Rudolf Rocker - Soziales Elend und Revolution

Wie so viele andere, so hatte auch ich in meiner Jugend fest daran geglaubt, dass die Verschärfung des sozialen Elends die Menschen allmählich zum Bewusstsein der tieferen Ursachen ihres menschenunwürdigen Daseins bringen würde. Ich habe mich seitdem längst überzeugt, dass dieser Glaube nur ein gefährlicher Wahn ist, wie so manches andere öde Schlagwort, das wir von der älteren Generation bedingungslos übernommen hatten. Meine Wanderungen durch die Stätten des fürchterlichsten Elends hatten diesen Glauben zuerst ins Wanken gebracht und mich zu einer besseren Erkenntnis befähigt, wie sehr ich mich anfangs auch dagegen sträubte.

Ich habe diese Ausflüge in die düstersten Winkel des sozialen Elends nie ganz aufgegeben, wenn ich sie später auch nicht mehr mit demselben Eifer betrieb wie in der ersten Zeit meines Londoner Aufenthaltes. Da ich allmählich unter den Londoner Kameraden den Ruf erlangt hatte, ein guter Kenner jener Distrikte der schlimmsten Armut zu sein, so schickte man mir auch in späteren Jahren manchen Gast vom Festland zu, dem ich als Führer dienen musste. Doch meine Eindrücke blieben stets dieselben, wenn auch die Schlüsse, die ich daraus zog, sich im Laufe der Jahre sehr geändert hatten.

Es gibt eine Stufe des materiellen und geistigen Elends, wo der Mensch zu keiner inneren Erhebung mehr fähig ist. Ich bestreite nicht, dass plötzlich eintretende schwere wirtschaftliche und soziale Krisen, Menschen unter gewissen Umständen zur offenen Empörung anregen können, aber nur, weil die Erinnerung an bessere Zeiten in ihnen noch lebendig geblieben ist. Wer aber nie eine bessere Vergangenheit kennen gelernt und sozusagen in das tiefste Elend hineingeboren wurde, der ist nur in seltenen Fällen zu einem Widerstand fähig, weil ihn das Leben bereits in der frühsten Jugend physisch und geistig zermürbt hat.

Es gab damals in London viele Tausende von Menschen, die nie in einem Bette geschlafen und sich bei Nacht in irgendeinem schmutzigen Winkel verkrochen, wo sie die Polizei nicht stören konnte. Ich habe mit meinen eigenen Augen Tausender menschlicher Wesen gesehen, die kaum noch als solche betrachtet werden konnten und sogar zu keiner wie immer gearteten Arbeit mehr fähig waren. Menschen, unglaublich zerlumpt, mit schmutzigen Fetzen bedeckt, die keine Blöße mehr verhüllten, Menschen, verlaust, verdreckt, von ewigen Hunger geplagt, die sich jeden Tag von den Abfällen der Strasse nährten und in den halbverfaulten Überresten, die nach dem Schluss der Märkte zurückblieben, gierig wühlten, um einen Bissen zu ergattern. Ich bin durch schmutzstarrende Gassen und aussehen gewandert mit halbzerfallenen Häuserfronten, so trostlos und öde, dass keine Feder imstande wäre, von dem grauen Jammer, der hier seine düsteren Kreise zog, ein richtiges Bild zu entwerfen. Und in diesen Höhlen der Armut und der bleichen Not wurden Kinder geboren, lebten Menschen vom Elend verzehrt, von endloser Qual vor der Zeit gebrochen und von allen anderen Schichten der Gesellschaft gemieden wie eine Horde Aussätziger und vom Schicksal Gezeichneter.

Auf diesem Düngerhaufen des Lebens konnte keine geistige Saat mehr gedeihen. Es war der Abfall einer Gesellschaft, deren Träger noch immer behaupten, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde, sich aber ängstlich hüteten, dieses Ebenbild in den Slums von London von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Ich habe auch in anderen Ländern manche Bilder des sozialen Elends kennen gelernt, aber in keinem Lande springt der grosse Unterschied zwischen dem üppigsten Reichtum und der unbeschreiblichsten Not so sehr ins Auge, als in den Grosstädten Englands. Reichtum und Armut wohnen häufig so dicht beisammen, dass sie kaum durch einige Straßenzüge getrennt sind. Sehr oft genügte es, von den Hauptverkehrsadern des Londoner Straßenlebens ein paar Seitengassen einzuschlagen, um in die schlimmsten Stätten der Armut zu gelangen. Was mir dabei am meisten auffiel, war der Umstand, dass man gerade in England an diesen Dingen weniger Anstoß nahm, als in anderen Ländern. Sogar bekannte Führer der englischen Arbeiterbewegung, mit denen ich Gelegenheit hatte, über diese Zustände zu sprechen, schienen sich damit abzufinden, wie mit einem unvermeidlichen Übel.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft eines Gespräches mit Ben Tillett über diese Frage. Tillett war zu jener Zeit nicht nur einer der bekanntesten Führer der englischen Gewerkschaftsbewegung, sondern auch eines der einflussreichsten Mitglieder der Social Democratic Federation, der einzigen rein marxistischen Körperschaft, die damals in England existierte. Nach seiner Meinung war eine Verbesserung der sozialen Zustände nur dort möglich, wo bei Menschen der Trieb zur Arbeit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht gänzlich erloschen waren. Viele der Insassen der berüchtigten Hungerdistrikte aber, meinte er, seien durch das chronische Elend bereits so restlos demoralisiert, dass sie weder zu anderen Lebensbedingungen noch für höhere soziale Bestrebungen mehr fähig waren. In Zeiten revolutionärer Übergänge aber, sagte er, gingen gerade aus solchen Gegenden die Hyänen der Revolution hervor: deshalb müsste eine sozialistische Regierung auf Mittel und Wege sinnen, sich des Lumpenproletariats zu entledigen, da falsches Mitleid in diesem Falle dem Sozialismus nur schaden könnte.

Der bekannte Sozialphilosoph Max Weber führte die sonderbare Mischung von übertriebener Kirchenfrömmigkeit und kaltem Erwerbssinn bei der englischen Bourgeoisie auf den Puritanismus zurück, der von der fatalistischen Vorbestimmungstheorie Calvins stark beeinflusst wurde. Er und sein Nachfolger Ernst Troeltsch haben in ihren religions-psychologischen Betrachtungen zur Wirtschaftsgeschichte manches überzeugende Beispiel zur Bekräftigung ihrer Auffassung ins Feld geführt. So ist es z.B. sehr einleuchtend, dass die Malthussche Bevölkerungstheorie sich gerade in England entwickeln konnte, von der auch Darwin nach seinem eignen Geständnis sehr stark beeinflusst wurde. Auch der soziale Darwinismus Thomas Huxley’s wurde vielleicht mehr von calvinistischen Überlieferungen beeinflusst, als er selber ahnen mochte. Fatalistische Theorien führen häufig zu ganz absonderlichen Seelenzuständen, besonders, wenn sie den geheimen Neigungen der besitzenden Klassen so bequem entgegenkommen und zur Beruhigung des Gewissens beitragen. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass die häufig fast unbegreifliche Gleichgültigkeit dem empörendsten Elend gegenüber hauptsächlich durch puritanische Einflüsse bestimmt wurde. Jeder Schicksalsglaube ist letzten Endes ein sich abfinden mit Verhältnissen, die man als unvermeidlich betrachtet, weil man sie nicht Indern will oder nicht ändern zu können glaubt.

Von welcher Seite man die Frage immer betrachten mag, so ist kaum zu bestreiten, dass das alte Schlagwort »Je schlimmer, desto besser« auf einem groben Irrtum beruht, der solchen fatalistischen Auffassungen nur Vorschub leiste. Es ist ebenso sinn- und inhaltslos wie die abgedroschene Phrase, »alles oder gar nichts«, welche damals manchen sich als besonders radikal dünkenden Schwadroneuren als Vorwand dienen musste, sich allen zeitweiligen Verbesserungsversuchen zu widersetzen, auch wenn sie von den Arbeitern selbst ausgingen, weil dadurch das Proletariat angeblich vom Wege der sozialen Befreiung abgelenkt wurde. Eine solche Auffassung widerspricht nicht nur allen geschichtlichen Erfahrungen, sie beruht auch auf einer vollständigen Verkennung aller psychologischen Voraussetzungen, denn es ist schwer anzunehmen, dass Menschen, die nicht heute schon bereit sind, ihre soziale Lebenslage zu verbessern, sich für eine vollständige soziale Befreiung begeistern sollten. Solche leeren Schlagworte sind nicht nur der schlimmste Feind jeder sozialen Entwicklung, sie sind auch ein Krebsschaden für jede revolutionäre Bewegung.

R. Rocker, Im Sturm der Zeiten [Memoiren Bd. II], Nachlass R. Rocker IISG Amsterdam, S. 39-44.

Originaltext: http://raumgegenzement.blogsport.de/2009/10/13/rudolf-rocker-soziales-elend-und-revolution/


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