Peter Kropotkin - Unter den Uhrmachern des Jura

Die besondere Organisation des Uhrmachergewerbes, bei der die Leute einander genau kennenlernen und in ihren Wohnhäusern arbeiten können, erklärt die Erscheinung, daß diese Bevölkerung auf einer höheren geistigen Stufe steht, als sie sonst Arbeiter einnehmen, die ihr Leben von klein auf in den Fabriken zubringen. Es findet sich unter den in kleinen Betrieben tätigen Arbeitern mehr Unabhängigkeit und Originalität. Aber auch der Umstand, daß es beim Jurabund keine Scheidung zwischen Führern und Massen gab, trug jedenfalls mit dazu bei, daß sich jedes Mitglied des Bundes über jede Frage eine eigene Meinung zu bilden suchte. Hier hatte ich also das Schauspiel, daß die Arbeiter nicht eine von wenigen geleitete und den politischen Zwecken dieser wenigen dienstbar gemachte Masse darstellten; ihre Führer waren nichts anderes als besonders rührige Genossen, mehr Anreger als eigentliche Leiter. Die klare Einsicht, das gesunde Urteil, die Fähigkeit zur Lösung verwickelter sozialer Fragen, wie ich sie unter diesen Arbeitern, besonders den dem mittleren Lebensalter angehörigen, antraf, machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich bin fest überzeugt, daß die hervorragende Rolle, die dem Jurabunde in der Entwicklung des Sozialismus zukommt, nicht nur in der Bedeutung der antigouvernementalen und föderalistischen Ideen, deren Hauptvertreter er war, ihren Grund hat, sondern auch darin, daß diese Ideen infolge des gesunden Menschenverstandes der Uhrmacher des Jura in so vernünftiger Form zum Ausdruck gelangten. Ohne ihren Beistand wären diese Prinzipien vielleicht noch lange Zeit bloße Abstraktionen geblieben.

Die theoretische Ausbildung des Anarchismus, wie sie damals innerhalb des Jurabundes unter dem Einflusse Bakunins allmählich erfolgte, die Kritik des Staatssozialismus - die Besorgnis vor einem den bloßen politischen Despotismus an Gefährlichkeit weit überragenden wirtschaftlichen Despotismus -, die ich dort formulieren hörte, und der revolutionäre Charakter der Agitation übten auf mich wegen ihres theoretischen Wertes sicher einen großen Einfluß aus. Aber die Prinzipien der Gleichheit, die ich im Jura herrschend fand, die Unabhängigkeit im Denken und im Gedankenausdruck, wie sie sich nach meiner Wahrnehmung unter den dortigen Arbeitern entwickelte, und ihre grenzenlose Hingabe an die gemeinsame Sache machten auf meine Gefühle einen noch stärkeren Eindruck; und als ich die Uhrmacher des Jura, nachdem ich etwa zwölf Tage unter ihnen geweilt hatte, verließ, standen meine sozialistischen Ansichten fest: ICH WAR EIN ANARCHIST!

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Nach:
Memoiren eines Revolutionärs. Deutsch von Max Pannwitz. Band. II, S. 90/91, Stuttgart 1900.

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

Gescannt von anarchismus.at


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