimann nicht im Entferntesten getan. Den Betreffenden wünschen wir also Besserung für 1893.

Alles, was wir da zu sagen hatten, gilt wesentlich für Amerika, denn jenseits des atlantischen Ozeans regt es sich ohnehin allenthalben - trotz allen Ungemachs, unter welchem unsere dortigen Genossen zu leiden haben - ganz herzerfrischend. Dieser Umstand sollte aber allem schon genügen, auch die amerikanischen Genossen stets schaffensfreudig und opfermutig zu erhalten.

Diese Schon-Alles-Wisserei, dieses in Folge dessen Nicht-mehr-Nötig-haben, Versammlungen zu frequentieren; dieses Versichern des Am-Platze-Seins, wenn es einmal "losgeht"; diese hundert Beschönigungen für die Pflege privater Schlaraffie - alles das macht unsereinen manchmal "wild", zumal es ganz verflucht ansteckend wirkt.

Anarchisten, ob Rekruten oder Veteranen, haben, wenn sie für voll genommen werden wollen, immer zur Stelle sein, wenn zum Appell geblasen wird. Sie müssen begreifen, daß sie, je stärker sie auf dem Plan erscheinen, desto eindrucksvoller nach Außen hin zu wirken im Stande sind. Und das ist denn doch der Hauptzweck der Agitation. Mögen diese Pillen, die wir da als Präsente spenden, nicht nur verschluckt werden, sondern auch in der gewünschten Weise anregend wirken. Wir müssen dafür Sorge tragen, daß im kommenden Jahre das Versammlungswesen neues und starkes Leben zeigt, und wir können das mit Leichtigkeit, wenn nur jeder will. Es muß gelingen, unserer Presse eine weitere Verbreitung, als bisher zu sichern. Unsere sonstige Literatur muß von Hand zu Hand geliefert werden.

Und nun genug. Die Zeiten sind ernst. Große Ereignisse, die da im Kommen sind, schicken täglich neue Symptome voraus. Die Anarchisten haben eine gewaltige Rolle dabei zu spielen. Seien wir dessen stets eingedenk. Vorwärts zu neuem Wirken im nächsten Jahr! Genossen, seid rührig, seid ausdauernd!

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung „Freiheit“ am 24.12.1892. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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