Max Nettlau - Fernand Pelloutiers Platz in der Entwicklung des Syndikalismus

I.

Am 13. März 1926 war schon ein Vierteljahrhundert verstrichen seit dem Tode, 1901, des dreiunddreißigjährigen Fernand Pelloutier; statt seiner weilt unter uns, was in mancher Hinsicht seine Schöpfung war, der französische Syndikalismus. Es wäre eine müßige Spekulation, zu ergründen, wie sich dieser befinden würde, wenn der in all den Jahren seiner rastlosen Tätigkeit schon todkranke Polloutier länger gelebt hätte, heute noch leben würde; denn auch er hätte, weder die allgemeine Entwicklung ändern, noch einer wachsenden Bewegung dauernd seinen Stempel aufprägen können und wollen. Derartiges ist anscheinend Samuel Gompers gelungen, der tatsächlich durch mehr als eine Generation an der Spitze seiner American Federation of Labor blieb, die formell und materiell reicher und fester begründet ist als die französischen Organisationen es je waren. Es gelingt auch Leon Jouhaux, der seit undenklichen Zeiten an der Spitze der CGT Frankreichs steht und Pelloutiers Werk in Stücke fallen sah, selbst aber blieb. Weder die Despotenart des einen, noch die Art der Wetterfahne des andern waren Pelloutier eigen, und solche Dauerherrschaft wäre ihm selbst am ersten unerträglich gewesen, weil sie eben ein Zeugnis der Verständnislosigkeit der sich ihr Unterworfenen ist. Pelloutier wäre wahrscheinlich auch ohne seine Krankheit bald im Kleinkampf aufgerieben worden oder aber, er hätte mit seinem klaren Blick, seiner sicheren Hand und seinem festen Charakter sich einen Ausweg gebahnt, etwas Neues geschaffen, eine Lösung der großen Schwierigkeiten gefunden, was den anderen nach ihm eben nicht gelungen ist. Was sein Talent also an Neuem noch hätte leisten können, das ging verloren und war ein sehr großer Verlust.

Was er geleistet hat, war groß genug. Er führte für seine Zeit durch, was anderen vor ihm nie gelungen war und was seine Nachfolger nicht imstande waren, ganz in seinem Geist aufrechtzuerhalten und unzerstörbar auszubauen: einen Zusammenschluß der sozial fühlenden französischen Arbeiter in weitestem Umfang, auf Grund der allen gemeinsamen ökonomischen Interessen, des Kampfes gegen das Kapital, zur Durchführung dieses Kampfes durch ihre fest begründete Solidarität und alle sich hieraus ergebenden Kampfmittel auf dem weiten Gebiet der Arbeit, auf dem der Arbeiter - wenn er nur will - alles sein kann und der nominelle Eigentümer, der Kapitalist - wenn ihm der Arbeiter keinen Tribut mehr entrichtet - auf einen Schlag zu nichts, zu Staub werden kann, soll und muß. Im Namen dieses Ziels die Arbeiter eines Landes zu vereinigen, erscheint uns so einfach und naheliegend, begegnet aber, wie man weiß, überall den ungeheuersten Schwierigkeiten, deren gemeinsame Gründe in der tatsächlichen großen Differenzierung der Arbeiter liegen, sowohl durch die Rückständigkeit (zurückgebliebene Mentalität) der noch unter reaktionärem Einfluß bleibenden Teile, als auch durch die Verschiedenheit der politischen und sozialistischen Ansichten der stets wachsenden Teile mit vorgeschrittener Mentalität. Beide Faktoren sind bis jetzt Hindernisse einer wirklichen Vereinigung, sei es auf einem noch so sorgfältig sich auf die Gemeinsamkeit der ökonomischen Interessen der Arbeit dem parasitischen Kapital gegenüber beschränkenden Gebiet. Es gelang Pelloutier mehr als einem andern, sich diesem Ziel zu nähern. Hierin liegt seine große Bedeutung, zu deren Verständnis eine Analyse der von ihm vorgefundenen französischen Arbeiterverhältnisse zweckmäßig erscheint.

Wir wissen, daß aus der in einzelnen Teilen Europas auch im dunkelsten Mittelalter nicht ganz verwischten Zivilisation des klassischen Altertums Korporationsbestrebungen sich durch alle Jahrhunderte fortsetzten und sich, der mit dem Aufblühen der kapitalistischen Produktionsweise sich steigernden Verschärfung der sozialen Gegensätze entsprechend, immer mehr in zwei Formen festlegten, dem den Interessen der Besitzenden entsprechenden Zunftwesen, dem die Arbeitenden zwangsweise eingegliedert waren, und den nicht erlaubten, daher geheimen Koalitionen der Arbeitenden, die dauernde oder vorübergehende Formen annahmen und manchmal schwere soziale Konflikte durchkämpften. In Frankreich war dies für einige Gewerbe sehr ausgebildet, so für das Compagnonnage bildenden Vereine, deren Treiben sich einer gewissen Duldung erfreute, weil sie meist so unklug waren, untereinander zu rivalisieren und sich die Köpfe einzuschlagen, statt gegen die Meister vorzugehen; betreffs anderer Gewerbe sind wir nicht hinlänglich unterrichtet; dazu kamen im 18. Jahrhundert große Arbeitermengen der beginnenden Industrie mit Maschinenbetrieb, die zunächst nicht organisiert, intensiv ausgebeutet und im größten Elend waren.

Als die französische Revolution ausbrach, durch die verzweifelten Bauern und hungernden städtischen Arbeiter gewiß mächtig gefördert und zu einer ernsten Sache gemacht, von der es keinen Rückweg gab, kam aber doch tatsächlich nicht eine Spur wirklicher Macht in die Hände dieser sozialen Opfer, sondern die Macht fiel der neuen Bourgeoisie zu und, etwas später, den doktrinären Vertretern der Staatsallmacht, den jakobinischen Terroristen. Sowohl erstere, schon seit 1791, als letztere in Ausübung ihrer Diktatur, vernichteten jede Koalitionsmöglichkeit der Arbeiter durch die absolutesten Verbote, die entweder mit dem Schutz der Freiheit (das gegen eine Verbindung mehrerer zu schützende Individuum) oder mit dem Schutz des Staates (der in seinem Monopol durch jede Sonderverbindung von Bürgern, einen „Staat im Staate“, beeinträchtigte Staat) maskiert wurden. So waren auf viele Jahre hinaus - denn bis 1864 bestand kein Koalitionsrecht - Bourgeoisie und Staat gegen Arbeitervereinigungen gesetzlich geschützt und alles, was auf diesem Gebiet geschah, war gezwungen, so farblos aufzutreten, daß es als harmlos toleriert wurde, oder es mußte geheim geschehen oder es gab Konflikte, Verfolgungen, die jeder wirklichen Ausdehnung des Arbeitsvereinigungswesens einen Riegel vorschoben.

In England war ja ein ähnliches Koalitionsverbot, aber die ungeheure Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise ballte auch die Arbeitermassen zusammen und sie organisierten sich erfolgreich allen Einschränkungen zum Trotz und drangen schließlich an die Öffentlichkeit als die unangreifbare, machtvolle Masse der Trades Unions. In Frankreich war dies keineswegs der Fall, teils weil sich der Kapitalismus nicht mit solcher Wucht als Großindustrie entwickelte wie in England in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, teils weil politische Ziele (die Republik) und soziale Ideen (die vielen sozialistischen Richtungen) alle kampffähigen Elemente der Arbeitermassen absorbierten und sie viel näher mit den gleiche Ziele, Republik und Sozialismus, verfolgenden Bourgeoisieelementen zusammen führten, als mit den auf diesen Gebieten indifferenten Massen ihrer Arbeitsgenossen. Was trotzdem für Arbeiterorganisation geschah, wurde natürlich von Sozialisten oder dem Sozialismus Nahestehenden angeregt und wurde gerade dadurch wieder isoliert, d. h. es schien vom Sozialismus unzertrennlich und wurde daher von sozialistisch nicht interessierten Arbeitern nicht beachtet.

Da waren die Versuche Agricol Perdiguiers, die feindlichen Richtungen des Compagnonnage zu versöhnen und überhaupt Versuche, alle derartigen Organisationen zu föderieren, da war Flora Tristons großes Projekt einer allumfassenden Union ouvriere, da waren die vielfachen Assoziationsbestrebungen. die in den Arbeiterzeitschriften La Ruche populaire (Bienenstock des Volkes), L'Union, L'Atelier, seit Ende der Dreißiger ihren Ausdruck fanden, und zahllose andere Anregungen und Versuche sozialer Gruppierung der Arbeiter, denen aber durch die Gesetze jede tatsächliche Massenorganisation und ebenso die einfachste zeitweilige Zusammenarbeit im Fall von Streik einfach unmöglich gemacht wurde. So blieb es bei allgemeiner literarischer Propaganda, vereinzelten Kooperationsversuchen und geheimen Gesellschatten, in welchen aber republikanische und Sozialrevolutionäre Ziele an erster Stelle standen.

Trotzdem so von einer wirklichen Arbeiterpartei und gewerkschaftlichen Organisationen vor 1848 nicht die Rede war und sogar der theoretische Sozialismus in den Vierzigern einigermaßen stagnierte, stand doch nach der Februarrevolution 1848 die Arbeiterfrage kurze Zeit an erster Stelle, wurde aber sehr bald und auf tragische Weise in den Hintergrund gedrängt. Man warf den Arbeitern die uferlosen Beratungen der Luxembourg-Kommission zur Beschwichtigung hin, man versuchte sie in die sogenannten Nationalwerkstätten einzuregimentieren und als sie all dies als Spott und Hohn einzusehen begannen, wurden sie in den Junitagen 1848 in den Straßen von Paris in großen Massen blutig hingeschlachtet oder gefangen und deportiert. All dies half dem Bonapartismus schon im Dezember 1848 zur Macht, der dann Arbeiter und Republikaner jahrelang so drangsalierte, daß seine nächtliche definitive Erwürgung der Republik, 2. Dezember 1851, der natürliche Abschluß war. Die Arbeiter verwendeten ihre Kräfte an Hunderten von Produktivassoziationen, denen nach kurzem Aufschwung die bonapartische Reaktion ein Ende machte, und einige sozialistische Versuche allgemeiner Gruppierung der Arbeiter, wie die Union des Associations ouvrieres (1849), die eine Chambre de travail (bestehend aus drei Delegierten jedes Fachs) usw. bilden wollte - die bekannten sozialistischen Freunde, Pauline Rolland, Jeanne Deroin und andere nahmen hieran einen Hauptanteil -, endeten mit Unterdrückungen und Verfolgungen. Jener Gesellschaft folgte noch 1850 die Societe de la presse du travail mit ähnlichen Zielen; der Staatsstreich vom Dezember 1851 brachte, wie man weiß, viele Jahre der absolutesten Unterbrechung all dieser Bestrebungen, während natürlich endlich das Verständnis des Wertes und der Notwendigkeit der Arbeiterorganisation in vielen erweckt war, zuerst noch ohnmächtig, sich zu äußern, aber nach einem Ausdruck suchend, der Anfang der Sechziger schließlich gefunden wurde.

Das Kaiserreich Napoleons III., das ja doch nur als eine zeitweilige Usurpation empfunden wurde - wie die heutigen Usurpationen Lenins und seiner Nachfolger, Mussolinis und anderer - versuchte sich bald durch Förderung der Bereicherung der Bourgeoisie, durch Klerikalismus, durch Kriege und Landgewinn eine längere Lebensdauer zu verschaffen, bald auch durch anscheinende Arbeiterfürsorge und zuletzt gar durch einen Pseudoliberalismus. Dies ermöglichte eine gewisse, recht schnell erfolgende, von Republikanern, Proudhonisten, Positivisten und älteren Sozialisten verschiedener Richtungen im stillen intensiv geförderte Vereinigung meist jüngerer Arbeiter, die endlich eine ähnliche Zusammenfassung großer Arbeitermassen ins Auge faßten, wie sie in den englischen Trade Unions damals schon in voller Öffentlichkeit existierte. Es erfolgten die bekannten Reisen nach London, seit 1862, die am 28. September 1864 zur öffentlichen Gründung der Internationalen Arbeiter Assoziation in London führten, deren unmittelbares Ziel die Zusammenfassung der Arbeiter aller Länder sein sollte, deren Interessen ihren Ausbeutern gegenüber die gleichen sind, die unter sich Genossen und Brüder sind und deren Feinde die gleichen, die Kapitalisten aller Länder sind.

Sehr klar schrieb hierüber z. B. Bakunin (1871) in dem als „Die Politik der Internationale“ mehrfach separat gedruckten Abschnitt eines längeren Manuskripts: ... „Wir denken, daß die Gründer der internationalen Assoziation sehr weise handelten, als sie zunächst aus dem Programm dieser Gesellschaft alle politischen und religiösen Fragen eliminierten. Gewiß fehlten ihnen nicht sehr ausgesprochene politische und antireligiöse Ansichten, aber sie sahen davon ab, dieselben in diesem Programm auszusprechen, weil ihr Hauptziel vor allem dieses war, die Arbeitermassen der zivilisierten Welt zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen.“ ... Durch ein bestimmtes politisches oder antireligiöses Programm, meint Bakunin, hätten sie die europäischen Arbeiter, statt sie zu vereinen, noch mehr gespalten. Sie gaben der Internationale, sagt er später, zunächst als einzige Basis den ausschließlich ökonomischen Kampf der Arbeit gegen das Kapital; sie glaubten, daß ein auf diesem Terrain stehender, diesen Kampf aufnehmender Arbeiter durch, die Macht der Dinge selbst und durch die Entwicklung, dieses Kampfes dahin gebracht würde, bald alle politischen, sozialistischen und philosophischen Prinzipien der Internationale anzuerkennen.

Schon dieser letzte Satz, dem im Original eine nähere Darlegung von Bakunins eigenen Ideen folgt, zeigt, daß, wie breit auch die Basis der Internationale, also auch der internationalen Organisation jedes Landes - in unserem Fall also Frankreichs - war, diese Basis sich in der Praxis stets dadurch verengerte, daß jede sozialistische Richtung es für richtig hielt, ihre eigenen Ideen mit denen der Internationale zu identifizieren, d. h. in den unter ihrem Einfluß stehenden Sektionen nach Kräften zu verbreiten. Dies tat Marx, dies tat Bakunin, dies taten Proudhonisten. Positivisten, Kolletivisten und alle anderen. Es geschah mit verschiedenen Mitteln, von Marx und den Autoritäten von oben nach unten, durch den Gebrauch ihnen anvertrauter Autorität, von Bakunin und seinen Freunden durch die intime, intensive, geheim organisierte Tätigkeit einzelner, von anderen durch offene Diskussion und spezielle Propaganda usw.; das Resultat war unvermeidlich Parteienbildung und Feindschaft an Stelle brüderlicher Toleranz.

Das Koalitionsrecht, das den französischen Arbeitern endlich 1864 gegeben wurde - das Versammlungsrecht erhielten sie erst 1868 – führte zur schnellen Gründung zahlreicher Arbeitergesellschaften, die sich z. B. in Paris zur Chambre Federale des Societes ouvrieres föderierten. Diese Gesellschaften waren also die ersten Syndikate und sie standen vielfach im engen Kontakt mit der französischen Internationale und unter dem persönlichen Einfluß ihrer tätigsten Mitglieder. Sie betätigten sich in sehr beachtenswerten Streiks jener letzten Jahre des Kaiserreichs, und viel mehr als in den Sektionen der Internationale lag in ihnen der Kern der damals rapid wachsenden Arbeiterkampfbereitschaft, die während des Krieges, 1870-71, so schnell die Pariser Arbeiter zu einem Machtfaktor machte. Die Arbeiterbataillone der Nationalgarde, das aus ihnen hervorgehende Zentralkomitee, die Gruppierungen an den Revolutionstagen wie Ende Oktober, zu den Wahlen vom Februar, all das hatte jene Arbeiterorganisationen zur Grundlage, und so ergab sich dann der 18. März, die Kommune von Paris, der diesen organisierten Arbeitern, die man fürchtete und haßte, von der Bourgeoisie und Reaktion aufgezwungene Vernichtungskampf, der, wie im Juni 1848, nur in noch viel größerem Umfang, zur blutigen Maiwoche, einer neuen Abschlachtung des Pariser Proletariats und einer neuen Periode der härtesten Unterdrückung des Pariser sozialistischen Lebens führte, während in der Provinz, speziell im Süden, die Reaktion nicht mehr vollständig siegen konnte, wie auch dann vom Ausland her, von den zahlreich in die Schweiz, nach England usw. geflüchteten Communards die Propaganda fortgesetzt wurde und die Fäden der Bewegung nie mehr ganz abrissen.

In Paris bildeten sich recht bald nach der Kommune von neuem Chambres syndicales, Fachorganisationen also, deren Leitung freilich in den Händen wenig vorgeschrittener Personen lag, solcher eben, die der Verfolgung aller Überlebenden der Kommune durch ihre Lauheit während dieser Revolution entgangen sein mochten. Diese Bewegung wurde wohl von radikalen Republikanern, Positivisten u. a. gefördert, weil sie ein Gegengewicht gegen die der noch sehr prekär etablierten Republik von den Monarchisten drohenden Gefahr bilden sollte. Aber auch bonapartistische Agenten suchten sich der kaum beginnenden Bewegung zu bemächtigen und den Internationalisten und Flüchtlingen im Ausland gab ihr unendlich gemäßigter Charakter geringe Befriedigung, aber es durfte in Paris kein lautes Wort in ihrem Sinne gesprochen werden - sie waren auf die geheime Verbreitung im Ausland gedruckter Schriften und die manchmal recht problematische Gründung geheimer internationaler Sektionen usw. beschränkt.

Daher war diese Gewerkschaftsbewegung jahrelang eine unendlich gemäßigte, die kaum durch einige Weltausstellungsbesuche (Wien, 1873; Philadelphia, 1876) mit ausländischen Arbeitern Berührung suchte und deren erster Kongreß (Paris, 2.-10. Oktober 1876; der 1877 erschienene Bericht umfaßt 534 Seiten) unter den Sozialisten des Auslandes geradezu Entsetzen hervorrief.

Aber man wurde doch auf das Vorhandensein überraschend großer Organisationselemente aufmerksam, und es begann der lange Kampf um deren Beherrschung und Ausbeutung für politische Zwecke, den die sich um Guesde, Lafargue, Deville scharenden marxistischen Politiker seit 1876-aufnahmen. Wie Guesde einige Jahre früher war, als er zur antiautoritären Richtung der Internationale hielt, wie er selbst 1877/78, schon als Politiker gegenüber seiner Haltung 1896 relativ radikal war, hat E. Ponget in den Variations Guesdistes [Guesdistische Wandlungen, Paris, 36 S., 12° (1896) dokumentarisch zusammengestellt. Diesen Versuchen, die sich kaum von all ihren Zusammenhängen mit Bourgeoispolitikern frei machenden Syndikate in die Arbeiterwahlpolitik hineinzureißen, traten damals die in der Schweiz exilierten französischen Internationalisten, wie Louis Pindy, Paul Brousse, Jeallot u. a. entgegen, welche in Chaux-de-Fonds im Jura die für Frankreich bestimmte Avant-Garde (2. Juni 1877 bis 2. Dezembcrr 1878) herausgaben, eine Gruppe und ein Blatt, an denen auch P. Kropotkin regen Anteil nahm, der übrigens selbst seit dem Herbst 1877 bis zum Sommer 1878 manche Monate in Paris zubrachte. So kam es, daß der Kongreß von Lyon, 1878, bereits eine kleine antistaatlich fühlende Minorität enthielt, für welche ein Lyoner Delegierter Ballivet eine Aufsehen machende Rede gegen die Wahlpolitik hielt. Nun, ich war einmal gerade bei Kropotkin, als er eine der üblichen sozialdemokratischen Behauptungen las, nach welcher etwa die Anarchisten immer versäumt oder verschmäht hätten, sich um Arbeiterorganisation zu kümmern, und er nahm da seine Kollektion der Avant-Garde zur Hand und einige andere gleichzeitige Druckschriften und wies auf Reden und Anträge auf jenem Kongreß hin, auch Ballivets Rede, die alle auf damals von Brousse und von ihm selbst und einigen andern der französischen Internationale redigierten Entwürfen oder Vorlagen beruhten. Man war in dieser kleinen Gruppe sehr eifrig in diesem Sinn nach Frankreich hin tätig und man hatte die rein syndikalistische Erfahrung der Fachsektionen im Schweizer Jura, in Belgien (besonders der Region von Vevey) und in Spanien, das - wie auch Belgien – Kropotkin damals besuchte, hinter sich. Die Marxisten versuchten ihrerseits in jenen Jahren (1877, 1878) durch die internationalen Kongresse von Genf und von Paris (1878; dieser wurde polizeilich verhindert) mit dem staatssozialistisch gewordenen Teil der Belgier und einer englischen Gruppe übrigens von Marx persönlich getrennter Arbeiterpolitiker, der International Labour Union, die Oberhand zu gewinnen: das Ziel war, eine ihnen dienstbare französische politische Partei zu gründen.

Damals ereignete sich neben großer Zunahme des sozialistischen Interesses zahlreicher französischer Arbeiterorganisationen, wie sie der viel besprochene Kongreß von Marseille (20. bis 31. Oktober 1879) zeigt - sein Protokoll, 1879, umfaßt 831 Seiten - eine bedauerliche Schwächung der bewußt antistaatlichen Kräfte, welche bis dahin die Ausbeutung des wiedererstehenden Sozialismus durch die Wahlpolitiker verhindert hatten. - ich meine den Abfall von Paul Krousse und ähnlich denkenden, - auch viele zurückkehrende Communards schlössen sich dieser neuen Richtung an -,welche zwar nicht direkt für die Wahlen in die Deputiertenkammer eintraten, wie die Guesdisten, aber die Eroberung der Gemeinderatsmandate, den Kampf um die Munizipalitäten proklamierten. Sie knüpften damit sehr raffiniert einerseits an die Tradition der Commune an und usurpierten deren Prestige für sich, sie stellten sich noch immer als antistaatlich, antimarxistisch hin (vgl. z. B. Paul Brousse, Le Marxisme dans l'Internationale, Paris, „Le Prole faire", 1882, 32 S.), während sie doch den Anarchismus gründlich verfälschten. Und sie trieben selbstverständlich, geradeso wie die. Guesdisten, ihre Anhänger auf den Weg der Wahlpolitik.

In Marseille, Oktober 1879, wurde die Föderation du Parti des Travailleurs socialistes de France gegründet, welche die Bewegung in sechs regionale Gruppen zerlegte - Paris (Zentrum) - Lyon (Osten) - Marseille (Süden) - Bordeaux (Westen) - Lilie (Norden) - Alger (Algerie). Dies ermöglichte den Politikern die graduelle Eroberung der sozialistischen Organisationen und schon der Congres du Outre (Paris, Ende Juli 1880) akzeptierte den Wahlkampf mit einem festgesetzten Minimalprogramm. Dort, wie auf dem Kongreß im Havre (November 1880) unterlag die anarchistische oder mindestens antistaatliche und den ökonomischen Kampf vertretende Minorität.

Nun folgten traurige Jahre endlosen Krakehls zwischen Guesdisten, Possibilisten (der Gruppe um Brousse), Malonisten (um Benoit Malon), Blanquisten. etwas später Allemanisten (um Jean Allemane) usw.; alles drehte sich um einige, meist illusorische Kammermandate, um die von den Inhabern als recht angenehm für sie empfundenen Gemeinderatsmandate und um die Krippe an einigen täglichen Blättern, Citoyen, Bataille usw. Nur die Anarchisten, die sich damals besonders in Paris und dem Südosten (Lyon) kräftig entwickelten und, nachdem die Lyoner und Pariser Propagandisten sowie Kropotkin (Ende 1882), später Louise Michel und Pouget in den Kerker geworfen waren, bald wieder durch die Verlegung des Revolte aus Genf nach Paris (April 1885) und durch die stete stille Tätigkeit Elisee Reclus' usw. neue Kraft gewannen, - nur die Anarchisten, sage ich, widmeten dem ökonomischen Kampf dauernd Aufmerksamkeit, legten die Nichtigkeit des politischen Strebertums bloß und gewannen dadurch viele ernste Sympathien der Arbeiter, die ihre Ideen nicht immer vollständig akzeptierten, aber wohl bemerkten, daß hier Männer und Frauen für ihre Ideen in den Kerker gehen, während dort die Ideen der Fußschemel waren, um nach angenehmen Mandaten im Gemeinderat oder gar in der Kammer zu gelangen. Es bildete sich allmählich jene absolute Verachtung der Politikanten aus, welche später eine Zeitlang, in der Blütezeit des Syndikalismus, so elementar zum Durchbruch gelangte.

Diese Tendenz fand noch keinen klaren Ausdruck, aber es wurde doch 1886 die Föderation des Syndicats et Groupes corporatifs ouvriers de France gegründet, unter der Aegide des Parti Ouvrier Francais (Guesdisten); das Protokoll des Congres national des Syndicats ouvriers, abgehalten in Lyon, Oktober 1886 (Lyon, 1887. 397 S.) beschreibt dies.

Dann wurden vielfach Arbeiterbörsen gegründet, Bourses du Travail - ein Ausdruck, den Pelloutier selbst (1896) als „nom malheureux“ bezeichnet; „Chambres du travail“, Arbeiterkammern, „scrait plus digne“ (wäre würdiger), die - wie Yvetot (vie ouvriere, Mai 1911) richtig bemerkte - sich in munizipalen Gebäuden befanden, aus öffentlichen Mitteln Subventionen bezogen und daher nicht immer die volle Unabhängigkeit besaßen. Sie vertraten aber jedenfalls durch ihren allseitigen Kontakt mit dem lokalen ökonomischen Leben in gewissem Grade ein autonomistisches, instinktiv antistaatliches Prinzip, wenn auch damals klare Ideen hierüber nicht zum Durchbruch gelangen konnten, da der an der Gemeindeeroberung arbeitende Possibilismus eben auch das lokale Prinzip in den Dienst des Wahlstrebertums zwängte und zur Kirchturmpolitik degradierte.

Immerhin läßt sich annehmen, daß diese Kreise der Arbeiterbörsen der Wahlpolitik relativ am fernsten standen und durch ihren täglichen Kontakt mit dem wirtschaftlichen Leben ihrer Stadt sich geistig frisch erhielten: so bildete dann entweder dieses Milieu die Fähigkeiten des jungen Fernand Pelloutier aus oder es zog ihn, seiner Disposition nach, besonders an - genug, diese Arbeiterbörsen oder Arbeiterkammern wurden das Hauptfeld seiner Tätigkeit seit etwa 1892.

Erwähnt sei noch, daß in den Achtzigern längst wirkliche Anarchisten im direkten ökonomischen Kampf den Arbeitern Beispiele von Initiative und Aufopferung gaben - so Louise Michel, Pouget und andere, als sie die ersten waren, die den hungernden Arbeitslosen in Paris den Weg zu den Bäckerläden wiesen, so wieder Louise Michel, Pierre Martin und andere am l. Mai 1890 in Vienne (Isere); Tortelier sprach längst für den allgemeinen Streik und vertrat den rein ökonomischen Kampf auf internationalen Arbeiterkonferenzen. Es gab gar manches kleine, aber stets zur Aktion bereite, kampffreudige anarchistische Syndikat, so die in guter Erinnerung stehende Tischlergruppe, der Lucien Guerineau angehörte, die auch ein kleines Kampfblatt. Le Pot à Colle (Der Leimtopf) zu verschiedenen Malen herausgab (1891 - 92; 1898 - 99; 1901). So hatte auch die anarchistische Schuhmachergruppe Le Riflard (1891) und die Buchdruckergruppe Le Cri typographique (1891 - 92). Wenig Organisationsballast beschwerte diese Gruppen, ich weiß nicht, ob sie immer längere Statuten hatten, und sie waren bettelarm, aber sie waren guten Mutes, handfeste Leute und der Schrecken der Arbeitgeber ihrer Gegend. Es wird kaum etwas geben von dem, was später als direkte Aktion, Sabotage usw. viel besprochen und systematisiert wurde, was diese kleinen Gruppen und überhaupt die damaligen Anarchisten allerorts in Frankreich nicht längst, ohne viele Worte zu machen, praktisch ausübten. Dabei stand ihre Aktion im allgemeinen durchaus nicht auf einer solchen engen, einseitigen Basis, dieser oder einer andern, sie hatten Männer wie Elisee Reclus, Leuchten der Wissensschaff, sie hatten bedeutende Schriftsteller und Künstler, viele Sympathien der studierenden Jugend, und ebenso Leute, die für ihre Überzeugung ihr Leben hinwarfen und das Schaffot bestiegen und unerschrocken starben, wie Vaillant und andere.

Auch dieses Milieu zog den jungen Pelloutier an, denn er wurde Anarchist. Dies sind also meiner Ansicht nach die ungefähren Verhältnisse der Zeit. als Pelloutiers Tätigkeit beginnt, die man seit 1892 genauer kennt.

II.

Wer sich wirklich unterrichten und sich ein eigenes Urteil bilden will, muß stets zu den Quellen selbst greifen, und so war es im vorausgehenden durchaus nicht mein Ziel, etwa Pelloutiers eigene Darstellung der Vorgeschichte seiner Tätigkeit zu resümieren, sondern nur in sein ganzes Milieu etwas einzuführen. Für das wirkliche Verständnis ist sein nachgelassenes Werk unerläßlich: Histoire des Bourses du Travail, das mit einer Vorrede von Georges Sorel und einer Biographie von Victor Dave 1902 in Paris erschien (Schleicher frères, XX, 232 S.). Pelloutiers Bruder Maurice bereitete diese Ausgabe vor, deren Erscheinen nicht gerade leicht war, da, wie ich aus einer Anzahl von Briefen von Maurice an Dave (1901- 02) ersehe, ein Zirkular für Subskriptionen auf dieses Werk zunächst nur 115 Subskribenten ergab (90 von Georges Yvetot, Fernands bestem Freund unter den Syndikalisten und 25 von Maurice gesammelt); mit 141 Exemplaren, die 332 frs. 50 c. darstellten, betrachtete Maurice im Oktober 1901 die erreichbare Zahl für abgeschlossen. Als das Werk aber erschien, machte es bedeutenden Eindruck und galt seit jeher als ein klassisches Buch der syndikalistischen Literatur. V. Dave schrieb noch eine sorgfältige kleine Biographie, auf von Maurice ihm mitgeteilten genauen Daten beruhend, die in der bekannten Serie Portraits d'hier dem Seitenstück der Hommes du jour, im Oktober 1909 erschien, (Nr. 14; 32 S.). Georges Yvetot, der auch bereit gewesen wäre, diese Biographie zu schreiben, widmete dann Pelloutier einen längeren Erinnerungsartikel in Monattes Revue La Vie ouvriere, Nr. 40 und 41 (Frühjahr 1911).

Er bemerkt dort, daß Pelloutiers ältere zerstreute Schriften, die seinen Entwicklungsgang zeigen - vom bürgerlichen Radikalen zum politischen Sozialisten, dann zum ökonomischen Sozialismus, dem Syndikalismus, gesammelt werden sollten, als lehrreiches Material für den Gang einer solchen Entwicklung - eine gute Anregung, die überhaupt zu einem übersichtlichen Studium solcher Entwicklungen anregt, denen wir in allen Ländern bei sehr wertvollen Männern begegnen, wie F. Domela Nieuwenhuis, von der Kirche und der Sozialdemokratie zum Atheismus und Anarchismus, und bei vielen andern. Es sollte auch das gegenteilige Material geprüft werden, die Entwicklung mancher einstiger Syndikalisten und Anarchisten zu autoritären Politikern - und man würde manchen Eindruck in den Gang solcher Entwicklungen bekommen, ihre geistigen und ihre oft sehr materiellen Ursachen usw. und manche könnten aus solcher Erfahrung lernen.

Wer war nun Fernand Pelloutier? Ihm gelang in gewissem Grade, was - wenn wir von einigen Vorläufern absehen, deren Talent und Pläne groß, deren Aktionsmöglichkeiten aber zu geringe waren und die bei ihrem Kampf erlagen, Flora Tristan, Pauline Rolland, Proudhon, Eugene Varlin - noch keinem gelungen war, große Arbeitermassen von der politischen Hypnose zu befreien und zum wirklichen ökonomischen Kampf zusammenzufassen. Von selbst machte sich so etwas nicht; da waren stets die zahlreich vorhandenen Syndikate eine willenlose Masse, die dieser oder jener Politiker oder auch uneigennützige Sozialist irgendeiner engen Schule zeitweilig für seine Zwecke benutzte und wieder fallen ließ. Es gehörte da eine ganz eigene, seltene Kraft dazu, eine Kraft, die durchaus uneigennützig, zielbewußt, weitblickend, theoretisch unbeugsam und doch praktisch unzähligen täglichen Schwierigkeiten gewachsen, sich nur dieser Aufgabe widmete, die so unendlich politisch gemißbrauchten und stets genarrten Arbeitermassen endlich zum Bewußtsein ihrer eigenen Kraft zu erwecken, sie, die kaum der Kirche und den bürgerlichen Politikern entrissen, sofort in die Klauen der strebsamen sozialistischen Politiker gefallen waren, endlich für ihre eigenen Zwecke zugruppieren. Der Mann, dem dies gelang, war nicht der erste beste und deshalb ist es wohl von Interesse, seinen Werdegang näher zu betrachten.

Eine Ende des 15. Jahrhunderts in Piemont ansässige Waldenser Familie - deren Vorfahren also aus Frankreich in die Täler der Südalpen geflüchtete waidensische „Ketzer“ waren - wird, nachdem sie sich dem Protestantismus angeschlossen, im 17. Jahrhundert von Piemont nach Lyon und aus Frankreich wieder nach Deutschland zu flüchten gezwungen, nach Leipzig, dann nach Berlin, wo sie mehr als ein halbes Jahrhundert lebte, bis Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder ein Zweig derselben sich in Nantes, der Hafenstadt im Westen Frankreichs, niederläßt. Es waren Leute, die stark für ihre Überzeugungen eintraten, wenn auch diese sich manchmal sehr verschieden entwickelten. So war der 1808 geborene Großvater Fernands ein militanter Republikaner, der in Westfrankreich hervorragende Zeitungen dieser Richtung herausgab, während sein Großonkel ein ebenso militanter royalistischer Parteimann und Verschwörer war. Pelloutiers Vater - er selbst wurde in Nantes am l. Oktober 1867 geboren - trat nicht hervor und wurde Regierungsbeamter im Postfach; er ließ seinen Sohn in einem von Jesuiten geführten Internat in der Nähe von Saint Nazaire, einer kleineren dortigen Hafenstadt, erziehen, einer, scheint es, sehr vernachlässigten Anstalt, in welcher der schwache Knabe sich bereits die Keime seiner Todeskrankheit, Kehlkopftuberkulose, zuzog. Man weiß ja z. B. durch Octave Mirbeaus Sebastian Roch, wie trostlos das Leben in diesen Internaten ist. Der junge Pelloutier, der vergebens zweimal davonlief, wurde endlich entfernt, als ein satirisches antiklerikales Gedicht bei ihm gefunden wurde und sein undisziplinierter Charakter als „böses Beispiel“ den Jesuiten unerwünscht schien. Dann besuchte er das städtische Kollege von Saint Nazaire.

Bei Saint Nazaire denkt man an Aristide Briand, der dort heimisch war, und tatsächlich berührten sich sehr früh seine stets ehrgeizigen und die stets uneigennützigen Wege des jungen Pelloutier (1885); Briand benutzte jede Gelegenheit, sich als Kandidat in den Vordergrund zu stellen und Pelloutier, der alle radikal-republikanischen Bestrebungen, ebenso den Antiklerikalismus unterstützte, trat für Briand ein, der sich von diesen Strömungen in die Höhe tragen ließ, aber 1889 als Kandidat noch nicht durchdrang. Pelloutier schrieb in größeren und gründete kleinere Zeitschriften, auch einen sehr antiklerikalen Roman, aber seine Gesundheit bricht zusammen, sein Gesicht wird von tuberkulösem Lupus entstellt, er versucht vergebens, sich in einem Dorf ganz als Landwirt zu betätigen und gesundheitlich zu kräftigen; er kehrt dann 1892 nach Saint Nazaire ungeheilt zurück.

Inzwischen war er Sozialist geworden und zwar Guesdist, er gründete sogar 1892 die Sektion dieser sozialistischen Arbeiterpartei in Saint Nazaire. Er ist Delegierter derselben zum Parteikongreß in Tours (September 1892); dort legte er im Namen der Arbeiterbörsen von Saint Nazaire und Nantes einen Bericht über den allgemeinen Streik vor, der am 3. September angenommen und 1893 im Avenir social (Dijon) veröffentlicht wurde. Hierin vertrat er noch einen später von ihm aufgegebenen Standpunkt, daß Kooperativgenossenschaften für einen solchen Streik bedeutende Lebensmittelmassen ansammeln sollten; denn, sagte er 1895, dann würde ein Kampf um diese Magazine entbrennen, der lokalisierte Kampf der klassischen Revolution, während wir gerade die überall und nirgends befindliche Revolution wünschen, die keinen Angriffspunkt bietet, die Soldaten über das ganze Land hin zerstreut, immobilisiert und dadurch zermürbt (demoralisiert). Die Annahme dieses Berichts war ein Erfolg gegen die guesdistischen Politiker, mit denen Pelloutier damals bereits brach. - Das Jahr 1892 sah auch auf dem sozialistischen Kongreß von Marseille das Auftreten Aristide Briands, worüber z. B. die Erinnerungen von A. Zevacs, eines sehr versatilen sozialistischen Politikers, nachzulesen wären (Les debuts politiques de M. Briand, in La Nouvelle Revue, Paris, 15. Dezember 1910). Pelloutiers und Briands Wege trennten sich also von da ab, sofern sie je anders zusammengegangen wären, als daß Pelloutier, wie so viele andere, dem Emporstreben Briands in seinen Anfängen uneigennützig hilfreich war.

Anfang 1893 übersiedelte Pelloutier nach Paris; er brach nun ganz mit den Marxisten und wurde überzeugter Anarchist. Eine natürliche Entwicklung für einen selbstlosen Mann, wenn man die damals vom französischen Anarchismus erreichte geistige und moralische Höhe betrachtet, der die Sozialisten nichts als einen immer geschäftsmäßiger betriebenen Kampf um Kammermandate entgegenzustellen hatten. Die Wahlen von 1893 brachten ja auch zum erstenmal eine größere Menge sozialistischer Abgeordneter, 10 bis 15, aber sie machten auch in großem Umfang sehr bald dem Kultus des Wahlrechts ein Ende. Es wiederholte sich die in allen Ländern eingetretene Erscheinung, daß ein oder zwei Sozialisten im Parlament schließlich noch einen gewissen Eindruck machen, eine größere Menge aber immer weniger Eindruck macht. So lange Liebknecht und Bebel, in Frankreich Basly und Comelinat, in Österreich Dr. Kronawetter und Pernerstorfer (eigentlich gar keine Parteisozialisten) allein in den Parlamenten waren, wirkten sie gelegentlich wie der Hecht im Karpfenteich, sagten einige Worte, die von allen andern Abgeordneten mit Feindschaft aufgenommen wurden und einen gewissen moralischen Eindruck auf weitere Kreise machten; seit aber Sozialisten dutzendweise, schockweise (60), zu Hunderten in den Parlamenten sitzen, ist dieser Effekt wie weggeblasen, hie und da sprechen die Führer „ihrer Verantwortlichkeit bewusst“ und mit einem Auge auf Regierungsmöglichkeiten ihrer Partei, wohlabgezirkelte Gemeinplätze, und die geringeren Mitglieder lungern herum, machen Geschäfte, intrigieren, amüsieren sich, kurz sie verfallen der üblichen parlamentarischen Verkommenheit, einer „höheren“ Vagabondage, und das Parlamentsbufett wird ihr Nachtasyl. Diese totale Wirkungslosigkeit und Ohnmacht der vielen 1893 gewählten neuen Abgeordneten bemerkten nun in den Jahren 1894 bis 1896 besonders die französischen Allemanisten (eine etwas radikalere Abzweigung des Possibilismus) und es entstanden starke antiparlamentarische Strömungen, die in keiner Weise anarchistisch waren, obwohl natürlich auch die von den Anarchisten auf die vielfachste Weise manifestierte Verachtung des Parlamentarismus - von Vaillants Bombe bis zu Octave Mirbeaus berühmtem Figaro-Artikel (28. November 1888) „La greve des electeurs“, der in großen Massen von der Revolte als Flugblatt verbreitet wurde - zur Zerstörung des parlamentarischen Wahnglaubens beitrug, an dem vor allem die Guesdisten, die auf die Arbeiter in Nordfrankreich ihre Hand gelegt hatten, fanatisch festhielten. ...„Einzig durch die legale Waffe des allgemeinen Stimmrechts wird die kollektivistische Armee unvermeidlich und in kurzem Herrin der Macht, Herrin der Republik werden“ ... sagte z. B. Jules Guesde am 25. Juni 1896 in der Kammer. Nun, das mochten ihm seine betörten Opfer in Nordfrankreich noch glauben, im übrigen machte derartiges damals den Parlamentarismus nur lächerlich und verächtlich; man begann einzusehen, daß wohl eine Zeit der Vermehrung der sozialistischen Mandate kommen mochte, daß aber dies mit der Vermehrung der Macht des Sozialismus und mit dessen baldiger Verwirklichung nichts zu tun hatte. Dies war der Geist jener Jahre und dies erklärt den Erfolg der geschickten und selbstlosen Tätigkeit Pelloutiers, dieses damals vereinzelten, kranken und schwachen, aber doch rastlos und zielbewußt tätigen Mannes.

Die Pariser Arbeiterbörse regte 1892 die Föderation der gesamten Arbeiterbörsen an, die in Saint Etienne beschlossen wurde; im Föderationskomitee (Paris) war Pelloutier Delegierter der Arbeiterbörse von Saint Nazaire. Er war es dann, der als Delegierter dieser Föderation auf dem Kongreß der Föderation der Syndikate (Nantes, 1894) entschieden für den allgemeinen Streik eintrat, und diese Ansicht drang durch, die sozialistischen Politiker und ihr Anhang, eine Minderheit, verließen den Kongreß und die alte, kraftlose Organisation nahm tatsächlich ein Ende. Die Zurückbleibenden gründeten den Nationalen Arbeitsrat, aus dem 1895 auf dem Kongreß von Limoges die Allgemeine Arbeiterkonföderation (CGT) wurde. Pelloutier wurde im gleichen Jahr 1895 zum Sekretär der Föderation der Arbeiterbörsen gewählt und nun lastet sehr große Arbeit auf ihm. das heißt, er ist für die geistige Durchdringung der sich ausdehnenden antipolitischen, ökonomischen Arbeiterorganisationsbewegung rastlos tätig. Aus 14 Börsen 1892 wurden 34 1895 (606 Syndikate föderierend), 51 1898 (947 Syndikate), 57 1900 (1065 Syndikate).

Man besitzt von ihm z. B. Methode pour la Creation et le Fonctionnement des Bourses du Travail (Paris, Oktober 1895; in einem späteren Druck 16 S., 12°.), ein l. Mai-Manifest der Börsen (1896), zwei dem Kongreß der Börsen in Nimes (Juni 1895) vorgelegte Berichte, in deren einem er sich als Anarchist erklärt. Er schrieb auch damals eine ganze Reihe Darstellungen der bisherigen Entwicklung und Ausblicke auf die weitere Tätigkeit in den Temps Nouveaux, der seit Mai wiedererscheinenden anarchistischen Wochenschrift, Fortsetzung der Revolte und des Revolte nämlich: Die gegenwärtige Lage des Sozialismus (26. Juni 1905), erschienen am 6. Juli; anderes am 3. und 24. August. 14. September; Der Anarchismus und die Arbeitersyndikate, 20. Oktober und 2. November; noch am 18. Januar-und 5. September 1896, worauf, wenn ich nicht irre, weiteres dort nicht mehr erschien.

Von 1895 ist die Broschüre: Henri Girard und Fernand Pelloutier, Ou` esceque la Greve generale, verbreitet vom Comite de la Greve generale (Paris, Imprimerie J. Allemane und in dessen Librairie socialiste, 16 S., 80), - von 1896: L' Organisation corporative et l` Anarchie. Plan de Conference (Publications du groupe „L'Art social"), 19 S., 12°. L'Art social war eine vom November 1891 bis Februar 1894 erschienene Zeitschrift, die im Juli 1896 wieder zu erscheinen begann. Pelloutier hielt für diese Gruppe am 30. Mai 1896 seinen bekannten Vortrag L' Art et la Revolte, der damals als Broschüre erschien, 32 S„16°. Er hatte 1894 in der Revue socialiste über Monogamie und freie Ehe und Die Frau in der gegenwärtigen Gesellschaft geschrieben. Hiernach fällt sein öffentliches Bekenntnis zum Anarchismus in die Mitte 1895 oder etwas früher und konnte damals nicht wohl früher erfolgen, da von den ersten Monaten 1894 bis zum Frühjahr 1895 die Presse der Anarchisten in Frankreich unterdrückt war; ob Pelloutier vorher, 1893 - 94, in derselben schrieb, ist mir jetzt festzustellen nicht möglich.

Etwas spätere Arbeiten sind Los Syndicats en France (Paris, Librairie ouvriere, 11, rue des Deux Ponts, 31 S.). Dies erschien im Verlag der von ihm gegründeten Zeitschrift L' Ouvrier des deux Mondes (Der Arbeiter der alten und neuen Welt), von der vom l. Februar 1897 bis Juli 1899 25 Nummern erschienen; sie ging in Le Monde ouvrier (1899) über, über welche ich jetzt nicht orientiert bin. Der Kongreß der Börsen von Toulouse 1897, hatte die Zeitschrift zum offiziellen Organ der Börsen gemacht, aber Mangel an Mitteln und seine Übersiedlung aus dem Zentrum von Paris in einen Landort damals, von seiner Krankheit gefordert, töteten die interessante Zeitschrift, der erst am l. Dezember 1900 das dann durch viele Jahre erschienene Organ der CGT, die Voix du Peuple folgte, dann erst am 15. Oktober 1909 eine Pelloutiers Zeitschrift in ihrem Wesen ähnlichere, die Vie ouvriere, die von Pierre Monatte redigierte Monatsschrift. Im Jahre 1899 arbeitete Pelloutier mit an dem durch die Affäre Dreyfus hervorgerufenen täglichen Blatt Sebastian Faures, Le Journal du Peuple, das vom 6. Februar ab erschien; die letzte mir bekannte Nummer ist 299 vom 3. Dezember. Damals schrieb er eine Skizze der Entwicklung der Arbeiterbörsen für die Pariser Revue politique et parlamentaire; dies erweiterte er dann zu der bereits erwähnten Geschichte der Arbeiterbörsen, die nach seinem Tode erschien.

1900 erschien noch eine Besprechung des Kongresses der Arbeiterbörsen in Le Mouvement socialiste und Le Congres general du Parti socialiste francais, 3-8 decembre 1899, mit einem vorausgeschickten Brief an die Anarchisten (Paris. P. V. Stock, 1900, IX, 72 S., 18°); der Inhalt des Briefs ist mir leider nicht erinnerlich. Ich kann auch nicht feststellen, welcher französische Text der italienischen Broschüre Sindicalismo e Rivoluzione sociale (Syndikalismus und soziale Revolution), zugrunde lag, die mehrfach, mit einer Vorrede von Pietro Gori, erschien (Rom und Florenz. 1905. 1908; 15 S.. 8°).

L' Art et la Revolte ist auch einem in Pelloutiers Verlag, rue des Deux Ponts, 1898 erschienenen Gedichtband, De la Colere, de l`Amour et de 1`Haine (Zorn, Liebe und Haß) von Jean Reflec vorgedruckt (XVI, 59 S., 121 wer Jean Reflec - ein Pseudonym? - war, ist mir nicht bekannt. Dave erwähnt noch eine kleine Broschüre Übersicht der dramatischen Kunst, eine Anweisung zur Organisation eines Volkstheaters.

Bei all dem fand Pelloutier Zeit, mit seinem Bruder eine Beschreibung des Arbeiterlebens in Frankreich auszuarbeiten. Sie war als Le Travail et la Vie ouvriere en France schon 1895 angekündigt, erschien aber, nach Vorarbeiten in seiner Zeitschrift, erst 1900 als La Vie ouvriere en France. Diesem Gegenstand, den vor langen Jahren Carbon, Pierre Vinsard, dann die konservative Richtung Le Plays einigermaßen kultiviert hatten, widmeten sich bekanntlich die der Arbeitersache wie Pelloutier ergebenen Brüder Leon und Maurice Bonneff intensiv und mit schönstem Erfolg. Der Krieg verschlang beide und nun ist dieses Fach nur in gewissem Grade durch Pierre Hamp vertreten. Darf ich hier bemerken, daß die syndikalistischen Zeitschriften aller Länder und aller Berufsarten vielleicht ihrer Sache und sich selbst nicht schaden würden, wenn sie dieses beschreibende Gebiet, das ja stets mit der Darlegung so vieler Mißstände und Leiden verbunden ist, wesentlich mehr pflegen würden? Sie setzen voraus, daß das alles ihren Lesern bekannt ist und andere Leute nicht interessiert, auch nichts angeht. Nun, dadurch sind ihre Blätter auch vielfach anderen verschlossen und fremd und bleiben unbeachtet. So wie die Völker einander nicht kennen und alles daran gesetzt werden müsste, daß sie sich kennenlernen, so kennen auch die Arbeiter verschiedener Branchen einander viel zu wenig und würden manchmal durch wirkliche Einblicke in das gegenseitige Leben einander näher gebracht, als durch gemeinsame abstrakte Ideen und durch bloße organisatorische Aneinanderreihungen. Ferner rückt die Zeit näher, in der – hoffentlich – die Arbeitenden einmal selbst die ganze Durchführung des Produktions, und Verteilungsprozesses in ihren eigenen Händen behalten und die privaten und staatlichen Parasiten aussperren werden. Hierzu gehört aber unter anderem viel wirkliche Kenntnis, ein gründliches Heraustauchen aus der Einseitigkeit des im Bannkreis seiner täglichen gleichen Routine lebenden Arbeiters usw. In all diesen Beziehungen würden frische Griffe ins wirkliche Leben, wie die Bruder Bonneff und manche andere zu tun verstanden, belehrend, aufmunternd und uns geistig unserm Ziel näherführend wirken.

Bevor ich einiges aus Pelloutiers Schriften vorführe und über seine Tätigkeit im ganzen und das nach ihm Geschehene einige Worte spreche, will ich noch einiges Persönliches aus seinem innerlich reichen, äußerlich so armen kranken und bald erlöschenden Leben anführen.

Ich sah ihn nur einmal, 1896, in London, während der Woche des internationalen sozialistischen Kongresses. Da kam er mit vielen französischen Delegierten, Allemanisten (damals antiparlamentarisch) und Syndikalisten und wie reaktionär auch der Kongreß als ganzes verlief, in der großen französischen Sektion desselben sah sich der politische Sozialismus, Guesdismus und Millerandismus einer von Pelloutier, Ponget und andern geschickt geleiteten, tatsachlich aber von all ihren Genossen mit Lust und Freude durchgeführten Opposition gegenüber, auf die er nicht gefaßt war. Da wurde den Abgeordneten tüchtig heimgeleuchtet, von denen z. B. Millerand damals die für Kongresse eigentümliche Prätension erhob, er brauche kein Mandat, da die Stimmen seiner Wähler ihn von selbst zur Teilnahme an allen Kongressen delegieren, und ähnliches; diese Herren Abgeordneten, die sich bereits als eine höhere soziale Klasse betrachteten, bekamen da manches zu hören. Freilich, so selbstverständlich der Bruch mit diesen Leuten war und auch damals erfolgte, sind sie dank der Unwissenheit und der Geduld der Völker noch heute da!

Der arme Pelloutier mit seinem von Lupus zerfressenen Gesicht war jammervoll anzusehen, schien aber munter, fest und arbeitsfreudig. Er lebte in großer Armut; seine Bezüge bei den Arbeiterbörsen waren - nach Yvetot - zuerst null, dann 25 Fr. monatlich, dann 50 Fr., zuletzt 100 Fr letzteres, die 100 Fr., erst 1900, also die längste Zeit nichts, dann 300, dann 600 Fr. per Jahr für vielstündige tägliche Büroarbeit als Sekretär der Börsen. Dave schildert ihn 1898 in der armseligen Wohnung in der rue des Deux Ponts, sein Einkommen, jene 600 Fr. also, durch Abschriften und Übersetzungen etwas zu vermehren suchend. Seine Gesundheit brach dann ganz zusammen, die Kehlkopfschwindsucht schritt vor.

Ich habe aus Daves Papieren, einen am 19. Januar 1899 an einen seiner engsten syndikalistischen Genossen gerichteten Brief vor mir; er ist aus Bruyeres-de-Sevres (Seine-et-Oise), wohin ihn der Arzt geschickt hatte; er hatte nach dem Kongreß der Börsen in Rennes Ende 1898 Krankenurlaub nehmen müssen. ... „Ja, leider,“ - beginnt er - „seit meiner Ankunft hier bin ich erkältet, und bis Montag mußte ich viel Sirup und Medizin schlucken, um die Heiserkeit oder vielmehr das vollständige Erlöschen der Stimme zu vertreiben. Heute geht es besser, ich bekam furchtbaren Appetit. Die hier vorhandene Ruhe machte dem Zustand permanenter, moralischer und physischer Überreizung, in dem ich in der rue des Deux Ponts lebte, ein Ende. Kurz, ich fühle mich im Gleichgewicht.“ ...

Betreffs einer Sache, die er als ein Unrecht an sich empfand, sagte er in diesem Brief: ... „Selbst wenn ... würde ich mich nicht beschweren. Nicht aus Furchtsamkeit, wie Sie glauben, sondern aus Stolz; wie wollen Sie, daß man mit muffles (widerliche Philister) diskutiert, da sie, wenn sie fähig wären, nachzudenken und zu diskutieren, ihre muffleries (widerlichen Philistereien) nicht begehen würden!" ... Ein kleiner Einblick in die Lebensphilosophie Pelloutiers, der also zu vielem schwieg, wenn er die Urheber von Gemeinheiten für unfähig hielt, dieselben auch nur zu verstehen. ... Sein Zustand besserte sich etwas und er konnte wieder arbeiten, während dann im Herbst 1899 Gerüchte verbreitet wurden, er hätte von dem Herzog von Orleans 100000 Fr. zur Provokation seines Streiks erhalten - näheres bei Dave - , was ihn in Aufregung und neue Krankheit versetzte bei dauernder materieller äußerster Armut.

Damals sprach Georges Sorel, der ihn kannte, mit Jaures über Pelloutiers Elend und bat ihn, seinen Freund Millerand, damals Minister, zu veranlassen, etwas für ihn zu tun. Millerand ernannte ihn zum zeitweiligen enqueteur (Materialsammler) für das Office du Travail, Arbeitsbüro, das dem Handelsministerium unterstand. - Nichts natürlicher, als daß sich das so vollzog. Damals hatte weder Sorel seinen eigentümlichen späteren Standpunkt eingenommen, noch war Millerand definitiv diskreditiert; Sorel kannte viele und nahm an Pelloutier Anteil. Wie manchesmal sah man damals Sorel und Jaures in der Bibliothek zusammenstehen und wie gut kannte Jaures Millerand seit Jahren! Keiner griff in die eigene Tasche, Millerand kostete die Sache einen Federstrich und er verpflichtete sich einen politischen Gegner. Sorel hatte später genug zu tun, Pelloutier zu überreden, anzunehmen, und letzterer tat dies seiner Familie wegen, in bitterster Not; er erfuhr, seiner Krankheit wegen, erst drei Wochen später von der Ernennung, die eine provisorische, alle drei Monate zu erneuernde war und 1800 Fr. Jahresbezug brachte. Pelloutier war an der Ausarbeitung von Monographien über einzelne Arbeitszweige und an der Streikstatistik beschäftigt.

Diese Angelegenheit wurde Pelloutier auf dem achten Kongreß der Arbeitsbörsen von 1900 (Paris) bitter zum Vorwurf gemacht. Yvetot schrieb hierüber 1911: ... „Man muß ihn gesehen haben, diesen Sterbenden, mit breiter Stirn, feuchten Augen hinter seinen Gläsern, von Fieber brennend, jeden Moment vom Atemmangel aufgehalten und von Husten, kaum imstande, mit leiser Stimme wenige Worte zu sagen, bis er wieder das Stückchen Eis verschluckte, das ich ihm vorbereitete, um einer Blutung vorzubeugen.“

„Die Teilnehmer jenes Kongresses von 1900 wissen, mit welchem Schweigen der Bedrückung, des Mitleids, der Neugier und der Bewunderung wir diesem armen Freund zuhörten, der sich ein letztesmal gegen Gegner verteidigte, die ihm nicht verziehen, daß er sich selbst treu blieb und daran starb.“...

Es wird dann aus dem Protokoll des Kongresses der Arbeiterbörsen von 1900, S. 87—91. diese- Diskussion und Pelloutiers Erwiderung angeführt. Der Hauptredner war ein Delegierter von Lyon, der als die dortige Meinung anführte: ... „wenn der Föderationssekretär nicht hinlänglich bezahlt ist (durch seine 1200 Fr. jährlich), so möge er sich anderswo einen Platz mit 1800 Fr. suchen und man könnte für das Föderationskomitee einen andern Genossen in Paris finden, der, halbtägig arbeitend und für 1200 Fr., die Arbeit des Föderationssekretärs besorgen kann.“ ... Man sagte diesem Delegierten auch von Seiten des Lyoner Exekutivkomitees: „Sagen Sie dem  Föderationssekretär, daß er zwischen den beiden Stellungen wählen muß, denn sonst könnte das in Lyon die Syndikate spalten. Er muß ein Mittel finden, in der Föderation der Börsen zu bleiben. - Sie sehen, daß man nicht gegen ihn ist - und wenn er andere Nebenarbeit findet, um seinen Lohn zu ergänzen, soll er sie nehmen, aber er soll nicht im Office du Travail bleiben, das ein zu sehr gouvernementaler Dienst zu sein scheint.“ ...

Die Idee, daß etwa das Föderationskomitee seinem Sekretär so viel hätte geben können, daß er davon leben konnte, wird dann von einem Delegierten von Nimes erwähnt; in Lyon schien sie nicht in Erwägung gezogen worden zu sein. Doch genug von dieser traurigen Sache, die jedenfalls manchen Leuten von heute, denen es recht gut geht, zeigt, was für ein recht armer Teufel der erste Begründer des französischen Syndikalismus als Organisation bis zur letzten Lebensstunde war; dieser Kongreß, der Pelloutier noch diese Kränkung brachte, war im September 1900. Er kehrte von demselben mit Mühe in das Dorf zurück, verbrachte sechs Monate unter furchtbaren Leiden, ohne wegen sofort in die Luftröhre eindringen Blutes auch nur eine liegende Stellung einnehmen zu können. Er ließ sich am letzten Tag in das Zimmer mit seinen Büchern bringen, die er mit seinen letzten Blicken umfaßte und starb dann still am Vormittag des 13. März 1901.

III.

Die früheste mir jetzt vorliegende Publikation Pelloutiers ist die von ihm und Henri Girard gezeichnete in der Dialogform gehaltene kleine Schrift von 1895: Quest-ce que la Greve gdnerale? (Was ist der allgemeine Streik?) Wie erwähnt, vertrat Pelloutier diesen seit September 1892; bekannt ist auch, daß diese Idee seit langem bestand, daß sie in den achtziger Jahren besonders intensiv von Anarchisten propagiert wurde; auf dem französischen korporativen Kongressen wurde sie zuerst 1888 besprochen, von Tortelier wurde sie damals in Paris lebhaft propagiert. In den internationalen anarchistischen Kreisen in London war sie 1890 so verbreitet, daß in einer damaligen internationalen Diskussion vor ihrer Überschätzung als Panazee gewarnt wurde. Es bestand die eine Ansicht, daß ein solcher Streik die Revolution ersetzen, überflüssig machen könnte, während die weiterblickende Ansicht die war, daß ein allgemeiner Streik eben zur Revolution führen müßte, von der Revolution untrennbar sei, daß er das Anfangsstadium der Revolution selbst sei.

Was Pelloutier sagt, ist also nicht unbedingt Neues, aber es gewinnt seine Bedeutung dadurch, daß es von jemand gesagt wurde, der das Ohr der energischsten Mitglieder in zahlreichen Syndikaten hatte, denen bis dahin in der Regel nur die Versprechungen und Vertröstungen der Politiker vorgesetzt wurden. ... „Der allgemeine Streik“ - heißt es da - „wird keine friedliche Bewegung sein, weil ein friedlicher allgemeiner Streik, angenommen, daß es möglich sei, zu nichts führen würde. ... Er rechnet vor allem auf die Zersplitterung der militärischen Kräfte, die nirgends die Möglichkeit haben würden, einen entscheidenden Schlag zu führen und die selbst kaum 14 Tage würden aus den vorhandenen Vorräten ernährt werden können. ... Da der allgemeine Streik eine Revolution von überall und nirgends sein muß und die Besitzergreifung der Produktionsmittel sozusagen stadtviertelweise, Straßenweise, Haus um Haus stattfinden wird, so ist keine Möglichkeit gegeben zur Bildung einer „Revolutionsregierung“ einer „proletarischen Diktatur“ ... vielmehr die freie Assoziierung jeder Gruppe von Bäckern in jeder Bäckerei, jeder Gruppe von Schlossern in jeder Schlosserwerkstatt, mit einem Wort: die freie Produktion. ...“

Wie werden die Arbeiter zu einem solchen Streik gebracht werden?  - Zum Revolutionsstreik (la greve-revolution) braucht man natürlich nicht die Teilnahme der Schneider oder der Ladenangestellten. Die Hauptsache, wenn der Streik sich nicht schnell genug verallgemeinert, ist die Anhaltung der Transporte, was die Immobilisation der Soldaten, die Stillegung der großen Industrien durch Kohlenmangel, Ernährungszufuhrabschneidung, bald auch Fehlen von Gas und Elektrizität bedeutet. ... Ein Bergarbeiterstreik als Beginn wäre nicht wirksam genug, solange die Transportmöglichkeiten weiterbestehen. Aber dank der Arbeitsteilung, die das Todeswerkzeug des jetzigen Zustands sein wird, können z. B. die Gasarbeiter alle Gasmotoren zum Stillstand bringen und dadurch sehr zahlreiche Arbeiter, - oder die Weichenstellungen eines wichtigen Eisenbahnkreuzungspunktes zum Stillstand gebracht, legen eine Reihe von Linien lahm. ... Die Aktion der Streikenden wäre die, daß jeder in seiner Stadtgegend bleibt und dort Besitz ergreift, zuerst von den kleinen Werkstätten, den Bäckereien, dann von größeren Werkstätten und zuletzt, erst nach dem Sieg, von der Großindustrie. Die Regierung konnte hiergegen ihre Soldaten zersplittern und der lokalen Vernichtung aussetzen oder sie für einen großen Schlag zurückhalten, was aber zu ihrer baldigen Aushungerung führen müßte...

Es wird endlich auseinandergesetzt, in welchem Grade sich die Arbeiter schon von der Politik abwenden.

„...Zerstreuung der Streikenden, daher Ohnmacht der Armee, Entnervung, dann Nervenzusammenbruch der Soldaten, von denen einige ausreißen, Panik des Kapitals, Besitznahme der Werkstätten jeder Straße durch kleine Gruppen Streikender, durch 5, 10 höchstens ...“ usw.

In L' Organisation Corporative et l' Anarchie (1896) erklärt Pelloutier: „... Wir gehen von diesem Prinzip aus, daß das Werk der Revolution in der gleichen und gleichzeitigen Befreiung der Menschen von jeder Autorität bestehen muß, und von jeder Einrichtung, deren wesentlicher Zweck nicht die Entwicklung der materiellen und geistigen Produktion ist. Folglich können wir uns die zukünftige Gesellschaft - eine vorübergehende Gesellschaft, denn wie lebhaft unsere Einbildungskraft ist, der Fortschritt ist noch lebhafter und unser Ideal von heute wird uns vielleicht morgen sehr vulgär erscheinen-, folglich, also können wir uns die zukünftige Gesellschaft nur als freiwillige freie Assoziation der Produzierenden vorstellen. ... Diese Assoziation würde sein eine frei eingegangene, stets offene, selbst nach Einsicht oder selbst nach Wunsch der Assoziierten beschränkte, zum Zweck der Ausführung ihres ursprünglichen Ziels, so daß also keiner einen moralischen Zwang zu fürchten hat, der ebenso peinlich, wie materieller Zwang ist, individuelle Vergewaltigung, die noch empfindlicher trifft als kollektive Gewalt.“

Die Assoziationen für die einzelnen Produktionszweige werden sich nach dem Bedarf erkundigen und ihre Mittel und Produktionsmöglichkeiten feststellen. Wieviel brauchen sie von benachbarten Assoziationen? usw. „Nun, geben uns die jetzigen Arbeiterbörsen ... nicht eine Idee von solchen Assoziationen? Sind das nicht die Funktionen, welche die korporativen Föderationen, die in zehn Jahren die Arbeiter der ganzen Erde vereinigt haben werden, bereits vollziehen oder zu vollziehen hoffen?. .... Die Arbeiterbörsen haben sogar heute eine viel kompliziertere Arbeit, weil sie allen durch die Existenz des Kapitals hervorgerufenen Schwierigkeit gerecht werden müssen. ... Sie sind trotzdem tätig, immer fortschreitend, und werden eines Tages in dem arbeitenden Menschen den einzigem Motor, und folglich in der Assoziation der Produzierenden das einzige nützliche Räderwerk der Gesellschaft entdecken.

„Zwischen der sich herausarbeitenden korporativen Union und der kommunistischen und libertären Gesellschaft in ihrem Anfangszustand besteht eine Konkordanz. Wir wollen, daß jede soziale Funktion sich auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse reduziere; die korporative Vereinigung will dies auch, es ist ihr Ziel, und sie befreit sich mehr und mehr von dem Glauben an die Notwendigkeit von Regierungen. Wir wollen das freie Einverständnis zwischen den Menschen; die korporative Union sieht täglich besser ein, daß sie nur bestehen kann, wenn sie jede Autorität und jeden Zwang aus ihrem Schoß verbannt. Wir wollen, daß die Befreiung des Volkes sein eigenes Werk sei; die korporative Union will es ebenso - man fühlt in ihr stets mehr die Notwendigkeit, empfindet das Bedürfnis, seine Interessen selbst zu pflegen; der Geschmack an Unabhängigkeit und Appetit nach Empörung keimen auf, man träumt von freien Werkstätten, in denen das persönliche Pflichtgefühl an Stelle der Autorität tritt, man wirft (speziell in einem Kongreßrapport der Börse von Nimes) Bemerkungen hin über die Rolle der Arbeiter in einer harmonischen Gesellschaft, die von erstaunlich weitem Geist zeugen und von den Arbeitern selbst stammen. Kurz, die Arbeiter, die sich so lange zur Rolle eines Werkzeugs verurteilt glaubten, wollen Intelligenzen werden, um zugleich die Erfinder und die Schöpfer ihrer Werke zu sein.“

„Mögen sie das so vor ihnen eröffnete Studienfeld erweitern! Mögen sie, einsehend, daß das ganze soziale Leben in ihren Händen liegt, sich daran gewöhnen, nur aus sich selbst die Verpflichtung zu einer Pflicht zu schöpfen, und jede fremde Autorität zu verabscheuen und zu brechen. Dies ist ihre Rolle, dies ist auch das Ziel der Anarchie.“

In L`Art et la Revolte (30. Mai 1896) bekämpft Pelloutier das, was Lassalle die „verdammte Bedürfnislosigkeit der Arbeiter“ nennt. Man lehrt ihnen: „Glückselig sind die Einfältigen.“ Er sagt dagegen, daß Unwissenheit die Armen zu Verzichtenden gemacht hat, während die Reichen genießen. Die Kunst muß daher Empörte machen. Sie muß ihrerseits der noch konfusen Einsicht der Gleichheit der Rechte zur Hilfe kommen, und den mit Furcht vermischten Respekt zerstören, den die Menge noch der von menschlicher Falschheit ersonnenen Moral entgegenbringt, indem sie das Lächerliche und Odlose dieses Respektes zeigt. Denn darin liegt alles. Die Enthüllung der sozialen Lügen, die Darlegung des Wie und des Warum, der Schaffung der Religionen, der Erfindung des Kults des Vaterlands, der Konstruktion der Familie nach dem Muster der Regierung, der Insinuierung der Notwendigkeit eines Herrn - darin muß das Ziel der revolutionären Kunst liegen. Und solange im Geist der Menschen die geringste Spur eines Vorurteils bleibt, mag man Insurrektionen machen, das unnütze politische Räderwerk mehr oder weniger umgestalten, selbst die Reiche [les empires] umstürzen: die Stunde der sozialen Revolution wird noch nicht geschlagen haben! ...

Der Vortrag, auf dessen weiteren Inhalt ich nicht eingehe, schließt mit Worten, welche charakteristisch das allgemein Menschliche der Bestrebungen Fernand Pelloutiers ausdrücken, der, weil er den derzeit nicht Schwächsten, aber Hilflosesten, den Arbeitern, seine Kraft und sein Leben widmete, deshalb zwar den höchsten Grad der Achtung der Arbeit, aber nicht einen einseitigen Kultus des Handarbeiters besaß. Sie lauten: „... All diese (geschilderten) Leiden, wird nicht der Sozialismus sie heilen? All diese Unbill, wird nicht auch sie der Sozialismus, die Vernichtung der Mächte und der Kasten, verschwinden machen? Ihr alle, Arbeiter, Künstler, Gelehrte, die  ihr, mit dem Haß des Übels, den Wunsch nach dem Besserfinden, die Leidenschaft für die materielle und geistige Befreiung besitzt, kämpft mit uns, denn die Quelle unseres Elends ist eine gemeinsame. Wir alle leiden von dem Ansichraffen [accuparement] der der Menschheit gemeinsamen Güter durch einige wenige! Geben wir doch allen zurück, was das Eigentum aller sein muß, schaffen wir die Herren ab, assoziieren wir uns frei zur Arbeit und zum Genuß, verwirklichen wir diesen möglichen Traum, diesen Traum, der kein Traum ist, sondern verwirklicht werden kann: den Kommunismus gestützt auf die vollständige Freiheit!“

Nun wären noch die Quellen der Ideen Pelloutiers zu untersuchen, doch wer kann die, wie es heißt sehr umfangreiche Lektüre eines von Jugend auf oppositionellen, allen radikalen Strömungen nachgehenden Mannes, den der freie Gedanke, die freie Kunst, die politische, die soziale Freiheit, Soziologisches aller Art, Ideen und Praxis interessierten, näher beurteilen? Ebenso die zahllosen Eindrücke im beständigen Kontakt mit Sozialisten und Anarchisten aller Richtungen und mit Arbeitern der verschiedensten Berufe und Gegenden eines großen Landes? Sein Bruder Maurice faßt in einem Brief an V. Dave (Februar 1903) als hauptsächliche Einflüsse zusammen: die Internationale mit ihren beiden Ideen, daß „die Unterwerfung des Arbeiters unter das Kapital die Quelle jeder Knechtschaft, der politischen, moralischen und materiellen ist“ und daß „die Befreiung der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst sein muß“, Proudhon und sein Föderalismus, Bakunin und seine Verkündung der freien Assoziation der Produzierenden; „dies“ - schreibt Maurice Pelloutier - „ist der allen Schriften Fernands aufgeprägte dreifache Einfluß, dies sind die drei Führer, denen er sich überließ und die ihn auf den Weg der Wahrheit leiteten. ...“

In diesem Urteil gewiß des besten Kenners Pelloutiers und der ihm wirklich brüderliche Liebe entgegenbrachte, liegt viel Wahrheit; nur möchte ich noch hinzufügen, daß Fernand Pelloutier, noch eine ihm eigentümliche glückliche Fähigkeit, einen leichten, sicheren Griff, Taktgefühl, Initiative, Festigkeit und praktische Erfahrung, viel Ausdauer und Arbeitsmut besessen haben muß, um die in ihm lebenden Ideen wenigstens für eine längere Zeit so vielen und verschiedenartigen Menschen lieb zu machen, wie ihm dies gelang: hierin liegt sein besonderer Wert.

IV.

Ganz unzweifelhaft hat also Fernand Pelloutier in seinem so kurzen Leben ein großes Werk vollbracht. Er hat das endlich verwirklicht - und dadurch seine Anbahnung und Durchführung in allen Ländern angeregt. - was soviele Sozialisten geträumt, geplant und versucht hatten, die tatsächliche Gruppierung großer Arbeitermassen zum Kampf gegen das Kapital und zur zielbewußten Durchführung ihres eigenen Befreiungswerks mit eigenen Mitteln. Die Arbeiter waren längst erwacht, aber wenn nicht Verfolgungen die Anfänge solchen Werks unterbrachen, so schoben sich parasitäre Elemente ein, die wahren Hyänen des Sozialismus, die politischen Sozialisten, die dem kaum erwachten Arbeiter das einzige, was ihn retten kann und was ihm selbst der Kapitalist nicht rauben kann, das Vertrauen in die eigene Kraft, entrissen, indem sie sich, wie die Pfaffen es dem Gläubigen gegenüber tun, als Vermittler „Gott“ gegenüber, ihrerseits als Vertreter dem Staat und dem Kapital gegenüber, als Deputierte als unentbehrlich hinzustellen wußten und nun dem Arbeiter seine Stimme entlockten, ihn dann wieder seinem Elend überließen bis die nächste Wahl sie wieder zu ihrer Beute hinzog. Diesem Volksbetrug mußte ein Ende gemacht werden; das hat damals jeder ehrliche Mensch in Frankreich gefühlt, von Vaillant, der seiner Meinung durch einen niemand tötenden Bombenwurf Ausdruck gab, der ihn aber auf das Schaffot führte, zu den Allemanisten, dem Kern des Pariser revolutionären Proletariats, die ohne im geringsten anarchistisch zu fühlen, instinktiv damals den Antiparlamentarismus proklamierten und zu den vielen energischen Arbeitern in den zahlreichen zersplitterten und machtlosen, von Politikern umgarnten Syndikaten – und letztere folgten eben der Initiative Pelloutiers und seiner Freunde und gaben endlich ihren Arbeiterbörsen und deren Föderation das, was man den Geist des wahren revolutionären Syndikalismus nennen kann. Es war vor allem ein geistiger und tatsächlicher Reinigungsprozeß - Epuration und Elimination. Spinngewebe und Parasiten wurden beseitigt, der Deputierte, der gewohnt war, hier seine treuesten Wähler zu finden, konnte nun die Tür von außen besehen, der kleinliche Geist der zahllosen Zusammenhänge mit lokalen Machthabern, Gemeinderäten usw. verschwand, der Arbeiter wurde sich bewußt, in welchem absolutem Grade die Arbeit - Arbeit im vollen Umfang, körperliche, geistige, künstlerische usw. - alles ist und die auf der Arbeit eingenistete Parasitenwelt, Eigentümer und ihr Schutzapparat der Staat, nichts. Das fühlte jeder wirkliche Sozialist, das sagte aber seit langem öffentlich nur der Anarchist. Nun traten auf einmal, Mitte der Neunziger, große Arbeitermassen für dieselbe Idee ein und gruppierten sich, um von jetzt ab in diesem Sinn zu handeln.

Das war eine sehr große Überraschung und ich kann mich an jene Jahre erinnern, vom Sommer 1894 ab, in London, als damals zuerst Emile Pouget, der Redakteur des unterdrückten Pere Peinard, der die französische Arbeiterwelt genauer als die meisten andern kannte und stets ihren Pulsschlag beobachtete, auf den Umschwung aufmerksam machte, die Befreiung der Syndikate vom Joch des Guesdismus, den Antiparlamentarismus der erwähnten Allemanisten, und Pelloutiers entschlossenes Vorgehen. Kropotkin war enthusiastisch, Tcherkesoff fühlte sich im siebenten Himmel, Malatesta war wesentlich skeptischer und meinte wohl, daß auch das die Revolution nicht überflüssig machen würde; die englischen Genossen von Freedom waren erfreut und ermutigt. Alle fühlten dies nicht so sehr als eine Wirkung der langen, intensiven anarchistischen Propaganda, als vielmehr als eine Bekräftigung dessen, daß die Anarchisten auf dem richtigen Wege waren, daß der natürliche Instinkt des arbeitenden Volks dasselbe endlich auf denselben Weg geführt hatte. Das konnte nicht wohl anders sein, da die Anarchie eben mit der natürlichen Entwicklung identisch ist, die jeder gesunde Organismus anstrebt nachdem er sich von auf ihm lastenden Hindernissen befreit hat.

Solche Hindernisse waren für die Wissenschaft die Religion und die Metaphysik gewesen - sie hat sich im neunzehnten Jahrhundert von ihnen befreit. Solche Hindernisse sind Privateigentum an Produktionsmitteln und Grundbesitz, und der Staat, für die menschliche Arbeit. Andere Hindernisse belastendas private Leben, Frau und Familie, und das Leben der Völker untereinander, die durch Grenzen und Haß, wenn nicht durch Kriege getrennt werden usw. Diesen erfreulichen Vorgang der Wegräumung von Hindernissen sah man also um 1895 auf dem gewerkschaftlichen Gebiet in Frankreich sich vollziehen und knüpfte die größten, die allergrößten, wie die Folge gezeigt hat, leider zu große Hoffnungen daran; auf jeden Fall war es ein Schritt vorwärts, dem zwar noch kein zweiter solcher Schritt folgte, der aber, was man immer denken mag, auch nicht wieder nach rückwärts gemacht wurde.

Von Pelloutiers eigentlicher Arbeit in jenen Jahren sei hier nur gesagt, daß mit dem erfolgreichen Beginn die Schwierigkeiten nicht abnahmen und daß innere Kämpfe viel von seiner Arbeitskraft absorbierten. Waren viele der Arbeiterbörsen, in denen ein gleichartiger lokaler Geist herrschte, für den reinen Syndikalismus gewonnen, so war diese Erneuerung des Geistes der großen Gewerkschaftsorganisationen viel schwerer, da deren Mitglieder ja über das ganze Land zerstreut und den verschiedensten Einflüssen ausgesetzt sind. Die Gewerkschaften bildeten die CGT und diese war in ihren ersten Jahren, unter der Leitung ihrer ersten Sekretäre, Pelloutier einfach todfeindlich, wie dies Yvetots kleine Biographie bestätigt, die einen Einblick in Pelloutiers harte Kämpfe gibt. Man weiß ja, wie lange es dauerte, bis endlich in die CGT selbst ein anderer Geist eindrang und wie selbst dann, als die Gegner aus der ersten Position gedrängt waren (Guesdismus) eine neue Stellung gestürmt werden mußte (Reformismus), bis dann für einige Zeit die revolutionäre Richtung gesiegt zu haben schien, um dann unter Leon Jouhaux von innen aus abzusterben.

Jedenfalls wurde durch Pelloutiers Krankheit und Tod die Richtung der CGT, der nationalen Föderationen, gegenüber der Richtung der lokalen Arbeiterbörsen gestärkt und der Kongreß von Montpellier machte 1902 die Föderation des Bourses du Travail zur Section der Bourses du Travail der CGT, gruppierte sie also stärker in den Gesamtorganismus ein, als dies seinerzeit Pelloutier zweckmäßig erschienen war: Ob auch er sich dieser Entwicklung gefügt hätte, für die ja 1902 früher nicht bestehende Ursachen vorhanden gewesen sein werden, kann ich nicht beurteilen. Der Rapport du Comite confederal pour … 1901-02 ... (Paris, 1902, 48 S.) und das Protokoll von Montpellier (22-27. September 1902), Montpellier, 1902, 296 S., geben gewiß Auskunft, wie auch die seit dem l. Dezember 1900 wöchentlich erscheinende Voix du Peuple, die Pouget redigierte.

Überhaupt verlangt ja jedes wirklich in diese Verhältnisse eindringende Studium die genaue Kenntnis der umfangreichen jährlichen Kongressprotokolle, der in den vielen Fachorganen fortlaufenden beständigen Diskussionen, und noch intimeren Materials, wobei Pougets am 11. Mai 1895 wieder begonnene Wochenschrift, zuerst La Sociale, dann Le Pere Peinard, bis 15. April 1900 eine sehr beachtenswerte Quelle sein wird.

Nichts kann aber hier die Eindrücke der tatsächlichen Kämpfer jener Jahre 1895-1901 ersetzen, die das Schlüsselwort zu allen in Druckschriften nur einen direkten Widerhall findenden Vorgängen besitzen. Sie allein können sagen, welcher Förderung und welchen Widerständen Pelloutier damals in seinen eigenen Kreisen begegnete, wie weit ihm selbstlos geholfen wurde und welche Rivalitäten sich entwickelten, sobald er und seine unmittelbaren Genossen - dies haben sie unzweifelhaft getan - die erste schwere Arbeit durchgeführt und einen mächtigen Syndikalismus ins Leben gerufen hatten. Hier mögen Lebende wie Yvetot, Pouget und weniger bekannte Leute wo so viele - sehr bedauerliche - neue Kämpfe jene alten Kämpfe zum Gegenstand ruhiger geschichtlicher Beobachtung gemacht haben, recht bald ihre volle Meinung sagen; viele sind bereits gestorben und verschollen - es wäre Zeit vielleicht durch die Erinnerung an Pelloutiers 25jahrigen Todestag angeregt, auf vieles, auf alles, volles Licht zu werfen. Erst dann wird man Pelloutiers Wirken in seinem vollen Maß und seinen Auswirkungen beurteilen können, - mir ist dies nicht möglich.

So viel möchte ich bemerken, daß die oft gehörte Ausdrucksweise, Pelloutier habe den Anarchismus in den Syndikalismus hineingetragen, mir unrichtig erscheint. Er erkannte einfach die Tatsache, die nun einmal besteht, so unangenehm sie für manches Ohr ist, daß die von künstlichen Hindernissen (Staat, Politik) befreite, keinem Parasiten (Kapital) mehr Tributzollende Arbeit die natürliche Tendenz besitzen wird, sich frei und zweckmäßig, nach Gegenseitigkeit und mit Solidarität so weit zu organisieren als dies der Sache der Arbeitszweck selbst, erfordert: dies ist eben zugleich Syndikalismus in seinem Endziel und es ist Anarchie, weil es eben natürliches Leben ist, der nach Wegfall der Hindernisse sich für vernünftige Menschen von selbst ergebende Zustand - geradeso wie für die Wissenschaft nach Beseitigung der von theologischen und anderen Dogmen ihr drohenden Verfälschung und Stagnation, die freie, selbstlose Forschung auf Grund eigener Tüchtigkeit und solidarischer Mitarbeit aller Gelehrten und Benutzung der Errungenschaften der Vergangenheit, der natürliche Zustand ist, - etwas, das ein Reaktionär logischerweise auch als Anarchie verdammen muß und auch verdammt, das aber auf diesem Gebiet bereits allgemein als selbstverständlich anerkannt ist. Ähnlich in der Kunst und auf anderen Gebieten - und so auch in unserm Fall auf dem Gebiet der menschlichen Arbeit. Wie die Wissenschaft sich von der Religion losgerissen hat, die Kunst von der pedantischen Regel und der Zensur usw., so reißt sich eben auch die Arbeit endlich von ihren Zwangsvögten, Kapital und Staat, los. Jeder diese Losreißung hemmende Faktor ist reaktionär, und dies ist eher die Rolle des politischen Sozialismus immer gewesen und ist es noch heute.

Es war daher nicht nötig, den Anarchismus in den Syndikalismus hineinzutragen, da er schon darin liegt. Es war deshalb auch sehr unnötig und kurzsichtig, den Syndikalismus in den Anarchismus hineintragen zu wollen, als ob dies nötig gewesen wäre, während doch eine der Produktionsweisen in einem Zustand der Freiheit zweifellos die syndikalistische sein würde, ohne daß dadurch andere, nicht monopolisierende und nicht ausbeutende Produktionsweisen ausgeschlossen wären. Wie unendlich viel Hin- und Herreden hätte man erspart, wenn man diese Verhältnisse wie Proudhon, Bukunin, die alten Internationalisten wie De Paepe und Guillaume, wie Pelloutier und andere neuere klar durchdacht hätte!

Auch der Syndikalismus schon der Zeit gleich nach Pelloutiers Verschwinden ist nicht ohne Fehler. Er bemächtigte sich sehr bald eines immer bedauerlicheren Stolzes, der sich in dem süperben Wort: der Syndikalismus genügt sich selbst, ausdrückte, das an den von Karl Marx selbst in früheren Jahren an manchem seiner Anhänger konstatierten „Kommunistenstolz der Unfehlbarkeit“ erinnert, ebenso an die Orgien des Eigendünkels der deutschen Sozialdemokratie in der Engels-Kautsky-Zeit und die des heutigen Bolschewismus. So etwas führt immer zu geistiger Vereinsamung, Stillstand und Verkümmerung, ein Schicksal, dem der allzustolze Syndikalismus gewisser Jahre nicht entging. Pelloutiers Art, soweit ich ihn kenne, war dies in keiner Weise.

Eine andere Gefahr, welcher der französische Syndikalismus nicht entging und die auch schon Pelloutier nicht unbekannt bleiben konnte, war nach meiner Meinung diese: er wurde in wachsendem Umfang der Tummelplatz starker Individualitäten, die an eine erste Stelle vordringen, sich vordrängen wollten, all der durch eine Zeit energischer lokaler und ähnlicher Tätigkeit an die Spitze ihrer Organisationen gelangten Kämpfer, die dann nach weiteren Lorbeeren für sich innerhalb der CGT strebten oder mindestens die arrangiertesten, erbittersten, oft verbittertsten Parteimänner wurden. Es war wie wenn die durch den Verzicht auf den Parlamentarismus an der Deputiertenkarriere gehinderten Elemente solcher Art sich eben in den syndikalistischen Kämpfen um die Oberhand in der CGT und den großen Organisationen ausleben and austoben wollten. Es gab und gibt noch eine Überproduktion an solchen Männern des rastlosen Ehrgeizes, Personalfragen absorbierten das Interesse jahraus jahrein und fanatisierten die Mitglieder. Ich habe oft gewünscht, die meisten dieser Männer der beständigen Kämpfe um die Macht lieber gleich in der Deputiertenkammer zu sehen, wo sie als innerlich unheilbar Autoritäre naturgemäß hingehören, statt daß sie sich innerhalb des Syndikalismus herumzanken und diesen von dem hohen Niveau, das er in Pelloutiers Zeit erreichte, herabzerren. Sie haben Pelloutiers Wesen und Ziele nicht verstanden und sein Erbe verschleudert.

So war, nach allem, auch Pelloutiers Wirkung in ihren Folgen beschränkt und nicht immer nachdauernd, aber groß war sie doch und gab überall den Anstoß, zu versuchen, den Sozialismus aus dem Sumpf der Politik herauszureißen. Ein neuer Pelloutier ist noch nicht wiedergekommen; er würde genug zu tun finden. Freuen wir uns, daß wir ihn besessen haben, treten wir seinem Verständnis näher, als es hier geschehen konnte - man muß weit gehen einen selbstloseren Vorkämpfer der Befreiung der Arbeit auf klar durchdachtem Wege zu finden, als es Fernand Pelloutier gewesen ist.

Originaltext: Artikelserie in der FAUD-Zeitschrift „Die Internationale“ Nov. 1927 – Feb. 1928. Nachdruck in der Broschüre „Texte zur Theorie und Praxis des Anarchismus und Syndikalismus Nr.7“ (Der Anarchismus und die Gewerkschaften von Fernand Pelloutier & Max Nettlau: Fernand Pelloutiers Platz in der Entwicklung des Syndikalismus)

Die hier wiedergegeben französischen Namen entsprechen nicht immer der korrekten französischen Schreibweise, es fehlen teilweise die accents! Zudem sind Hervorhebungen von Max Nettlau aus dem Originaltext hier nicht enthalten.

Gescannt von anarchismus.at


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