Zum hundersten Todestag Leo Tolstois

Am 7.11. bzw. 20. 11. jährte sich - je nach Benützung des julianischen oder des gregorianischen Kalenders - zum hundertsten Mal Tolstois Todestag. Klar, dass Buchverlage und Buchhandlungen mit Tolstois literarischem Werk, vor allem seinen Bestsellern "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden", ihr großes vorgezogenes Weihnachtsgeschäft wittern. Auch in den bürgerlichen Medien ist Leo Tolstoi seit Wochen unterschiedlich präsent.

Das Geburtshaus im russischen Jasnaja Poljana, dem ehemaligen Landsitz der Adelsfamilie Tolstoi, das schon vor etlichen Jahrzehnten zum Museum gemacht wurde, erfährt - Nachrichten zufolge - ungewöhnlich hohe Besucherzahlen. Und ein Familientreffen der weltweit verstreut lebenden Tolstois soll es auf Jasnaja Poljana auch geben. Zuviel Rummel, dem sich Tolstoi zu Lebzeiten entzogen hätte.

Tolstoi-Biographien nennen unterschiedliche Lebensdaten, was der Tatsache geschuldet ist, dass zu Tolstois Lebzeiten und noch lange Jahre danach in Russland der julianische Kalender in Gebrauch war, im westlichen Europa jedoch durchgängig schon der gregorianische, nach dem heute das Kalenderjahr eingeteilt ist (so hat beispielsweise die russische Februarrevolution nach gregorianischem Kalender am 8. März stattgefunden, jener "Oktoberrevolution" genannte und von den Bolschewiki zwecks Machterlangung inszenierte Putsch fand nach gregorianischem Kalender am 7. Novemer 1917 statt). Verschiedene Schriften über Tolstoi nennen seine Lebensdaten sowohl nach julianischem als auch nach gregorianischem Kalender nebeneinander. Andere Biographen wiederum entschieden sich ausschließlich entweder für den einen oder den anderen Kalender, was natürlich zu Irritationen führen kann.

Geboren wurde Lew ("Leo") Nikolàjewitsch Graf Tolstoi nach julianischem Kalender am 28. August, nach gregorianischem am 9. September 1828 als zweitjüngstes von fünf Kindern einer Familie des russischen Hochadels auf Gut Jasnaja Poljana im Bezirk Tula. Nachdem er früh zum Vollwaisen geworden war (die Mutter starb 1830, der Vater 1837), wuchs er mit seinen vier Geschwistern bei einer vermögenden Tante in Kasan auf. Tolstoi verlebte eine sehr glückliche Kindheit, wie wir aus seinem Erstlingsroman - "Kindheit" betitelt - entnehmen können, jenem erfolgreichen Buch, mit dem er nach mehreren literarischen Gehversuchen den Durchbruch in die Welt der Literatur schaffte.

Im Jahr 1844 begann er an der vierzig Jahre zuvor gegründeten Universität in Kasan orientalische Sprachen zu studieren, wechselte aber bald über zur Jurisprudenz, brach 1847 sein Studium ab und ging ein Jahr später zurück auf sein ererbtes Landgut Jasnaja Poljana, um dieses zu verwalten und die soziale Lage seiner mitgeerbten 350 Leibeigenen zu bessern, für die er schon als Kind Sympathien empfand. Hier sei ein kurzer Rückblick auf Tolstois Kindheit gestattet: Zwei Ereignisse, die später ausschlaggebend für sein soziales Engagement gewesen sein sollen, prägten sich schon dem siebenjährigen Knaben besonders ein. Diese waren zum einen eine an einem bei ihm und seinen Geschwistern besonders beliebten Kutscher vollzogene Prügelstrafe und zum anderen der Verkauf eines bei den Tolstoi-Kindern beliebten Hausdieners an einen anderen Gutsherren. Auch ähnliche Ereignisse, wie sie auf Nachbargüter geschahen, deren Gutsherren eigentlich als gütig und sozial galten, brannten sich in seiner kindlichen Seele unauslöschlich ein. Der Knabe Lew Nikolàjewitsch erlebte so aus eigener Anschauung, dass Menschen, die er liebte und hochachtete, anderen Menschen schweres Unrecht und Leid zufügen konnten, ohne dass sie überhaupt je begriffen, was sie da taten. Er selber lernte, als er kaum 20-jährig das väterliche Erbe angetreten und zu verwalten begonnen hatte, zu begreifen, dass das, was sich ihm in seiner Kindheit so negativ eingeprägt hatte, gerade in der seit Jahrhunderten bestehenden Einrichtung der Leibeigenschaft begründet lag, und in die er selber als künftiger Gutsbesitzer hineingeboren und hineinerzogen worden war. Und er musste noch ein anderes Phänomen erkennen, nämlich dass es sogar schwierig war, seinen Hörigen die Freiheit zu geben, weil sie unverbrüchlich an das System der bedingungslosen Abhängigkeit gekettet zu sein schienen, auch wenn der Gedanke ihm schon als Jugendlichem innewohnte, einst seinen Bauern die Freiheit zu schenken (erst 1861 - nach mehr als 250 Jahren - wurde die Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. offiziell aufgehoben. Die Bauern wurden zwar rechtlich Freie, blieben aber besitzlos, mussten sich verschulden und verarmten noch mehr). Dem jungen Gutsbesitzer Tolstoi gelang es trotz allen guten Willens nicht, seine Bauern vor 1861 aus der Leibeigenschaft zu entlassen. Deshalb suchte er nach Wegen, den sozialen Status seiner Leibeigenen etwas zu heben; und dies suchte er über das Mittel der Bildung zu erreichen. Es darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass das damals im Zarenreich weitverbreitete Analphabetentum nicht zuletzt mit dem System der Leibeigenschaft zusammenhing. Wenn es nun schier unmöglich war, den erwachsenen Leibeigenen das Lesen und Schreiben beizubringen, so war es naheliegend, dieses und anderes Allgemeinwissen deren Nachkommenschaft zu vermitteln. Und aus dieser Erkenntnis heraus gründete er bereits 1849 seine erste Schule für die Kinder der Bauern auf seinem Landgut. Sein reformpädagogischer Ansatz lag darin, die Kinder nicht als Erziehungsobjekte zu betrachten, sondern als gleichwertige Menschen - ein geradezu revolutionärer Standpunkt in der Pädagogik der damaligen Zeit. So ließ er sich von den Kindern nicht mit "Graf", sondern mit seinem zweiten Vornamen, Nikolàjewitsch, anreden und vertrat in seinem pädagogischen Konzept, das alle spätere Reformpädagogik (über Francisco Ferrer, Montesori bis hin zum Schulprojekt Summerhill) stark beeinflusst hat, das Freiheitsprinzip: "Die Erziehung verdirbt die Menschen und bessert sie nicht. Je verderbter ein Kind ist, desto weniger darf es erzogen werden, desto mehr bedarf es der Freiheit." Tolstoi war der Überzeugung, dass das Kind sich geistig und vielseitig zu entwickeln imstande ist, wenn ihm der Erwachsene, der Lehrer also, das entsprechende geistige Material an die Hand gibt. Seiner ersten "Alternativschule" war allerdings kein Erfolg beschieden. Nach dem Scheitern seiner ersten Reformversuche zog es ihn resigniert nach Moskau und Sankt Petersburg, um in standesgemäßen Kreisen Zerstreuung zu suchen, wobei Spielschulden nicht ausblieben, weshalb er sich 1851 entschloss, dem Miitär beizutreten, um seinen Gläubigern zu entfliehen. Er tat zunächst Dienst im Kaukasus, wo bereits sein Bruder Nicolai stationiert war, dann bis 1856 auf der Halbinsel Krim, wo er als Fähnrich der Artillerie zunächst begeistert von 1854 bis 1855 am sogenannten Krimkrieg teilnahm, der bereits 1853 als russisch-türkischer Krieg entbrannt war. Hindergrund dieses Krieges war, dass Russland sein Herrschaftsgebiet auf Kosten des allmählich auseinanderfallenen Osmanischen Reiches zu erweitern suchte, was durch den Eintritt Frankreichs und Großbritanniens (ab 1855 auch Sardiniens) vereitelt wurde. Dieser Krieg war für alle beteiligten Parteien sehr verlustreich. Über seine Erlebnisse in den Schlachten um Sevastopol im Krimkrieg veröffentlichte er 1855 und 1856 in der von Alexander Puschkin mitgegründeten Zeitschrift "Der Zeitgenosse" drei Erzählungen. In der letzten dieser Erzählungen ließ Tolstoi bereits seine Wandlung zum Militär- und Kriegsgegner erkennen. Während seiner Militärdienstzeit, die er 1856 beendete, schrieb er seine bereits erwähnte autobiographische Skizze "Kindheit", der sehr bald als Fortsetzung das Werk "Knabenjahre" und 1857 zur Abrundung die "Jünglingsjahre" folgten. In jenem Jahr 1857 unternahm er auch eine Reise in die Schweiz, nach Frankreich, Italien und Deutschland. In Baden-Baden verjubelte er im Spielkasino beim Roulette eine nicht unerhebliche Summe Geldes (in sein Tagebuch trug er ein, bis sechs Uhr in der Frühe gespielt und alles verloren zu haben). Nach seiner Rückkehr gründete er 1859 auf seinem Gut erneut nach Kriterien antiautoritärer Pädagogik eine Schule für Bauernkinder. Zugleich gab er eine eigene pädagogische Zeitschrift heraus, die er nach seinem Landgut Jasnaja Poljana benannte. Die Schule wurde 1862 durch das zaristische Unterrichtsministerium geschlossen. Zwar unterlag Tolstoi offiziell noch keiner polizeilichen Überwachung, aber die Furcht des Zaren vor einer Revolution, die seine Geheimpolzei in Tolstois Reformpädagogik aufkeimen sah, führte zur Indizierung der erwähnten Zeitung: sie verbreite Ideen, die schädlich seien. Zudem wurde Tolstoi der Verschwörung gegen den Zaren beschuldigt, was 1863 dazu führte, dass sein Haus und seine Schule durchsucht und verwüstet wurden. In der Zeit von 1860 bis 1861 bereiste er für die Dauer von neun Monaten erneut das Ausland. Bei dieser Gelegenheit lernte er in Dresden den Schriftsteller Berthold Auerbach, der als Student 1837 auf der Festung Hohenasperg wegen "staatsgefährdender Umtriebe" eingesessen hatte, in London den russischen Schriftsteller, Revolutionär und Freund Bakunins, Alexander Herzen, in Brüssel den französischen Anarchisten Pierre Joseph Proudhon, in Berlin den Pädagogen Adolf Diesterweg kennen. Anders als bei seiner ersten Auslandsreise besuchte er etwas weniger die Spielkasinos, stattdessen besichtigte er mehrere französische und deutsche Schulen, um deren pädagogische Arbeit kennenzulernen. Von der schulischen Erziehungsmethode in Deutschland war er ziemlich geschockt, während ihm das Rousseau'sche Modell in Frankreich, über das er jedoch bald hinausging, positivere Impulse mit nach Hause gab. Nach den Rückschlägen von 1862 und 1863 zog er sich zunächst aus der Pädagogik zurück, und widmete sich auch auf Drängen seiner Frau Sophia Behr, einer Arzttochter, die er 1862 ehelichte, verstärkt seinem literarischen Schaffen, vor allem seinem großen Romanwerk "Krieg und Frieden", an dem er einschließlich der Recherchen etwa sieben Jahre lang arbeitete und 1869 abschloss. Dieser Roman wird allgemein als ein Geschichtsroman bezeichnet, obwohl ihm ein Wesensmerkmal für historische Romane eigentlich fehlt: Er macht sich nicht ausschließlich an einem bestimmten historischen Ereignis fest, auch wenn die Napoleonischen Kriege von 1805 bis 1812 den Rahmen abgeben. Im Mittelpunkt stehen nämlich drei fiktive russische Adelsfamilien unterschiedlicher Charaktere mit ihren gesellschaftlichen Verstrickungen und ihren Liebschaften. "Krieg und Frieden" war der Titel eines umfangreichen philosophischen Werkes, das Proudhon schon fast beendet hatte, als er von Tolstoi in Brüssel aufgesucht wurde. Tolstoi war von diesem Buch so stark beeindruckt, dass er nicht nur den Titel für seinen Roman, sondern auch wesentliche - vor allem psychologische - Aussagen dieser Schrift übernahm. Neben der Anleihen bei Proudhon machte er für seinen voluminösen Roman auch solche bei Puschkin, zog aber auch historische Dokumente verschiedener Art hinzu (Tagebücher, Briefe, Kriegsberichte, mündliche Überlieferungen und diverses Archivmaterial), flocht Autobiographisches (aus seiner Kindheit und Jugendzeit sowie aus seinen eigenen Kriegserlebnissen als Artillerieoffizier), Eigenfamiliäres und vieles hinein, was nicht in die Epoche von 1805/1812 gehört, beispielsweise den Besuch einer Oper, die erst frühestens vierzig Jahre nach den napoleonischen Kriegen zur Aufführung gekommen sein kann. So ist "Krieg und Frieden" zum einen wohl historisch zu nennen, aber auch als (realistischer) Gesellschaftsroman und sozialkristischer Roman zu lesen, in dem Tolstoi keineswegs seine Kriegskritik außen vor läßt. Er verlangt von seiner Leserschaft schon ein gehöriges Quantum an Konzentration ab. Mit Fug und Recht aber darf "Krieg und Frieden" als ein Jahrthundertwerk bezeichnet werden, das erstmals 1956 auch verfilmt wurde.

Nach Beendigung der Arbeiten an dem besagten Roman sowie an seinem zweiten großen Roman, "Anna Karenina", wandte er sich wieder Fragen pädagogischer Art zu und verfasste eine Fibel für die Grundschule, die 1872 unter dem Titel "Das Alphabet" erschien und drei Jahre später in einer erweiterten und überarbeiteten Fassung als "Das Neue Alphabet" herauskam und im damaligen Russland große Verbreitung fand. Ebenfalls 1872 richtete Tolstoi zum dritten Mal auf seinem Gut eine Schule ein (ein weiterer Schulversuch erfolgte wenige Jahre vor seinem Tod).

Neben seiner pädagogischen und literarischen Tätigkeit engagierte sich Tolstoi auch umfassend im sozialen Bereich und zuweilen politisch. So half er bei der Durchführung der sogenannten Bauernreform der Jahre 1873 und 1891-1893, organisierte Hilfen für von Missernten betroffenen Bauern und wandte sich - wie bereits erwähnt - sehr früh gegen die Leibeigenschaft. Er kritisierte Staat, Kirche und Gesellschaft, forderte offensiv die Gewaltfreiheit in der Politik (vornehmlich die Vermeidung von Kriegen) und war erklärter Gegner der Todesstrafe, nachdem er bei seiner ersten Europareise 1857 in Paris Zeuge einer öffentlichen Hinrichtung durch die Guillotine geworden war und die in ihm eine noch größere Abscheu hervorgerufen habe als alle im Krieg erlebten Greueltaten, wie er einem Freund brieflich mitteilte. Die Guillotine wurde für ihn zugleich zum Symbol der Brutalität des Staates; der Anarchismus keimte in ihm auf: "Fortan werde ich nie mehr irgendwo irgendeiner Regierung dienen." Menschen zu töten empfand er als unmoralisch und unnatürlich. Wenn jemand für die Hinrichtung eintrete, dann solle er - so Tolstois verblüffende Argumentation - , anstatt dies andere tun zu lassen, selbst hingehen und die Hinrichtung vornehmen. Das gemahnt an die biblische Story über die Ehebrecherin im Johannesevangelium: Kap. 8, Vers 7b soll Jesus zu jenen gesagt haben, die gemäß dem mosaischen Gesetz (Lev 20, 10) eine von ihnen des Ehebruchs beschuldigte Frau zu steinigen gedachten: "Wer ohne Fehl Fehl ist, der werfe den ersten Stein!" Verse 9ff. heißt es weiter: "Als sie aber das hörten, gingen sie, einer nach dem andern, (...) hinaus. Jesus aber ward gelassen allein und das Weib in der Mitte stehend. Jesus (...) sprach zu ihr: Weib, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Herr, niemand. (...)." Im Alter begann Tolstoi sogar für ein Verbot der Jagd und für vegetarische Ernährung einzutreten, obgleich er selber in jüngeren Jahren begeisterter Jäger war.

Wohl als Folge seines enormen Engagements im pädagogischen, literarischen und sozialen Bereich sowie infolge staatlicher Repression und Willkür (so etwa durch eine Hausdurchsuchung 1908, bei der alle auffindbaren Texte beschlagnahmt wurden) gestaltete sich seine Ehe immer schwieriger, trotz des Kinderreichtums (er hatte mit seiner Frau 13 Kinder), und führte ihn mehr und mehr in eine tiefe innere Krise, die schließlich 1879 voll zum Ausbruch kam und er in einer "Beichte", wie er diese Schrift betitelte, Rechenschaft über sein bisheriges Leben ablegte (diese "Beichte", die auch Ansätze seiner [späteren] anarchistischen Gedanken aufweist, wurde in Rußland zunächst in einigen handschriflichen Exemplaren verbreitet und 1882 gedruckt). Gleichzeitig mit dieser Krise kam es zur Hinwendung oder vielmehr zur Rückkehr zur Religion. Sein intensives Studium des biblischen Neuen Testaments, vor allem der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium (Matth 5-7), führte ihn dauerhaft in einen Konflikt mit der orthodoxen Staatskirche und - was nicht ausbleiben konnte - auch mit dem Staat selbst und der Gesellschaft, die ihm zunehmend zuwider wurde. Seit 1881 entwickelte er daher eine regelrechte Abneigung gegenüber der von den Kirchen praktizierten rituellen Form der Religiosität. Er erkannte darin eine Verlogenheit in einer solchen den Kriegsdienst bejahenden Religionsausübung, der er das schlichte Leben Jesu entgegenstellte und die Nächstenliebe betonte. In diesem Sinne erschienen 1881 seine "Kritik an der dogmatischen Religion", 1883 "Was ich glaube", 1887 "Über das Leben", 1889 die "Kreutzersonate", 1893 "Das Himmelreich ist in euch" und schließlich 1899 sein Roman "Auferstehung". Diese Schriften, die sofort kirchlichen und staatlichen Widerspruch hervorriefen und prompt verboten wurden, zeugen von einem Vernunftchristentum, zu dem sich Tolstoi durchgerungen hat. Er propagierte ein nichtkirchengebundenes, also freies, Christentum, was kirchlicherseits mit Tolstois Exkommunikation im Jahr 1901 beantwortet wurde, was ihn aber nicht im geringsten scherte. Den ihm 1901 zugedachten Nobelpreis lehnte er aus Überzeugung ab. Wegen seiner propagandistischen Schriften wurde er 1882 unter geheime Polizeibeobachtung gestellt. 1901 publizierte er seinen "Aufruf an die Menschheit", 1904 folgte die Schrift "Kommt zur Besinnung" und 1908 "Ich kann nicht schweigen" - allesamt gegen die Staatlichkeit gerichtete Streitschriften.

Was den Anarchismus Tolstois betrifft, so ist er eng verbunden mit seiner Beschäftigung mit religiösen Themen. Er selber bezeichnete sich nie als einen Anarchisten, was mit seiner Haltung der anarchistischen Bewegung gegenüber beziehungsweise umgekehrt zusammenhing. Trotzdem ließ er es gewähren, wenn seine auf Nächstenliebe, Freiheit und Gewaltlosigkeit beruhenden Ideen als eigenständige anarchistische Gedanken gewertet wurden. Es ist ein urchristlich inspirierter Anarchismus, den Tolstoi vertrat, und dessen Kern die intensive Beschäftigung mit der Bergpredigt ab Ende der 1870er Jahre bildete. Seine Bergpredigt-Exegese wirkte - da war Tolstoi schon lange tot - in die religiös-sozialistische Bewegung nach dem Ende des 1. Weltkrieges hinein. Bei seiner Beschäftigung mit dem neutestamentlichen Schriftgut löste Tolstoi den Christus von seinem Messianismus und seiner Erlöserfunktion, weil Erlösung nicht mittels des Glaubens, sondern nur durch Erkenntnis geschehen könne. Er bestritt auch eine Gottessohnschaft Jesu und stellte sich dadurch bewusst in Gegensatz zu den Dogmen der christlichen Kirchen, verlangte nach individueller Vervollkommnung und hatte die Vision eines Gottesreiches (eines Paradieses) nicht im Jenseitigen, sondern im Diesseits, das nicht durch Anwendung von Gewalt, sondern durch Verweigerung von Gewalt und Negierung des Bestehenden zu erreichen sei. Revolution soll nach Tolstoi nicht durch Waffengewalt geschehen, sondern durch Aufklärung und gewaltfreien Widerstand. So stand Tolstoi Ende des 19. Jahrhunderts terroristischen Akten einer von verschiedenen Anarchisten befürworteten "Propaganda der Tat" ablehnend gegenüber. Auch die bei vielen Anarchisten vorherrschende Weigerung, sich von revolutionärer Gewalt zu distanzieren, machten es Tolstoi nicht leicht, sich mit seiner absoluten Gewaltfreiheit in die anarchistische Bewegung hineinzufinden, obwohl er durchaus Kontakte zu Anarchisten pflegte (so korrespondierte er u. a. sehr rege mit Kropotkin). Ihm war an der Schaffung einer lebendigen Menschengemeinschaft gelegen. In der Frage der Gewaltfreiheit sah sich übrigens Erich Mühsam 1912, also zwei Jahre nach Tolstois Tod, in seiner Zeitschrift "Kain" zu folgender Erklärung veranlasst: "Daß ich - aus ähnlichen Gründen wie der Anarchist Tolstoi - die aggressive Gewalt im Prinzip verwerfe, berechtigt niemanden, meinen Charakter als Anarchisten in irgendeiner Form anzuzweifeln, umsoweniger als meine Ablehnung der Gewalt engstens in meiner anarchistischen Gesinnung begründet ist." Trotz unterschiedlicher Auffassung in der Gewaltfrage wusste sich Tolstoi mit allen Anarchisten darin einig, dass es einen Sozialismus im Sinne der marx'schen Diktatur des Proletariats nicht geben kann: "Bislang haben die Kapitalisten geherrscht, dann würden Arbeiterfunktionäre herrschen." In seinem Kampf gegen Kirche und Staat forderte er, unter Berufung auf das Urchristentum, zum Verzicht auf jedwedes Eigentum auf, in dessen Existenz er den Urgrund allen gesellschaftlichen Übels sah. Hier ging er völlig konform mit Proudhon, dessen Schrift über das Eigentum er bereits kannte, bevor er ihn auf seiner zweiten Europareise persönlich kennenlernen sollte. In seiner schon 1863 verfassten, aber erst 1885 veröffentlichten Parabel "Der Leinwandmesser - Die Geschichte eines Pferdes" verspottete er aus der Sicht eines alten gescheckten Wallachhengstes menschliches Besitzstreben: "Es gibt Menschen, die ein Stück Land "Mein" nennen, und dieses Land nie gesehen und betreten haben. Die Menschen trachten im Leben nicht danach zu tun, was sie für gut halten, sondern danach, möglichst viele Dinge "Mein" zu nennen." Auch in seiner gleichfalls 1885 erschienenen Novelle "Wieviel Erde braucht der Mensch?" ging es ihm um eine Kritik am Besitzstreben und Besitzdenken: Wieviel Erde braucht der Mensch? Gerade soviel, wie der Aushub eines Grabes ergibt!

Tolstois Plan, allem Besitz zu entsagen, um künftig mit seiner Familie als einfache Leute unter einfachen Leuten zu leben, wurde von seiner Frau mißbilligt. Es gab auf seiner Seite wiederholte Versuche, den aristokratischen Lebenswandel seiner Familie aufzugeben, der - dessen war er sich völlig bewusst - einzig und allein auf der Ausbeutung der Arbeitskraft der Bauern beruhte. Daher strebte er danach, sich seinen Lebensunterhalt selber als Handwerker oder Bauer zu verdienen. Seine Familie hielt ihn deswegen für verrückt und war entsetzt, als er 1895 ein Testament niederschrieb, in welchem er seine Werke und seinen gesamten Besitz dem russischen Volk zu vermachen gedachte. Das Testament zog er zwar wieder zurück, erneuerte es aber 1901 wieder. Doch der Notar erklärte es für ungültig, weil es nach geltendem Gesetz nicht möglich war, Eigentum der Allgemeinheit zu verschreiben. So setzte er schließlich seine jüngste Tochter Alexandra ("Sascha"), die im September 1979 hochbetagt im Alter von 95 Jahren in Valley Cottage bei New York, wo sie eine Farm bewirtschaftete, starb, als Alleinerbin ein, was wiederum seine Frau erzürnte. In den Jahren 1896 bis 1899 quälten ihn verschiedene Krankheiten und "Anfälle äußerer Verzweiflung", wie er in sein Tagebuch notierte. Nach julianischem Kalender verließ er am 28.10.1910 beziehungsweise nach gregorianischem Kalender am 10.11.1910 zweiundachtzigjährig, gemeinsam mit seinem Arzt und seiner jüngsten Tochter, die Familie in Richtung Süden, angeblich um sich in ein Kloster zu begeben. Der Hintergrund aber ist eher der, dass er es überdrüssig war, bis zu seinem Lebensende ein Schräubchen in einem Gesellschaftssystem sein zu sollen, das er zutiefst verachtete. Insofern ist seine Flucht aus der Familie eine Flucht in die Freiheit. Doch während der Bahnfahrt bekam er eine Lungenentzündung, der er am 7.11.1910 (nach julianischem Kalender) beziehungsweise am 20.11.1910 (nach gregorianischem Kalender) auf der Bahnstation Astapowo (heute Lew Tolstoi) erlag. Zwei Tage später wurde er auf seinem Gut bestattet, weil er wegen seiner Exkommunikation auf keinem Friedhof beerdigt werden durfte (Friedhöfe waren nicht nur in Russland, sondern auch im westlichen Europa [mit Ausnahme Frankreichs] Eigentum der Kirchen). Seine Frau unternahm, weil es nicht mehr zu einer Versöhnung zwischen ihr und ihm kommen konnte, nach Tolstois Tod aus Verzweiflung einen Suizidversuch, wurde aber gerettet und überlebte Tolstoi um zehn Jahre.

Johannes K. F. Schmidt

Originaltext: http://www.anarchie-mannheim.de/2010/201011_tolsoi.php


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