Zu Louise Michel - Es lebe die Kommune! (Biographie)

Luise Michel wurde am 20. April 1830 in Vroncourt, Ostfrankreich, geboren und wuchs bei den Großeltern auf; sie hatte eine glückliche Kindheit, denn ihre Großeltern, geprägt von der französischen Revolution, erzogen sie mit viel Liebe und Nachsicht. Luise Michel selbst sah die Wurzeln ihrer revolutionären Gesinnung in der freien Erziehung, die sie genossen hatte. Die Liebe zur Natur und Literatur, die ihr schon als Kind sehr wichtig war, begleitete sie ihr ganzes Leben lang. Zwei Kindheitserinnerungen prägten sie besonders: das Elend der Bauern und den Umgang der Menschen mit den Tieren. Um das Leid ein bisschen zu lindern verschenkte sie das Geld ihrer Familie an die arme Bevölkerung der Stadt. Der Besuch der Dorfschule war für Michel keine Bereicherung – sie war schlicht unterfordert und überlegte sogar, ein neues Geschichtsbuch zu verfassen, da ihr das alte als unvollständig erschien.

Nach dem Tod ihrer Großeltern zog sie mit ihrer Mutter in ein anderes Örtchen, Audeloncourt, wo sie eine Ausbildung als Grundschullehrerin absolvierte. Als sie allerdings an einer öffentlichen Schule unterrichten wollte, sollte sie einen Eid auf den Kaiser schwören, was sie verweigerte. So begann sie mit wenigen Mitteln 1852 ihre eigene ‚Freie Schule’ zu eröffnen, in der sie trotz Ärger mit den Aufsichtsbehörden, die Kinder mit fortschrittlichen Methoden unterrichtete. Um dem Misstrauen der Provinz-Bevölkerung zu entkommen ging sie 1856 zusammen mit ihrer Freundin Julie Longchamps nach Paris, wo sie in privaten Freien Mädchenschulen Arbeit fanden; nebenbei erweiterte Michel ihr Wissen in ‚männlichen’ Domänen wie Mathematik, Tier- und Pflanzenkunde, sowie Pädagogik durch Besuche an der Volksuniversität. Inzwischen hatte sie auch begonnen, unter dem männlichen Pseudonym ‚Louis Michel’ Artikel zu publizieren, in der sie ihre libertären Gedanken zu Papier brachte. Außerdem arbeitete sie in der republikanischen Opposition, schloss sich der Gruppe ‚Droit des Femmes’ (Rechte der Frauen) an und leistete politische und soziale Arbeit. Durch viele Besuche in linken Clubs und bei politischen Veranstaltungen lernte sie spätere AktivistInnen der Kommune kennen und wurde Mitglied in der Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation, die gleiche Löhne für Frauen und Männer, Trennung von Kirche und Staat usw. forderten.

Schon während der Belagerung Paris durch die deutschen Truppen im deutsch-französischem Krieg 1870/71 war Luise Michel eine der bekanntesten AktivistInnen; zwar gehörte sie einer Gruppe an, die speziell weibliche Aufgaben wie die Versorgung der Verwundeten oder die Organisation von Volksküchen übrig hatte, doch schrieb sie auch revolutionäre Aufrufe und konfrontierte die anderen Frauen ihrer Gruppe mit sozialistischen Ideen.

Als im März 1870 die Kommune ausgerufen wurde, gehörte sie dem ‚Wachsamkeitskomitee der Frauen des 18.Arrondissement an und beteiligte sich aktiv mit vielen anderen Frauen im Kampf um eine neue Gesellschaft und für die Kommune. In einem von ihr verfassten Manifest schrieb sie: ‚…wir  – die Frauen von Paris, werden Frankreich und dem Rest der Welt zeigen, dass sie es im Augenblick der höchsten Gefahr verstehen, auf die Barrikaden, auf die Mauern von Paris, wenn die Reaktion die Türen aufbricht, wie ihre Brüder im Blut und ihr Leben für die Verteidigung und den Triumph der Kommune, das heißt des Volkes zu geben! (…) Es lebe die Weltrepublik! Es lebe die Kommune!

Beim Angriff der Regierungstruppen im Mai 1871 kämpfte Luise mit ihrem Frauenbataillon auf den Barrikaden, bis sie verwundet wurde. Sie konnte fliehen, der Staat hatte aber ihre Mutter als Geisel genommen und zwang sie so zur Rückkehr. Um sie nicht zur Märtyrerin zu machen, entkam sie dem Todesurteil und wurde mit vielen anderen KommunardInnen auf die Insel Nouméa (Neukaledonien, eine Kolonie von Frankreich) deportiert – das Urteil lautete lebenslange Verbannung.

Dort beschäftigte sich Luise Michel ausgiebig mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt, knüpfte Kontakte mit der indigenen Bevölkerung, denen sie auch Lesen und Schreiben beibrachte; später eröffnete sie eine Schule, in der sie unter der Woche die Kinder der Verbannten unterrichtete, während sie am Wochenende weiterhin die Indigenas betreute. Ihre Freundschaft mit der einheimischen Bevölkerung ging so weit, dass sie diese bei einem Aufstand gegen die französische Kolonialmacht unterstützte, im Gegensatz zu einigen GenossInnen, die für das Heimatland die WärterInnen-Rolle spielten.

1880 wurde sie begnadigt und einige Jahre später ging sie nach London und Frankreich zurück, beschäftigte sich weiterhin mit den Ideen des libertären Sozialismus und arbeitete trotz ihrer anarchistischen Überzeugung und der diversen Streitigkeiten mit verschiedenen linken Lagern weiterhin mit MarxistInnen zusammen. Luise Michel trat besonders für die Rechte der Frauen ein, ging auf Vortragsreise mit GenossInnen, organisierte Kampagnen und Kongresse. 1886 wurde sie erneut verhaftet und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, da sie angeblich bei Plünderungen von Bäckereien führend teilgenommen hatte. Die Zeit im Knast nutzte sie, um ihre Memoiren zu schreiben; nach drei Jahren kam sie vorzeitig frei.

1888 überlebte sie ein Attentat, doch wegen der ständigen Bedrohung durch politische GegnerInnen wanderte sie nach London aus und lebte dort von 1890 bis 1895. Später kehrte sie wieder nach Paris zurück, gab die Zeitung ‚Libertaire’ heraus und ging weiter auf Vortragsreisen.

Am 9.Januar 1905 starb Luise Michel in Marseille; hunderttausend nahmen an ihrem Begräbnis in Paris teil – als offene, undogmatische Anarchistin hatte sie die verschiedensten Menschen begeistert und mit ihren libertären Ideen angesteckt.

Gekürzt aus Lohschelder, Silke: ‚Anarchafeminsmus’, S. 39ff

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2010/01/09/unvergessen-louise-michel/


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