Michael Bakunin - Patriotismus und der Staat

Vierter Brief der Lettres aux Internationaux du Jura" (1869)

Einer der größten Dienste, die das Nützlichkeitsprinzip der Bourgeoisie der Menschheit erwiesen, ist der, daß sie die Religion des Staates, den Patriotismus, getötet hat.

Bekanntlich ist der Patriotismus eine Tugend des Altertums, geboren inmitten der griechischen und römischen Republiken, wo nie eine andere wirkliche Religion bestanden hat als die Religion des Staates, der Dienst des Staates.

Was ist der Staat? Die Philosophen und Rechtsgelehrten sagen uns: Er ist das Gemeinwesen; die Interessen, das gemeinsame Wohl, das Recht Aller, im Gegensatz zu der auflösenden Wirkung der selbstsüchtigen Interessen und Leidenschaften eines Jeden. Er sei die Gerechtigkeit und die Verwirklichung der Moral und der Tugend auf der Erde. Darum gäbe es keine erhabenere Tat und keine größere Pflicht für die Menschen, als sich dem Triumph, der Macht des Staates zu widmen, sich für denselben aufzuopfern, ja, wenn es sein müsse, für ihn zu sterben.

Das ist in wenig Worten die Religion des Staates. Besehen wir uns nun näher, ob diese politische Religion, ebenso wie die kirchliche Religion, unter dem schönen und poetischen Schein nicht eine sehr gemeine und häßliche Wirklichkeit verbirgt? Untersuchen wir zuerst die Idee des Staates, so wie seine Anhänger dieselbe darstellen. Es ist dies die Aufopferung der natürlichen Freiheit der einzelnen Menschen, sowie der verhältnismäßig kleinen Gruppen — Vereinigungen, Gemeinden, Provinzen — zu Gunsten der Interessen und der Freiheit von Allen, dem Wohlstand des großen Ganzen.

Aber wer sind denn in Wahrheit diese "Alle", dieses große Ganze? Es ist nicht die lebendige Einheit der Menschen, welche einem jeden einzelnen freien Spielraum gewährt, und welche sich umso üppiger, mächtiger und freier gestaltet, je mehr sich in ihrer Mitte die Freiheit und der Wohlstand eines jeden entwickelt. Es ist nicht die natürliche menschliche Gesellschaft, die durch das Leben von Allen das Leben eines jeden kräftiger und voller macht. — Im Gegenteil, es ist die Aufopferung jedes einzelnen Menschen, sowie aller lokalen Organisationen, die Zerstörung jeder lebendigen Gesellschaft, die Beschränkung, oder besser gesagt: die vollständige Verneinung des Lebens und der Rechte jener, welche das Ganze bilden, für das angebliche Wohl dieses "Ganzen". Es ist der Staat, es ist der Altar der politischen Religion, auf welchem die natürliche Gesellschaft immer geopfert wird; eine alles verzehrende Allgemeinheit, welche von Menschenopfern lebt, wie die Kirche. — Ich wiederhole es, der Staat ist der jüngere Bruder der Kirche.

Ich will diese Gleichartigkeit der Kirche und des Staates beweisen. Die Eine wie der Andere sind auf der Grundlage der Aufopferung des natürlichen Lebens und natürlichen Rechtes aufgebaut; sie gehen beide von ein und demselben Prinzip aus: daß nämlich die Natur des Menschen schlecht ist, und daß diese schlechte Natur, nach den Lehren der Kirche nur durch die göttliche Gnade und den Tod des natürlichen Menschen in Gott, — und nach den Lehren des Staates, nur durch das Gesetz, durch die Aufopferung des Einzelnen auf dem Altar des Staates, besiegt werden kann. Die Eine wie der Andere versuchen, den Menschen umzuformen, die erstere in einen Heiligen, die zweite in einen Staatsbürger. Aber der natürliche Mensch muß sterben, denn sein Todesurteil ist von der Religion der Kirche und der Religion des Staates einstimmig ausgesprochen.

So schaut in ihrer ganzen Reinheit die identische Theorie der Kirche und des Staates aus. Sie ist ein bloßes Hirngespinst, eine Abstraktion. Aber jede historische Abstraktion setzt historische Tatsachen voraus. Diese Tatsachen sind sehr wirklich, sehr brutal; sie bestehen aus Gewalttaten, Ausbeutungen, Versklavungen, Eroberungen. Der Mensch ist so beschaffen, daß es ihm nicht genügt, zu handeln, er hat auch das Bedürfnis, seine Taten vor seinem eigenem Gewissen und den Augen der Mitwelt zu erklären und zu rechtfertigen. Die Religion kam gerade recht, um die vollbrachten Taten zu segnen, und infolge dieses Segens wurde die ungerechte und brutale Tat zum Recht. Die Rechtslehre und das politische Recht sind zuerst aus der Theologie der Kirche hervorgegangen, und später aus der metaphysischen Philosophie, welche nur eine verkleidete Theologie ist, eine Theologie, welche die lächerliche Anmaßung hat, vernünftig sein zu wollen und sich umsonst bemüht, das Recht zur Wissenschaft zu machen.

Sehen wir nur, welche Rolle diese Abstraktion des Staates, zusammen mit der Kirche, im wahren Leben der menschlichen Gesellschaft gespielt hat und noch spielt. Der Staat ist durch seine Natur ein riesiger Friedhof, wo alle Betätigungen des individuellen und lokalen Lebens — alle Interessen jener, die zusammen eben die Gesellschaft bilden — geopfert, getötet, begraben werden. Er ist der Altar, auf welchem alle wahre Freiheit und Wohlstand der Völker der politischen Grösse aufgeopfert werden; und je vollständiger diese Aufopferung ist, desto vollkommener ist der Staat. Es ist meine Überzeugung, daß das russische Zarenreich der wahre Typus des Staates ist, der vollkommene Staat ohne Phrase. Alle anderen Staaten, in welchen die Völker noch ein wenig atmen können, sind vom staatlichen Standpunkt aus unvollkommen, sowie alle Kirchen, im Vergleich zur römisch-katholischen, unvollkommene Kirchen sind.

Der Staat ist eine Abstraktion, welche das Leben des Volkes aufzehrt. Aber damit eine Abstraktion entstehen und in der wirklichen Welt weiter bestehen kann, dazu ist eine tatsächlich vorhandene Vereinigung von Menschen nötig, die ein Interesse an deren Bestehen hat. Diese Vereinigung kann in diesem Falle nicht, die große Masse des Volkes sein, denn gerade die ist ja das Opfer dieser Abstraktion. Also muß es eine privilegierte Verbindung sein, die Priesterschaft des Staates; die herrschende und besitzende Klasse, welche im Staate dieselbe Stellung einnimmt, wie die Priester in der Kirche.

Und in der Tat, was sehen wir in der Geschichte? Der Staat war immer der ererbte Besitz irgend einer privilegierten Klasse: der Priesterschaft, des Adels, der Bourgeoisie — und endlich der Bureaukratie, des Beamtentums, wenn, nachdem alles, andere ausprobiert worden ist, der Staat zur Maschine wird. Doch zum Wohle des Staates muß es unbedingt eine privilegierte Klasse geben, in deren Interesse es liegt, daß er besteht. Und das solidarische Interesse dieser privilegierten Klasse  nennt man Patriotismus.

Aus: "Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus", 3. Jahrgang, Nr. 1, Juli-August 1908. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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