George Woodcock - Leo Tolstoi. Ein gewaltfreier Anarchist

Stefan Zweig nannte Tolstoi einmal "den leidenschaftlichsten Anarchisten und Anti-Kollektivisten unserer Zeit". Über die Entschiedenheit dieser Feststellung läßt sich streiten, aber eine Betrachtung der Gedanken und Lehren Tolstois während der letzten dreißig Jahre seines Lebens und der Absichten, die in seinen großen Romanen aus der Zeit vor seiner Wandlung verborgen liegen, hinterläßt wenig Zweifel an der generellen Richtigkeit von Zweigs Urteil. Tolstoi nannte sich selbst nicht Anarchist, weil er diese Bezeichnung für diejenigen gebrauchte, die die Gesellschaft mit gewaltsamen Mitteln zu verändern suchten; er zog es vor, sich als einen Christen im wörtlichen Sinne zu sehen. Aber dennoch hatte er nichts dagegen, als der deutsche Philosoph Paul Eitzbacher [1] im Jahre 1900 in seiner bahnbrechenden Studie über die verschiedenen Strömungen der anarchistischen Theorie seine Ideen dazurechnete und nachwies, daß, obwohl er alle Gewalt verwarf, sich seine Lehre - und besonders seine kategorische Ablehnung von Staat und Eigentum - in ihren Grundzügen unzweideutig in das allgemeine Muster anarchistischer Theorie einfügte.

Tolstois Beziehungen zu Anarchisten anderen Typs waren nur gering, aber von großer Bedeutung. 1857 las er ein nicht näher bestimmbares Buch von Proudhon (möglicherweise "Was ist das Eigentum?"), und die Notizen, die er zu dieser Zeit niederschrieb, legen nahe, daß der französische Anarchist ihn bereits damals grundlegend beeinflußte. "Der Nationalismus ist die eine und einzige Schranke gegen die Entwicklung der Freiheit", merkte er an. Und noch bezeichnender fügte er hinzu: "Alle Regierungen sind im gleichen Maße gut und böse. Das beste Ideal ist die Anarchie. " [2]

Anfang 1862 wich Tolstoi auf einer Reise nach Westeuropa von seiner geplanten Route ab, um in Brüssel Proudhon [3] zu besuchen. Sie sprachen über Erziehung - womit er sich damals sehr beschäftigte [4] -, und Tolstoi erinnerte sich später, daß Proudhon "der einzige Mensch war, der in unserer Zeit die Bedeutung des öffentlichen Erziehungswesens und der Presse verstand". Sie unterhielten sich auch über Proudhons Buch „La guerre et la paix“ , das bei Tolstois Besuch kurz vor der Vollendung stand; es besteht wenig Zweifel, daß Tolstoi wesentlich mehr als nur den Titel seines größten Romans von dieser Abhandlung übernahm, in der argumentiert wird, daß die Entstehung und die Entwicklung des Krieges eher in der Psyche der Gesellschaft zu suchen seien als in den Entscheidungen politischer und militärischer Führer.

Bakunins Pan-Destruktionismus fand bei Tolstoi zweifellos keinen Anklang, aber dennoch hatten diese beiden rebellischen aber autokratischen Barins [5] mehr miteinander gemeinsam, als sie selbst wahrscheinlich zuzugeben bereit gewesen wären. Denn Tolstoi war ein Bilderstürmer und Zerstörer eigener Art, der danach strebte, der ganzen künstlichen Welt der Adelsgesellschaft und ihrer Adelspolitik ein Ende zu setzen – wenngleich dies mit moralischen und friedlichen Mitteln erreicht werden müsse.

Für Kropotkin allerdings, dem er nie begegnete, hatte Tolstoi den höchsten persönlichen Respekt. Es ist sogar zu vermuten, daß Tolstoi in diesem Fürsten, der seinen ganzen Reichtum und seine gesellschaftliche Stellung für die Sache des Volkes aufgegeben hatte, ein lebendiges Beispiel für den Verzicht erblickte, den er selbst nur in seinen Gedanken und Schriften erreicht hatte. Mit Sicherheit bewunderte Tolstoi Kropotkins „Memoiren eines Revolutionärs“ und erkannte - ähnlich wie Lewis Mumford in unseren Tagen - die großartige Originalität und Praktikabilität von „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ , dem Werk, von dem er glaubte, daß es zu einem Handbuch für die Reform der russischen Landwirtschaft werden könnte [6]. Sein Schüler Wladimir Tschertkow [7], der im englischen Exil lebte, diente als Vermittler, über den Tolstoi und Kropotkin miteinander in Kontakt kamen. Ein Austausch von Botschaften zwischen den beiden ist dabei besonders interessant. Tolstoi kam mit ziemlichem Scharfsinn zu dem Ergebnis, daß Kropotkins Verteidigung der Gewalt dessen wirklichem Charakter widerstrebte und entgegenstand.

"Seine Argumente für die Gewalt", so bemerkte er zu Tschertkow "erscheinen mir nicht als der Ausdruck seiner Meinung, sondern lediglich als Treue gegenüber der Fahne, unter der er sein Leben lang so ehrenhaft gedient hat."

Kropotkin, der seinerseits den größten Respekt für Tolstoi [8] hegte und ihn als "den am engsten geliebten Menschen auf der Welt" bezeichnete, war diese Auffassung offenbar nicht gleichgültig, wenn er zu Tschertkow bemerkte: "Um zu verstehen, wie sehr ich mit den Ideen Tolstois sympathisiere, genügt es zu erwähnen, daß ich ein ganzes Buch geschrieben habe, um zu zeigen, daß das Leben nicht durch einen Kampf ums Dasein, sondern durch Gegenseitige Hilfe geschaffen wird. "

Was Kropotkin mit "Gegenseitiger Hilfe" meinte, war nicht weit entfernt von dem, was Tolstoi unter "Liebe" [9] verstand, und wenn wir die Entwicklung von Tolstois Gesellschaftstheorie verfolgen und sie mit der anderer Anarchisten vergleichen, stellen wir fest, wie eng sich seine Lehren in die libertäre Tradition einfügen.

Tolstois Anarchismus entwickelte sich ebenso wie sein rationales Christentum durch eine Reihe entscheidender Erfahrungen. Seine Jahre als Offizier im Kaukasus [10], wo er mit Bergstämmen und Kosaken in Berührung kam, die ihre ursprüngliche Lebensweise bewahrt hatten, lehrten ihn die Tugenden einfacher Gesellschaften, die in enger Verbindung zur Natur und weit entfernt von städtischer Entartung lebten; die Lehren, die er aus dieser Erfahrung zog, kamen denen sehr nahe, die Kropotkin aus ähnlichen Begegnungen in Sibirien kannte. Seine Anwesenheit bei der Belagerung von Sewastopol während des Krimkrieges [11] bereitete ihn auf seinen späteren Pazifismus vor. Aber die vielleicht entscheidenste Erfahrung in Tolstois Leben war eine öffentliche Hinrichtung durch die Guillotine, die er 1857 in Paris miterlebte. Die kalte, unmenschliche Wirkung dieses Vorgangs rief in ihm eine noch größere Abscheu hervor als alle Erlebnisse des Krieges es zuvor vermocht hatten, und die Guillotine wurde für ihn zu einem Symbol der Brutalität des Staates, der sie gebrauchte. Von diesem Tag an begann er politisch - oder antipolitisch - mit der Stimme eines Anarchisten zu sprechen:

"Der moderne Staat" [12], schrieb er an seinen Freund Botkin, "ist nichts anderes als eine Verschwörung, um seine Bürger auszubeuten, vor allem aber, um sie zu demoralisieren ... Ich habe Verständnis für moralische und religiöse Gesetze, die nicht für alle bindend sind, aber vorwärts weisen und eine harmonische Zukunft verheißen; ich fühle die Gesetze der Kunst, die stets Glück bringen. Aber politische Gesetze erscheinen mir als derart ungeheure Lügen, daß ich nicht sehe, wie eines von ihnen besser oder schlechter sein kann als ein anderes ... Fortan werde ich nie mehr irgendeiner Regierung irgendwo dienen."

Während des Restes seines Lebens arbeitete Tolstoi diese Doktrin in vielen Formen und sehr viel ausführlicher aus, aber ihr Kern blieb unverändert. Aus den Schriften seines letzten Jahrzehnts [13] lassen sich Erklärungen entnehmen, die dem sehr ähnlich sind, was er bereits vierzig Jahre vorher gesagt hatte, als ihn die Erinnerung an die Guillotine in seinen Träumen verfolgte und seine Menschlichkeit empörte.

"Ich betrachte alle Regierungen", sagte er kurz vor seinem Tod "nicht nur die russische, als verworrene Institutionen, geheiligt durch Überlieferung und Gewohnheit, mit der Absicht, gewalttätig und ungestraft die empörendsten Verbrechen zu verüben. Und ich glaube, daß die Anstrengungen derjenigen, die unser gesellschaftliches Leben zu verbessern suchen, auf die Befreiung ihrer selbst von nationalen Regierungen gerichtet werden sollten, deren Übel - und vor allem deren Sinnlosigkeit - in unserer Zeit mehr und mehr offensichtlich werden."

Die Kontinuität der anarchistischen Einstellung Tolstois von seiner frühen Jugend bis hin zu seinem Tod zu erkennen, ist sehr wichtig, denn noch immer behauptet sich eine hartnäckige Ansicht, die Tolstoi als zwei verschiedene und sogar gegensätzliche Wesen beschreibt. [14] Die Periode schrecklicher Zweifel und geistiger Qualen, welche die Vollendung von „Anna Karenina“ [15] begleitete und weitgehend in den Schlußkapiteln festgehalten ist, die Periode, welche Tolstoi selber als die Zeit seiner Wandlung betrachtete, wird demnach als die große Wasserscheide gesehen, die sein Leben in zwei Teile trennt. Auf der einen Seite liegt das Land der lebenssprühenden Sonne und der taubedeckten Wälder seiner großen Romane. Auf der anderen Seite liegt die Wüste geistiger Anstrengungen, in der sich Tolstoi wie ein moderner Johannes der Täufer auf die Suche nach den Heuschrecken des Moralismus und nach dem wilder Honig geistiger Freuden begibt. Auf der einen Seite steht der Künstler, auf der anderen Seite der Heilige und Anarchist, und jeder pickt sich je nach Geschmack seinen eigenen Tolstoi heraus.

Mir scheint, daß diese Ansicht, die auch ich einmal vertrat und verteidigte, eine falsche ist und daß sie die vielen Fäden außer Acht läßt, die den späten und den frühen Tolstoi miteinander verbinden. Charaktere ändern sich ebenso wie sich die Gesichtszüge eines Menschen mit zunehmendem Alter verändern; aber das Gesicht bleibt stets dasselbe, Spielfeld des Strebens nach Recht und Liebe, und stets getragen vom Zauber der natürlichen Welt in ihrer ganzen Schönheit. Beide, der Künstler und der Anarchist, leben in diesem Gesicht, ebenso wie sie in Tolstois Leben miteinander vereint waren.
Denn es gab nie einen Zeitpunkt, zu dem Tolstoi die Kunst der Schriftstellerei wirklich aufgab.

Selbst in seinen propagandistischen Phasen war er nie frei von dem Wunsch nach künstlerischem Ausdruck, und gegen Ende seines Lebens war sein Kopf voll mit Plänen und Ideen für Romane, Novellen und Dramen, wie seine Tagebücher aus den 80er und 90er Jahren belegen; vieles davon wurde begonnen und wieder aufgegeben, einiges aber vermochte er zu beenden. Schließlich vollendete Tolstoi eine seiner schönsten Novellen, Hadji Murad, erst 1904 in einer plötzlichen und heftigen Stimmung gemischter Freude über seine Leistungen und gleichzeitigem Schuldgefühl wegen seiner Selbstgefälligkeit. Die besten seiner späten Werke - Erzählungen wie Herr und Knecht [16] und Der Tod des Iwan Iljitsch [17] - zeigen keinen wirklichen Rückgang seiner einzigartigen Fähigkeit, dem Leben in der Kunst Ausdruck zu verleihen und gleichzeitig seine Frische ungetrübt beizubehalten. Wozu es vielmehr kam, war ein Abklingen der Fähigkeit, längere Werke auf einem durchgehend hohen künstlerischen Niveau zu halten, denn der einzige Roman, den Tolstoi in dieser Periode schrieb, Auferstehung [18], ist - obwohl teilweise ausgezeichnet - insgesamt gesehen nicht gelungen.

Vielfach ist vermutet worden, das Mißlingen von „Auferstehung“ sei dem Überwiegen von Tolstois Moralismus zu dieser Zeit zuzuschreiben; ich hingegen gehe davon aus - obwohl der Moralismus in der Tat überwiegt - daß das Mißlingen in erster Linie künstlerischer Natur ist, ein Mißlingen in Form und Gefühl infolge emotionaler Katastrophen. Es ist die Tatsache hervorzuheben, daß Tolstoi bis zum Ende seines Leben nie das Interesse an der literarischen Arbeit als solcher verlor und daß er in den letzten zehn Jahren seines Lebens Werke verfaßte, die jedem Schriftsteller mit siebzig Lebensjahren zur Ehre gereichten.
 
Tolstois Wandlung richtete ihn also keineswegs al Künstler zugrunde. Auch machte sie ihn nicht zum christlich-anarchistischen Weltreformer, denn es war für ihn nichts Neues, sich von der literarischen Arbeit ab- und anderen, ihn voll ausfüllenden Tätigkeiten zuzuwenden. Die meiste Zeit seines Lebens mißtraute er allen Ansichten, die die Schriftstellerei als ein Ziel in sich hinstellten. [19] In diesem Punkt war er voll anderer Meinung als Turgenew [20], und gute zwanzig Jahre vor seiner Wandlung, in den 50er Jahren, vertrat er sogar die Meinung, daß die hauptsächlichen Tätigkeiten im Leben eines Menschen außerhalb der Schriftstellerei liegen sollten. Zu manchen Zeiten, selbst in seiner früheren Periode, sprach er sogar davon, die Schriftstellerei ganz aufzugeben. Er tat es nicht, jedenfalls nicht mehr als er es in seinem späteren Leben tat; allerdings schienen ihm über lange Perioden hinweg seine Anstrengungen, ein guter Bauer zu werden oder die Lebensbedingungen der Landbevölkerung zu verbessern oder den Opfern von Hungersnöten zu helfen oder ein fortschrittliches Erziehungssystem zu entwickeln, wichtiger und dringender als die Schriftstellerei. In solchen Bemühungen zeigte er ein Interesse an praktischen Fähigkeiten und Tätigkeiten, in dem sich die extreme Konkretheit seiner literarischen Vision widerspiegelt. Selbst mitten in der Arbeit an „Anna Karenina“ , in der Mitte der 70er Jahre, wurde er von seinen erzieherischen Experimenten derart in Anspruch genommen [21], daß er die Arbeit an dem Roman vorübergehend einstellte und einem Verwandten gegenüber voller Ungeduld äußerte: "Ich kann mich nicht von lebenden Geschöpfen losreißen, um mich mit künstlichen herumzuschlagen."

Seine Unterrichtsmethoden wiesen übrigens höchst libertären Charakter auf, und die Art der freien Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern, die er in der Praxis zu verwirklichen suchte, kam den Methoden sehr nahe, die William Godwin in seiner fundamentalen Arbeit über anarchistische Erziehungstheorie, „The Enquirer“ [22], befürwortete.

Es muß festgestellt werden, daß Tolstois konstanter Widerwille gegen eine ihn voll in Anspruch nehmende schriftstellerische Arbeit und seine Neigung, den aktuellen Beruf des Schriftstellers für eine Art von Prostitution zu halten, nicht allein von moralischen Skrupeln herrührten. Sie entstanden hauptsächlich aus einer aristokratischen Sicht der literarischen Arbeit als der Errungenschaft eines Adeligen. Der Sinn für 'noblesse oblige' war bei Tolstoi stark entwickelt. Selbst sein Radikalismus basierte ebenso wie derjenige der beiden anderen großen russischen Anarchisten, Kropotkin und Bakunin, auf einer traditionellen Beziehung zwischen Adeligem und Bauern. Alle drei wollten diese Beziehung umkehren, aber sie blieb dennoch ein wichtiges Element in ihrem Denken und Handeln.

Es geht mir hier darum zu zeigen, daß in Tolstoi die Spannung zwischen dem Romanautor und dem Reformer immer vorhanden war und in der Regel beide Seiten seines Lebens stimulierte; destruktiv wurde sie erst gegen Ende seines Lebens, als seine künstlerischen Impulse im Abklingen begriffen waren. In seinen fruchtbarsten Jahren als Schriftsteller unterstützten sich seine literarischen Talente und sein Gespür für moralische Zielsetzungen gegenseitig, anstatt miteinander zu konkurrieren. Seinen frühen Romane – „Krieg und Frieden“ [23], „Anna Karenina“ , selbst Die Kosaken [24] - ist jener mühelose Didaktizismus zueigen, der so oft große Literatur auszeichnet. Sie präsentieren seine Ansichten zu den Themen, die ihn am leidenschaftlichsten beschäftigten, ohne daß er dabei die künstlerische Ausgewogenheit verletzte. Keines dieser Werke ist in gleicher Weise wie „Auferstehung“ bewußt propagandistisch, und man müßte schon sämtliche Augen zudrücken, um sie in vollem Sinne anarchistische Romane nennen zu können. Dennoch enthüllen sie ebenso kraftvoll wie alle seine Romane eine ganze Reihe von Einstellungen, die wir als typisch anarchistisch identifizieren können.

Da ist zunächst der - sowohl moralische als auch wörtliche – Naturalismus [25], der sich durch all diese Werke zieht, und zwar in dem Sinne, daß der Mensch am besten, oder zumindest besser ist, wenn er die künstlichen Erscheinungen der Zivilisation zurückweist und als natürliches Wesen in einer organischen Beziehung mit der Welt der Natur, also selbst als natürliches Wesen lebt. Eine derartige Existenz bezieht sich auf den Begriff des "wirklichen Lebens", der für Tolstoi in „Krieg und Frieden“ eine so große Rolle spielte:

"Inzwischen ging das Leben - das wirkliche Leben mit seinen zwangsläufigen Eigenarten wie Gesundheit und Krankheit, Arbeit und Ruhe, und seinen intellektuellen Ansprüchen wie Gedanken, Wissenschaft, Dichtung, Musik, Liebe, Freundschaft, Haß und Leidenschaften - weiter wie üblich, unabhängig und getrennt von politischer Freundschaft oder Feindschaft mit Napoleon Bonaparte und von allen Wiederaufbauplänen."

Durch all seine frühen Romane zieht sich Tolstois Ansicht, das Leben sei um so "realer", je näher es zur Natur gelebt werde. Als Olenin, der Held in „Die Kosaken“ , als Offizier vorübergehend in einem Dorf halbzivilisierter Bauern in der kaukasischen Wildnis lebt, erscheint ihm sein Leben weitaus sinnvoller als das seiner früheren Freunde in St. Petersburg:

"Oh, wie erbärmlich und bedauernswert erscheint Ihr mir alle", schrieb er an einen von ihnen in einem Brief, den er dann aber nicht abschickte, weil er befürchtete, er werde mißverstanden. "Ihr wißt nicht, was Glück bedeutet, Ihr wißt nicht, was Leben heißt. Man muß das Leben in seiner ganzen natürlichen Schönheit kosten, muß beobachten und begreifen, was ich jeden Tag mit meinen Augen erlebe - der ewige, unerreichbare Schnee auf den Berggipfeln, und eine Frau, ausgestattet mit der ganzen Würde und ursprünglichen Schönheit, mit der die erste Frau aus der Hand des Schöpfers gekommen sein muß -, und dann wird ersichtlich, wer von uns, Ihr oder ich, sich ruiniert, wer von uns wahrhaft lebt, wer falsch... Glück bedeutet, mit der Natur leben, die Natur sehen und sich mit ihr unterhalten."

Was hier fast naiv in „Die Kosaken“ zum Ausdruck kommt, wird weitaus kunstvoller und eingehender in „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ ausgeführt. Ein Leben in enger Anlehnung an die Natur, mahnte Tolstoi immer wieder, bringt uns näher an die Wahrheit heran als ein Leben, das an die verwickelten Ketten von Gesetz und Mode gebunden ist. Dies deutet er mit bewußtem sozialem Nachdruck in „Anna Karenina“ an. Durch den Roman zieht sich kontinuierlich die Trennung zwischen Stadt und Land, zwischen künstlicher Stadtzivilisation, die stets zum Bösen führt, und natürlichem Landleben, das stets zum Guten führt, wenn ihm nur freigestellt bleibt, seinen eigenen Lauf selbst zu bestimmen. „Anna Karenina“ - beherrscht von der Stadt und verdorben durch deren unnatürliche Lebensformen - geht moralisch und schließlich auch psychisch zugrunde; Levin, ein Mann vom Lande, besteht viele Prüfungen der Liebe und des Glaubens, schließt am Ende eine glückliche Ehe und erfährt nach einer Reihe geistiger Qualen die Erleuchtung.
 
Allerdings, so erkennt Levin, ist es der Bauer - der Mann des Volkes -, der der Natur am nächsten steht und dank der Einfachheit seines Lebens auch der Wahrheit am nächsten ist. Bereits in „Krieg und Frieden“ wird dieses Thema des natürlichen Menschen in der Gestalt des Piaton Karataev eingeführt, jenem Bauernsoldaten, den Pierre unter seinen Gefängniskameraden trifft, als er von den Franzosen in Moskau verhaftet wird. Karataev ist für Pierre „eine unergründliche, abgerundete, ewige Personifizierung des Geistes der Einfachheit und der Wahrheit“ , und zwar deswegen, weil er natürlich und ohne bewußten Intellektualismus lebt. „Seine Worte und Taten fließen aus ihm so ebenmäßig, unausweichlich und so unmittelbar wie der Duft aus einer Blume strömt.“

In ähnlicher Weise wird Levines Wandlung in „Anna Karenina“ herbeigeführt, als er von einem Bauern hört, der ebenfalls Piaton heißt und „für seine Seele lebt, rechtschaffen, nach Gottes Willen“.

Verbunden mit dieser Suche nach dem natürlichen Leben ist der Drang nach weltweiter Brüderlichkeit, der sich durch all diese Romane zieht und einen Traum widerspiegelt, den Tolstoi mit seinen Brüdern in früher Kindheit teilte, als sie glaubten, ihr eigener kleiner Kreis ließe sich unbegrenzt in eine Bruderschaft der ganzen Menschheit ausweiten. In „Die Kosaken“ sehnt sich Olenin nach der Kameradschaft mit den einfachen Bewohnern des Kaukasus; den selben Wunsch verfolgt Pierre in „Krieg und Frieden“, und er ist auch verknüpft mit Tolstois Christentum in „Anna Karenina“, als Levin zu sich selbst spricht: „Ich bin nicht so sehr eins mit mir selbst wie ich, ob ich will oder nicht, eins bin mit anderen Menschen in einer Gesellschaft von Gläubigen.“

Wenn derart viele Parallelen zwischen generellen Einstellungen in Tolstois Romanen - dem Naturalismus, dem Populismus, dem Traum von der weltweiten Bruderschaft, dem Mißtrauen gegen den Fortschrittsmythos - und denen der anarchistischen Tradition verlaufen, so findet man in ihnen auch viele spezifisch libertäre Ideen vor. Der rohe Egalitarismus der Kosaken wird der hierarchischen Struktur der russischen Armee gegenübergestellt; bewußt wird der Führerkult in „Krieg und Frieden“ kritisiert; die moralischen Verfehlungen eines zentralisierten politischen Systems und die Täuschungen des Patriotismus werden in „Anna Karenina“ offengelegt.

Wenden wir uns nach den Vorschlägen in Tolstois Romanen den ausdrücklichen Erklärungen in seinen Sachbüchern zu, so werden wir feststellen, daß sein Anarchismus der äußere, im Verhalten zum Ausdruck kommende Aspekt seines Christentums ist. [26] Daß es zwischen beiden nicht zum Konflikt kommt, liegt daran, daß seine Religion eine Religion ohne Mystizismus ist, eine Religion selbst ohne Glauben. Denn ähnlich wie Gerrard Winstanley gründete er seine Überzeugung auf die Vernunft und unterwarf sie den Prüfungen der Wahrheit. Christus war für ihn der Lehrer, nicht der Mensch gewordene Gott; seine Lehre war die "Vernunft an sich", und was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist eben seine Fähigkeit, aufgrund dieser Vernunft zu leben.

Hier tritt eine humanisierte Religion zutage; wir suchen das Reich Gottes nicht außerhalb, sondern in uns selbst. Und aus diesem Grunde schlug Tolstoi ein Verhalten vor, das zweifelsfrei in das Reich anarchistischer Theorie gehört: seine Vorstellung vom immanenten Reich Gottes war eng verwandt mit Proudhons Vorstellung einer natürlichen Gerechtigkeit, und seine Auffassung von der Religion als von der Vernunft abhängig brachte ihn in die enge Verwandtschaft sowohl Godwins als auch Winstanleys [27]. Und selbst in seiner religiösen Phase lehnte er nicht die natürliche Welt ab; er stellte sich ein Leben nach dem Tod vor, das - sollte es existieren -, sich in einem Reich abspielt, das nichts anderes ist als die verklärte Natur.

In Tolstois Welt der Vernunft und Natur verlangsamt sich die Zeit wie an jenem langen Sommernachmittag der Freiheit in William Morris Traum „Kunde von Nirgendwo“ [28]. Fortschritt als Ideal wird verworfen; Freiheit, Bruderschaft und die Kultivierung der moralischen Natur des Menschen sind wichtiger, und ihnen muß der Fortschritt untergeordnet sein. Es ist richtig, daß sich Tolstoi ebenso wie Morris gegen eine Interpretation seiner Lehren verwahrte, die ihn als Feind allen Fortschritts hinstellte: in „Die Sklaverei unserer Zeit“ [29] nahm er für sich in Anspruch, nur gegen solchen Fortschritt zu sein, der auf Kosten der menschlichen Freiheit und von menschlichem Leben erreicht werde.

"Wahrhaft erleuchtete Menschen werden immer einverstanden sein, lieber zum Reiten auf Pferden und zum Gebrauch von Packpferden oder gar zum Bepflügen des Bodens mit Stöcken und mit den eigenen Händen zurückzukehren als mit der Eisenbahn zu reisen, die in der Regel viele Menschen wie in Chicago umbringt, und zwar allein aus dem Grunde, weil die Besitzer der Eisenbahnen es rentabler finden, die Familien der Umgekommenen zu entschädigen als die Linien so auszubauen, daß keine Menschen getötet werden. Der Leitspruch lautet für wahrhaft erleuchtete Menschen nicht 'fiat cultura, pereat justicia', sondern 'fiat justicia, pereat cultura'."

„Aber die Kultur, nützliche Kultur, wird nicht zugrunde gehen. Nicht umsonst hat die Menschheit in der Zeit ihrer Sklaverei einen so großen Fortschritt in technischen Dingen erreicht. Nur wenn begriffen wird, daß wir das Leben unserer Mitmenschen nicht um unseres eigenen Vergnügens willen opfern dürfen, dann wird es möglich sein, technische Verbesserungen anzuwenden ohne Menschenleben zu vernichten.“

Ungeachtet solcher Proteste sah Tolstoi jedoch nicht einem reicheren Leben in körperlicher Hinsicht entgegen. Für ihn war - wie für die Bauern-Anarchisten Andalusiens [30] - das moralische Ideal ein einfaches und asketisches Leben, in dem jeder so wenig wie möglich von der Arbeit des anderen abhängig ist. Die Ähnlichkeiten mit Proudhon sind bezeichnend; Tolstoi muß die lyrischen Loblieder dieses Philosophen auf die Herrlichkeiten einer würdevollen Armut mit Zustimmung gelesen haben. Es ist der Haß auf den Luxus, der Wunsch, daß die Kultur den Menschen dienen solle statt umgekehrt, die seine außerordentliche Ablehnung jener Kunstwerke erklären, die bei den "Glücklichen Wenigen" Anklang finden; für ihn wurde Kunst erst zur wahren Kunst, wenn sie ihre Botschaft allen Menschen mitteilte und ihnen Hoffnung gab.

Im Mittelpunkt von Tolstois Gesellschaftslehre steht seine Ablehnung des Staates; aber ebenso wichtig ist seine Absage an das Eigentum. In der Tat sind für ihn beide voneinander abhängig. Eigentum ist eine Form der Herrschaft einiger Menschen über andere; der Staat existiert zu dem Zweck, den Fortbestand dieser Eigentumsverhältnisse auf ewig zu sichern. Deshalb müssen beide, Staat und Eigentum, beseitigt werden, damit die Menschen in Freiheit und ohne Herrschaft leben können - im Staate der Gemeinschaft und des gegenseitigen Friedens, im Reich Gottes auf Erden.

Einwendungen, daß die positiven Funktionen der Gesellschaft nicht ohne den Staat existieren könnten, entgegnete Tolstoi mit Worten, die an Kropotkins Argumente in „Gegenseitiger Hilfe“ und „Die Eroberung des Brotes“ [31] erinnern: „Warum glauben, daß nichtbeamtete Menschen ihr Leben nicht genauso für sich selbst gestalten könnten wie es Regierungsbeamte zwar nicht für sich, wohl aber für andere tun können?“

„Wir sehen im Gegenteil, daß die Menschen in unserer Zeit in den verschiedensten Angelegenheiten ihr Leben unvergleichlich besser gestalten können als diejenigen, die die Dinge für sie regeln. Ohne die geringste Hilfe von Seiten der Regierung und oft trotz Behinderung durch die Regierung organisieren die Menschen alle Arten gesellschaftlicher Unternehmungen: Gewerkschaften, Genossenschaften, Eisenbahngesellschaften,  Artels [32] und Verbände. Wenn Kollekten für öffentliche Arbeiten benötigt werden: warum sollten wir in solchen Fällen annehmen, daß freie Menschen nicht ohne Gewalt und freiwillig die notwendigen Mittel sammeln und all das ausführen können, was heute mit Hilfe von Steuern ausgeführt wird - wenn die fraglichen Unternehmungen nur wirklich nützlich für jedermann sind? Warum annehmen, daß es keine Gerichtsverhandlungen ohne Gewalt geben kann? Gerichte durch das Volk, die das Vertrauen der Streitenden genießen, hat es immer gegeben und wird es geben, und sie sind auf Gewalt nicht angewiesen... Und in gleicher Weise gibt es keinen Grund zu der Annahme, daß die Menschen nicht in gemeinsamer Übereinstimmung darüber entscheiden könnten, wie das Land zur Bewirtschaftung zu verteilen sei.

Tolstoi zögerte ebenso wie andere Anarchisten, Utopien in die Welt zu setzen und den exakten Plan einer Gesellschaft zu entwerfen, die einmal existieren könnte, wenn die Menschen nicht länger Regierungen unterworfen wären.

„Die Einzelheiten einer neuen Lebensordnung können uns nicht bekannt sein. Wir müssen sie selbst formen. Das Leben besteht allein in der Suche nach dem Unbekannten und in unserem Bemühen, unser Handeln mit der neuen Wahrheit in Einklang zu bringen.“

Dennoch stellte er sich eine Gesellschaft vor, in der Staat, Gesetz und Eigentum beseitigt sind und in der genossenschaftliche Produktionsverhältnisse an deren Stelle treten;die Verteilung der Arbeitserzeugnisse wird in einer solchen Gesellschaft einem kommunistischen Prinzip folgen, so daß die Menschen alles erhalten werden, was sie brauchen, jedoch - sowohl um ihrer selbst willen als auch anderer Menschen wegen - ohne Überfluß.

Um diese Gesellschaft zu verwirklichen, trat Tolstoi - wie Godwin und zu einem großen Teil wie Proudhon - für eine moralische statt für eine politische Revolution ein. Eine politische Revolution, so vermutete er, bekämpft Staat und Eigentum von außen; eine moralische Revolution arbeitet innerhalb der schlechten Gesellschaft und nagt an ihren eigentlichen Fundamenten. Tolstoi machte sehr wohl einen Unterschied zwischen der von einer Regierung ausgeübten Gewalt, die für ihn ganz und gar schlecht ist, weil sie vorsätzlich gehandhabt wird und aufgrund einer Perversion der Vernunft wirkt, und der Gewalt eines empörten Volkes, die für ihn nur zum Teil schlecht ist, weil sie aus Unwissenheit entsteht. Dennoch sah er die einzige Möglichkeit zur Veränderung der Gesellschaft in der Vernunft und letzten Endes in der Überzeugung und in der Kraft des Beispiels. Wer den Staat beseitigen will, muß Militärdienst, Polizeidienst, Gerichtsdienst und Steuern verweigern. Mit anderen Worten: die Verweigerung des Gehorsams ist Tolstois schärfste Waffe.

Ich denke, ich habe genug gesagt, um zu zeigen, daß Tolstois Gesellschaftslehren in ihrem Wesensgehalt echter Anarchismus sind, indem sie die autoritäre Ordnung der bestehenden Gesellschaft verurteilen, eine neue libertäre Ordnung vorschlagen und die Mittel nennen, mit denen sie verwirklicht werden könnte. Da seine Religion eine natürliche und rationale Religion ist, die ihr Reich in der Herrschaft von Gerechtigkeit und Liebe auf dieser Erde sieht, geht sie nicht über seine anarchistische Lehre hinaus, sondern vervollkommnet sie.

Tolstois Einfluß war und ist beträchtlich und vielseitig. Tausende von Menschen innerhalb und außerhalb Rußlands wurden seine leidenschaftlichen Schüler und gründeten Tolstoi-Siedlungen, die auf einem kommunalen Wirtschaften und einem asketischen Leben beruhten. Mir ist nie eine umfassende Aufzählung all dieser Gemeinschaften zu Gesicht gekommen, aber diejenigen, die ich aufspüren konnte, scheiterten innerhalb relativ kurzer Zeit entweder infolge der persönlichen Gegensätze zwischen den Teilnehmern oder infolge des Mangels an praktischer Erfahrung in der Landwirtschaft. Dennoch hielt sich in Rußland bis in die 20er Jahre dieses Jahrhunderts hinein eine aktive Tolstoi-Bewegung bis sie schließlich von den Bolschewisten zerschlagen wurde. Außerhalb Rußlands beeinflußte Tolstoi mit Sicherheit die anarchistischen Pazifisten in den Niederlanden, Großbritannien und den Vereinigten Staaten [33]. Viele britische Pazifisten des Zweiten Weltkrieges nahmen an neo-tolstoianischen Gemeinschaften teil, von denen allerdings nur wenige das Ende des Krieges erlebten. Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel tolstoianischen Einflusses in der heutigen westlichen Welt ist - angesichts von Tolstois Mißtrauen gegenüber organisierten Kirchen nicht ohne Ironie - die römisch-katholische Gruppe in den USA, die sich um die Zeitschrift „The Catholic Worker“ und besonders um jene fromme Vertreterin des christlichen Anarchismus unserer Zeit, Dorothy Day [34], scharte.

Aber die bedeutendste von Tolstoi beeinflußte Persönlichkeit war ohne Zweifel Mahatma Gandhi [35]. Gandhis Errungenschaft, das indische Volk aufzuwecken und es durch eine nahezu unblutige nationale Revolution gegen die Fremdherrschaft zu führen, liegt zwar nur am Rande unseres Themas, aber es ist an dieser Stelle angebracht, daran zu erinnern, daß Gandhi von verschiedenen der großen libertären Theoretiker beeinflußt wurde. Seine gewaltfreien Techniken entwickelte er zum größten Teil unter dem Einfluß Thoreaus [36] und Tolstois, und die eifrige Lektüre von Werken Kropotkins bestärkte ihn in seiner Vorstellung von einem Land, das aus Dorfkommunen besteht.

In Rußland selbst ging Tolstois Einfluß weit über die engeren Kreise seiner Schüler hinaus, die ihn oft durch die merkwürdige Radikalität ihres Verhaltens in Verlegenheit brachten. Die Rolle, in der Tolstoi in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens hervortrat, war eher die eines leidenschaftlich inoffiziellen und unorthodoxen Gewissens Rußlands als die des Führers einer Bewegung. Sein weltweites Ansehen ausnützend, das ihn vor einer direkten Verfolgung schützte, griff er die zaristische Regierung immer wieder wegen ihrer Verstöße gegen die rationale Moral und die christlichen Lehren an. Er sprach ohne Furcht und ließ sich nie zum Schweigen bringen. Rebellen aller Art fühlten, daß sie in dem riesigen Polizeistaat Rußland nicht allein standen, solange Tolstoi da war und so redete, wie sein Sinn für Gerechtigkeit es ihm eingab. Seine schonungslose Kritik trug ohne Zweifel ihren Teil dazu bei, in den verhängnisvollen Jahren zwischen 1905 und 1917 die Fundamente des Romanoff-Reiches zu untergraben [37]. Und wiederum erteilte er damit eine Lektion, die Anarchisten lieb und teuer ist: daß nämlich die moralische Kraft eines einzigen Menschen, der auf seiner Freiheit besteht, größer ist als die einer Vielzahl schweigender Sklaven.

Biographische Notiz

George Woodcock wurde 1912 in Winnipeg/Kanada geboren. In den 40er Jahren lebte er in London, wo er die Literaturzeitschrift „N0W“ herausgab, zusammen mit Herbert Read und George Orwell für die BBC arbeitete und von 1941 bis 1949 Mitarbeiter des traditionsreichen anarchistischen Verlages „Freedom Press“ war. Nach seiner Rückkehr nach Amerika lehrte er in den 50er und 60er-Jahren englische Literatur an verschiedenen Universitäten und gab bis in die 70er Jabre das von ihm 1959 begründete angesehene Magazin „Canadian Literature“ heraus.

In seinen über 40 Büchern beschäftigt er sich unter anderem mit Poesie, Literaturkritik, Geschichte (z.B. Geschichte des Anarchismus), Reisebeschreibungen (z.B. Indien und China) und Biographien (z.B. M. Gandhi, P. -J. Proudhon, G. Orwell, A. Huxley). In deutscher Sprache erschien sein biographischer Essay "Mahatma Gandhi" (erstmals engl. 1972; München 1975, Kassel 1983, München 1986) sowie in der Zeitschrift „Trafik - Internationales Journal zur libertären Kultur und Politik“ (Mülheim) sein Aufsatz über "Anarchistische Kritik" (Nr. 17/1985) und in zwei Teilen sein Essay "Paul Goodman. Der Anarchist als Bewahrer" (Nr. 23/1986 und Nr. 24/1986).


Wichtige Werke Woodcocks zur Geschichte des Anarchismus:

  • Anarchism. A History of Libertarian Ideas and Movements, London/New York 1962;
  • Pierre-Joseph Proudhon. A Biography (zusammen mit I. Avakumovic), London 1956;
  • The Anarchist Prince. A Biographical Study of Peter Kropotkin, London/New York 1950.

Editorische Notiz:
George Woodcocks Aufsatz erschien erstmals unter dem Titel "The Prophet" in seinem Buch „Anarchism. A History of Libertarian Ideas and Movements“ (London/New York 1962, S. 207-219).  Die erste deutsche Übersetzung besorgte Michael Schroeren, sie erschien als "Anarchismus - Information Nr. 2" (Sonderblatt zu Nr. 17 der Zeitung „Graswurzelrevolution“, Berlin o. J. ) mit dem Titel "Leo Tolstoi - ein gewaltfreier Anarchist". Die hier vorliegende und vom Autor genehmigte Übersetzung stammt von Peter Peterson. Die zusätzlichen Anmerkungen verfaßte Ulrich Klemm.

Anmerkung:
Die Fußnoten würden für die bessere Lesbarkeit im Internet neu nummeriert. Dabei wurden die Anmerkungen von Peter Peterson und Ulrich Klemm zusammengefasst.

Fußnoten:
1. ) Paul Eitzbacher: "Der Anarchismus", Berlin 1900 (Reprint: Berlin 1977)
2. ) Siehe auch Lew Tolstoi: "Tagebücher", Erster Band 1847-1887. Herausgegeben von E. Dieckmann und G. Dudek als Band 18 von L. Tolstoi: "Gesammelte Werke in zwanzig Bänden", Berlin (Ost) 1978, S. 237 (13. Mai 1857).
3. ) Nachdem Tolstoi 1857 erstmals eine Westeuropa-Reise unternahm, die ihn unter anderem nach Genf, Paris, Südfrankreich, Frankfurt und Berlin führte, brach er 1860 erneut zu einer neunmonatigen Auslandsfahrt auf, die er vor allem vor dem Hintergrund seiner pädagogischen Tätigkeit im Hinblick auf das Studium des westeuropäischen Bildungs- und Erziehungssystems unternahm. In diesem Zusammenhang besuchte er auch auf seiner Rückreise in Brüssel P. J. Proudhon (1809-1865), der zu diesem Zeitpunkt der zentrale Mentor der anarchistischen Bewegung bzw. des freiheitlichen Sozialismus innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung war.
4. ) In den Jahren 1859-1863 beschäftigte sich Tolstoi nahezu ausschließlich mit Fragen der Pädagogik. Er unternahm nicht nur eine "Bildungsreise" (1860/61) nach Westeuropa, sondern gründete 1859 auch eine libertär-antiautoritäre Schule, die bis 1862 bestand und zum Modell für damalige und spätere Alternativschulen wurde. Tolstoi wirkte damit nachhaltig auf die progressive russische Pädagogik (u. a. auch auf N. K. Krupskaja, die nach 1917 die frühsowjetische Bildungspolitik mitbestimmte) und läßt sich mit seiner Freiheitspädagogik bis in die unmittelbare Gegenwart hinein verfolgen (z. B. bei G. Dennison und seiner "First Street School" 1964/65 in New York). Neben dieser praktischen Tätigkeit gab Tolstoi 1862-1863 eine eigene pädagogische Zeitschrift heraus, die in 12 Ausgaben erschien. Zur Pädagogik Tolstois vergleiche auch U. Klemm: "Die libertäre Reformpädagogik Tolstois und ihre Rezeption in der deutschen Pädagogik", Reutlingen 1984.
5. ) "Barin" war im zaristischen Rußland ein sehr wohlhabender und zugleich sowohl sozial als auch politisch mächtiger, adeliger Großgrundbesitzer. (P. P. )
6. ) In seinem Tagebuch lesen wir am 22. August 1907 (a. a. 0. [Anm. Seite 6], Band 3, S. 148): "Kropotkin über Kommunismus gelesen. Gut geschrieben und gute Motivationen, aber von verblüffender innerer Widersprüchlichkeit: Um die Gewaltherrschaft der einen über die anderen zu beenden, soll Gewalt angewendet werden ..." P. Kropotkin: "Landwirtschaft, Industrie und Handwerk", Berlin 1976 (engl. Erstausgabe 1898); P. Kropotkin: "Memoiren eines Revolutionärs", Frankfurt 1969 (engl. Erstausgabe 1899).
7. ) W. G. Tschertkow (1854-1936) nahm unter dem Einfluß von Tolstois sozialethischen Schriften 1879 aus religiösen Gründen seinen Abschied aus der Armee, wurde zum engen Vertrauten und intimen Freund Tolstois und erarbeitete die umfangreichste 90-bändige Gesamtausgabe seiner Werke (1928 ff. ). Er ist Mitbegründer des russischen Verlages "Posrednik", der Ende des 19. Jahrhunderts die Schriften Tolstois in hoher Auflage verlegte und gründete nach seiner Ausweisung aus Rußland in London den Verlag "Das freie Wort", der zum zentralen Sprachorgan der Tolstoianer in Westeuropa wurde.
8. ) Vgl. hierzu P. Kropotkin: "Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur", Frankfurt 1975, S. 112-153 (erstmals London 1905).
9. ) Die Grundlage Tolstois für seine pazifistisch-anarchistische Soziallehre ist seine Interpretation der Bergpredigt. Für ihn ist die Lehre Christi, wie sie sich in der Bergpredigt manifestiert, eine Lehre der Vernunft und nicht des Glaubens. Der Kern dieser Vernunftreligion ist das Gesetz der Liebe, die von ihm als einzige und wahre vernünftige Tätigkeit des Menschen gesehen wird. Der Weg der Liebe, verstanden als Verleugnung des persönlichen Wohls, ist für ihn die Annäherung an die göttliche Vollkommenheit. Vgl. auch L. Tolstoi: "Bekenntnisse", Leipzig 1886; L. Tolstoi: "Worin besteht mein Glauben?", Leipzig 1885; L. Tolstoi: "Das Reich Gottes ist in Euch", Stuttgart 1894; F. -H. Philipp: "Leo Tolstoi - Vom Frieden ohne Gewalt", Stuttgart 1960.
10. ) Tolstoi nimmt als Militärfreiwilliger 1851 - 1854 an den Kämpfen gegen aufständische Bergvölker im Kaukasus teil; er wird jedoch erst 1854 zum Offizier befördert.
11. ) 1854 wird Tolstoi auf die Insel Krim versetzt, wo er mehrere Erzählungen über seine Kriegserlebnisse schreibt, die 1855/56 veröffentlicht werden.
12.) Siehe auch seine Traktate "Patriotismus und Christentum" (1894), "Patriotismus und Frieden (1896), "Die Sklaverei unserer Zeit" (1900); als neue Textsammlung erschien: P. Urban (Hg. ): L. N. Tolstoi - Rede gegen den Krieg. Politische Flugschriften", Frankfurt 1983 (1968)
13.) Z. B. "An das arbeitende Volk" (1902), "Eines tut not!" (1906), "Rede gegen den Krieg" (1909). Bibliographie hierzu vgl. P. Urban, ebenda, S. 190-196.
14.) Vgl. auch die Einführung von P. Urban, (a. a. O. [Anm, S. 131 S. 7-27); U. Klemm: "Die Genese einer Freiheitspädagogik. Zugänge zur Bildungskonzeption von L. N. Tolsto, oder die Frage nach Bruch und Kontinuität", in: "Pädagogik und Schule in Ost und West", 34. Jg. 1986, H. l S. 5-14.
15.) 1878 erschien "„Anna Karenina“ " als Buchausgabe.
16.) Erschien 1895.
17.) Entstanden in den Jahren 1884-1886.
18.) Erschien 1899.
19.) Vgl. hierzu auch L. N. Tolstoi: "Über Literatur und Kunst", Auswahl und Nachwort von G. Dudek, Leipzig 1980
20.) Iwan S. Turgenjew (1818-1883), von P. Kropotkin neben Tolstoi als der wichtigste Novellist Rußlands bezeichnet, der wesentlich zur Popularität der russischen Literatur im westlichen Ausland beitrug, verarbeitete in fast allen seinen Romanen und Erzählungen gesellschaftliche Probleme. Ab 1855 lebte Turgenjew nahezu ausschließlich in Deutschland und Frankreich. 1880 besuchte er Tolstoi in Rußland und war über seine religiöse Wandlung entsetzt. 1883 schrieb Turgenjew einen bekanntgewordenen Brief an Tolstoi, in dem er ihn zur Rückkehr zur Literatur aufforderte. Vgl. auch P. Kropotkin: "Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur" (a. a. O. [Anm. S. 10]).
21.) Entgegen den Jahren von 1859-1863 war er nun in erster Linie als Bildungspolitiker und Schulbuchautor aktiv. Neben bildungspolitischen Beiträgen erscheint 1875 seine Grundschulfibel "Das Neue Alphabet" (eine erste, weniger erfolgreiche Auflage wurde bereits 1872 veröffentlicht), die in den kommenden Jahren in einer Millionenauflage erschien und große Popularität erfuhr. Einzige deutsche Teilübersetzung: Lew Tolstoi: "Das Neue Alphabet und Russische Lesebücher", Berlin (Ost) 1968.
22.) W. Godwin: "The Enquirer. Reflections on Education, Manners and Literature", London 1797. Eine deutsche Übersetzung liegt bislang nicht vor. Auch Godwins klassische Studie "An Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on General Virtue and Happiness" (London 1793), in der erstmals Perspektiven einer libertären Kritik an der Staatsschulpädagogik geäußert wurden, fand bis heute keine Übersetzung ins Deutsche. Vgl. P. Ramus: "William Godwin, der Theoretiker des kommunistischen Anarchismus", Leipzig 1907, Reprint Westbevern o. J. (ca. 1979).
23.) Die Arbeit an "„Krieg und Frieden“ " dauerte von 1864 bis 1869, die erste deutsche Ausgabe erschien bereits 1869.
24.) Erschien 1893.
25.) Vgl. auch S. Hoefert (Hg. ): "Russische Literatur in Deutschland", Tübingen 1974.
26.) Vgl. P. Eitzbacher, a. a. 0. ; M. Nettlau:"Leo Tolstoi und Vermutungen über den wahren Kern seiner Ideen. Die Tolstojaner in verschiedenen Ländern", in: Ders. :"Geschichte der Anarchie", Bd. V: Anarchisten und Syndikalisten, Teil, Vaduz 1984, S. 435-451; U. Klemm:"Leo Tolstoi - Prophet des Friedens", in: "Die Freie Gesellschaft", Heft 9/1983, S. 43-53; Leo Tolstoi: "Patriotismus und Regierung", "Anarchistische Texte 8", Berlin 1983. In diesem Zusammenhang sind vor allem Tolstois religiöse und sozialethische Schriften ab den 80er Jahren zu sehen, in denen er Gesellschaftskritik vor dem Hintergrund seiner libertären Interpretation der Bergpredigt äußert.
27.) Wir müssen jedoch davon ausgehen, daß Tolstoi Godwins Schriften nicht kannte; diesbezügliche Hinweise in seinen Tagebüchern und Briefen fehlen. Dasselbe trifft auch auf Winstanley zu. Gerrard Winstanley (1609-1676) war wichtigster Wegbereiter und Publizist der "Digger", einer frühkommunistischen Siedlungs- und Bauernbewegung Mitte des 17. Jahrhunderts in England; vgl. hierzu auch G. Lennert: "Die Digger - eine frühkommunistische Bewegung in der englischen Revolution", Grafenau 1987.
Parallelen zu dieser 'Reich - Gottes'-Idee finden wir später auch bei den Religiösen Sozialisten, besonders bei Leonhard Ragaz (1868-1945). Vgl. Leonhard Ragaz-Institut (Hg. ): "Leonhard Ragaz", Darmstadt 1986.
28.) Vgl. W. Morris: "Kunde von Nirgendwo", Reutlingen 1980 (erstmals London 1890).
29.) Erschien erstmals 1900 in einer russischen und deutschen Ausgabe; Neuauflage: Berlin 1978. Vgl. auch U. Klemm: "Pazifistischer Anarchismus", in: "Die Freie Gesellschaft", Heft 16/1986, S. 62-64.
30.) Vgl. die klassische Studie E. J. Hobsbawn: "Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert", Gießen 1979 (erstmals Manchester 1959).
31.) Neuausgaben: P. Kropotkin: "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt", Berlin 1974 (erstmals London 1902); P. Kropotkin: "Eroberung des Brotes", Berlin 1972 (erstmals London 1892).
32.) Ein "Artel" war in russischen Städten eine besondere Art eines kommunalen Betriebes, jedoch keine Innung oder Zunft, sondern vielmehr eine Vereinigung von Arbeitern des gleichen Gewerbes, die gemeinsam eine Werkstatt benutzten. (P. P. )
33.) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich weltweit eine Tolstoi-Bewegung, u. a. ausgelöst durch die zahlreichen ausgewiesenen Tolstoianer (wichtig hierbei waren vor allem P. I. Birjukow (1860-1931) und W. G. Tschertkow, a. a. O. ), die die Sozialrevolutionären Ideen Tolstois in Wort und Schrift verbreiteten. Zum wichtigsten Propaganda- und Informationsmittel wurden jedoch seine zahlreichen Publikationen, die in verschiedenen Übersetzungen und billigen Ausgaben in Europa und den USA verbreitet wurden. Um die Jahrhundertwende entstanden weltweit auch eine Reihe von Tolstoi-Kolonien, die zahlenmäßig ihren Schwerpunkt in England mit sechs anarchistisch-religiösen Kommunen hatten. Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der Sozialrevolutionären Ideen Tolstois ist bislang nur fragmentarisch aufgearbeitet und weist erhebliche Lücken auf. Zur Rezeptionsgeschichte vgl. : E. Oberländer: "Tolstoi und die Sozialrevolutionäre Bewegung", München 1965; U. Linse: "Ökopax und Anarchie", München 1986 (hier S. 174/175); M. Nettlau, a. a. O. ; F. Ortt: "Der Einfluß Tolstois auf das geistige und gesellschaftliche Leben in den Niederlanden", in: "Der Sozialist", 3. Jg. 1911, S. 5-8; D. Hardy: "Alternative Communities in Nineteenth Century England", London 1979; G. Jochheim: "Antimilitaristische Aktionstheorie. Soziale Revolution und Soziale Verteidigung", Frankfurt/Assen 1977; U. Klemm: "Anmerkungen zur internationalen pädagogischen Tolstoi-Rezeption", in: "Pädagogik und Schule in Ost und West", Jg. 34 1986, H. 2, S. 30-33.
34.) Dorothy Day (1897-1980) zählt zusammen mit den Brüdern Berrigan zu den Mentoren des zeitgenössischen katholisch-anarchistischen Pazifismus in den USA. In den 20er Jahren gehörte sie der künstlerischen und anarchistischen Boheme-Szene an, arbeitete als Journalistin, kam mehrfach ins Gefängnis und wurde von Tolstoi, Kropotkin und Buber beeinflußt. In der von ihr und Peter Maurin 1933 ins Leben gerufenen Bewegung des "Catholic Worker" verbindet sie einen urchristlich-asketischen Lebensstil mit revolutionären Zielen des libertären Sozialismus zu einer Bewegung des zivilen Ungehorsams. Dorothy Days Leben und Wirken ist geprägt durch ihren radikalen Pazifismus. mit dem sie zu einer streitbaren und libertären Christin wurde. Vgl. hierzu auch D. Solle: "Die Radikalität des Evangeliums: Dorothy Day", in Dies. : "Fürchte dich nicht, der Widerstand wächst", Zürich 1982, S. 127-136.
35.) Mahatma Gandhi (1869-1948) führte mit Tolstoi 1909 bis zu seinem Tod einen kurzen Briefwechsel und gründete 1910 in Südafrika eine "Tolstoi-Farm", gab seine Rechtsanwaltspraxis auf und versuchte eine idealistisch-kommunistische Kommune in Anlehnung an die Ideen Tolstois zu verwirklichen. Vgl. auch P. Birjukow (Hg. ): "Tolstoi und der Orient", Zürich und Leipzig 1925; M. Gandhi: "Freiheit ohne Gewalt", Eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von K. Klostermeier, Köln 1968; M. Gandhi: "Mein Leben", Frankfurt 1983 (dt. Erstausgabe 1930).
36.) Tolstoi verehrte ebenfalls den nordamerikanischen libertären Naturphilosophen und Schriftsteller H. D. Thoreau (1817-1862) und kannte seine Schrift "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (erstmals englisch 1849, deutsche Neuausgabe Zürich 1967). Vgl. H. -D. und H. Klumpjan: "Henry D. Thoreau", Reinbek 1986.
37.) Diesen Aspekt hebt selbst W. I. Lenin, der ansonsten einen sehr kritischen Standpunkt gegenüber Tolstoi zum Ausdruck bringt, hervor, wenn er 1908 schreibt: "Tolstoi wiederspiegelt den siedenden Haß, den herangereiften Drang zum Besseren, das Verlangen, sich vom Vergangenen zu befreien - und die unreife Träumerei, den Mangel an politischer Schulung, die Schlappheit und Unfähigkeit zu revolutionärem Handeln." Vgl. W. I. Lenin: "Leo Tolstoi als Spiegel der russischen Revolution" in: Ders.: "Über die Religion", Berlin (Ost) 1956, S. 18.

Originaltext: George Woodcock - Leo Tolstoi. Ein gewaltfreier Anarchist. edition flugschriften, 1987. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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