Vorwort Rudolf Rockers in "Fransisko ferrer un die fraye ertsihung fun der yugend"

Der Leser findet in diesem Werk nicht nur eine mehr oder weniger ausführliche Beschreibung von Francisco Ferrers Leben und Tätigkeit, sondern zur gleichen Zeit auch einen kurzen historischen Überblick über die freiheitliche Bewegung in Spanien und die grausamen und blutigen Verfolgungen, welche sie unter der klerikalen Tyrannei durchgemacht hat. Wir dachten uns, dass ein solcher Überblick notwendig ist, da ein Großteil der jüdischen Leser mit den ungeheuren Kämpfen, die sich abgespielt haben und noch abspielen im klassischen Land der Inquisition und der katholischen Kirche, gänzlich unbekannt sind. In keinem anderen Land haben diese Kämpfe zwischen Reaktion und Fortschritt einen solchen grausamen Charakter angenommen wie in Spanien. Die brutale Ermordung des großen Märtyrer der freiheitlichen Erziehung war nicht mehr wie eine einzelne Episode in der brutalen Verbrecher-Geschichte des klerikalen Regimes in Spanien. Die Vertreter der klerikalen Reaktion in diesem Land haben ständig mit den selben Waffen gekämpft, und Francisco Ferrer ist nur einer von hundert und tausenden Männern und Frauen, die erschossen wurden, garrotiert oder lebendig begraben in den Kasematten von Montjuich und anderen Festungen der burbonischen Monarchie.

Diese grausame und unmenschlichen Verfolgungen erklären uns auch die zahlreichen Revolten, Aufstände und revolutionären terroristischen Akte, an denen Spanien reicher wie jedes andere Land in Europa ist. Die klerikale Tyrannei ist alleinig für diese Geschehnisse verantwortlich, die eine unvermeidliche und notwendige Folge dieses Regimes ist, dass vor den abscheulichsten und grausamsten Mitteln nicht zurückschreckt, um die normale Entwicklung einer neuen Ära in der Geschichte der spanischen Bevölkerung zu verhindern.

Trotzdem waren die grausamen und schrecklichen Versuche, welche die klerikale Reaktion machte, um die moderne freiheitliche Bewegung zu ersticken, nicht von Erfolg gekrönt. Die Zahl der Opfer war sehr groß, aber die neue Idee war stärker als alle Verfolgungen. Unter Blut und Tränen wurde ein neues Spanien geboren, und Francisco Ferrer war einer seiner glänzesten und nobelsten Vertreter.

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Zuerst war es unsere Absicht, dieses Werk mit einem längeren Anhang aus Abhandlungen der Lehr- und Lesebücher "Escuela Moderna" und "Ekol Renove" zu versehen. Leider waren wir nicht imstande diesen Plan zu verwirklichen, da die finanziellen Schwierigkeiten zu groß gewesen sind. Doch wenn unser jetziger schwacher Versuch auf einen gewissen Kreis von Sympathisanten stößt, Anhänger der freien Erziehung unserer Kinder, wollen wir höchst zufrieden unsere Arbeit in diese Richtung fortsetzen und eine Sammlung der besten Abhandlungen, die in Ferrers Zeitschriften und anderen pädagogischen Journalen für die freiheitliche Erziehung der Jugend erschienen, in einem weiteren Buch veröffentlichen.

Die Frage nach der Erziehung nimmt gegenwärtig einen große Platz bei den kulturellen Tätigkeiten der freiheitlichen Elemente aller Länder ein. In manchen Ländern gründete man freie Schulen nach dem Modell der "Escuela Moderna" in Barcelona; und die "Internationale Vereinigung für die rationale Erziehung der Jugend" , die Francisco Ferrer gegründet hat, unterstützt die dortigen Versuche nach ihren besten Möglichkeiten. Es versteht sich von selbst, dass die Gründung einer solchen Schule mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, und sie kann nur dort ausgeführt werden, wo schon eine starke freiheitliche Bewegung, als das notwendige Fundament eines solchen Unternehmens besteht.

Aber auch dort, wo vorläufig noch nicht an die Gründung einer freiheitlichen Schule zu denken ist, kann und darf man für die freiheitliche Erziehung der Jugend tätig sein. Es ist überall möglich aufklärerische Schriften zu veröffentlichen um frei denkende Eltern mit den Zielen und Methoden der freien Erziehung und besonders mit den eigentümlichen kindlichen Psyche vertraut zu machen.

Auch der Versuch der Schaffung einer freiheitlichen Kinder-Literatur wäre denkbar, um auf die jungen Herzen und Köpfe einzuwirken. In vielen Ländern wurden bereits Versuche in diese Richtung gemacht und der Erfolg war gut.

Das große Lebenswerk von Francisco Ferrer hat nicht nur für Spanien eine Bedeutung, sondern es hat eine Bedeutung für die ganze Welt. Es handelt sich um das Recht eines Kindes auf eine freie Generation und eine freie Zukunft.

Ferrer war der Pionier einer neuen Renaissance, und es ist unsere Aufgabe sein große Werk fortzuführen, welches er begann und mit seinem Blut bezahlte.

R.R., London, August 1910

Quelle: Rudolf Rocker. Fransisḳo ferrer un di fraye ertsyhung fun der yugend. London: Arbeter fraynd, 1910. Link: www.archive.org. Übersetzung: 10.09.2011

Originaltext: http://rockerrevisited.blogspot.de/2011/09/rudolf-rockers-vorwort-in-fransisko.html


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