Vorwort Rudolf Rockers in „Di anarkhisten“ von Henry Mackay

Die erste Auflage von Mackays Werk "Die Anarchisten" erschien 1891, zu der Zeit, als die deutschen Anarchisten erstmals versuchten eine öffentliche Propaganda zu entwickeln. Vor dieser Zeit war der Anarchismus in Deutschland nur sehr wenig bekannt und die wenigen konspirativen Gruppen, welche in der Rhein-Gegend, Berlin und etlichen anderen größeren Städten existierten, waren viel zu schwach um Einfluss auf die Bevölkerung auszuüben, überhaupt auf die deutsche Arbeiterklasse. Die ganze Tätigkeit dieser Gruppen war auf die Verbreitung geheimer anarchistischer Zeitungen, Broschüren und Manifeste beschränkt, welche im Ausland gedruckt worden waren und dann über die Grenze geschmuggelt worden sind. Diese unterirdische Arbeit hat ungeheure Opfer gekostet und mancher der ersten anarchistischen Pioniere in Deutschland verbrachte fünf, acht, zehn und fünfzehn Jahre Zeit in den Kerkern der deutschen Reaktion, dafür, dass sie zu einer konspirativen Organisation gehörten und verbotene Literatur verbreiteten. Und diese Männer haben bei keinem die kleinste Sympathie gefunden, nicht bei den Arbeiter-Massen, weil die sozialdemokratischen Anführer keine Gelegenheit versäumt haben aus dem Anarchismus eine Karikatur zu machen und die Anarchisten als Agenten der Polizei zu verleumden. Auf dem sozialdemokratischen Kongress in St. Gallen (1887) hat Wilhelm Liebknecht ein Referat über "Anarchismus und Sozialismus" gehalten; bei dieser Gelegenheit hat er die Anarchisten in drei Gruppen eingeteilt: 1) die Polizei-Spione 2) die Verrückten 3) die Verbrecher. Kein Wunder, dass der Anarchismus nicht viele Anhänger und Sympathisanten hatte, überhaupt in der Zeit der "Sozialisten-Gesetze", in jener finsteren Periode, als die Reaktion jedes freie Wort erstickte und die politische Polizei das ganze Land mit bezahlten Spionen und Provokateuren überzog.

Erst nach dem Niedergang dieses schändlichen Gesetzes und mit der Entstehung der Bewegung der "Unabhängigen Sozialisten" (1891) hob eine neue Ära für die anarchistische Bewegung in Deutschland an. Die Polizei unterdrückte bald den ersten Versuch der Anarchisten ein selbstständiges Organ in Deutschland zu schaffen, was die Bewegung allerdings nicht daran hinderte ihren Weg in die Öffentlichkeit zu finden.

Von den verschiedenen anarchistischen Richtungen waren zuerst nur der revolutionäre kommunistische Anarchismus bekannt und selbst die Anhänger dieser Richtung waren sich zu Beginn über dessen Ideen und Bestrebungen unklar. Die ganze anarchistische Literatur beschränkte sich auf etliche Agitations-Broschüren von Johann Most, Kropotkin, Reklu und einige andere. Es existierte kein größeres theoretisches Werk in jener Epoche und die Geschichte der Bewegung in anderen Ländern war gänzlich unbekannt.

Zu jener Zeit erschien "Die Anarchisten"; durch dieses Werk wurden die deutschen Anarchisten zum ersten Mal mit einer neuen Richtung bekannt: dem individualistischen Anarchismus. Das Buch rief gewaltige Diskussionen im anarchistischen Lager hervor und man kann nicht sagen, dass es viele Anhänger fand. Man hat es zum Lesen lieb gehabt, denn der Autor hatte für die Entwicklung seiner Anschauungen die Romanform gewählt, doch nur wenige fühlten sich von den Ideen und Bestrebungen angezogen, die der Verfasser als die eigentliche und einzige Lehre des Anarchismus vorgestellt hat.

Auch später, nachdem sich die anarchistische Bewegung in Deutschland besser entwickelt hatte, und als die Ideen und Theorien der anarchistischen Lehre breiter und tiefer von ihren Verteidigern aufgefasst worden sind, blieb die Wirkung von Mackays Buch gleich. Man hat es als Kunstwerk geschätzt, als die geniale Arbeit eines bedeutenden Dichters, aber in theoretischer Hinsicht schrieb man ihm keine große Wichtigkeit zu.

In Wirklichkeit hat Mackay den individualistischen Anarchismus nicht durch neue Ideen und originelle theoretische Auffassungen bereichert. Wir finden bei ihm nicht die philosophische und theoretische Tiefe eines Belgarik, Warren oder eines Andrus und sicher nicht die glänzenden publizistischen Fähigkeiten eines Tucker; auch sein Versuch die Ideen des kommunistischen Anarchismus zurück zuweisen ist sicher nicht besonders glücklich. Er konnte Menschen mit tieferen Überzeugungen und selbstständigen Meinungen nicht überzeugen.

Manche behaupten sogar Mackays Werk sei historisch nicht richtig. Seine ganze Auffassung von Bakunins Persönlichkeit ist beispielsweise sehr einseitig und unklar. Auch weiß man heute überall, dass der sogenannte "revolutionäre Kommunismus" über die "Pflichten eines Revolutionärs zu sich alleine und zu seinen Revolutionsgenossen" nicht das Werk von Bakunin sondern von Netschajew gewesen ist.

Das ganze Buch hatte zuerst einen ganz anderen Charakter bekommen. Mackay machte sich erst 1887 mit der sozialistischen und anarchistischen Bewegung bekannt und im gleichen Jahr beschloss er das Werk zu schreiben. Das große Ereignis dieses unvergessenen Jahres: die Bewegung der Arbeitslosen in London, die blutigen Kämpfe zwischen der Bevölkerung und der Polizei auf Trafalgar Square und hauptsächlich die schreckliche Tragödie in Chicago gaben dem Künstler und Dichter genügend Stoff dieses Werk zu schaffen; aber seine eigene geistige Entwicklung hat ihn davon abgehalten diesen Plan zu auszuführen. Erst vier Jahre später erschien das Buch unter dem Namen "Die Anarchisten" und der Charakter war ein ganz anderer, wie der Autor zuerst beabsichtigt hatte.

1889 entdeckte Mackay das geniale Werk von Max Stirner "Der Einzelne und sein Eigentum", welches im Jahr 1845 erstmalig erschien. Aber dieses merkwürdige Buch, vielleicht das originellste Werk in der ganzen Weltliteratur, wurde vollständig vergessen, genau wie sein genialer Autor. Erst durch Mackay, wurde das Werk ein zweites Mal bekannt und wir haben ihm auch dafür zu danken, dass die wenigen biographischen Materialien über Max Stirner nicht vollständig verloren gegangen sind.

Stirners Buch hatte eine entscheidende Wirkung auf Mackays geistige Entwicklung. In Obans philosophischen Betrachtungen hören wir deutlich einen Abklang von Stirners Ideen, seine Sprache erinnert uns oftmals stark an Stirners Schrift.

Aber das ist gerade die theoretische schwache Seite von Mackays Werk, weil der Einfluss von Stirners genialer destruktiver Philosophie, die alle religiösen, politischen und soziale Begriffe in seine kleinsten Atome auflöst, den Verfasser ausschließlich auf einfache Negationen und rein kritische Bemerkungen beschränkt. Die Diskussion zwischen Oban und Trup, die eigentlich den Unterschied zwischen den beiden Richtungen Individualismus und Kommunismus erklären soll und welche beweisen soll, dass die Kommunisten überhaupt kein Anarchisten sind, berührt nur rein äußerliche Fragen und hat überhaupt keinen tieferen Inhalt. Dabei ist anzumerken, dass manche Behauptungen, welche Oban-Mackay seinem Opponenten Trup in den Mund legt, nicht nur ein bisschen zu einseitig sind, sondern einfach falsch. Wenn Trup beispielsweise den kommunistischen Jakobiner Babef zu einem Vorkämpfer des kommunistischen Anarchismus erklärt, dann ist das einfach absurd und absurd ist auch die Behauptung, dass der konsequente Kommunismus von jedem Mann einfordert, er solle die sexuellen Bedürfnisse jeder Frau befriedigen und umgekehrt. Eine solche grundlose Behauptung wirkt noch unangenehmer wenn wir uns daran erinnern, dass Trup keine Fantasiegestalt ist, sondern sich in ihm einer der charakteristischsten Typen der konspirativen anarchistischen Bewegung zu jener Zeit verkörpert (Otto Rinke, gestorben in Amerika). Eingestehend, dass der kommunistische Anarchismus in jener Periode in vielen Beziehungen noch primitiv und unterentwickelt gewesen ist (die wichtigsten theoretischen Werke aus dieser Richtung waren noch gar nicht veröffentlicht), fühlt der Leser aber instinktiv, dass Trup seine Position mit besseren Argumenten hätte verteidigen können und dass Oban-Mackay sich die Sache ein wenig zu bequem gemacht hat.

Doch diese theoretische Schwäche beeinflusst nicht den künstlerischen Wert von "Die Anarchisten". Die wunderbare und eindrucksvolle Beschreibung der Hölle Londons, die traurige Wanderung durch "das Reich des Hungers", die gelungene Darstellung der großen Ereignisse , welche sich in jener Zeit in der englischen Hauptstadt abgespielt haben und endlich die lebenswarme Beschreibung der schrecklichen Tragödie in Chicago, das alles macht dem Leser das Buch teuer und langfristig für spätere Generationen wertvoll. Die bekannten Persönlichkeiten in dem Lager der revolutionären Immigranten in London sind größtenteils gut gezeichnet und wer die Älteren aus der Londoner Bewegung noch kannte, erkennt sie bald.

In all diesen Beschreibungen manifestiert sich der wahre Künstler; wir fühlen den warmen Hauch der Ereignisse, die der Dichter uns vorstellt und lesen über Persönliches, dass alleinig er überlebte.

Rudolf Rocker

Quelle: John Henry Mackay. Di anarkhisten. m. Vorwort von Rudolf Rocker, Bd.1, London: Arbeter fraynd, 1908. Link: www.archive.org - Übersetzung: 09.11.2011

Originaltext: http://rockerrevisited.blogspot.de/2011/09/rudolf-rockers-vorwort-zu-di.html


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS