Erfahrungsbericht aus dem KZ - Das Konzentrationslager Sachsenhausen

Anmerkung: Der folgende Bericht stammt von einem Mitglied der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union (FAUD). Er wurde 1946 verfasst.

Am 1O.Januar 1940 war meine sechsjährige Zuchthausstrafe beendet, doch wurde ich, wie die meisten politischen Häftlinge, auf Grund eines Schutzhaftbefehls von der Gestapo weiterhin in Haft behalten und in das KZ Sachsenhausen überführt.

Und fort ging es über Lingen, Hannover, Berlin. Im Berliner Polizeipräsidium 2 Tage und Nächte. Ich wurde in einem Gemeinschaftssaal im Keller untergebracht. Nun weiß ich nicht, war dies eine spezielle Einrichtung der Nazis oder war dies früher schon so? Die Aufenthaltsräume in diesem Keller waren derart von Kakerlaken, Russen, Wanzen und anderem Ungeziefer übersät, daß sich der Inhaftierte in diesen Räumen "als nur geduldet" vorkam. Lag man auf der Pritsche oder der Bank, so krabbelten sie gleich zu Hunderten über Gesicht, Kleider, Hände usw., so daß man sich gern zurückzog. Wollte man, da man einfach nicht schlafen konnte, wenigstens auf und ab gehen, trat man bei jedem Schritt auf dieses Ungeziefer, und stellte auch gerne das "Spazierengehen" ein.

Wir wurden 12 Mann hoch im "grünen Auto" nach Sachsenhausen gebracht. Unterwegs erhielten wir vom Begleitmann einige Ratschläge, wie wir uns im KZ-Lager Sachsenhausen benehmen sollten. Dies war gut, denn unser Aussteigen und Antreten in Doppelreihen klappte zum augenscheinlichen Mißbehagen der SS-Leute, die um uns herumstanden und nur darauf warteten, uns ihre Brutalität und Gemeinheit verspüren zu lassen. Ein Blick genügte, um festzustellen, daß es derselbe Menschentyp war, den wir schon im Moor kennenlernen mußten.

Damit meine nachfolgenden Darstellungen besser verstanden werden, muß ich einiges erläutern: Der Leser darf sich keineswegs unter dem Begriff KZ-Lager eine Einrichtung zur Umschulung politischer Gegner vorstellen, wie dies die Nazi-Propaganda dem deutschen Volke einzureden versuchte. Diese KZ-Lager waren alles andere, nur nicht eine Einrichtung zu einer Erziehung zum Besseren.

Lüge, Heuchelei, Erziehung zum Verbrecher, kurz alles, was in diesen Lagern gezüchtet wurde, mußte den Menschen zum Verbrecher und Taugenichts machen, oder falls er nicht fest auf seinen Füßen stand, zum Faschisten werden lassen und zwar in seinem üblesten Sinne. Andererseits war es eine Einrichtung für die SS-Angehörigen selbst, um sich an allem zu bereichern. Die Häftlinge erhielten nur zu essen, was der SS selbst nicht gut genug war. Wohnhäuser, komplette Wohnungseinrichtungen, Kleider, Schuhe, kurz alles wurde von Fachkräften hergestellt. Selbstverständlich ohne Bezahlung, denn "Sklaven" brauchen keinen Lohn, sondern höchstens Prügel. Je höher der Rang der SS-Angehörigen war, desto größer war auch ihr Bedarf und ihre Ansprüche.

Die Häftlinge selbst waren in "Winkelkategorien" eingeteilt: rote Winkel für politische Häftlinge, grüne Winkel für Berufsverbrecher, schwarze Winkel für asoziale Häftlinge usw. Wer nun aber glaubt, daß diejenigen mit rotem Winkel nur die idealen Kämpfer gegen den Faschismus waren, der ist im Irrtum. Hinter dem roten Winkel konnte "im wahrsten Sinne" des Wortes ebenso gut ein Berufsverbrecher oder Assozialer verborgen sein, wie hinter dem grünen oder schwarzen Winkel der bewußte Klassenkämpfer, der überzeugteste Antifaschist und der anständigste Mensch zu finden war.

Diese Winkel waren ja in Wirklichkeit nur eingeführt, um unter den Häftlingen Gegensätze künstlich zu züchten und keine Harmonie aufkommen zu lassen. Solches hätte ja für die SS gefährlich werden können. Bei dem durchschnittlichen geistigen Niveau der Häftlinge war es deshalb durchaus verständlich, daß einer mit rotem Winkel meistens nur mit Geringschätzung auf die Träger andersfarbiger Winkel herabsah, weil er sich einbildete, nur auf Grund seines roten Winkels und nicht seines Handelns und Verhaltens etwas besseres zu sein. So bildete sich auch der "Rotwinklige" ein, allein das Anrecht zu haben, Capo, Blockältester, Stubenältester und dergleichen zu werden, auch wenn er seiner inneren Einstellung nach ein Schurke und Heuchler war.

Jedoch der politisch denkende und anständige Häftling hielt sich daher von jedem Posten fern und zog es vor, lieber mit der Masse zu darben, zu entbehren und, wenn es sein mußte, unterzugehen, als auf Kosten der Mithäftlinge seine Lage zu verbessern.

Rechtsum, im Laufschritt marsch, marsch, kehrt, marsch, marsch! Hinlegen! Aufstehen! Laufschritt, marsch, marsch! Halt! Knie beugt! streckt! wechselten etwa 2 Stunden miteinander ab. Die Zunge klebte uns am Gaumen, teils vor Durst, teils vor innerer Aufregung und vielleicht auch aus Angstgefühl.

Nach diesen 2 Stunden rein in den Aufnahmeraum. In Zweierreihen aufgestellt wurde jeder nach Name, Rasse, Staatsangehörigkeit, Stand usw. gefragt. Hiernach wurde an jeden die Frage gerichtet, weshalb er ins KZ-Lager eingeliefert worden sei (die Handakten der Gestapo über uns lagen bereits auf einem Tisch bereit und während wir draußen 2 Stunden gequält wurden, sind diese Akten durchstudiert worden).

Der erste an der Reihe war ein Parteimitglied der KPD. Er hatte wegen illegaler Tätigkeit 2-3 Jahre Zuchthaus verbüßt und war den Akten nach scheinbar harmloser Natur. Er wurde ohne Schläge abgefertigt. Bei mir stellte sich der SS-Mann sogleich in herausfordernde Schlagposition. Die gestiefelten Beine gespreizt, die Mütze etwas schief nach hinten gerückt, mit einer zynisch-bedenklichen Miene mir einige Male zunickend, wußte ich sofort, daß bei mir die Sache etwas schlimmer stehen mußte, als bei dem bereits abgefertigten Nebenmann.

"Weshalb sind Sie hierher gekommen?"
"Ich habe 6 Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Verbrechen gegen das Sprengstoffgesetz verbüßt und bin hier laut Schutzhaftbefehl, da man befürchtet, ich könne eine staatsfeindliche Handlung begehen".
"Und "Sie" sind der Meinung?"
"Daß ich zu unrecht wegen Vorbereitung zum "Hochverrat" bestraft worden bin. Eine strafbare Handlung gegen das Sprengstoffgesetz habe ich begangen und auch wieder nicht".

Jetzt prasselten die Schläge auf mich ein, so daß ich nicht mehr wußte, ob ich auf dem Kopf oder den Füßen stand. Ich fühlte etwas nasses auf dem Gesicht - es waren Tränen -, aber nicht vor Schmerzen, sondern aus ohnmächtiger Wut, daß ich mich nicht wehren durfte.

"Und was meinen Sie jetzt?"
"Jetzt meine ich, daß ich mich dem zu fügen habe, was Sie anordnen und bestimmen".
Diese Antwort wußte er sich scheinbar nicht so recht zu deuten. Er änderte seine drohende Haltung und machte im Weitergehen die Bemerkung: "Das wird für Sie wohl das Beste sein".

Der Nächste war ein "Meckerer" und wurde mit einer Ohrfeige bestraft.

Nun kam ein Jude.
"Du bist Jude? Weshalb bist Du hier?"
"Wegen Rassenschande".
"So, Du Saujude, Dir wollen wir jetzt zeigen, was es heißt, ein deutsches Mädchen zu mißbrauchen!"
"Mantel aus, hier leg' Dich über den Tisch!"
Nun ergriffen 2 SS-Leute je einen spanischen Rohrstock und sofort prasselten die Schläge in derartiger Zahl und Wucht, so daß man meinte, der Jude müßte sich in Stücke auflösen. Es mochten 200 - 250 Schläge gewesen sein, und nach dieser Prozedur mußte er in Kniebeuge gehen, bis alle abgefertigt worden waren.

Die nächsten zwei waren wegen krimineller Vergehen aus dem Strafvollzug Entlassene. Sie waren Mitglieder der SA und NSDAP. Es fiel kein schiefes Wort und keiner erhielt Schläge.

Jetzt kam ein Geistlicher.
"Weshalb sind Sie hier?"
"Ich habe das getan, was mir meine Religion vorschreibt und was sich mit meinem Gewissen vereinbaren läßt".
"Scheinbar haben Sie sich dem nationalsozialistischen Staate noch nicht angepaßt".
"Verzeihen Sie, ich bin in Sachen meiner Religion konsequent und diene meinem Gott, den ich allein als höchstes Wesen anerkenne. Das weltliche Geschehen und die politischen Ereignisse haben für mich nur sekundäre Bedeutung".
"So? Das wollen wir gleich sehen! Dort steht ein Eimer und dort fließt Wasser. Lassen Sie den Eimer voll laufen und kommen Sie dann hierher".
Der Geistliche führte dies aus und stellte sich auf den angewiesenen Platz.
"So, jetzt Knie beugt, Wassereimer mit beiden Händen angefaßt, Arme streckt!"
Nach kurzer Zeit fängt der Geistliche an zu schwanken und wird augenscheinlich kraftlos. Darauf antwortete der SS-Posten:
"Mensch, wenn Du nicht stille hälst, ziehe ich Dir den Stock über den Rücken. Was ist Dir jetzt näher, Dein Gott oder der Eimer Wasser?"
"Als Mensch können Sie mich zerbrechen, aber meinen Glauben können Sie mir nicht nehmen. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich bin auch bereit, für meinen Glauben zu sterben".

Was nachher geschah, weiß ich nicht. Fünf von uns, die bereits abgefertigt waren, wurden ins Bad und zum Einkleiden geschickt; wahrscheinlich durften wir auch nicht mehr Zeugen dessen sein. Ich habe jedenfalls von dem Geistlichen nichts mehr gehört und ihn auch nicht mehr zu Gesicht bekommen. Zu gerne hätte ich ihm die Hand gedrückt, nicht, weil er Geistlicher war, sondern weil er derart standhaft zu seiner Weltanschauung hielt.

Nach dem Bad und Einkleiden wurden wir auf die Zugangsbaracken verteilt. Ein Kamerad aus dem Moor begrüßte mich. Ich wunderte mich über sein gutes Aussehen und befragte ihn deshalb. Ja, sagte er, hier ist ein anderer Zug als im Moor. Auch Du wirst hier einen guten Posten als "Politischer" erhalten, und es wird Dir ebenso gut gehen wie mir. Natürlich mußt Du Dich erst einleben und wissen, was gespielt wird. Ich fragte ihn, wie es komme, daß so viele Lagerinsassen derart abgemagert und schlecht aussähen, worauf er sagte: Da wirst Du schon noch drauf kommen.

Nun wird das Abendessen ausgeteilt. Mein Moor-Kamerad stellt eine Zweiliterschüssel vor sich hin und schöpft sie aus dem Kübel mit Suppe voll. Nun wendet er sich an uns und erklärt: Eigentlich solltet Ihr Zugänge die ersten drei Tage nichts zu essen kriegen, aber da ein guter Kamerad von mir aus dem Moor dabei ist (meine Wenigkeit), geben wir euch von unserem Essen etwas ab. Ihr bekommt jeder einen halben Liter Suppe und eine Schnitte Brot. Uns freute dieser Kameradschaftsbeweis und selbstverständlich bedankten wir uns.

Nach dem Abendessen besuchten mich noch zwei andere Kameraden, die mit mir im Moor zusammen waren. Im Laufe des Gesprächs stellten sie an mich die Frage, ob ich eigentlich etwas zum Abendessen erhalten hätte. Begeistert sagte ich ihnen, daß Kamerad H. uns von seinem Essen einen halben Liter Suppe und eine Schnitte Brot abgegeben hätte. Kopfschüttelnd sahen sich meine beiden Kameraden groß an und gaben mir folgende Erklärung: So? Der Lump hat auch dich noch um einen halben Liter Suppe und um 2/3 deiner Brotration betrogen. Für euch ist dasselbe Essen empfangen worden wie für uns! Er ist Stubenältester und ein hemmungsloser Lump geworden. Wir sorgen dafür, daß du ab morgen auf einen anderen Block verlegt wirst. Du kommst wieder zu einem Moor-Kameraden, der Stubenältester geworden ist, aber Kamerad blieb. Ja, Menschen und Zeiten können sich ändern!

Ändern Tages wurde ich verlegt und freute mich, bei einem Menschen zu sein, der für seine Leute sorgte wie ein Vater. Bevor nicht alle ihr Essen hatten, nahm er keinen Bissen zu sich und seine Ration war genau gleich der unsrigen.

Der erste Morgenappell

Der Appell beginnt folgendermaßen: Vor den Blöcken antreten. Im Laufschritt zum Appellplatz, die Blöcke auf den für sie bestimmten Plätzen aufstellen, ausrichten, abzählen, Appell abnehmen und im Laufschritt wieder zurück zu den Blöcken. Außerhalb der Blöcke mußte alles im Laufschritt ausgeführt werden, sei es Essenholen, zum Baden gehen, auf Arbeitskommando gehen usw. Während wir in Reih und Glied auf dem Appellplatz standen, fiel mir auf, daß an mehreren Stellen der Hintermann seinen Vordermann krampfhaft mit beiden Armen festhielt. Ebenso war ich erstaunt, daß beim Abrücken mehrere Häftlinge in Decken gehüllt oder auf dem Rücken sitzend von anderen Häftlingen mitgetragen wurden. Natürlich alles im Laufschritt. Da ich dies in der Eile und unter dem Einfluß der vielen neuen Eindrücke nur oberflächlich gewahrte, nahm ich an, daß es sich um plötzlich krank gewordene Häftlinge handele. Die Sache ließ mir keine Ruhe und ich befragte mich, warum krank gewordene Häftlinge nicht im Revier behandelt oder Schonung erhalten würden, anstatt auf diese Art zum Appell mitgeschleppt werden zu müssen. Ich bekam zur Antwort: Du mußt aber schlechte Augen haben, daß Du nicht sehen konntest, daß es meistens Tote waren, die da mitgetragen wurden! Alle, die in der Nacht gestorben sind - z.Zt. sind es 40 - 50 täglich - müssen zum Appell antreten; die Toten können erst um 9 Uhr morgens in der Leichenkammer abgeliefert werden.

Ich hatte an der Wahrheit dieser Worte noch gezweifelt, doch beim nächsten Morgenappell stand in unmittelbarer Nähe von mir durch den Kameraden festgehalten ein Toter. Dasselbe Bild an vielen Stellen, teils offen, teils sehr verdeckt. Beim Abrücken wußte ich jetzt wirklich, daß die Weggetragenen Tote waren, und daß das Unglaubhafte, das unmenschlich Grauenhafte Tatsache ist, Menschen in Agonie und Tote mußten zum Zählappell mit! Ich stellte mir die Frage: Ist dieses in Deutschland möglich? Das deutsche Volk muß dies wissen, denn derartiges kann auf die Dauer doch nicht geheim geblieben sein!

Wenn die Aufenthaltsräume in den Blöcken einigermaßen der Belegschaftsstärke entsprachen, so waren in den Schlafräumen geradezu verheerende Zustände. Bettstellen waren keine drin, sondern nur vor Schmutz starrende Strohsäcke mit ganz kurzem, bereits halb verfaultem Stroh. Sack wurde neben Sack auf den Boden gelegt. Durchschnittlich kamen auf einen Sack zwei Mann zu liegen. Pro Mann eine Decke, zum größten Teil zerrissen und ebenso schmutzig wie die Strohsäcke. Liegen konnte man nur auf der Seite. Um auf dem Rücken zu liegen, reichte der Platz nicht aus. Wollte man sich auf die andere Seite legen, so konnte man dies nur gemeinsam tun.

Die zweite Nacht weckte mich mein Nebenmann und flüsterte mir ins Ohr: "Du, heute haben wir eine gute Nacht, mein Nebenmann lebt höchstens noch eine Stunde! Wir tragen ihn dann zusammen hinaus, dann haben wir Platz und warm für heute Nacht.

Ich half ihm dann, den Verstorbenen hinauszuschaffen und zurückgekehrt legt sich mein Schlafkamerad auf dieselbe Stelle hin mit einem unbeschreiblichen Wohlbehagen, wo noch vor wenigen Minuten der Verstorbene gelegen hatte, deckt sich mit dessen Decke zu und wickelt sich so recht mollig darin ein, daß ich hierüber zu frösteln begann.

Ich habe die ganze Nacht kein Auge mehr zugebracht, weil mich der Gedanke nicht los ließ: wieviele mögen wohl auf meinem Strohsack und unter meiner Decke schon gestorben sein?

Tagsüber war ich die ersten zwei Tage dem "Stehkommando" zugeteilt, d.h. die Strohsäcke und Decken wurden im Schlafraum aufeinandergestapelt, so daß etwa die Hälfte des Schlafraumes frei wurde. Dies war unser Stehplatz, sitzen oder liegen war verboten. Um sich bewegen zu können, reichte der Platz nicht aus, weil zu viele Menschen im Raum waren.

Und nun wurden Wunden behandelt: Phlegmone, Furunkel, Ekzeme, von Wassersucht aufgeplatzte Füße und dergleichen mehr, aber nicht etwa durch einen Arzt oder Krankenpflegepersonal, sondern jeder "behandelte" sich selbst.

Ich glaube nicht, daß selbst bei den primitiveren Völkern, die in ihrer Abneigung gegen Ärzte und moderne Krankenpflege alles zu heilen der Natur überlassen, ähnliches wie in Sachsenhausen zu sehen ist. Zur Reinigung vereiterter Wunden wurden Zeitungen, alte Lappen, Sackleine, ja selbst Stroh verwandt. Zum Verbinden benutzte man abgerissene Stücke von Hemden oder Unterhosen, gleich, ob sie gefärbt oder schmutzig waren; ferner Sackleinen, Putzlappen oder irgendwelches Papier dienten als äußerer Verband, der mit Schnur oder einem schmalen Stoffetzen festgemacht wurde. Derartige Verbände sollten lediglich verhindern, daß Eiter oder Ausscheidungen der Wunden die Kleider, Schlafstelle oder Räumlichkeiten beschmutzten und der Gestank wenigstens einigermaßen erträglich war. Ich habe gesehen, daß bei Kameraden einzelne Körperteile buchstäblich wegfaulten.

Kein Arzt, keine Verbandstoffe, keine Medikamente, ja nicht einmal eine Isolierung solcher bedauernswerter Menschen gab es, niemand kümmerte sich um sie. Bei der Kontrolle durch einen Blockführer der SS hörte man höchstens den Ausspruch: Stinkige Schweinebande! Aber dies war auch alles, was von seiten der SS für diese Leute getan wurde.

Konnten diese Kranken nicht mehr selbst zum Appell gehen, so mußten sie ebenso wie die Toten dorthin getragen werden. Da ich solches nicht mehr mit ansehen konnte, bat ich den Stubenältesten, mir irgendeinde Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen. Anderntags kam ich daraufhin zur Kartoffelküche, in der etwa 100 - 150 Mann beschäftigt waren. Unsere Arbeit bestand darin, aus einem Haufen verfaulter Kartoffeln noch etwaige brauchbare Stücke herauszusuchen und kochbereit herzurichten. Durchschnittlich waren von etwa 100 verfaulten Kartoffeln 2 brauchbar, stanken aber nicht weniger wie die verfaulten. Die ganze Küche, der Eßnapf und unser Essen waren mit diesem Gestank durchtränkt.

In dieser Kartoffelküche hatten ein SS-Posten und ein Capo die Aufsicht. Während ich bereits mit dem Aussuchen und Schälen der Kartoffeln beschäftigt bin, höre ich plötzlich Schreie und Schläge. Auf meine Frage, was los sei, sagt mein Nebenmann zu mir: Sie haben halt wieder einen erwischt. Der betreffende Kamerad hatte vor Hunger von diesen faulen, stinkenden Kartoffeln gegessen und wurde mit folgender Strafe belegt:

Der "Erwischte" mußte im Kartoffelschalraum - einem Kellerraum, mit Dampfheizung erwärmt, die Fensterstöcke etwa 1,20 x 1,00 m hoch und breit und etwa 0,80 m tief, oben mit einem Eisenrost abgedeckt und zu ebener Erde abschließend - Jacke und Hemd ausziehen. Die Fenster wurden aufgemacht und er mußte im Fensterschacht in Kniebeuge gehen. Kalte Winterluft zog von oben herein und erwärmte Innenluft kam vom Keller.

Schon dadurch konnte sich ein Mensch lebensgefährliche Krankheiten zuziehen. Aber damit nicht genug. Der Capo brachte nun einen langen Wasserschlauch, schraubte denselben an einen Wasserhahn an und richtete einen starken Wasserstrahl auf den Leib des betreffenden Kameraden. Nach kurzer Zeit brach der Bespritzte bewußtlos zusammen. Auf Anordnung des diensthabenden SS-Postens, der dieser Prozedur beigewohnt hatte, wurde der Kamerad in einen anderen Raum gebracht und auf den blanken Steinboden gelegt-. Die so Bestraften wurden auf den Block mitgenommen und anderentags als Leiche abgegeben. Mir wurde versichert, daß solche Schaustücke manchmal 5 mal am Tage zu sehen seien.

Ein anderes Kommando, berüchtigt als Todeskommando, rückte mit mehreren 100 Mann zum Klinkerwerk aus. Hier wüteten Capo und SS-Bewachungsposten jeden Tag derart, daß beim abendlichen Einrücken des Kommandos ein Auto oder "Moorexpress" voll mit Toten im Lager abgeliefert wurde.

Die Verpflegung in Sachsenhausen war derart schlecht, daß unter normalen Umständen ein Häftling in spätestens einem halben Jahr verhungert sein mußte. Daß unter diesen Umständen viele Häftlinge auf dem Marsch oder bei der Arbeit zusammenbrachen, ist wohl verständlich. Lag ein Zusammengebrochener an der Straße, so war der übliche Ausdruck der SS-Posten: Kannst Du nicht mehr oder willst Du nicht mehr? Oder: Ach, Du willst flüchten? Dann erhielt er ohne langes hin und her den Genickschuß.

Die in den Isolier- oder Strafabteilungen untergebrachten Häftlinge (Juden, Bibelforscher u.a.) waren nach kurzer Zeit in der Mehrzahl durch Tod abgängig.

Nach etwa einmonatigem Aufenthalt in Sachsenhausen hatte ich soviel erlebt, daß es mir vorkam, als seien es Jahre gewesen. All dies grauenhafte Geschehen ist so unfaßbar, daß man es in Worten nicht wiedergeben kann.

Anfang März 1940 wurde ein Transport für Dachau ausgesucht. Das ganze Lager mußte antreten. Alle, die noch einigermaßen körperlich auf der Höhe waren, wurden zu diesem Transport bestimmt, darunter auch ich. Es waren 1500 Mann angefordert, die aus 4000 zur Untersuchung geschickten ausgesucht wurden. Bei dieser Untersuchung, die man besser mit "Sklavenmarkt" bezeichnet hätte, sah man Gestalten, die buchstäblich nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Es waren keine Menschen mehr, sondern nur noch lebende Leichen, denen auch unter den günstigsten Vehältnissen nicht mehr zu helfen gewesen wäre.

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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