Alexander Berkman - Meine Erinnerungen an Kropotkin

Seit meiner Ankunft in Rußland hörte ich widersprüchliche Gerüchte über Kropotkin; die einen gaben zu verstehen, er sei den Bolschewisten günstig gesonnen, andere, er bekämpfe sie; er lebe in sehr günstigen materiellen Bedingungen, nach anderen verhungerte er buchstäblich etc...

Ich wünschte lebhaft, die Wahrheit hierüber zu erfahren, und war ungeduldig, ihn persönlich zu sehen. Während dieser ersten Jahre hatte ich eine ziemlich regelmäßige Korrespondenz mit ihm unterhalten, doch waren wir uns niemals begegnet. Ich war seit meiner Kindheit einer seiner großer Bewunderer und hatte mir seine Schriften ganz zu eigen gemacht. Ein Vorfall im besonderen machte mir einen großen Eindruck und erwarb ihm meine Achtung: Es war, glaube ich, im Jahre 1890, die jüdische anarchistische Bewegung in Amerika war in den Anfängen; wir waren nur eine Handvoll und hielten unsere öffentlichen Versammlungen jede Woche in einem bescheidenen Saal in der Orchardstreet ab; entflammt von der Schönheit eines hohen Ideals, widmeten wir unsere jungen Energien und Fähigkeiten, ebenso wie den größten Teil unserer bescheidenen Einkünfte, der anarchistischen Propaganda, und waren glücklich über unsere Fortschritte.

Wirklich wurden, trotz unserer kleinen Zahl, die von unserer Propaganda berührten Arbeiter, die jede Woche unseren Zusammenkünften beiwohnten und ihren Obulus beisteuerten, immer zahlreicher; man bekundete großes Interesse für die revolutionären Ideen, und die vitalen Fragen wurden lebhaft diskutiert, obgleich manchmal mit mehr Überzeugung als Wissen.

Vielen von uns schien es, daß der verfluchte Kapitalismus die Grenze seiner teuflischen Möglichkeiten erreicht habe, und daß die soziale Revolution nicht ausbleiben könne. Es gab jedoch schwierige Fragen und harte Probleme, welche die wachsende Bewegung betrafen, und die wir selbst auf keine befriedigende Weise lösen konnten.

Wir wünschten lebhaft, unseren großen Peter Kropotkin unter uns zu haben, sei es auch nur für einen kurzen Besuch, damit er gewisse unklare Punkte aufkläre und uns seine geistige Hilfe und Anregung zukommen lasse. Und welchen Anreiz hätte seine Gegenwart für die Bewegung bedeutet!!!

Wir waren nur eine Handvoll, sagte ich, doch jeder von uns hatte beschlossen, seine Ausgaben aufs unbedingt Notwendige zu beschränken, und den Ertrag seiner Arbeit von mehreren Wochen, selbst von Monaten, für die Reise Kropotkins nach Amerika zu verwenden. Ein langer Brief wurde unserem teuren Erzieher geschickt, in dem wir ihn baten zu kommen, um eine Vortragsreise zu machen, wobei wir die Notwendigkeit, uns seinen Beistand zu leisten, betonten.

Seine Antwort war negativ, was uns alle, für eine Weile, in einen Zustand der Niedergeschlagenheit versetzte; wir waren seiner Einwilligung so sicher gewesen, so überzeugt von der Notwendigkeit seines Kommens und den Ergebnissen seiner Vorträge zugunsten unserer Bewegung.

Aber unsere Bewunderung für ihn wuchs noch, als wir die Motive seiner Ablehnung erfuhren. Er wünsche lebhaft, zu uns zu kommen, so schrieb er uns, und schätze den Geist unserer Einladung. Er wünschte, die Vereinigten Staaten eines Tages kennenzulernen und wäre sehr glücklich gewesen, sich unter so guten Kameraden zu finden. Zur Stunde jedoch konnte er nicht auf seine Kosten kommen und wollte nicht das Geld der Bewegung verwenden, auch nicht in einem solchen Fall.

Ich dachte lange über diese Worte nach; seine Ansicht schien mir, allerdings nur unter gewöhnlichen Umständen, gerechtfertigt, seinen Fall hielt ich für eine Ausnahme. Seine Erwägungen waren einsehbar, aber eine Vortragsreise Kropotkins in Amerika war meiner Meinung nach von großer Dringlichkeit, ich bedauerte lebhaft seine Entscheidung, seine Motive aber ließen mich den Menschen und die Größe seiner Natur erraten. Ich stellte ihn mir als das Ideal eines Revolutionärs und Anarchisten vor.

***

Erst im März 1920 hatte ich die Gelegenheit, Peter Kropotkin zu besuchen.

Er lebte damals in Dmitrov, einer kleinen, 60 Werst von Moskau entfernten Stadt. Das Verkehrswesen in Rußland war in jener Zeit in beklagenswertem Zustand; von Petrograd nach Dmitrov zu reisen, und gar noch zu einem Besuch, konnte gar nicht in Betracht gezogen werden. Glücklicherweise verschaffte mir die Ankunft in Petrograd von Georges Landsburry, dem Herausgeber des Daily Herald in London, die Möglichkeit, Moskau zu erreichen. Landsburry erhielt eigens ein Auto, und als sein Übersetzer konnte ich ihn bis zur Hauptstadt begleiten. Nachdem er einige Zeit in Moskau zugebracht hatte, erhielt der englische Besucher von der Regierung die Erlaubnis, sich nach Dmitrov zu begeben. Mit zwei Kameraden aus Moskau profitierte ich von der besonderen Gunst, die ihm gewährt worden war.

Man ist manches Mal enttäuscht, wenn man mit "Berühmtheiten" zusammentrifft, denn das Bild, das man sich von ihnen gemacht hat, stimmt nicht immer mit der Wirklichkeit überein. Dies war nicht der Fall bei Kropotkin. Er entsprach genau der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte. Seine Photographien gaben ihn bemerkenswert gut wieder: mit seinen guten Augen, seinem milden Lächeln und seinem langen weißen Bart. Der Ausdruck des Idealisten war ihm tief eingeprägt.

Ich war jedoch betroffen von seiner Magerkeit und seiner offenkundigen Schwäche. Er schien des Notwendigsten zu ermangeln und zu alt für seine Jahre. Ich erfuhr, daß das Nahrungsproblem sehr ernst war für die Familie Kropotkin, wie übrigens für alle im ausgehungerten Rußland (mit Ausnahme natürlich einiger der hauptsächlichsten Kommissare und der heimlichen Spekulanten). Kropotkin erhielt, was man den "payok" nennt, der einer gewissen Anzahl von Gelehrten und alten Revolutionären gewährt wurde. Er überstieg in Qualität und Quantität die gewöhnliche Ration des Bürgers, war aber noch bei weitem ungenügend zum leben.

Glücklicherweise erhielt Kropotkin von Zeit zu Zeit Nahrungsmittelpakete von seinen Kameraden in der Ukraine und aus dem Ausland, trotzdem hatte die Familie (seine Frau und seine Tochter Sacha) große Schwierigkeiten, "sich den Wolf von der Tür zu halten".

Brennstoff und Licht bildeten gleichfalls den Anlaß ständigen Kummers. Die Winter waren streng und das Holz sehr knapp. Petroleum war kaum zu beschaffen und wurde als ein großer Luxus angesehen, und man konnte jeweils nur eine Lampe zur Zeit verwenden. Dieser Mangel wurde besonders von Kropotkin hart empfunden und behinderte in starkem Maße seine literarischen Arbeiten.

Ich erfuhr all diese Dinge aus dem Munde von Sophie Grigorjewna, seiner Gefährtin, und von Sacha, seiner Tochter. Kropotkin hätte niemals auch nur ein Wort über die Schwierigkeiten seiner Existenz verloren, es war jedoch offenkundig, daß seine Isolierung ihn bedrückte.

Mehrere Male wurde der Familie Kropotkin der Wohnsitz in Moskau genommen, dessen Zimmer für die Regierung requiriert wurden. Die Familienmitglieder entschlossen sich daraufhin, nach Dmitrov zu gehen. Obgleich diese Stadt nur ungefähr 60 Werst von der Hauptstadt entfernt lag, schien es, als betrüge die Distanz tausende von Kilometern, denn Kropotkin war ebenso isoliert, wie in einem Gefängnis.

Wegen der schwierigen Verkehrsbedingungen sowie der allgemeinen Situation zu jener Zeit konnten die Freunde des Schriftstellers ihn nur sehr selten besuchen. Die Neuigkeiten aus dem Westen, die wissenschaftlichen Arbeiten ebenso wie die ausländischen Publikationen, erreichten ihn nicht. Kropotkin empfand die Auswirkungen des Fehlens von intellektuellen Gefährten und die geistige Isolierung sehr lebhaft. Ich besuchte ihn zwei Mal, zuerst im März, sodann im Juli 1920. Bei meinem zweiten Besuch schien es ihm viel besser zu gehen, er war nicht mehr so mager, die Gesichtsfarbe spiegelte die Gesundheit wider, er war kräftiger und aktiver. Die Sommersonne tat ihm wohl. Er ging in dem kleinen ans Haus angrenzenden Garten spazieren und machte seine Besucher stolz auf die Resultate der Arbeit von Sophie aufmerksam: das blühende Gemüsebeet. Seine Augen leuchteten, das Hellblau des Himmels schien sich in ihnen zu spiegeln. Er bezauberte durch sein Lächeln, das die ganze Persönlichkeit Kropotkins zum Ausdruck brachte: seine Liebe zu den Menschen und zur Natur, sowie seine Achtung vor dem menschlichen Leben.

Wir diskutierten über mehrere Themen: ich fand Kropotkin als energischen, unwiderruflichen Gegner der Bolschewisten, oder vielmehr war er, wie er ohne Unterlaß wiederholte, ein ausgesprochener Feind des Staatssozialismus, des von der Autorität auferlegten Kommunismus, und des Marxismus im allgemeinen. Wir konnten von den Bolschewisten nichts anderes erhoffen, sagte er; sie waren Marxisten in der Theorie und der Aktion und strebten nach der Errichtung eines "Alles-der-Macht", eines absoluten Staates. Ihre revolutionären Theorien vom Oktober und November 1917 haben das Proletariat, die Bauern, und besonders die Anarchisten tief enttäuscht.

Die Anarchisten wußten natürlich, daß ein Staat, eine auf Gewalt gegründete Regierung, welches auch der Name sei, mit dem sie sich schmückt, immer unheilvoll ist, aber sie sahen in den Bolschewisten eine revolutionäre Kraft und schlossen die Augen vor den der Philosophie des Marxismus innewohnenden Gefahren. Die Anarchisten Rußlands kämpften gemeinsam mit den Bolschewisten für den Sieg der Revolution; sie schlugen sich Seite an Seite, mit Heroismus. Hunderte von ihnen ließen ihr Leben; und was wird nun aus den Anarchisten, die die Revolution überlebt haben? Nun werden sie verfolgt, gehetzt, jede Aktion ist ihnen untersagt, eine große Zahl ist eingekerkert, viele wurden erschossen.

Und was haben nun die Bolschewisten in den drei Jahren, die sie an der Macht sind, getan, in denen sie das soziale und ökonomische Leben des Landes organisiert haben? Ja, was haben sie für das Volk getan? Ich will nicht einmal vom Ruin und der Hungersnot Rußlands sprechen, dies liegt zu einem erheblichen Teil an der Blockade, im wesentlichen aber trägt hierfür doch der Staatskommunismus die Verantwortung: die unselige Leidenschaft der Zentralisierung, und das Unwissen der Bolschewisten bezüglich der praktischen Angelegenheiten (nicht zu sprechen von der Korruption), ihre tiefe Unkenntnis hinsichtlich der Agrarfrage und der bäuerlichen Psychologie, all dieses ist zum großen Teil die Ursache der heutigen Wirtschaftsverhältnisse Rußlands.

Worauf ich Sie aber nun besonders aufmerksam machen will, sagte Kropotkin, mich mit großen bekümmerten Augen anblickend und mit Entrüstung in der Stimme, das ist die Haltung des bolschewistischen Staates gegenüber dem Volk, dem Individuum sowohl wie der Gemeinschaft; ich kann darüber nicht ohne Zorn sprechen. Einkerkerung, Terror, Erschießungen, das sind die selbst auf die Freunde der Revolution eingewandten bolschewistischen Methoden.

Statt die Revolution auszuweiten, denken sie nur daran, ihre Regierungsmacht auf einer festen Grundlage zu etablieren. Sie haben das eigentliche Ziel der Revolution aus den Augen verloren: die stetig fortschreitende revolutionäre Bewegung der Massen; die Schaffung weitester Möglichkeiten und die Ermunterung der Eigeninitiative; individueller Ausdruck, freiwillige Organisation und Zusammenarbeit.

Aus den Augen verloren, sagte ich? Nein, sie unterdrücken überlegt und systematisch jedes Anzeichen hierfür. Darin liegt die furchtbare Tragik der russischen Revolution.

***

Es war offenkundig, daß Kropotkin tief darunter litt, wie die Bolschewisten die Revolution zu ihrem Vorteil umlenkten. Er verurteilte ihre Art des Vorgehens, nämlich die anderen Parteien und revolutionären Bewegungen zu unterdrücken, und er war besonders betroffen von der Behandlung der Anarchisten, die man einsperrte und erschoß.

Barbarei, sagte er, und nicht Revolution! Er sprach dann von der Zerstörung der großen Genossenschaftsbewegung in Rußland durch die Bolschewisten, die einerseits den ökonomischen Ruin des Landes nach sich zog und zum andern eine große Masse politisch neutraler Elemente gegen die Revolution einnahm. Die Genossenschaftsbewegung Rußlands war eine große Kraft im Leben des Landes, nicht nur was die ökonomische, sondern auch und vor allem, was die Bauernfrage betraf. Ihre Aktivitäten erstreckten sich auf die Manufakturen, bäuerlichen Finanzunternehmungen, Käufe, Verkäufe, bestanden aber vor allem in der Erziehung der bäuerlichen Masse.

Es ist richtig, daß die Genossenschaften keineswegs revolutionäre Organisationen waren, sondern aus verschiedenen politischen Elementen bestanden. Indessen hätten die wenigen reaktionären Mitglieder, die sich in ihnen befanden, ausgeschlossen werden können, ohne deswegen die ganze Organisation zu zerstören. Der ökonomische Mechanismus der Genossenschaften war ein sehr leistungsfähiger Apparat und unbedingt notwendig für die vitalen Interessen der Revolution.

Im Januar 1918 umfaßten die Genossenschaften 25.000 auf ganz Rußland verteilte Bereiche und hatten 9.000.000 Mitglieder. Ihr Kapital belief sich auf 15.000.000 Rubel, während die Geschäftszahlen des Vorjahres 200.000.000 Rubel auswiesen. Diese machtvolle Organisation funktionierte sehr wirksam in jedem Gemeinwesen, Stadt oder Dorf, Rußlands. Die Bolschewisten lähmten die Genossenschaften zunächst und "liquidierten" sie dann. Das war der Selbstmord der Revolution, denn der bolschewistische Staat war völlig unfähig, die Nahrungsmittel zu beschaffen und sie ordnungsgemäß zu verteilen. Millionen Tonnen Ware verdarben, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, auf den Bahnhöfen, auf den Eisenbahnstrecken, den Straßen, da die Genossenschaften beseitigt waren, die lokalen Transportmittel zerstört, und der kommunistische Staat nicht vorbereitet, ohne Erfahrung und somit nicht leistungsfähig.

Unfähig, die von der Armee und der Bevölkerung benötigten Nahrungsmittel zu beschaffen, warf sich die bolschewistische Regierung aufs System der razvyorstka, der gewaltsamen Requirierung. Das war eine schlechte Methode, gekennzeichnet durch Gewalt und äußerste Brutalität, die nur zu lebhaft an die zaristischen Machenschaften erinnerte.

Die Bauern protestierten zunächst gegen die Ungerechtigkeit und die Autokratie der bolschewistischen Politik, aber ihr Protest war vergeblich. Darüberhinaus wurde er von schweren repressiven Maßnahmen beantwortet. Die Bolschewisten waren entschlossen, den Wert und die Kraft ihrer Macht zu beweisen, mit der man "nicht spaßen durfte", was ein sehr populärer Satz der Regierung war.

Als die Appelle, Beschwerden und Proteste nicht das geringste Resultat zeigten, entschlossen sich die Bauern, der Requirierung mit Gewalt zu widerstehen. Die Regierung griff rücksichtslos durch und übte Rache an ganzen Dörfern. Diese von den Kommunisten und Tschekisten organisierten Expeditionen waren von unerhörter Grausamkeit. Häufig wurde die gesamte Bevölkerung eines Dorfes zur Auspeitschung verurteilt, die Häuser der Bauern wurden geplündert und manchmal das Dorf völlig zerstört.

All diese schrecklichen Dinge waren mir nicht unbekannt: ich hatte von ihnen aus unterschiedlichen Quellen lange vor meinem Besuch bei Kropotkin erfahren, doch vermutete ich, daß die Berichte über die bolschewistischen Grausamkeiten übertrieben waren, ihre Politik hinsichtlich der Bauern falsch interpretiert oder nicht verstanden.

Ich war mit großem Enthusiasmus für die Revolution und großer Hoffnung auf ihre Errungenschaften nach Rußland gekommen; ich glaubte, daß die zahlreichen Schwierigkeiten der Situation, die beständige Drohung der Interventionisten, die unvermeidlichen Resultate der Blockade und alle Komplikationen ebenso viele neue Probleme darstellten, die eine Lösung erforderten. Ich war entschlossen, mein Bestes zu dieser großen Arbeit beizutragen.

Ich wußte, daß die Bolschewisten Marxisten waren, Anhänger einer starken zentralisierten Gewalt, aber ihre revolutionäre Haltung während der Tage der Oktoberrevolution von 1917, ihre häufig ganz anarchistischen Parolen, ihre Initiative und Aktivität, all das führte mich dazu zu glauben, daß nicht länger eine sozialistische Theorie, sondern einzig die Interessen der Revolution sie führten.

Es ist wahr, daß ich während der ersten Wochen meines Aufenthaltes in Rußland eine große Ungerechtigkeit und Ungleichheit beobachtet hatte, aber ich versuchte, meine Zweifel an der revolutionären Integrität der Bolschewisten in mir zu ersticken. Ich lernte die Führer der Bewegung kennen, verkehrte regelmäßig mit ihnen und empfand viel Sympathie für sie und ihre Tätigkeit.

Während meines länger andauernden Aufenthaltes in Rußland wurde ich jedoch gewisser Dinge gewahr, die meinen revolutionären Vorstellungen zuwiderliefen; trotz allem fuhr ich fort, im Bolschewismus eine revolutionäre Kraft zu sehen; die Evident der Tatsachen verpflichtete mich, der Situation ins Auge zu sehen; ich vermutete, daß das, was sich ereignete, der unvermeidlichen Verwirrung der Übergangsperiode geschuldet war, daß es sich um unglückliche Resultate der revolutionären Notwendigkeiten handelte, die zum großen Teil aus den Erfordernissen dieses kritischen Augenblicks herrührten.

Es ist hart und quälend, sich einer großen Illusion zu berauben! Ich konnte, und ich wollte nicht an das glauben, was man von den bolschewistischen Methoden erzählte, von ihren Repressionsmaßnahmen, ihrer Brutalität. Ich wollte mir nicht eine zu lebhafte Meinung bilden, selbst über das nicht, was sich vor meinen Augen ereignete. Ich wollte ebenfalls nicht buchstäblich nehmen, was Kropotkin mir berichtet hatte. Er konnte schlecht informiert sein, dachte ich, oder durch irgendetwas beeinflußt.

Alles jedoch, was er mir geschildert hatte, ebenso wie viele andere Dinge, besonders bezüglich der Agrarpolitik der Bolschewisten, bestärkten mich endlich in meinem Entschluß, mir selbst Klarheit über die Situation zu verschaffen.

Ich machte mich also auf den Weg in die Ukraine, mit dem festen Entschluß, die Situation unter all ihren Aspekten zu studieren. Die Umstände waren mir günstig. Ich war der "Predsetatel"(Präsident) einer besonderen, vom Revolutionsmuseum organisierten Expedition, die zur Aufgabe hatte, alles zu sammeln, was die Revolution direkt betraf, sowie alles historische Material, das sich auf die revolutionäre Bewegung Rußlands der letzten hundert Jahre bezog. Wir hatten ein eigenes Fahrzeug zu unserer Verfügung, mit der Erlaubnis, den ganzen Süden Rußlands zu durchqueren, den einzigartigen Vorteil, jede Stadt und jedes Dorf besichtigen und mit wem es auch sei sprechen zu können.

Darüberhinaus war es meine Aufgabe, mich mit den Arbeiterorganisationen, wie auch mit den illegalen revolutionären Elementen in Verbindung zu setzen. Dies war eine außergewöhnliche Gelegenheit, die es mir gestattete, die russische Revolution und die Verhältnisse des Landes zu studieren, mich den Arbeitern und Bauern zu nähern, ja selbst die Gefängnisse und Konzentrationslager zu besuchen.

Ich schreibe den vorliegenden Artikel nicht in der Absicht, meine Reise zu beschreiben, dieses will ich später tun, ausführlich und vollständig, - und so unparteiisch wie möglich. Ich will aber sagen, daß das, was ich in Petrograd und Moskau gehört hatte, und ebenso das, was Kropotkin mir gesagt hatte, nichts war, verglichen mit dem, was ich auf meinen Reisen sah, 1. in der Ukraine, 2. im Norden Rußlands und schließlich im Westen. Alles war leider nur zu wahr, und furchtbarere Dinge noch hatten sich ereignet und ereigneten sich weiterhin.

Die bolschewistische razvyorstka beging Taten, die kein Zarismus hätte übertreffen können. Es scheint unmöglich, daß eine revolutionäre Regierung, sei sie marxistisch, niedrig genug sein kann, um sich derart brutal zu rächen und die Barbarei in diesem Ausmaß zu praktizieren.

Ganze Distrikte wurden verwüstet. Ich habe Dörfer gesehen, wo kein Mann mehr am Leben war: alle waren erschossen worden, nur die Frauen und die Jungen unter 14 Jahren waren übrig. In anderen Dörfern waren die Männer  einer nach dem anderen ausgepeitscht, dann, unabhängig von ihrem Alter, zur Armee gepreßt worden.

In einigen Dörfern entschlossen sich die Bauern nach mehreren Erfahrungen mit kommunistischen Strafexpeditionen, in den Bergen und Wäldern Zuflucht zu suchen, um zu werden, was man die "Grünen" nennt, und erklärten den Bolschewisten einen gnadenlosen Krieg. Ich sah Dörfer, aus denen die razvyorstka bis zum letzten Pfund Mehl alles weggeschleppt hatte, selbst das Saatgut, welches die Bauern für die nächste Aussaat aufbewahrten. Die Kühe und die Pferde wurden ebenso mitgenommen , wie jedes andere Haustier; die Betten und Decken etc... in Fetzen gerissen.

Andere waren durch die bolschewistische Artillerie, unter dem Vorwand der Bestrafung und um den Nachbardörfern ein abschreckendes Beispiel zu geben, dem Erdboden gleichgemacht.

Ich wurde nun gewahr, daß das Wort Kommunismus für das Volk gleichbedeutend mit Tschekismus, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt geworden war.

Dieses Wort war in den Städten, besonders aber in den Dörfern, der Gegenstand eines intensiven und dauerhaften wilden Hasses geworden, der geboren war aus getäuschter Hoffnung und dem erlittenen Martyrium. Diese Agrar-"Politik" der Bolschewisten läutete den Tod der Revolution ein.

Kropotkin wiederholte, die gleichen Erfahrungen vor Augen, oft gegenüber seinen Besuchern und in seinen Briefen diese Worte: "Die Bolschewisten haben der Welt gezeigt, daß sich eine Revolution auf diese Weise nicht vollziehen kann."

Aus:
Peter Kropotkin - Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980

Der Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der Broschüre leider nicht angegeben.

Gescannt von anarchismus.at


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