Bakunin - Eine Biografie

Die Geschichte des Anarchismus ist keine Geschichte von Parteien und Organisationen, sondern die Geschichte von Personen und deren Vorstellungen einer herrschaftslosen Gesellschaft. Aufgrund ihrer Ablehnung von hierarchischen Strukturen haben sie sich nur selten in größeren Strukturen zusammen gefunden. Wenn man also vom Anarchismus reden will, muß man von den Menschen und deren Idealen reden, die einen anarchistischen Klassenkampf erst möglich machten. Hier soll nun das Leben und Wirken des russischen Revolutionärs Michail Bakunin dargestellt werden.

Michail Bakunin wird am 30. Mai 1814 als Sohn einer zum kleinen Landadel gehörenden Familie auf dem elterlichen Gut von Premukhino in der russischen Provinz Twer geboren. Mit 21 verläßt er die Artillerieschule in St. Petersburg, da er aus Disziplinlosigkeit einem Vorgesetzten gegenüber, strafversetzt worden wäre, um in Moskau Philosophie zu studieren. Über diese Zeit sagt er später: Bei den Kadetten habe er "mit einem Schlag alles gelernt, was das Leben Düsteres, Schmutziges und Hassenswertes bieten kann".

Er verläßt Moskau und geht nach Berlin, wo er unter dem Einfluß Feuerbachs und der "Junghegeljaner", Materialist und Revolutionär wird. Zu dieser Zeit kommt er auch zu seiner berühmt gewordenen Erkenntnis: "Der Drang zur Zerstörung ist ein kreativer Drang". Im Kontrast zu Hegels Gewicht zum Positiven in der Dialektik, sieht Bakunins "revolutionäre Verneinung" das Negative als die treibende Kraft in der Geschichte. Für den jungen Bakunin kann eine neue Welt nur durch die vollständige Zerstörung der Alten entstehen. Das wahre Ziel der Geschichte ist die Befreiung der Menschlichkeit, und wahre Befreiung ist nur möglich durch einen absoluten Bruch mit der Vergangenheit. Dieser absolute Bruch - die Revolution - ist ein Akt der totalen Verneinung der gesamten Menschheit gegenüber allem Autoritären. Der Grund - Freiheit - und die Methode - Revolte - gehen Hand in Hand.

Inzwischen ist Bakunin nach Dresden gegangen, wo er den deutschen Revolutionslyriker Georg Herwegh (1817-1875) kennenlernt. Mit ihm zieht er weiter nach Zürich. In Zürich traf er im Mai 1843 den deutschen Schneidergesellen Wilhelm Weitling (1808-1871), ein Mitglied des kommunistischen "Bundes der Gerechten", für den er eine Programmschrift verfaßt. (Fünf Jahre später schreibt Karl Marx gleichfalls im Auftrag dieses Bundes sein kommunistisches Manifest.)

Bakunin ist von Weitlings Propaganda beeindruckt, erklärt jedoch in einer Artikelserie seine Ablehnung einer nach kommunistischem Rezept organisierten Gesellschaft. "Es würde keine freie Gesellschaft sein, keine Gemeinschaft lebendiger freier Menschen, sondern eher ein Regime unerträglicher Unterdrückung... Andererseits sind wir durchaus überzeugt, dass der Kommunismus Elemente enthält, die von höchster Wichtigkeit für uns sind."

Weitling wird verhaftet und Bakunin denunziert, die Denunziation an den Zaren weitergereicht, der ihn daraufhin in Abwesenheit verurteilen läßt. Er begibt sich nach Bern, von dort nach Brüssel und dann nach Paris. Dort hat er intensiven Kontakt mit Proudhon und ist mit Marx bekannt.

Bakunin erinnert sich später (1871): "Wir waren ziemlich befreundet. Er war damals viel fortgeschrittener als ich, so wie er heute, zwar nicht fortgeschrittener aber unvergleichlich gelehrter ist als ich. Ich verstand damals von Nationalökonomie nichts, ich hatte mich noch nicht von den metaphysischen Abstraktionen befreit, und mein Sozialismus entsprang nur aus dem Instinkt. Obgleich noch jünger als ich. war er schon Atheist, gelehrter Materialist und denkender Sozialist. Gerade zu jener Zeit arbeitete er die Grundlagen seines gegenwärtigen Systems aus. Wir trafen uns ziemlich oft, denn ich achtete ihn sehr seiner ernsten und leidenschaftlichen Hingebung an die Sache des Proletariats, obgleich dieselbe immer mit persönlicher Eitelkeit vermischt war. Und ich suchte begierig Gespräche mit ihm, die immer lehrreich und geistreich waren, wenn sie nicht kleinlicher Haß beseelte, was leider nur zu oft der Fall war. Aber es bestand nie eine offene Intimität zwischen uns. Unsere Temperamente vertrugen sich nicht. Er nannte mich einen sentimentalen Idealisten und er hatte recht; ich nannte ihn einen perfiden und tückischen eitlen Menschen, und ich hatte auch recht".

Bakunin warf Marx vor, dass ihm der Instinkt für die Freiheit fehle, dass er "von Kopf bis Fuß ein Autoritärer" sei. Große Zuneigung faßte er dagegen zu Proudhon und verkehrte mit Oppositionellen aus anderen Lagern: mit Louis Blanc, mit George Sand, mit Turgenjew, Lamenais und Herwegh.

Wegen seiner Aktivität für die Befreiung Polens wird Bakunin Ende 1847 aus Frankreich ausgewiesen, kehrte aber im Februar 1848 nach Ausbruch der Revolution von Brüssel nach Paris zurück. Pfingsten 1848 nimmt er in Prag am dortigen Aufstand teil. An der Seite Richard Wagners beteiligt Bakunin sich im Mai 1849 am Dresdner Aufstand. Er wird in Chemnitz verhaftet, zum Tode verurteilt, die Todesstrafe wird jedoch in lebenslangen Kerker umgewandelt. Die Auslieferung an Österreich folgt mit dem gleichen Ergebnis. Als nächstes folgt die Auslieferung an Russland, wo er von 1851 bis 1854 in der Peter-und-Paul-Festung in Petersburg, anschließend in der Feste Schlüsselburg im Ladoga-See eingekerkert wird.

Der Knastaufenthalt und das anschließende Exil in Sibirien zerstört seine Gesundheit für immer. Erst im Jahre 1861 kam er nach einer sensationellen Flucht über Japan und Amerika nach London. Drei Jahre lang steckt er seine ganze Energie in die polnische Unabhängigkeitsbewegung. Das Versagen des Aufstandes von 1863 zwingt ihn dazu das Scheitern der nationalen Revolution anzuerkennen und Verfechter der internationalen Revolution zu werden.

1864 geht er nach Florenz und gründet dort die erste "Fratenite Internationale". In Neapel, wo er sich von Oktober 1865 bis September 1867 aufhielt, verfaßte er den "Revolutionären Katechismus", die "erste Zusammenfassung seiner sozialistischen Ideen, an deren Kern er unverbrüchlich festhielt". (Max Nettlau) Im September 1868, verlassen Bakunin und seine sozialrevolutionären Anhänger den zweiten Kongreß der "Liga" in Bern und brechen damit endgültig mit dem "Bourgeois-Sozialismus", der vor der ökonomischen Gleichheit haltmacht. Sie gründen die "Internationale Allianz der Sozialen Demokratie", deren Zentralbüro in Genf Bakunin selbst leitet. Bereits seit Juli 1865 ist er Mitglied der "Internationale" geworden.

Nach Ablehnung des Ersuchens der "Allianz" um korporative Aufnahme in die "Internationale" wird die "Allianz" im März 1869 als Gesamtorganisation formell aufgelöst, die meisten ihrer Sektionen treten der "Internationale" als "Allianz"- Sektionen einzeln bei. Genf wird zum Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen der dortigen "Allianz"-Sektion und der dem Londoner Generalrat (um Marx) nahestehenden Sektion der "Internationale". Auf dem Kongreß der "Internationale" in Basel im September 1869 kommt es zu einer schwerwiegenden Kontroverse zwischen Marx und Bakunin um die Frage des - von Bakunin prinzipiell abgelehnten - Erbeigentums.

Anfang November 1869 von Genf nach Locarno übergesiedelt, nimmt Bakunin Ende September 1870, in der vergeblichen Hoffnung auf einen revolutionären Volkskrieg der Franzosen, am Aufstand von Lyon teil, nach dessen Scheitern er nach Marseille fliehen kann. Im darauffolgenden Jahr spitzt sich der Konflikt innerhalb der "Internationale" weiter zu. Im November 1871 fordert die Jura-Föderation in ihrem - von James Guillaume verfaßten - anti-zentralistischen Zirkular von Sonvillier die Beschränkung der Kompetenzen des "Generalrats" auf die Funktionen eines bloßen Korrespondenzbüros, das heißt die Wiederherstellung der vollen Autonomie der einzelnen Föderationen und Sektionen. Auf dem Kongreß der "Internationale" in Den Haag Anfang September 1872 werden Bakunin und James Guillaume auf Betreiben von Marx aus der "Internationale" ausgeschlossen. Unmittelbar nach dem Haager Kongreß konstituiert sich im schweizerischen Jura die "Anti - autoritäre Internationale".

1873 gibt Bakunin seine Mitgliedschaft in der Jura - Föderation und der "Anti - autoritären Internationale" aus Altersgründen auf. Im August 1874 beteiligt er sich noch an dem sogleich zusammenbrechenden "Aufstand" von Bologna.

Seine letzten Lebensjahre sind überschattet von physischer Erschöpfung und tiefer Resignation angesichts der Enttäuschung aller revolutionären Naherwartungen. Am 15. Februar 1875 schreibt er an Elysee Reclus: "Ich stimme mit Dir überein zu sagen, dass die Stunde der Revolution vorüber ist, nicht wegen des schrecklichen Unheils, dessen Zeugen wir waren, und der furchtbaren Niederlage, deren mehr oder weniger schuldige Opfer wir waren, sondern weil ich zu meiner großen Verzweiflung konstatiert habe und täglich von neuem konstatiere, dass der revolutionäre Gedanke, die revolutionäre Hoffnung und Leidenschaft in den Massen sich absolut nicht vorfinden, und wenn sie fehlen, kann man sich die größte Mühe geben, man wird nichts ausrichten. - Ich bewundere die heroische Geduld und Ausdauer der Jurassier und der Belgier - dieser letzten Mohikaner der verstorbenen Internationale - die trotz aller Schwierigkeiten, Widerwärtigkeiten und Hindernisse inmitten allgemeiner Gleichgültigkeit ihre hartnäckige Stirn dem durchaus entgegengesetzten Lauf der Dinge entgegenstellen und ruhig weiterhin dasselbe tun wie vor den Katastrophen, als die Bewegung im Aufstieg war und die geringste Anstrengung eine Kraft schuf."

Am 1. Juli 1876 ist Bakunin in Bern gestorben.

Bakunin hat mit unvergleichlicher Intensität dem emanzipatorischen Impetus des Anarchismus, der radikalen Empörung gegen jede Entmündigung und Entwürdigung des Menschen wie dem Einspruch gegen jede autoritäre Verfälschung des Sozialismus Ausdruck gegeben. Er ist zugleich aber auch der Ahnherr eines ideologischen Absolutismus, der, kurzschlüssig und kurzatmig, alle geschichtlichen Voraussetzungen überspringen zu können wähnt und dabei, die wirkliche Revolution verfehlend, nur allzuoft in blindohnmächtige Gewalttätigkeit umschlägt - all dessen also, was den sozial-revolutionären Anarchismus immer wieder zum geschichtlichen Scheitern verurteilt hat. Anders gesagt: Bei Bakunin finden sich in unverwechselbarer Größenordnung und unauflöslich ineinander verschränkt sowohl die heilsame wie auch die heillose revolutionäre Ungeduld des Anarchismus.

Die historische Bedeutung Bakunins läßt sich in drei Hauptpunkte zusammenfassen:

  1. Bakunin ist der Begründer des kollektivistischen Anarchismus; er geht einen entscheidenden Schritt über die individualistischen Konzeptionen Godwins und Stirners wie auch über den "Mutualismus" Proudhons hinaus.
  2. Vor allem dank Bakunin wurde der Anarchismus zur organisierten sozialrevolutionären Bewegung im internationalen Maßstab. Zumal die anarchistischen Bewegungen Italiens, Spaniens und der lateinamerikanischen Länder verdanken ihm entscheidende Impulse.
  3. Bakunin wurde als Repräsentant des antiautoritären Sozialismus innerhalb der (Ersten) "Internationale" zum großen Gegner von Marx. Die Auseinandersetzung zwischen beiden führte zum Bruch zwischen marxistischem und anarchistischen Sozialismus. Bakunin war stets mehr Agitator als Analytiker, mehr Doktrinär als Theoretiker. Als origineller Denker blieb er sowohl hinter Marx wie auch hinter Proudhon zurück; er hat übrigens die wissenschaftlichen Verdienste des Verfassers des "Kapital" niemals bestritten. Seine eigenen, durchweg unabgeschlossen gebliebenen größeren Werke sind reich an erhellenden Einsichten und glänzenden Formulierungen.


Quellen:

  • Unter der schwarzen Fahne; Justus F. Wittkop; Karin Kramer Verlag
  • Anarchy; Clifford Harper; Camden Press
  • Anarchisten!; Kurzbiografien; Zündhölzchen
  • Was ist eigentlich Anarchie?; Autorenkollektiv; Karin Kramer Verlag
  • Philosophie der Tat; Michail Bakunin
  • Der revolutionäre Katechismus; Michail Bakunin


Aus: "Antifaschistische Autonome ArbeiterInnen Info Zeitung", AIZ Nr. 6 (Jan./Febr. 1999) der "AZL - Autonome Zelle Landshut"

Originaltext: www.free.de/schwarze-katze/texte/a62.html (kleine formale Änderungen)


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