Peter Kropotkin - Eine notwendige Revision

Schon im Jahre 1895 habe ich darauf hingewiesen, daß in der Entwicklung der eigentlichen sozialistischen Idee ein Stillstand eingetreten ist, und daß eine gründliche Revision dessen, was man den Arbeitern als Sozialismus verkündet, notwendig geworden ist, wenn diese große leitende Idee des neunzehnten Jahrhunderts nicht entarten und die ganze proletarische Bewegung vergiftet werden soll.

Seitdem ist diese Gefahr immer stärker geworden; so daß heute in Frankreich, Italien, der Schweiz und sogar in der deutschen Sozialdemokratie sich mehr und mehr das Bedürfnis fühlbar macht, all das, was man in den sich "sozialistisch" nennenden Kreisen tut und lehrt, zu überprüfen.

Wahrscheinlich wird man fragen, ob man von einem Stillstand in der Entwickelung des Sozialismus sprechen könne, wenn, einesteils die Zahl der Stimmen, die bei den Wahlen für die Sozialdemokraten abgegeben werden, fortwährend zunimmt, und wenn anderenteils das, was man "die Verbreitung sozialistischer Ideen" nennt, sogar in jene Kreise vordringt, die früher dem Sozialismus vollkommen feindlich waren.

Nun, gerade die Tatsache, daß man so weit gekommen ist, eine Zunahme der sozialdemokratischen Wahlstimmen oder ein paar Versuche von Verstaatlichung, also von Regierungs-Kapitalismus, für eine Verbreitung der sozialistischen Ideen anzusehen — daß man den Sinn des Wortes Sozialismus so weit vergessen hat, daß eine solche Verwirrung möglich ist — gerade dies ist in unseren Augen die wirkliche Gefahr. Glücklicherweise fängt man immer mehr an, diese Gefahr zu erkennen, sogar in jenen Kreisen von Deutschland, Österreich und der deutschen Schweiz, die am meisten zu dieser fatalen Verwirrung beigetragen haben.

Nehmen wir nur ein Beispiel. Vor einiger Zeit machte ein französisches Bourgeoisblatt die Bemerkung, daß das gegenwärtige Ministerium Clemenceau, trotzdem es anti-sozialistisch ist, dennoch Gesetze zur Annahme bringt, die ganz sozialistisch seien; und es führte die Verstaatlichung der Eisenbahnen und den Plan einer Einkommensteuer als "sozialistische" Gesetze an.

Man sollte denken, daß die französische Sozialdemokraten sich beeilt hätten, diesen Irrtum richtig zu stellen, indem sie erklärten, daß das "antisozialistische" Ministerium seinem Standpunkt treu geblieben ist, daß es nur Gesetze geschaffen hat, die nach der Idee der Bourgeoisie als eine Schutzwehr gegen den Sozialismus dienen und die einen Teil jenes großen Systems der sozialpolitischen Gesetzgebung bilden, dessen Absicht es ist, den Sozialismus lahm zu legen. Dieses System versucht die sozialistischen Arbeiterbewegungen zu hindern, zu gleicher Zeit die Kräfte der Bourgeoisie zu verstärken. Es ist ein System, das danach trachtet und dem dies auch teilweise gelingt, den Sozialismus zu unterschlagen.

Aber die französischen Sozialdemokraten antworteten gerade das Gegenteil von dem. Sie sagten das, was man seit zwanzig Jahren in Deutschland und überall in der sozialdemokratischen Presse bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegt. Wenn der Staat eine Eisenbahnlinie ablöst oder sich des Monopoles der Banken, des Handels, des Alkohols bemächtigt, heißt auch ihnen dies "Gesetze in sozialistischer Richtung" schaffen.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat man in allen Tonarten geschrieben, so daß der Arbeiter — jener wenigstens, der in den sozialdemokratischen Organisationen als "klassenbewußt" angesehen wird — es schließlich selbst glaubt, daß Demokratie, Regierungskapitalismus und Sozialismus eins und dasselbe sind. Wenn man nur Demokrat bleibt, so werde man, ohne es zu wollen, zum Sozialisten, wie die unschuldigen Ministerpräsidenten von Frankreich und England, von denen der eine für die Westbahnverstaatlichung und der andere für die vom Staat bezahlte Altersversorgung stimmt. Als dritten im Bunde könnte man noch den Zaren Nikolaus II. hinzufügen, der ebenfalls alle russischen Bahnen verstaatlichen ließ und der heute das Einkommen dieser "nationalisierten" Eisenbahn — in guter Gesellschaft nennt man das Nationalisation — dazu verwendet, seine Untertanen hinmorden zu lassen. In Deutschland rechnet man zu diesen Sozialisten wider Willen auch Bismarck, der dort schon lange die staatliche Altersversicherung eingeführt hat.

Alle diese Leute sind, wenn auch wider eigenen Willen, Sozialisten; und ihr, Arbeiter, ihr müßt nur die Bourgeoisie die Sachen in dieser Richtung besorgen lassen. So spricht die Sozialdemokratie, und wenn man ihr glaubt, so geht der Sozialismus ganz von selbst voran.

Gewiß sagen auch wir anarchistische und sozialistische Propagandisten manchmal, daß alles in der jetzigen Gesellschaft die Entwickelung der Produktivkräfte des Menschen, die Entwickelung seines Gleichheitsgefühles, ja sogar die Kriege, die die Bourgeoisien der verschiedenen Staaten um Eroberung der Weltmärkte gegeneinander führen —, daß dies alles dazu beiträgt, in einem günstigen Augenblick die soziale Revolution herbeizuführen. Alles! Aber nur unter einer unerläßlichen Bedingung: daß wir uns nicht durch die Bourgeoisie irreführen lassen! Und daß wir wissen, wohin wir gehen, daß wir das Ziel des Sozialismus richtig auffassen: die Abschaffung und nicht die Erhaltung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen! Wenn das Verständnis dieses Zieles verloren geht, kann man sich herumschlagen, so viel man will, die Revolution wird nicht sozial sein, sie wird uns der sozialen Revolution nicht einmal näher bringen.

Es ist Zeit, dieser Komödie von Demokraten, die sich als Sozialisten verkleiden, ein Ende zu machen.

Es ist Zeit, laut zu verkünden, daß Sozialdemokratie und Sozialismus zwei grundverschiedene Sachen sind. Die Sozialdemokratie ist ein Kompromiß zwischen dem Sozialismus der Arbeiter und dem Individualismus der Bourgeoisie; ein Kompromiß, der das "Recht" des Reichen, den Armen auszubeuten, voll und ganz aufrecht erhält, und nur die Form dieser Ausbeutung ein wenig zu mildern sucht; ein Kompromiß, der die Sorge, diese Ausbeutung abzuschaffen, den fernen, kommenden Zeiten überläßt — wenn bis dahin die Gesellschaft unter der Last dieser Ausbeutung nicht zu Grunde gegangen ist. Und eben deshalb, weil die Sozialdemokratie ein Kompromiß ist, ist sie unvermeidlich bestrebt, diese Ausbeutung auf ewig aufrecht zu erhalten, derweil dieselbe für einen Teil der Ausgebeuteten gemildert werden wird. Die Sozialdemokratie ist die Verleugnung des Sozialismus.

Es ist auch Zeit, ebenso laut zu verkünden, daß, was man "die Verbreitung der sozialistischen Ideen" genannt hat, in Wirklichkeit nichts anderes ist, als eine Verbreiterung gewisser Bedenken in den Kreisen der Bourgeoisie, die es als zweckmäßig erscheinen lassen, einen verschwindend kleinen Teil der in den letzten dreißig Jahren geschaffenen riesigen Reichtümer mit einem winzigen Teil der Arbeiter — besonders auch deren Führer — zu teilen. Dies ist ein sicheres Mittel, um die Arbeiterklasse zu spalten, indem man einen Teil der Ausgebeuteten in die vermittelnde Klasse von verbourgeoisierten Arbeitern und Arbeiterbeamten übergehen läßt und so einen "vierten Stand" schafft, um die große Masse unter dem Joche der Kapitalisten behalten zu können.

Andererseits ist es eine schändliche Täuschung der Arbeiterklasse, wenn man behauptet, daß einige schwache Verbesserungen im Betriebe der großen Unternehmungen, wie z.B. in den Wohnungs-und Lebensverhältnissen der Arbeiter, der Sozialismus oder ein Weg zum Sozialismus sind wo doch jeder Bourgeois weiß, daß dies nur ein Mittel ist, um die Produktivkraft des Arbeiters zu steigern, ohne den Löwenanteil, der dem Kapitalismus zufällt, im geringsten zu schmähen. Und wenn man dem Bourgeoisstaate das Verfügungsrecht über die ganze Transportindustrie und den Eisenbahnverkehr einräumt, so vermehrt man dadurch ganz ungeheuer die Kraft, die der Staat zur Verteidigung des Kapitalismus besitzt. Man sieht das am auffälligsten in Rußland.

Deshalb ist es die höchste Zeit, die sogenannten sozialistischen Programme einer Revision zu unterziehen, nachzusehen, was noch an unklarem Sozialismus in diesen Kompromiß-Programmen bleibt, und alle sozialistischen Bestrebungen der Arbeitermassen so zu formulieren, damit alles Gift, was die geriebenen Schlaufüchse der Bourgeoisie in dieselben hineingeschmuggelt haben, daraus verschwindet.

Der obige, auch für Österreich so überaus zeitgemäße Aufsatz unseres alten, unermüdlichen Vorkämpfers ist dem französischen Bruderorgan „Temps Nouveaux" entnommen. Die Red.

Aus: "Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 16 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS