Michail Bakunin - Einige Daten aus seinem Leben

Michail Bakunin wurde 1814 in der Nähe von Moskau geboren. Sein Vater war adeliger, konservativer Grundbesitzer, die Mutter eine verarmte Adelige, Verwandte einiger "Dekabristen".

1825 fanden revolutionäre Aktionen der Dekabristen (Dezembermänner) statt, Verschwörungen aus den Kreisen adeliger Offiziere gegen den Absolutismus. 1828 wird Michail Bakunin, vierzehnjährig, auf die Artillerie-Schule in Petersburg gesandt, achtzehnjährig zum Offizier befördert. Er empfindet die Beendigung der Ausbildungszeit als Beginn einer neuen Epoche. Die persönliche Freiheit, gegenüber den Einschränkungen durch die strenge militärische Disziplin begeistert ihn, "befreit seine Seele von Rost, der sie während des Aufenthaltes in der Artillerie-Schule zerfressen hat". Er verspürt wieder eine Bewegung geistigen Lebens. Es drängt ihn zur Wissenschaft, zu geistiger Betätigung. So entfernt er sich von dem ihm bestimmten Milieu, verliert den inneren Zusammenhang mit seinen Offiziers-Kollegen und wird schliesslich in eine kleine Garnison strafversetzt, weil er zu Zeiten in Zivil gekleidet geht.

1834, in der kleinen Garnison, geht Michail Bakunin mit dem Gedenken um zu demissionieren. Er weiss aber noch nicht, was er dann tun soll. Er ist innerlich noch nicht klar, seine Abneigung gegen Soldatentum ist noch keine klare Kritik an der Gesellschaftsordnung.

1835 kehrt er von einem Urlaub nicht zurück zum Militärdienst. Er will jetzt Philosophie studieren. Er lebt von 1835 -1840 in Moskau, verdient als Mathematiklehrer sein Brot und studiert nebenbei. Er lehnt sich gegen die väterliche Autorität auf und bricht mit seiner Klasse, verzichtet auf die Vorteile des Adeligen und wird Revolutionär.

Mit 26 Jahren, im Juni 1840 verlässt Bakunin Russland, das er erst 11 Jahre später, als Gefangener des Zaren, wiedersehen soll. Er fährt nach Berlin, noch mit der Absicht Universitätsprofessor zu werden. Dort trifft er die breite Schicht opponierender Bürger, welche in Russland fehlte; dort ist die Politik bereits in alle geistigen Kreise eingedrungen und Bakunin schult an den Hegelschen Professoren seinen Geist, nicht mehr, um sich etwa auf eine Staatskarriere in Russland vorzubereiten, er wird zum Student der Revolution.

1841 verlässt er den Berliner Kreis in dem er lernte, dass nicht die vereinzelte Person in sich alleine die Kraft trägt, für das Ideal der Freiheit zu kämpfen; er hat hier das Vorhandensein wirksamer gesellschaftlicher, politischer Kräfte kernengelernt. In Dresden, wohin er sich jetzt wendet trifft er Herwegh und bald erscheinen seine ersten Artikel in den deutschen Jahrbüchern für Wissenschaft und Kunst (1842).

Als die russische Regierung auf ihn und seine Tätigkeit aufmerksam geworden war, fühlt Bakunin sich in Deutschland nicht mehr sicher. Er reist Ende des Jahres 1842 nach Zürich, wo ein halbes Jahr später auch Weitling eintrifft. Die Weitlingsche Vorstellung vom Kommunismus sagt Bakunin nicht zu. Er hält diese Gesellschaft nicht für eine lebendige Gesellschaft freier Menschen; sie kannten nichts vom Geistigen bei ihrer rein materiellen Einstellung.

Vom Anfang seiner politischen Laufbahn an steht das Freiheitsprinzip bei Bakunin an erster Stelle. Aus einem seiner Artikel sprechen einige Sätze deutlich von seiner Vorstellung von Kommunismus: "Das Volk ist immer der einzige schaffende Boden gewesen, aus dem einzig und allein alle Würde, alle grossen Taten der Geschichte, alle welterlösenden Revolutionen entstanden; wer dem Volke fremd ist, dessen Tun und Walten ist von vornherein mit dem Fluche der Impotenz behaftet; Schaffen, wirklich schaffen kann man nur aus einer wirklichen elektrischen Beruhigung mit dem Volke, aus dem gemeinen Volke... Die Protestation des Kommunismus gegen das Prinzip der Nationalität ist viel wichtiger, viel bedeutender, als die der aufgeklarten Kosmopoliten des vorigen Jahrhunderts, der Kommunismus spricht nicht aus der Theorie, sondern aus dem praktischen Instinkt, aus dem Volksinstinkt, und dieser irrt sich niemals; seine Protestation ist der Machtspruch der Menschheit, deren heilige und allein seligmachende Einheit durch die engherzige Selbstsucht der Nationen noch verkannt ist."

Die republikanische Staatsanwaltschaft der Schweiz war bei der Verhaftung von Weit1ing im Juni 1843 bei den Papieren auch auf Bakunin aufmerksam geworden. In der öffentlichen Anklageschrift gegen Weitling, wurde auch Bakunins Name genannt. Deshalb verliess er Zürich. Er wanderte mit Freunden in den schweizer Bergen herum. Während dieser Zeit denunzierte die Schweizer Regierung Bakunin in seiner Heimat, sodass er vom Zaren in Abwesenheit zum Verlust von Adel und Besitz, sowie zur Verbannung nach Sibirien verurteilt wurde. Im Herbst 1843 lebte Bakunin in Bern, hier erreichte ihn der Befehl seiner Regierung, nach Russland zurückzukehren. Er fuhr stattdessen nach Brüssel Und lebte dort unter russischen und polnischen Emigranten, bis er im Juli 1844 nach Paris fuhr.

Leben in Paris 1844 bis zur Verhaftung in Chemnitz 1849

In Paris machte Bakunin die Bekanntschaft von Karl Marx, der schon seit etwa einem Jahr dort lebte. Bakunin lernte den entschiedenen Revolutionär schätzen und suchte seine Gegenwart. Aber es ist nie zu einem besonders freundschaftlichen Verhältnis zwischen den Beiden gekommen. Ihre Herkunft aus grundverschiedenen Milieus, aus einer ganz anders gelagerten ökonomischen Welt machte, dass sie sich fremd blieben, wie Bakunin eigentlich der ganze Westen Zeit seines Lebens fremd geblieben ist.

Bei allen internationalen Theorien waren es doch zuerst die Kreise der Landsleute unter denen die Revolutionäre arbeiteten. Alle hatten ihr Wirkungsfeld das Bakunin schon vermisst hatte, als er in Brüssel viele polnische Emigranten fand, die unter dem Regime des Zaren zuleiden gehabt hatten. (...) lebten zur Zeit von Bakunins Ankunft viele Emigranten und die Stadt war voll revolutionärer Stimmungen. Die Verurteilung zur Verbannung nach Sibirien und zum Verlust seiner Güter erreichte Bakunin in Paris und verschaffte ihm gewissermassen einen Ehrenplatz unter seinen Freunden, zu denen unter anderen damals Herwegh, Georges Sand, Turgenjeff, Sasonoff und besonders Proudhon zählten. Die Beziehungen zu diesen Menschen wurden jedoch nie sehr intim, sodass Bakunin eigentlich sehr unglücklich war, noch dazu wo er in sehr schlechten pekuniären Verhältnissen zu Leben hatte. Er lebte sehr zurückgezogen bei seinen Studien.

Mathematik, Geschichte und Nationalökonomie konnten ihn jedoch nicht aus seiner Isolierung befreien. Erst als der Krakauer Aufstand 1846 niedergeschlagen wurde, riss es ihn aus seiner Apathie heraus. Er suchte und fand Anschluss an polnische Emigranten, in der Hoffnung durch sie Beziehungen nach Russland, für Propaganda, anknüpfen zu können. Wenn auch der gesuchte Anschluss nicht zustande kam, so war Bakunin doch einstweilen aus seiner Zurückgezogenheit herausgerissen und verfolgte lebhaft die revolutionären Strömungen in ganz Europa. Am 29. November 1847, dem Gedenktag des polnischen Aufstands von 1831, hielt Bakunin eine grosse Rede auf der öffentlichen Gedenkfeier. Prophetisch verkündete er dir baldige Erweckung des russischen Volkes, die eigentliche Ohnmacht des Zarentums, wenn einmal das Volk erwacht sei. Er schlug den revolutionären Polen ein Bündniss vor mit den revolutionären Russen, die er eigentlich allein representierte zu dieser Zeit.

Auf Grund dieser Rede verlangte der russische Gesandte in Paris die Ausweisung Bakunins, die auch ausgesprochen wurde. Bakunin zog nach Brüssel. Die Ausweisung war den reaktionären Kreisen in Paris aber nicht genug, man griff, wie heute noch üblich, zu dem Mittel der Verleumdung; aus dem Revolutionär machte der russische Gesandte einen Provokateur und ein französischer Minister avisierte Bakunin in Brüssel als gemeinen Dieb. Diese Verleumdungen haben Bakunin lange Jahre verfolgt und geschadet. In Brüssel traf Bakunin wieder Marx und seinen Freundeskreis. Bakunin der mit der ganzen Kraft eines Idealisten für das Recht aller Unterdrückten kämpfte, begriff Marx Analyse des historischen Materialismus nicht. Er glaubte an die Allmacht der Idee.

Als am 23. Februar 1848 in Paris die Revolution ausbrach, begab sich Bakunin sofort nach Paris, um sich der äussersten Linken im Kampfe anzuschliessen. Er war ein unermüdlicher Streiter für die Sache der Revolution, predigte den Kampf bis zur völligen Niederwerfung des Feindes. Herzen, Bakunins Freund berichtet, der Bürger und Barrikadenpräsident Caussidière habe damals den Auspruch getan: "Am ersten Tage der Revolution ist er ein Juwel, am zweiten muss man ihn einfach erschiessen." Als Bakunin einsehen musste, dass die Revolution in Gefahr war, glaubte er, sein Platz wäre die russische Grenze, um die Revolution gegen den Zarismus zu organisieren. Er erbat und erhielt von der provisorischen Regierung ein Dahrlehen von 2000 Franc und Pässe und machte sich auf die Reise nach Posen. Er reiste über Strassburg, Frankfurt und Köln nach Berlin. Seine Reise liess ihn Einblicke tun in die bürgerlich revolutionäre Bewegung in Deutschland. Er hatte keinen guten Eindruck und empfand deutlich die Angst der Bourgeoisie vor der Republik, mit der soziale Fragen aufgeworfen würden, welche die Bürger nicht im Interesse des Proletariats zu lösen gewillt seien.

In Berlin wurde Bakunin sofort wieder ausgewiesen, auch seine Reise nach Posen wurde hinfällig, da der Aufstand bereits niedergeschlagen war. In Breslau wurde er mit Misstrauen empfangen, ein Erfolg der Verleumdungen des russischen Gesandten in Paris. Von Breslau aus begab sich Bakunin zum Slavenkongress nach Prag. Der Kongress war einberufen worden in Verfolg der März- und Mai-Aufstände in Wien. Der habsburger Kaiser war nach Innsbruck geflohen und die einzelnen Nationalitäten wollten den Anschluss an ihre Länder suchen. Unter der Führung des reaktionären Tschechen Polacky erstrebte man einen Wiederaufbau der Habsburger Dynastie unter tschechischer Führung. Auf dem Kongress trat Bakunin den reaktionären Forderungen entgegen mit dem Programm der demokratischen Föderation der Slaven, ein Bund der slavischen Völker, mit Gleichheit und Freiheit für Alle. Trotzdem man den Forderungen Bakunins nicht folgte, wurde der Kongress doch Anlass zu bewaffnetem Eingreifen der kaisertreuen Armee. Die tschechischen Studenten bereiteten daraufhin den Aufstand vor. Am 12. Juni 1848 brach der Kampf aus und endete, wie Bakunin im voraus gesagt hatte, mit einer Niederlage der Aufständischen. Bakunin war trotz seiner Prophezeizung einer der eifrigsten Kämpfer und versuchte durch Organisation der Kräfte die Position der Revolutionäre zu stärken. Vergeblich, — nach der Niederlage floh er wieder nach Breslau.

In dem nun folgenden Jahr, als in halb Europa die Revolte tobte, war Bakunin ständig in Bewegung, ständig eine treibende Kraft der Revolution. Nach den Juni-Kämpfen in Paris, nach der Niederlage des pariser Proletariats wagte sich in Westeuropa die Reaktion mächtig hervor. Trotz Niederlagen und Verwirrung fühlte Bakunin eine ungeheure Kraft heranwachsen, die Kraft der Arbeiter und Bauern, welche die feudale und bürgerliche Macht eines Tages brechen würde. Keine wieder und wieder auftauchende Verleumdung, keine wirtschaftliche Not konnte den starken revolutionären Willen Bakunins brechen, im Gegenteil, er trieb desto mehr zu unermüdlichem Kampfe. Er arbeitete unter Deutschen, Tschechen und Polen, er begegnete, wieder in Berlin, Stirner und anderen; er wurde aus Sachsen und Preussen ausgewiesen. Er schrieb in den damals noch roten Anhalt seinen "Aufruf an die Slaven", in dem er zur Zerstörung der imperialistischen Mächte auffordert, welche die Slaven knebelten und vor dem verderblichen Nationalismus warnt. In dieser Zeit entwickelte Bakunin seine grundlegenden Pläne zur radikalen revolutionären Bewegung, die, einmal durchgeführt, selbst bei einer Niederlage der Revolutionäre, auf lange Zeit das Wirken reaktionärer Kräfte unterbinden wurden.

Besonders die Pläne für die Revolution in Böhmen zeigten die geniale Befähigung und angeborene Erkenntniss der Elemente einer Revolution bei Bakunin. Trotz der Gefahr für seine Person begab sich Bakunin selbst nach Prag, um sich über das Zustandekommen der von ihm vorgeschlagenen Geheimorganisation an Ort und Stelle zu überzeugen. Jedoch niemand war vorbereitet; man fürchtete die radikale Einstellung Bakunins. Ihn aber schreckte nichts ab, im Gegenteil, mit desto grösserem Eifer ging er an die Sache heran. Kurz vor dem Dresdner Aufstand 1849, Bakunin war schon wieder in Dresden, wurde durch eine Unvorsichtigkeit die geheime Gesellschaft entdeckt.

Inzwischen war im Oktober 1848 das aufständische Wien durch kaiserliche Truppen unterworfen worden und im November durch königlich-preussische Truppen Berlin besetzt und der Belagerungszustand erklärt, die Bürgerwehr entwaffnet worden.

Als der Preussen-König im April 1849 die neue Reichsverfassung nicht ohne Zustimmung der Fürsten annehmen wollte, stand man nicht überall einheitlich zur Bewegung; jedoch in Baden, in der Pfalz und in Dresden kam es zu heftigen Aufständen. In Dresden war Bakunin hervorragend beteiligt an den Kämpfen um die Macht, er war der eigentliche militärische Leiter der provisorischen Revolutionsregierung. Seine Aktionen waren ungewohnt radikal. Als die Niederlage gegen die Preussen unvermeidlich erschien, soll er vorgeschlagen haben, das Rathaus mit der Leitung gemeinsam in die Luft zu sprengen. Man nahm diesen Rat nicht an. Deshalb organisierte Bakunin den Abzug von 1800 Revolutionären, die er nach Böhmen zu bringen gedachte, die Kämpfer liefen jedoch auf dem Rückzug auseinander.

Bakunin fuhr mit Heubner zusammen nach Chemnitz. Chemnitzer Bürger haben die beiden Revolutionäre am 10. Juni 1849 in einem Hotel im Schlafe überrumpelt, verhaftet und den Preussen ausgeliefert. Und jetzt beginnt der eigentliche Leidensweg, aber auch der richtige revolutionäre Aufschwung im Leben Bakunins.

Zu Tode verurteilt, Sibirien und Flucht, Organisatorische Arbeit in London und Italien, bis 1867

Nach der Gefangennahme in Chemnitz, 1849, bemühte sich die russische Regierung zwei Jahre vergeblich darum, Bakunin ausgeliefert zu bekommen. Nach einer Untersuchungshaft im Dresdener Gefängnis wurde auf der Festung Königstein am 14. Januar 1850 das Todesurteil ausgesprochen, das man freilich später in lebenslängliches Zuchthaus umwandelte.

Unter allerschärfster Bewachung brachte man Bakunin dann über die österreichische Grenze nach Olmütz, wo man ihn um jeden Flucht-bezw. Befreiungsversuch unmöglich zu machen-, an die Gefängnissmauer schmiedete. Am 15. Mai 1851 wurde er auch von den Österreichern zum Tode durch den Strang verurteilt; doch auch diesmal begnadigte man ihn zu schweren, lebenslänglichen Kerker mit Bezahlung des Kostgeldes. Der Tod erschien diesem unermüdlich tätigen, unruhigen Menschen mittlerweile aber weit weniger schrecklich als die schwere Haft in dunkler Einzelzelle ohne Hoffnung oder Aussicht auf Befreiung.

Tapfer, doch voller Sehnsucht verzehrt er sich fast nach der Freiheit, nach dem Umgang mit Menschen. Die Gesellschaft eines jeden menschlichen Wesens noch so zweifelhaften Charakters hätte er der Einsamkeit vorgezogen. Er konnte nicht allein sein - ohne Beschäftigung - ohne Kampf. In dieser Verfassung versuchte er, sich mit Phosphorzündhölzern zu vergiften, was jedoch misslang. Eine fast angenehme Abwechselung bedeutete es daher für ihn, als er noch im Monat Mai desselben Jahres die österreichischen Ketten mit den russischen vertauschen musste.

Dem ungeduldig drängenden Zaren Nicolaus I. hatte man endlich nachgegeben; an Händen und Füssen gefesselt wurde Bakunin über die Grenze gebracht, wo eine Abteilung schwerbewaffneter Soldaten ihn in Empfang nahm und ihn in die Peter Paulsfestung in Petersburg führte. Die nächste Leidensstation Bakunins wurde im März 1854 die Festung Schlüsselburg, wo man ihn bis 1857 in Einzelhaft hielt.

Nachdem man sich anfangs garnicht um ihn gekümmert hatte, veranlasste ihn der Gendarmerie-Oberst, Graf Orlow, dem Zaren zu schreiben. Für den unermüdlichen Kämpfer, nun für immer zur Tatenlosigkeit verurteilt, war diese Aufforderung eine Chance, die er — versprach sie auch noch so wenig Erfolg — ausnutzen musste und nach einer Bedenkzeit von vier Wochen schrieb er die vielgeschmähte "Beichte", die später bei vielen seiner Freunde traurige Verwunderung hervorrief. Doch hat Bakunin ganz genau gewusst, dass er sich in einen Brief an den Zaren anders äussern musste, als in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung, die immer eine Verurteilung zur Folge gehabt hätte, und in der er sich auch stets zu seiner innersten Uberzeugung bekannte. Um sich aber beim Zaren Gehör zu verschaffen, musste er ehrer bietig, als der "reuige Verbrecher", ohne falschen Stolz, unter Beachtung aller derzeit üblichen Höflichkeitsphrasen seinen obersten Gerichtsherrn bitten, ihm gnädig die Freiheit zu schenken. Leicht wird es ihm nicht gefallen sein, doch hat sein späteres Leben zur Genüge bewiesen, dass ihm nur darum zu tun war, in der Freiheit, unter Aufbietung seiner ganzen Kraft für seine Ideen kämpfen zu können. Nicolaus I. bestimmte schon daraufhin die Verbannung nach Sibirien, doch erst nach einem weiteren Brief an den Thronfolger Alexander II. wurde Bakunin im März 1857 nach Sibirien verschickt.

Trotzdem es mit seiner Gesundheit nach der Haftentlassung nicht zum Besten stand, blühte Bakunin überraschend schnell geistig und körperlich auf. Dankbar für jeden Tag an dem die Sonne schien, an dem er frische Luft atmen konnte, heiratete er in überströmmender Lebensfreude eine junge, polnische Beamtentochter. Alle Qual seiner langen Haft schien vergessen und in nicht zu besiegendem Optimismus, kritiklos befreundete er sich mit einem Verwandten, dem Generalgouverneur Murawjeff von Ostsibirien, dank dessen Protektion er seinen Wohnsitz in Irkutsk nehmen durfte. Als Kanzleibeamter vierten Grades arbeitete er jahrelang in Ostsibirien und erst als Murawjeff 1861 Sibirien verlassen hatte, geht Bakunin daran, seinen lang gehegten Plan auszuführen, nach dem Westen zurückzukehren, um sich von Neuem in seine revolutionäre Tätigkeit zu stürzen.

Es gelingt ihm auf einem Schiff über Nicolajewsk nach Japan zu fliehen, von dort nach San Francisko, New York zu entkommen. Am 28. Dezember 1861 landete er in London, wo er bei seinem alten Freund Alexander Herzen Aufnahme fand. Sofort nach seinem Eintreffen in London, beginnt Bakunin an der von Alexander Herzen herausgegebenen russischen Zeitung "Die Glocke", mitzuarbeiten; er dirigiert sie weiter nach links, beeinflusst Herzen zu grösserer propagandistischer Tätigkeit und schreibt Briefe in alle Welt. Er sammelt einen Kreis von Slaven, Tschechen, Serben und Polen um sich und wirbt um Sympatien für die aufständischen Polen, die das zaristische Joch abzuschütteln bestrebt sind. Er begrüsste die Unruhen in Italien, hoffte, dass die habsburgische Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert werde. In dieser Zeit bis zum Herbst 1863 entstanden auch die beiden Broschüren "An meine russischen und polnischen Freunde" und "Volkssache", in denen er immer wieder auf die demokratische und soziale Seite der Revolution hinweist; immer wieder betont er, dass alle Bestrebungen darauf ausgehen sollten, den Adligen das Land zu enteignen, um es den Bauern zu geben. Er verlangt Freiheit des Wortes für das Volk, absolute Glaubensfreiheit. Unermüdlich wirbt er für die Herrschaft des Volkes, die eine Unterdrückung der Minderheiten nicht gestattet.

Das geheime Warschauer Zentralkommitee, das als provisorische Nationalregierung auftrat, war schon im September 1862 mit den russischen Revolutionären Herzen, Ogareff und Bakunin in Verbindung getreten, um im Bunde mit ihnen den gemeinsamen Feind, den Zarismus zu bekämpfen. Es wurde ein Aufruf an die russischen Offiziere erlassen, nicht gegen die aufständischen Polen vorzugehen. Um sich aktiv an der Revolution zu beteiligen, reiste Bakunin 1863 nach Schweden, konnte Polen aber nicht betreten, und fuhr wieder zurück nach Schweden, um nun von hieraus weiter zu arbeiten für die russische und polnische Revolution.

Nach der Niederlage des polnischen Aufstandes, im Spätsommer desselben Jahres widmete er sich weiterhin seiner propagandistischen und organisatorischen Tätigkeit unter den Slaven und Italienern. 1864 siedelte er nach Italien über, organisierte hier in ganz kurzer Zeit die aktivsten und radikalsten Köpfe in der "Allianz der sozialen Demokratie", welche später bekannt wurde unter dem Namen "Internationale Bruderschaft", da sich bald Angehörige aller Nationen angeschlossen hatten. In Italien und Spanien war diese Bewegung gewissermassen ein Vorläufer der "Internationalen Arbeiter Assoziation".

Internationale Bruderschaft, bis Tod, 1876

Bis zum Jahre 1867 arbeitete Bakunin nach dem von ihm selbstentworfenen, umfangreichen und revolutionären Programm der Internationalen Bruderschaft. In diesem Programm steht die Freiheit des Menschen an erster Stelle. Es enthält jene Sätze über die Revolution, die jetzt in Spanien nach 60 Jahren ihre volle Gültigkeit beweisen: "In keinem Lande kann die Revolution gelingen, wenn sie nicht gleichzeitig eine politische und eine soziale Revolution ist. Jede ausschliesslich politische Revolution, eine nationale und ausschlieslich gegen Fremdherrschaft gerichtete oder eine innere, eine Verfassungsänderung bezweckende, selbst wenn ihr Ziel die Republik ist, wird, da sie also nicht die unmittelbare und wirkliche politische und ökonomische Befreiung des Volkes als Hauptziel hat, eine trügerische, verlogene, unmögliche, unheilvolle, rückschrittliche und gegenrevolutionäre Revolution sein. Die Revolution darf nicht nur für das Volk gemacht werden. Sie muss durch das Volk gemacht werden und kann nur gelingen, wenn sie gleichzeitig die ganze Masse der Landbevölkerung sowie die Volksmassen der Städte mit sich reisst.

Diese Revolution kann wohl eine blutige und rächende sein in den ersten Tagen, während welcher sich die Volksjustiz vollzieht. Aber sie wird diesen Charakter nicht lange behalten und nie den eines systematischen und kalten Terrorismus annehmen. — Sie wird mehr gegen Stellungen und Einrichtungen als gegen Menschen Krieg führen, in der Gewissheit, dass die Einrichtungen und die priveligierten und entisozialen Stellungen welche sie schaffen, viel mächtiger sind als die Individuen und den Charakter und die Macht unserer Feinde ausmachen. Indem sich die Revolution überall lokalisiert, wird sie gleichzeitig unvermeidlich einen föderalistischen Charakter annehmen... Und die als Produkte der Gewalt und des Despotismus zerstörte Ordnung und Einheit wird wieder ins Leben treten aus dem Schoss der Freiheit selbst."

Nicht allein der Inhalt dieses Programms, auch der Inhalt des Schwures der aktiven Brüder und die überlieferten Tatsachen beweisen, welche freiheitliche Kraft, welche kraftvolle Disziplin und welchen endgültigen Gehalt die Thesen des Anarchismus beinhalten.

Kein Wunder, wenn der Schöpfer solcher freiheitlichen Ideen, nach seinem Eintritt in die Zentral-Sektion der Genfer Internationale (1868), mit der Auffassung Karl Marx vom wissenschaftlichen Sozialismus, vom "autoritären Kommunismus", zusammenstiess. In den folgenden Jahren bis 1874 polemisierte Bakunin gegen diese Auffassungen. Während seines Aufenthaltes in Genf, während seiner Tätigkeit als Redakteur der "Egalite" (seit Juni 1869) sucht Bakunin gleichzeitig innigste Verbindung mit den revolutionären Bauarbeitern und den Uhrenarbeitern im Neuenburger Jura. Im innigsten Kontakt mit den Arbeitern selbst, gewann Bakunin nicht nur die Herzen aller seiner Freunde und Anhänger, auch er selbst gewann, indem er sich das Fühlen und Denken der Arbeiter zu eigen machte und in seine Propaganda eingehen liess.

Wenn Bakunin auf dem Basler Kongress der Internationale auch noch kein absoluter Gegner des autoritären Zentralismus war, den er aus taktischen Gründen damals unterstützte, so bekämpfte er doch bereits den Reformismus. Es entwickelte sich unter seiner Führung innerhalb der Internationale eine Richtung des revolutionären Syndikalismus. Im Herbst 1869 verliess Bakunin Genf und wandte sich nach Locarno, wo er Netschajeff traf, für dessen propagandistische Tätigkeit er alle Hilfe leistete und für den er eine Reihe von Propagandaschriften schrieb, unter anderen den viel umstrittene Revolutionskatechismus, in dem der ganze Hass der leidenden, ausgebeuteten Menschheit zum Ausdruck kommt.

Bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 wurde selbstverständlich auch Bakunin wieder äusserst aktiv. Er forderte die Verwandlung dieses Krieges in den Bürgerkrieg mit dem Ziel der Sozialen Revolution. Anfang September 1870 brachte er eine Propagandabroschüre in diesem Sinne heraus, die für die Aktionseinheit der Arbeiter und Bauern eintrat. Da es für ihn selbstverständlich war, an dem erhofften Aufstand teilzunehmen, begab er sich von Locarno nach Lyon, wo er auch wirklich einen Aufstand organisieren konnte, der mit einer Demonstration für einen revolutionären Konvent und mit der Besetzung des Stadthauses von Lyon seinen Höhepunkt erreichte. Bei der Wiederbesetzung des Stadthauses durch die Bürgergarde wurde Bakunin verhaftet, von einigen Freischärlern wieder befreit und fuhr enttäuscht über Marseille wieder nach Locarno zurück.

Der Pariser Kommune-Aufstand zeigte Bakunin, dass doch eine revolutionäre Energie im französischen Volke steckte und er begab sich wieder in die Nähe der Grenze um dabei sein zu können, wenn die Revolution ihn brauche. Einen Monat später wurde der Pariser Aufstand blutig niedergemetzelt. Während des Jahres 1870 vollzog sich die Wandlung Bakunins vom Zentralismus zum reinen Föderalismus. Sein Kampf gegen den Reformismus, seine Gegnerschaft gegen besoldete Politikanten und Bonzen, aber auch seine negative Erfahrung mit dem Zentralisten Netschajeff sind für Bakunin die Gründe gewesen, sich ab Juni 1870 konsequent gegen jeden Zentralismus zu stellen.

Am 13. August 1870, wurde Bakunin auf Antrag seiner Feinde, wegen Fraktionsbildung aus der Genfer Sektion der Internationale ausgeschlossen; diesem Ausschluss aus der Sektion folgte im September 1872 auf dem Haager Kongress der Auschluss aus der Gesamt-Internationale. Hier begnügte man sich jedoch nicht mit dem Grund der Fraktionsbildung, sondern verleumdete Bakunin aufs Neue, man nannte unter den Ausschlussgründen auch Verfehlungen gegen das Vermögen eines Anderen, man bezichtigte ihn der Gaunerei. Die erste Internationale war praktisch gesprengt nach dem Haager Kongress.

Während sich langsam die zweite Internationale entwickelte, arbeitet Bakunin an dem Aufbau einer revolutionären Bewegung in Russland. Seine Ideen fielen besonders unter den russischen Bauern auf guten Boden, seine Saat der Revolte ging auf, alle Revolutionäre der Zeit (1873-1876) gingen mehr oder weniger durch die bakunistische Schule. Er wurde der Vater der russischen Revolution. Diese vollzog sich 1917 besonders auf Seiten der Bauern, in den Ideengängen, die Bakunin befruchtet und vorbereitet hatte.

Während dieser Jahre kämpfte der Körper Bakunins gegen eine schwere chronische Nierenentzündung, nahm ihm diese Krankheit einen wesentlichen Teil seiner früheren Aktivität. Die Kräfte liessen nach, und als nach der Niedermetzelung des Pariser-Kommune-Aufstands die Reaktion in ganz Europa sich ausbreitete, war Bakunin körperlich nicht mehr in der Lage seinen alten Kampf mit den gleichen Mitteln fortzuführen — er wünschte sich nichts sehnlicher, als inmitten eines herrlichen Kampfes zu sterben für die Idee seines Lebens. In Bologna nahm er noch einmal Teil an den Vorbereitungen eines Aufstandes, der vor Ausbruch unterdrückt wurde. Es war ihm nicht vergönnt den Tod auf der Barrikade zu finden.

Bakunin starb in Bern an den Folgen seiner schweren Nierenerkrankung. Am 1. Juli 1878 befreite ihn der Tod von seinen Sorgen der letzten Jahre. Sein Geist ist unsterblich — es ist der Geist unserer Genossen Ascaso und Durruti und aller unserer Brüder, die heute in Spanien starben und kämpfen für die Soziale Revolution.

(Die Daten sind der Biografie Bakunins von Fritz Brupbacher entnommen).

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 1, 3, 4, 5-6 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat, Michael Bakunin zu Michail Bakunin usw.) von www.anarchismus.at.


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