Johann Most - Am Pranger der Geschichte

Wenn ein Cäsar sein Luderleben beschließt, schickt es sich eigentlich für anständige Menschen nicht, darüber ein Wort zu verlieren. Denn so sehr es auch Genugtuung gewähren mag, daß solche Ungeheuer dem Tode schließlich ebenso verfallen sind, wie das ärmste ihrer Schlachtopfer, so ist es doch ein gar zu unreinliches Geschäft, nach dem Kadaver des personifizierten Abschaumes der Menschheit mit Fingern zu deuten. Allein mit Lehmann müssen wir eben doch trotz alledem eine Ausnahme machen, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Dieser Schurke war der Begründer des modernen Militarismus, des fluchwürdigsten Tyrannisierungssystemes, welches je die Welt gesehen hat.

2. Zahlreiche unserer Leser haben es diesem Scheusal zu verdanken, daß ihre Existenz untergraben und ihr ganzes Dasein verbittert wurde.

3. Die Haltung, welche die Presse zweier Welten an den Tag legte, als dieser Universal-Verbrecher seine Dreckseele ausgehaucht hatte, bildete eine so unerhörte Schändung des ganzen Menschengeschlechtes, daß schon dieser Umstand allein uns die Aufgabe stellt, zu einer solchen Hundsfötterei nicht zu schweigen.

Die Hohenzollern

bilden unter den übrigen Gottesgnädlingen notorisch das ruchloseste Gezücht, was gewiß viel besagen will. Ihre kurze Geschichte hat nichts aufzuweisen, als Falschheit, Wortbruch, Meineid, Urkundenfälschung, Raub. Falschmünzerei, Meuchel- und Massenmord, das ganze Register aller Verbrechensbegriffe. Es ist ein emporgekommenes Assassinengezücht, das jeden Scheines eines anderen Charakterzuges, als des der rohesten Gemeinheit entbehrt, wie wir demnächst in einer historischen Skizze zeigen werden. Und wenn einmal die Krönlinge zusammengefegt werden auf dem Unratshaufen der Geschichte, gebührt diesem ausgesuchten Halunkentum die unterste Stelle.

Zur Entschuldigung ihrer Eigenschaften haben die Hohenzollern höchstens ihre unmittelbare Herkunft aufzuzeigen, die Heine wie folgt verewigt hat:

"Zu Berlin im alten Schloße
Sehen wir, aus Stein gemetzt,
Wie ein Weib mit einem Rosse
Sodomitisch sich ergetzt.

Und es heißt, daß jene Dame
Die "erlauchte Mutter" ward
Uns'res Fürstenstammes.
Der Same Schlug fürwahr nicht aus der Art.

Ja fürwahr, Sie hatten wenig
Von der menschlichen Natur!
Und an jedem Preußenkönig
Merkte man die Pferdespur.

Das Brutale in der Rede,
Das Gelächter ein Gewieh'r,
Stallgedanken, - und das öde
Fressen - jeder Zoll ein Tier!

Wenn es unter solchem Viehzeug überhaupt noch graduelle Unterschiede gibt, so war der letzte Preußenkönig unter den Hohenzollern-Pestilenzen sicherlich der schuftigste von allen.

Ein wahrer Strohkopf

war sein Vater, doch nicht dumm genug, um nicht seine Sprossen richtig zu beurteilen. "Fritz" (der spätere Champagnerfritze), sagte er, "hat Geist (?), aber keinen Charakter, Karl hat Charakter (?), aber keinen Geist, Wilhelm hat aber weder Geist noch Charakter!" Und als charakterlose Bestie hat sich denn Wilhelm schon in seinen jungen Jahren ausgewiesen.

Daß den "Prinzen" aller Höfe die Weibergemeinschaft keine Chimäre ist, weiß alle Welt; unflätiger hat es aber in dieser Hinsicht wohl selten einer getrieben, wie dieser "erlauchte" Hengst. Wäre es kein Prinz gewesen, so hätte er gar sicher bald als Notzüchtling Bekanntschaft mit dem Zuchthaus machen müssen, so aber kam er eben nur ab und zu an die Unrechte und bekam Maulschellen - nicht immer, ohne seine bübische Rache zu provozieren. So begegnete er einmal Unter den Linden, als er in der Kutsche saß, einer solchen Spröden. Er ergriff die Peitsche, tauchte dieselbe in den Straßenkot und schlug das widerspenstige Mädchen damit in's Gesicht.

Ein anderes Beispiel dieser Art ist das folgende: Die Schauspielerin Ida Pellet, welche mit dem Assessor von Pannewitz verlobt war, wurde von dem sauberen Prinzen eines Tages vergewaltigt. Deren Bräutigam überraschte ihn und schlug ihn in's Auge. Kurze Zeit darauf starb das Mädchen an Gift und Pannewitz wurde von "Unbekannten" totgeschlagen.

Solcher Hindernisse überdrüssig, verlegte er sich später nur noch auf Schauspielerinnen und Balleteusen; und die Zahl seiner "wilden Kinder" ist Legion. Ein Junge dieser Sorte - Louis Viereck, der angebliche Sozialist - ist vielen unserer Leser wohlbekannt.

Von anderen Schweinigeleien Wilhelm's wurde besonders eine Orgie weit und breit bekannt, die er, gemeinsam mit seinen würdigen Brüdern, eines Tages in den zwanziger Jahren auf einem öffentlichen Maskenball im "Hofjäger" am Tiergarten aufführte. Sollet schrieb im Hinblick auf diesen Vorfall folgende bezeichnenden Verse:

"Was in schnöden Unzucht-Graben
Kaum getraut ein Wüstling sich -
Allerhöchste Lotterbuben
Wagten solches öffentlich!

Kann für Sitt' und Frauenehre
Ein zerschlag'nes Schädelein -
Wenn es noch so vornehm wäre, -
Ein zu hoher Preis wohl sein?"

Die letzte Anspielung hat nämlich Bezug auf jenen Umstand, daß die drei "erlauchten" Säue schließlich von einigen anwesenden Männern gehörig durchgewalkt und an die Luft gesetzt wurden.

"Kartätschenprinz"

Das ist der Titel, welchen sich Schufterle-Wilhelm erwarb, als er sich zum ersten Mal in der Politik bemerkbar machte - ein Titel, der ihm noch anhaften wird, wenn die Namen, welche ihm das literarische Eunuchentum später beilegte, längst der Regen von den Blättern der Hohenzollern'schen Hofgeschichte abgewaschen hat.

Der 18. März des Jahres 1848 hatte das Volk von Berlin vor das Schloß geführt und den Thron ins Wanken gebracht. Der verrückte und total versoffene König wäre am liebsten in ein Mauseloch gekrochen, Wilhelm aber brüllte beständig: Kartätschen d'rauf! Kartätschen d'rauf!

Dieser bestialische Hochmut war indessen von raschem Falle begleitet. Die Sache ging schief. Das Volk blieb Herr der Situation; der "tapfere" Wilhelm aber schnitt sich den Bart ab und flüchtigte sich in eiliger Hast unter dem prosaischen Namen Lehmann.

Die Berliner hingegen sangen das schöne Lied:

"Komme doch, komme doch, Prinz von Preußen;
Komme doch, komme doch nach Berlin!
Wir wollen Dich mit Steinen schmeißen
Und das Fell über's Ohr Dir zieh'n."

Im "freien England", wo ja stets verjagte Fürstlichkeiten eine warme Aufnahme fanden, während wir in dem englischen Asylrecht für Revolutionäre ein dickes Haar gefunden haben, konnte sich die Kanaille genügend zur Rache rüsten, die er auch schon im Jahre 1849, gleich einem Raubtier, rücksichtslos genommen hat.

Als Oberbluthund

wütete er an der Spitze der preußischen Soldateska in Baden und der Pfalz, bis er zu Rastatt seine Massenmördereien durch völlige Ehrlosigkeit besiegelte. Bei seinem "Ehrenwort" hatte er den kapitulierenden Freiheitskämpfern freien Abzug zugesichert. Kaum aber hatten dieselben ihre Waffen aus der Hand gelegt, so ließ er sie ergreifen und in die
Kasematten werfen; die edelsten Männer aber wählte er heraus, um sie standrechtlich zu ermorden. "Rebellen gegenüber", sagte der Schuft, "braucht man nicht sein Wort zu halten...."

Die Reaktion, welche nun über Deutschland hereingebrochen war, bildete so recht das Element, in welchem sich ein Kartätschenprinz wohl zu fühlen vermochte, zumal sein Bruder, der "König", nachgerade völlig dem Delirium tremens verfallen war, so daß Wilhelm bald als "Prinzregent ganz gottesgnädlich und teufelsmäßig die Fuchtel über Preußen schwingen konnte.

Endlich hatte sich Friedrich Wilhelm No. 4 vollends totgesoffen; Wilhelm nahm sich die Krone "vom Tische des Herrn" und bescherte das Volk mit der furchtbarsten Geißel unseres Jahrhunderts, nämlich mit

Bismarck.

Das war der Mann, welcher alle nötigen schlechten Eigenschaften besaß, um Deutschland systematisch zu verpreußen und jeden Funken von Freiheit und Recht mit seinen plumpen Junkerfüßen auszustampfen. Ein gelehriger Affe Louis Napoleon's, übersetzte derselbe alle Schurkereien desselben in's Deutsche und verwandelte das Volk in eine willenlose Untertanen-Herde, deren wahre "Verfassung" nur noch die drei Artikel aufwies: Soldat werden, Steuern zahlen und das Maul halten.

Der moderne Militarismus

ging nun in Szene. Erst wurde Preußen, später ganz Deutschland in ein permanentes Kriegslager verwandelt. Selbstverständlich ahmten die übrigen gekrönten und ungekrönten Oberbüttel Europa's diese Ungeheuerlichkeit nach; und heute starrt der ganze Weltteil in Waffen. Die besten Säfte der Völker werden von dem Moloch des Mordhandwerks aufgesogen und sämtliche Staaten stehen wegen der Schulden, die sie auf Grund dieses wahnwitzigen Militär-Systems gemacht, vor dem Bankrott. Das ist die wahre Hinterlassenschaft jenes Elenden, welcher kürzlich zu Berlin krepierte.

Die Kriegsfurie

wurde binnen 6 Jahren (anno 64, anno 66 und anno 70) entfesselt, damit die nach Raub lechzende, herrschgierige Hohenzollern-Pestilenz ihrem Despotenwahnsinn Genüge leisten konnte. Denn das ist der ganze Kern der sogenannten Reichsherrlichkeit, an welcher sich die Michel des In-und Auslandes einen "Narren gefressen" haben.

Als die Reichsdespotie in's Trockene gebracht war, wurden die "Gottesfurcht und fromme Sitte" mit Keulenschlägen dem ehemaligen "Volk der Denker" eingebleut.

Unter den Bürgerlichen verschwand der frühere "Männerstolz vor Königsthronen", und das Wedeln zweibeiniger Hunde trat an dessen Stelle. Was der Einheitsdusel in dieser Hinsicht nicht zu Wege brachte, das besorgten die Reptilien der Presse, denen Bismarck und sein gekrönter Hintermann gestohlenes Welfengeld mit vollen Händen in die Rachen schleuderten. Und nur die Arbeiter wahrten die Ehre Deutschlands, indem sie in hellen Haufen den Bannern der sozialen Revolution entgegen strömten.

Diesen "Übelstand" zu beheben, verhängte Bismarck im Einverständnis mit seinem Kartätschenkaiser einfach die

Reichsacht,

auch Sozialistengesetz genannt, über das ganze Proletariat. Wie unter demselben gehaust wurde, weiß jedermann. Wenn die Regierung Wilhelm des Scheußlichen sonst keine Niedertracht verübt hätte, diese eine Barbarei wäre schon genügend, sie und ihre Träger für alle Ewigkeit zu brandmarken.

Was uns Angesichts eines solch' ruchlosen Lebens wundert, das ist der Umstand, daß gegen den Unhold

nur vier Attentate

gemacht wurden, wovon nur das Nobiling's wenigstens einen züchtigenden Erfolg hatte.

Es ist, als ob Deutschland ein verfluchtes Land wäre, das seine tiefste Erniedrigung unter der Herrschaft dieses gekrönten Feldwebels finden sollte.

So sieht also das Bild jenes Monsters aus, um welches heute Millionen schamloser Heuchler weinen, am ekelhaftesten

in Amerika,

wo die gesamte kapitalistische Presse - allen voran die "New Yorker Staats-Zeitung" - die hündischsten Speichelleckereien feiler Fürstenknechte, wie sie sonst nur in Hofblättern sich breit machen, zu überbieten suchte.

So weit sich dieses Federvieh nur selbst im Schlamme der Despotenvergötterung zu wälzen liebt, kann man mit stillschweigender Betrachtung hinweg sehen. Dasselbe treibt es aber weiter und verleumdet das deutsche Volk; dafür muß es gezüchtigt werden.

Ließ sich da die Ottendorfer'sche Lügenblase z.B. hinsichtlich der Situation in Berlin im Augenblicke, wo Lehmann sozusagen der Teufel holte, telegraphieren:

"Die Szenen, die sich da entwickelten, muß man gesehen haben, um sie zu glauben. Ich habe die Leute scharenweise in den nassen Straßen, in den Kot niederknieen sehen. Ich sah alte, ergraute Männer und Studenten und Soldaten weinen, als wäre ihr eigen Fleisch und Blut dahingegangen. Ich habe andere gesehen, wie sie barhäuptig, im Regen, vor sich hingingen, den Blick zum Himmel erhoben, wie geistesabwesend. Die Leute schienen alle wie gebrochen, voll unbestimmten, bangen Schreckens, sie schienen alle von dem Gefühl erfaßt, das die Bewohner tropischer Gegenden nach den ersten Symptomen der nahenden Erderschütterung empfinden."

Diese Darstellung der Berliner als eine Bande von Hundsföttern weisen wir als elendes Verleumdungswerk zurück. Nur infame Buben können einem Volke solche Schmach andichten.

Weshalb überhaupt in einer sogenannten Republik solches Geschreibsel möglich ist? Weil die herrschende Klasse Amerika's samt ihren Machern der "öffentlichen Meinung" längst jeden Schein von Republikanismus von sich streiften und behufs besserer Knechtung des Volkes selber sich nach einem Cäsar sehnen, welcher alle jene Ruchlosigkeiten in sich birgt, welche Wilhelm der Blutige repräsentierte.

Wir schließen in dem Bewußtsein, daß nur wenige Tyrannen noch im Bette sterben werden, und daß in jenen kommenden Stürmen, welche die Gottesgnädlinge zu verschlingen berufen sind, auch das Protzentum zur Hölle - in das große Nichts befördert wird.

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung "Freiheit“ am 17.3.1888. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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