Max Nettlau - Die heutigen Aufgaben der freiheitlichsozialistischen Organisationen

Wie ich in "Von der Organisation zur Assoziation" zu zeigen versucht habe, scheint mir der Apparat, durch den freiheitliche Sozialisten ihre Ideen verbreiten, zugleich ihre Kräfte zusammenfassen, allen Ereignissen gegenüber Stellung nehmen und gegebenenfalls selbständig oder mit ihren Genossen an anderen Orten verbunden, Aktionen ausführen wollen, eine kritische Beleuchtung wohl zu verdienen, wenn wir aus der Sphäre der Illusionen, Enttäuschungen und Stagnation herauskommen wollen.

Nichts könnte schöner sein als freiwillige Zusammenarbeit, aber so freiwillig sie sein soll, muß sie doch als Zusammenarbeit diesem Arbeitsmodus genau entsprechen, das heißt: jeder muß im richtigen Augenblick in der richtigen Weise in die gemeinsame Arbeit eingreifen, und seine Freiwilligkeit bedeutet nicht, daß dies seinem Belieben überlassen ist; sonst ist die Arbeit verpfuscht oder stockt, wie eine Maschine, von der einzelne Teile nicht mitarbeiten würden. Es entsteht gerade bei den freiheitlichsten Organisationen gewöhnlich ein Konflikt zwischen den Wünschen und dem Temperament der einzelnen, die sich durch regelmäßige Mitarbeit bedrückt fühlen, und dem erwarteten Resultat, das eben nur bei wirklicher Mitarbeit aller, die dies freiwillig übernommen haben, ein ersprießliches sein kann. Die Arbeit selbst ist eben ein seinem eigenen Wesen folgender Vorgang, bei dem der Ausfall notwendiger Teilkräfte als störend oder gänzlich hemmend sich auswirkt.

All das sind für wirkliche Maschinen und Betriebe und Verbreitungs-, Verkehrs- und alle ändern bestimmte Dienste ausführenden Organisationen Selbstverständlichkeiten, ohne die der ganze Lebensprozeß der Menschheit, einige primitive Isolierte ausgenommen, in Verwirrung und Stockung geraten würde. Aber auf dem nicht minder wichtigen Gebiet des geistigen Lebens, der Schaffung und Zusammenfassung von Kräften des Verstandes und des Willens, aus denen dann kollektive Aktionen ihre Impulse und ihre Richtung schöpfen, da bestehen meist die unvollkommensten Formen der Zusammenarbeit, und zwar um so mehr, je freiheitlicher eine Richtung ist, da eben diese Freiheitlichkeit die Zusammenarbeit lockert, die als Zwang oder Last empfunden und abgeschüttelt wird.

Gewiß hilft dagegen eine in die finstere Vergangenheit zurückführende autoritäre Reglementierung nichts; solche haben wir in der auf dem Papier so bis ins einzelnste ausgearbeiteten, durch einen ungeheuren Beamtenapparat, Polizei und Militär auf gezwungenen Verfassung des Sovietstaates und des fascistischen Staates vor uns, ebenso dort, wo die Sozialdemokratie in Staaten, Gemeinden und Gewerkschaften die Macht besitzt und ausübt. Derartiges entspricht dem stumpfen Schutzbedürfnis eingeschüchterter Massen, die sich zur Ausbeutung und Unterdrückung verdammt wissen und ihr Schicksal gern neuen Herren überlassen, wie sie sich so lange in die Religion, unter den Schutz der Kirche geflüchtet haben. Dieses uralte Schutzbedürfnis der Schwachen, denen durch jeden Tag der Geschichte, von der Urzeit bis heute, ein zu ihrer physischen Vernichtung jederzeit bereiter bewaffneter Machtapparat gegenüber stand und steht, vom Höhlenmenschen bis Zörgiebel, ist ein ungeheures, ja das größte, Hindernis der Wiederaufrichtung der Menschenwürde und Menschenfreiheit, und der autoritäre Sozialismus hat dieser Befreiungsarbeit den furchtbarsten Schlag versetzt, indem er durch Ausnützung dieses Instinkts der gemarterten Massen, der ein Unglück, eine Krankheit ist, und als solche behandelt und geheilt werden muß, sich in den Sattel schwang, um nun als bolschewistische oder sozialdemokratische Junker , Landräte und Gendarmen sich neben die übrigen Junker zu stellen oder, in Rußland, ganz an deren Platz, um vom Fascismus, dem Junkertum in Reinkultur, gar nicht zu reden.

Von diesen Mächten der Finsternis ist also für Organisation nichts zu lernen, als durch das Beispiel, das sie geben, stets gewarnt zu sein. Diese geistige Unselbständigkeit der allerweitesten Kreise - denn sie besteht ja bei den Herrschenden ebenso wie bei den Beherrschten - macht sich auch in steigendem Grade eine neue Weltmacht zunutze, die Reklame, die Mode usw., die auf geistige Überrumplungen und die Neugierde- und Nachahmungstriebe spekulieren. Wie dies in das öffentliche Leben eingreift, zeigen der Wettbetrieb in Massensuggestion bei jeder Wahl, die reklamehafte Aufputzung jeder öffentlichen Veranstaltung, der sovietistische, die Ikonen (Heiligenbilder) und Zarenbilder ersetzende Bilder-, Theater-, Kino-, und sonstige Demonstrationsbetrieb, die sogenannte "Aufmachung" der heutigen Presse, Literatur, Kunst, sogar mancher Zweige der Wissenschaft - alles um interessierte Behauptungen und meist wenig interessante Persönlichkeiten den Massen ins Hirn einzuhämmern. Für sie, wie es ihnen dargestellt wird, denken und sorgen der Staatsmann, die Partei, der Geschäftsmann, die Presse: wozu sollen sie also noch selbst denken und ihre Interessen selbst wahrnehmen? Auch diese auf jeden, der gegen all diesen Schwindel nicht gänzlich abgehärtet und gefeit ist, beständig einstürmende Beeinflussung ist eine große Gefahr, der wir ja nicht uns einbilden dürfen, erfolgreich begegnen zu können, wenn wir solche Mittel selbst anwenden; wir würden nur einige unselbständige Leute zeitweilig zu uns herüberziehen, bis sie einer neuen Suggestion erliegend uns wieder im Stich lassen.

Es ist nun einmal so, da unsere Ziele geistig freie und moralisch selbstlose und solidarische Menschen voraussetzen, ist unsere Aufgabe, solche Menschen zu finden und sie ist hoffnungsvoll und aussichtsreich, da solche Eigenschaften in vielen Menschen schlummern oder im Keim vorhanden sind und durch intelligente Anregungen zur Entfaltung gebracht werden können, wie dies auch für uns selbst geschehen ist, die wir alle irgendeinmal durch eine glückliche Anregung zu unserer jetzigen Denkweise gebracht worden sind. Daß dieser natürliche Ausdehnungsprozeß sich unter den günstigsten Verhältnissen vollzieht, ist der nächste Zweck aller freiheitlichen Organisationen, die nach irgendeiner Richtung aktionsfähig erst dann in nennenswertem Grade werden, wenn eine echte innere Ausdehnungskraft ihnen eigen ist, d. h., wenn sie verstehen anziehungskräftig zu sein. Sonst, bei Stagnation, ist Aktion meist eine Handlung der Routine, wenn nicht der Ungeduld oder Verzweiflung, und kann nicht auf besonderen Erfolg rechnen, da eben ihre wirkliche Bedeutung der Umwelt nicht bewußt wird und sie isoliert, unverstanden, unbeachtet bleibt.

Hier glaubte man schon vor vielen Jahren durch die sogenannte Propaganda durch die Tat, d. h. durch das praktische Beispiel, und seitdem durch die sogenannte direkte Aktion einen kürzeren, überzeugenderen Weg gefunden zu haben, und ich bin der letzte, der einer wirklichen Tätigkeit durch theoretische Einwände entgegentreten wollte. Aber es hat sich wohl erwiesen, daß das Beispiel, das man so gibt, eben ein gutes, praktisches, nützliches, freiheitlich anspornendes sein muß, oder es wirkt eben nicht beispielgebend. Auch hier, wie bei der geistigen Propaganda, kommt es also auf wirkliche Tüchtigkeit an, die etwas leistet, was besser ist als die Durchschnittsroutine, -und was die offenen Köpfe, die es in der unerschöpflichen Menschenmenge immer gibt, uns näher bringt, falls sie mit einer selbstlosen und solidarischen Charakterentwicklung ihrer Träger verbunden sind.

So lebenswichtig es für Arbeiter ist, sich zu organisieren, so ist dies doch nur der erste elementarste Schritt, der Eintritt in einen noch leeren Rahmen; die Organisation wird groß, wenn sie beinahe farblos bleibt; sie muß darauf gefaßt sein, relativ klein zu bleiben, sobald sie von bestimmten freiheitlichen Ideen ernstlich erfüllt ist. Über diese beiden Tatsachen hilft solange nichts hinweg, bis die Zahl der freiheitlichen Elemente so gewachsen sein wird, daß eine freiheitliche Organisation auch eine numerische Größe darstellt; dann wird sie wirklich aktionsfähig werden. Das Beispiel der Internationale als Gesamtorganisation und in jedem einzelnen Land, das Beispiel aller Nuancen der gewerkschaftlichen Organisationen und jeder sonstigen sozialistischen Organisation bestätigt dies. Die Zahl der wirklich vorgeschrittenen Elemente ist in der Gesellschaft derzeit noch so begrenzt, wie die der größeren Talente auf irgendeinem Gebiet und kann nur durch die erwähnte intensive erweckende Propaganda, nicht durch äußerliche Mittel vermehrt werden. Es gehört etwas dazu, der uns alle niederdrückenden, verknechteten Vergangenheit leichter und schneller zu entwachsen, als die meisten andern – nämlich ein Zusammentreffen günstiger Möglichkeiten, wie ebenso einzelne Bäume größer und schöner gebaut sind als andere, einzelne Blumen, Tiere, Menschen besser entwickelt als die meisten andern usw. Das sind Verhältnisse, die z.B. bei Pflanzen durch längere besondere Kultur verallgemeinert werden können, und so wird auch in der Menschheit unter freien und reichlichen Lebensbedingungen das Erbe der Vergangenheit graduell weniger schwerwiegen, und wir sehen freudig einer solchen Zeit entgegen. Aber wir dürfen die vorhandenen Verhältnisse nicht ignorieren: die Menschheit erlitt durch ungezählte Jahrtausende eine Differenzierung durch erzwungene Ungleichheit und viele andere der allgemeinen Unwissenheit entspringende ungünstige Einflüsse; wie könnte sie in den kaum hundert Jahren sozialistischer Bemühungen, die zudem endlos zersplittert waren und gegeneinander wüteten (und dies noch heute tun, mehr als je) sich wesentlich in Geist, Talent, Anlagen, Neigungen verändert und verbessert haben? Das richtige Gefühl für diese Verhältnisse sollte wirklich die Mittel zu einer Erneuerung der freiheitlich-sozialistischen Propaganda finden helfen.

Nur wenn wir die Ideen in uns selbst vertiefen und sie in anziehender Form jeder um sich herum verbreiten, können wir unsere Reihen wirklich verstärken, und wir müßten diesem Ziel jedes Beiwerk opfern, müßten allen Ballast über Bord werfen, um hier geistig aktionsfähig zu werden. Wir müßten uns von allen Parteikämpfen, persönlichen Parteiaffären, Splitterrichtereien, vergangenen Parteisünden, Prestige- und Konkurrenzfragen, Detailkrämereien und Eigensinn usw. so gänzlich freimachen, wie uns die Rivalitäten und Haarspaltereien der Scholastiker des Mittelalters heute gleichgültig geworden sind. Wir müßten alle Menschen mit neuen Augen betrachten und an das Gute in ihnen intelligent und taktvoll anknüpfen, um zu versuchen, die freiheitlichen Keime in ihnen zu entwickeln, wenn solche nicht zu sehr verkümmert sind. Neue Situationen erfordern neue Anfänge, und das Trümmerfeld des autoritären Sozialismus, das uns umgibt, ist doch sicher eine neue Situation. In uns und den auf anderen Gebieten freiheitlich orientierten Kräften, die ich neulich zu charakterisieren suchte, ruht doch wirklich die Zukunft der Menschheit, die der autoritäre Sozialismus um des unmittelbaren Genusses der Macht willen so schmachvoll preisgegeben hat. Wenn wir es nicht tun, wer wird es dann tun? Und wenn wir, statt durch Initiative, Fleiß, Intelligenz und Enthusiasmus allmählich stärker zu werden, durch Routine, Unfleiß, Pedanterie und gleichgültige Gelassenheit fortdauernd schwächer werden, kann die bisherige Arbeit noch ganz verlorengehen, und andere müssen dann später alles von neuem beginnen.

Der Sozialismus aller Richtungen hat viel zu früh das wirkliche Propagandastadium aufgegeben und auf noch sehr dürftigen Lorbeeren sich hingelagert. Den Beginn machte die Sozialdemokratie mit dem Wählen, wodurch sie gezwungen war, auf Stimmen und nicht auf sozialistische Überzeugungen zu zählen; wenn sie dann noch die gleichen Massen in den Rahmen der großen Gewerkschaften wie in Hürden hineintrieb und sich einbildete, Marx und Engels, Kautsky und Bernstein, Bebel und Mehring usw. besorgten das geistige Leben der Partei ganz vorzüglich, so hatte sie ausgesorgt und konnte nun ihren Parteifunktionäraufbau betreiben, der durch besondere Glücksfälle in den Staatsbau überzugehen begann. Der Sozialismus war nunmehr gänzlich überflüssig. Marx und Engels sind rein dekorative Größen geworden, und alles übrige besorgt der Parteiapparat, dem der einzelne so ohnmächtig als einfacher Parteibürger gegenübersteht, wie dem Staat als steuerzahlender Staatsbürger. Ich brauche nicht zu schildern, wie es in den Großgewerkschaften und im Sovietstaat aussehen mag, und wenn die kommunistischen Lockvögel heute noch ein anderes Lied anstimmen, so gibt das russische Beispiel die Antwort darauf, wie es morgen aussehen würde, wenn sie etwas zu sagen hätten. Ich hoffe, daß der Syndikalismus all diese Fehler vermeidet, aber auch er kann dies nur tun, wenn er das Nach-Größe-Streben vermeidet, das unvermeidlich die Reihen mit nur wenig entwickelten Elementen ausfüllt und die für den einzelnen nicht mehr übersehbare Arbeit in die Hände dritter Personen legt, wodurch dann die direkte Tätigkeit der einzelnen anscheinend weniger notwendig wird und dadurch sich graduell abschwächt, während alles darauf ankommt, daß sie immer intensiver wird.

Letzteres bedeutet für mich keineswegs Isolierung, es bedeutet nur zweckdienliche direkte Arbeit, und diese erfordert grade fleißige und pünktliche Zusammenarbeit, um das Resultat durch die aus jeder harmonischen Kooperation sich ergebenden Vorteile zu verstärken. Schon daraus ergibt sich, daß diese Tätigkeit von lokalen Einflüssen im schlechten Sinne (dem oben erwähnten) frei sein muß: sie muß sich über das Lokale erheben, das - von besonderen Fällen, brennenden Fragen, hervorragenden bodenständigen Talenten, wirklich nützlichen und praktischen direkten Aktionen abgesehen - gewöhnlich niederdrückt und verkleinert. Denn in unserer Zeit hat das Übel wirklich so allgemeine und tiefe Wurzeln, daß es überall auf ziemlich gleiche Weise angepackt werden kann, und grade dies, in freiem, offenen, klaren Sinn ausgeführt, nicht zänkisch, verdrossen und schimpfend, kann überall die freiheitsfähigen Elemente erwecken und uns näherbringen. Wer sonst, von einigen Humanitären abgesehen, sagt heute noch ein wahres Wort und ist nicht vielmehr durch Parteiinteressen im Bann der ihm bewußten oder ihm unbewußt bleibenden Lüge?

Man hätte also wirklich glänzende Gelegenheit zu gründlich aufklärender, wahrheitsvoller, eindringlicher neuer Propaganda, die durch eine bei gutem Willem leicht zu erzielende Einheitlichkeit des Vorgehens größere Wucht erhalten würde. Wenn ich über den Inhalt und die Richtung solcher Propaganda eine Meinung aussprechen darf, so möchte ich sagen, daß sie hoffnungsvoll und der Zukunft frei ins Auge blickend sein soll. Wir kennen alle die trostlose Gegenwart , wir tragen alle Schuld an der Vergangenheit, in gleichem Maße, wie alle anderen Völker und alle Bestandteile, Bourgeois und Arbeiter aller anderen Völker. Wir haben ebensowenig wie irgendein anderer ein Recht zu Vorwürfen und zu Schadenfreude. Wir wünschen allen eine freie und glückliche Zukunft und akzeptieren nicht, daß gerade dem deutschen Volk die Gleichheit der Entwicklungsmöglichkeiten auf Generationen hinaus verweigert wird, und wir appellieren an die internationalen Gefühle in allen Ländern, die sonst eine leere Phrase wären, in gleichem Sinne zu wirken. All dies ist eine Vorbedingung der menschlichen Gleichheit, die eine Grundlage jeder harmonischen Entwicklung ist. Keine Richtung wagt es, über all das allgemein menschlich zu sprechen, weil jede an dem allgemeinen Unglück ihre Parteisuppe wärmen will.

Henry George schrieb in dem berühmten dritten Kapitel des zehnten Buches von Fortschritt und Armut (1879), Das Gesetz des menschlichen Fortschritts: "So ist Assoziation in Gleichheit das Gesetz des Fortschritts. Assoziation setzt geistige Kraft frei, die zu Verbesserungen verwendet werden kann, und Gleichheit (oder Gerechtigkeit, oder Freiheit - denn diese Ausdrücke bedeuten hier das gleiche, die Anerkennung des moralischen Gesetzes) verhindert, daß diese geistige Kraft in fruchtlosen Kämpfen vergeudet wird" (Progress and Poverty, London, 1889, S.- 359)...

Die ganzen Ausführungen des glänzenden Kapitels wären hier der Mühe wert, nachgelesen zu werden. Der Mensch gewinnt wachsende geistige Fähigkeiten als ein zusammenarbeitendes, soziales Wesen, und er soll diese Intelligenz verwenden, eine gleichheitliche, gerechte, freie Grundlage herzustellen, auf der er sich direkt weiterentwickeln kann, ohne durch den Druck der Autorität und des Monopols zum beständigen Abwehrkampf gezwungen und dadurch in seiner Entwicklung beeinträchtigt zu werden. Diese Gleichheit ist für das deutsche Volk heute gestört, und sie ist nicht von den deutschen Regierungen und deutschen Kapitalisten, sondern von den Machthabern und Völkern der ganzen Erde würdig und entschieden zurückzuverlangen - nicht als ein Vorrecht, sondern eben zur Wiederherstellung des gestörten, relativ normalen Zustandes, dessen sich, von "Österreich" abgesehen, alle übrigen Völker erfreuen.

Dies wäre ein Gegenstand, aber, es gibt so viele andere allgemein menschliche Fragen, die über der Verzettelung auf Einzelfragen oder Parteipolemik versäumt werden. Es gilt zu reagieren gegen die Mechanisierung des Lebens, die wirklich die Zukunft der Menschheit bedroht, die auf einer zu Fabrikterrain und Schutthalden degradierten Erde keinen Aufschwung zur Freiheit mehr nehmen kann, wenn sie nicht rechtzeitig einhält. Ein geistiger Kampf gegen alle Formen der Autorität liegt vor uns und ist nicht leicht, da ihre plumperen Formen sich in subtilere und desto heimtückischere verwandeln. Wir müssen auch in das richtige Verhältnis zu den intellektuellen technischen Kräften zu treten verstehen, die sich hier der Bourgeoisie mit Haut und Haaren verkaufen und Giftgase liefern und dort, in Rußland, durch die despotische Überhebung der neuen Machthaber zu fanatischen Feinden des System wurden, das sie nach Kräften sabotieren, wie sie es in jedem sozialen Regime tun würden, das geistige Arbeit mißachten zu dürfen glaubt. Was aber bleibt nicht noch zu tun übrig, um den Arbeitern selbst bewußt zu machen, daß sie für das, was sie tun, sozial verantwortlich sind, und daß nicht die, die ein Schafott oder einen Galgen errichten oder Mordwaffen fabrizieren, etwa moralisch höherstehen als die Henker und Mörder selbst. Wir sehen, wie im fernen Indien des Anarchisten Thoreau's Wort vom bürgerlichen Ungehorsam (0n the Duty of Civil Disobedience) in die Massen geworfen wird, betrachten dies aber so gelassen wie die Bürger im Faust: "Wenn hinten weit in der Türkei die Völker auf einander schlagen..."

So fehlt es nicht an Gegenständen, die nicht durch einige Vorträge und Artikel erschöpft sind, sondern die zunächst eigenes Studium und dann eine sorgfältige und vielartige propagandistische Verarbeitung und Verbreitung erfordern würden. So würde geistiger Boden gewonnen werden, daran anknüpfend lokale Sympathie, und so könnte erst guter neuer Boden für lokale und allgemeinere Aktionen geschaffen werden. Es kann wirklich von uns Fernstehenden nicht erwartet werden, daß sie in unsere Ideenwelt eindringen wollen, wenn sie nicht wirkliche Leistungen sehen. Diese können ihnen, wie die Dinge liegen, weder auf revolutionärem, noch auf syndikalistisch-siegreichem Gebiet, noch durch größere ökonomische Erfolge gezeigt werden, wohl aber durch eine intelligente Einführung in unser geistiges Leben, worauf sie selbst einsehen werden, daß zunächst ungeheure Arbeit vor uns liegt, ein der teilzunehmen sie bald ebensolche Freude empfinden würden, wie wir selbst.

Wenn ich diese allgemeine Tätigkeit gegenüber der lokalen hervorhebe, gehe ich von der Notwendigkeit aus, einseitige Entwicklungen vermieden zu sehen. Der nur theoretische oder der nur revolutionäre Anarchist und der nur lokale und der ganz von seiner Organisation absorbierte Syndikalist sind solche Einseitigkeiten. Für einzelne, besonders geeignete ist Spezialisierung wertvoll, weil so ihre besten Fähigkeiten ganz zum Ausdruck kommen; wenn aber eine größere Masse glaubt, sich spezialisieren zu müssen, so gehen dabei gerade die besonderen Fähigkeiten vieler verloren. Immer muß die Berührung mit dem geistigen und sozialen Leben der ganzen Menschheit aufrecht bleiben, nie darf Fanatismus und irgendein Sonderinteresse diesen Kontakt abbrechen. Die Sozialdemokraten haben durch Generationen innerhalb ihrer chinesischen Mauer gelebt und sind durch Inzucht geistig verkümmert. Sie ähnlichen sich dem besonderen Typus der bürokratischen Mandschurasse an, deren Macht das chinesische Volk vor einigen Jahrzehnten brach.

Es war immer die Freude und der Stolz der freiheitlichen Sozialisten, keine solchen Schranken zu kennen, keine Scheuklappen von Parteiwegen zu tragen. Heute, wo Aufgeregtheit, Hysterie und eine durch fünfzehn Unglücksjahre sich fortschleppende Dürftigkeit auch der geistigen Ernährung nebst brutalem Fanatismus in Deutschland so trostlose Zustände schufen, heute müßten mehr als je die freiheitlichen Sozialisten aller Richtungen, die einzigen Vertreter einer größeren, nicht auf Diktatur und Ämterjagd gerichteten Volksbewegung, den ganzen Sozialismus in sich selbst, durch geistige Arbeit, und um sich herum, durch intelligente Propaganda jeder Art zu begründen und zu verbreiten suchen und sich über alles Kleinliche zu erheben wissen.

Wer glauben sollte, daß irgendwie eine beschleunigtere Entwicklung eintreten werde - was, beiläufig gesagt, die besten Leute seit hundert Jahren täglich glaubten und noch glauben -, der möge nur bedenken, wie bisher beinahe alle Sozialisten solchen Möglichkeiten sehr wenig geistig vorbereitet plötzlich gegenüberstanden, und ob es morgen oder übermorgen denn so wesentlich besser sein würde, ob da irgendwie die autoritären sozialistischen Richtungen plötzlich verschwänden oder gar freiheitlich würden usw., d. h. ob nicht dann so ziemlich dasselbe Kräfteverhältnis bestehen würde wie heu t e, wenn wir nicht von heute ab bis dahin alles daransetzen, dieses Kräfteverhältnis zu ändern. Dies kann wohl nur eine frische, freie, breite offene und klare allgemeinmenschliche Propaganda in freiheitlich-sozialistischem Sinne erzielen. Wenn in der Internationale gesungen wird: du passe faison table rase (machen wir tabula rasa mit der Vergangenheit), so sollte dies auch auf vielen Ballast in unserer Vergangenheit und Gegenwart gewendet werden, denn die große und schöne Arbeit der Zukunft verlangt unsere ganzen Kräfte und ist dies wert.

Originaltext: Max Nettlau: Die heutigen Aufgaben der freiheitlichsozialistischen Organisation; aus: „Die Internationale“, herausgegeben von der FAUD, Mai 1930. Nachdruck in: Max Nettlau: Gesammelte Aufsätze, Band 1. Verlag die Freie Gesellschaft 1980. Gescannt von anarchismus.at


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