Eine Tolstoi-Kolonie bei Wien (1920)

Die blumenübersäte Wiese von Mariabrunn. Der Blick umspannt die westlichen Bezirke Wiens, den Lainzer Tiergarten und die liebliche Sommerfrische Hadersdorf-Weidlingau. Von der nahen Knödelhütte klingt Jauchzen und Musik herüber: verliebte Paare feiern dort ihren Sonntag.

Hier auf der Wiese aber glaubt man sich mitten ins Herz des Mütterchens Rußland versetzt. Und würde man nicht durch den Lärm des nahen Ringellspiels, durch die Heurigenmusik von der Knödelhütte, durch den Rundblick auf die Wienerwaldlandschaft immer wieder an Wien gemahnt, — man könnte sich nach Jasnaja Poljana träumen und würde sich gar nicht wundern, käme jetzt plötzlich in schweren Schaftstiefeln die hochragende Gestalt im derben Bauernkittel, Leo Nikolajewitsch Tolstoi daher, um mit seinen Bauern zu arbeiten, das Feld zu bestellen und sie ein Leben der Einfachheit, Reinheit und Menschenliebe zu lehren.

Hier hat sich nämlich eine Gemeinschaft von Menschen zusammengefunden, um eine Siedelung im Sinne Tolstois zu verwirklichen. Arbeiter, Studenten, junge Mädchen — alle sind mit Feuereifer dabei, den Boden urbar zu machen, die Baumstümpfe zu entfernen. Vor einem Jahre stand hier noch schattiger BuchenWald; längst ist der Wald in die Wiener Öfen gewandert und aus dem Wald ist eine Wiese geworden. Die zahlreichen Baumstümpfe, die bisher den verhehlen Ausflüglern als Bankersatz gedient haben, um eng umschlungen darauf den mitgenommenen Proviant zu verzehren, werden jetzt mit ihrem weitverzweigten Wurzelwerk aus dem Boden gegraben, um — übrigens zu sehr billigen Preisen — als Brennholz verkauft zu werden und die neue Siedlung dadurch finanziell solange über Wasser zu halten, bis der Boden ertragfähig ist. Die Bodenfläche von vierzig Hektar, die jetzt von Anhängern Tolstois gepachtet ist, und von ihnen in kommunistischem Sinne bewirtschaftet wird, war früher — Ironie des Schicksals — habsburg—lothringscher Grund und Boden...

Es ist Wirklich keine Kleinigkeit, einen mächtigen Baumstumpf aus der Erde zu graben. Die blassen, unterernährten Stadtmenschen, der landwirtschaftlichen Geräte und Handgriffe noch ziemlich unkundig, plagen sich rechtschaffen und ab und zu verliert einer beim Graben und Stemmen das Gleichgewicht und purzelt der Länge nach auf den Boden. Aber die Muskeln straffen sich und die Augen feuchten, man ist mit Leib und Seele bei der Arbeit, ruft beim Ziehen in rhythmischem Takt "Ho — ruck!" und will vom Feierabend noch nichts wissen. Hier ist es schöner als in der vom Lärm der Maschinen dröhnenden Fabrik oder in der armseligen Kammer mit der Aussicht auf den Lichthof. Und man weiß doch, wofür man arbeitet! Hier sind Mensch und Erde Wieder unmittelbar verbunden, der Ring ist geschlossen. Menschen, die immer nur in der Fron des Lohnsystems gelebt haben, stehen zum ersten Mal in stolzem Glück auf eigenem Grund und Boden.

Die Siedlung der Tolstoianer bleibt nicht unbeachtet. Von den nahen Schrebergärten kommen Leute herüber und lassen sich die gesellschaftlichen Ideale der Kolonisten erklären. Ausflügler, die über den Feldweg gehen, bleiben stehen und kommen mit den Ansiedlern ins Gespräch, die sich — mit Recht — als Pioniere einer neuen Weltanschauung fühlen. Es ist ja zum erstenmal, daß in Österreich der Versuch gemacht wird, eine Siedlung im Sinne Tolstois zu verwirklichen.

Die Kolonisten haben aber auch in der kurzen Zeit ihrer bisherigen Tätigkeit schön sehr viel geleistet. Sie haben Baumstämme weggesprengt und das allzu widerspenstige Wurzelwerk ausgegraben. Sie haben versucht, das überall reichlich sickernde Grundwasser in eine Zisterne zu leiten. Trotz der hohen Materialpreise — Bretter, Teerpappe usw. sind heutzutage nicht billig — haben sie sich ein stattliches Blockhaus gebaut, das sich sehen lassen kann. Das notwendigste Werkzeug, die Ackergerätschaften sind bei der Sachdemobilisierung gekauft worden.

Die Kolonisten sind Tolstoianer, also Anhänger der Gewaltlosigkeit, der Bergpredigt, harmlose, friedliebende, gute Menschten. Daß aber ihre Gutmütigkeit nicht ausgenützt werde und daß ihnen nicht Diebe und Einbrecher einen unerwünschten Besuch abstatten, dafür wollen sie einen Wachhund sorgen lassen, der auch ihre Kaninchenzucht schützen wird.

Mit Holz und mit köstlichen Schwämmen versorgen sie sich schon selbst und was sie sonst noch an Lebensmitteln brauchen, bringen ihnen einstweilen Freunde aus der Stadt.

Denn diese tolstoische Siedlung verdankt ihr Entstehen der Siedlungs- und Produktionsförderungsgenossenschaft "Neue Gesellschaft", die in Wien, I., Himmelpfortgasse 9, ihren Sitz hat und die Gründung zahlreicher weiterer Siedlungen anstrebt, an denen sich jedermann beteiligen kann. Die Genossenschaft stellt dien Arbeitsgruppen nebst dem Boden die erforderlichen Betriebsmittel gegen Ersatz des Wertes der verbrauchten Bestandteile unentgeltlich zur Verfügung oder streckt ihnen die zur Anschaffung dieser Arbeitsmittel nötigen Geldkapitalien zinslos vor.

Feierabend. Die fleißigen Sonntagsarbeiter legen ihre Schaufeln und Hacken nieder, betrachten noch einmal stolz ihr Tagewerk und versammeln sich dann vor der Blockhütte zum Vortrag, mit dem allsonntäglich der Tag beschlossen wird. Denn bei diesen Menschen, die freudig einer Idee dienen, versteht es sich von selbst, daß über der körperlichen Arbeit niemals die geistige Entwicklung vergessen wird. Überall sieht man Bücher, Zeitschriften, Flugschriften — alles verrät ernsten Witten zu angespannter geistiger Tätigkeit.

Heute spricht ein junger Mensch — vielleicht ein Arbeiter, vielleicht ein Student — über Lenau. Er verherrlicht den Dichter der Freiheit, des Zigeunertums, des geistigen Rebellentums. Er spricht mit innerer Bewegung, aber in durchaus wissenschaftlicher Weise und bei der Diskussion, die seinem Vortrag folgt, zeigt es sich, mit welchem Verständnis, mit welcher geistigen Beweglichkeit steine Zuhörer, die doch tagsüber körperlich schwer gearbeitet hätten, ihm gelauscht haben. Passanten sind stehen geblieben, fremde Zuhörer haben sich angesammelt. Die Sonne versinkt hinter den Hügeln des Lainzer Tiergartens. Die Schatten wachsen und alles wird unwirklich und rätselhaft. Die Landarbeiter diskutieren über den Vortrag. Man träumt sich nach Jasnaja Poljana und Wäre gar nicht erstaunt, käme jetzt plötzlich Tolstoi einher, in schweren Schaftstiefeln, die hochragende Gestalt im derben Bauernkittel, das Evangelium in der Hand.

(Aus dem "Neuen Wiener Journal".)

Kurt Sonnenfeld

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 42 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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