Erfahrungsbericht aus dem KZ - Straflager "Emsländer Moor"

Anmerkung: Der folgende Bericht stammt von einem Mitglied der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union (FAUD). Er wurde 1946 verfasst.

Mitte April 1937 wurde ich einem Transport zugeteilt, der zur Moorkultivierung im Emsland bestimmt war. In einer Ansprache brachte man unter anderem zum Ausdruck, "daß wir für würdig befunden seien, deutsche Erde zu kultivieren."

Der Empfang im Emsland war jedoch alles andere, nur nicht "würdig der deutschen Erde". Bisher von Justizbeamten alter Prägung "behütet", hörten wir an der Endstation auf einmal ein schnarrendes Kommando "Alles aussteigen! Na, wirds bald, Ihr Schweinehunde? Euch werden wir bald Bewegung beibringen!" Bei diesen Worten war ich im Zweifel, ob hier die Erde oder die Menschen zu kultivieren seien. So gut und schnell es eben ging, sind wir ausgestiegen. Auf der anderen Seite des Zuges steht auf dem Bahnsteig in etwa 200 Meter Länge eine Postenkette von SA-Leuten in blauer Hilfspolizeiuniform. Das Gewehr unter dem Arm schußbereit. Alle hatten sie jene verbissenen, rücksichtslosen und herzlosen Gesichtszüge, wie sie eben nur bei den Nazis anzutreffen waren. Unwillkürlich verglich man diese Menschen mit uns Gefangenen und wir sagten uns, wenn dies unsere Vorgesetzten sein sollen, dann sind wir unter wirkliche Verbrecher geraten.

Wir mußten uns in Viererreihen aufstellen, abzählen, rechtsum im Gleichschritt marsch! Die Postenketten flankierten jetzt beiderseits unsere Marschkolonne. Beim Abmarsch zun Lager winkte uns die Bevölkerung der Ortschaft freundlich zu und machte auf die Posten hindeutend allerhand Zeichen wie: Aufhängen, Erschießen, Verprügeln und dergleichen. Diese Zeichensprache wußten wir erst richtig zu werten, als wir außerhalb der Ortschaft waren. Kaum waren die letzten Häuser hinter uns, und die Straße nur noch von Heide und Hecken gesäumt, als im Handumdrehen bereits alle Posten Ruten, Stöcke oder Knüppel in Händen hatten, welche wohl vorher schon bereit lagen. Sofort hagelten die ersten Schläge auf unsere Rücken und Köpfe nieder und mancher schrie auf, weil er einen Tritt ins Gesäß, Kniegelenk oder Füße erhielt, nur weil er angeblich nicht Gleichschritt einhielt. Auch mein Vordermann erhielt Schläge und beklagte sich darüber, da er eine Kriegsbeschädigung am Fuße habe, und somit längere Zeit den Gleichschritt nicht einzuhalten vermöge. Er wurde angeschrien: Ach, du Schweinehund meckerst noch? Dir werden schon noch die Augen auf gehen. Das ist erst die Anzahlung. Und wieder sausten die Stockhiebe auf den Rücken meines Vordermannes nieder.

Nach etwa 5 Kilometern Marsch erreichten wir das Lager, es war etwa 17.00 Uhr. Um 21.00 Uhr, als die Posten sich vom vielen Dreinschlagen ausgeruht hatten, begann das Einkleiden und die Unterbringung in den Baracken. Jeweils 10 Mann mußten sich nackt vor der Kammer aufstellen und auf das Kommando "rein!" warten. Dann im Laufschritt rein. In Reih und Glied stillgestanden und nacheinander die Personalien abgeben. Danach einige Schritte weitergehen, wo 10 Kleiderbündel bereitlagen. Auf Kommanuo "aufnehmen", rechtsum, aus der Kammer marsch, marsch!

Hierbei mußten wir ein von den Posten gebildetes Spalier, die Hunde, Stöcke, Ruten und dergleichen bei sich hatten, passieren. Kaum einer vermochte ohne Fußtritte, Stock- oder Rutenhiebe, sowie leichte Bißwunden von Hunden hindurchzukommen. In den Baracken glaubten wir endlich Ruhe zu haben. Es mochte kaum nach Mitternacht gewesen sein, und wir lagen im ersten Schlaf, da blitzten plöztlich Taschenlampen auf, wir hörten Stiefelgetrampel und das Wimmern der Hunde. Kommandoruf: Alles raus aus den Betten, in den Tagesraum marsch, marsch! Auf die Balken, auf die Schränke marsch, marsch! Runter marsch, marsch! In die Betten, unter die Betten usw. Fast 2 Stunden lang! und wieder hagelte es Stockschläge, Fußtritte oder Bißwunden.

Um 6 Uhr morgens war Abmarsch zur Moorkultivierungsarbeit mit denselben Posten. An der Arbeitsstelle standen schon die Meister, erkennbar am weißen Mützenüberzug, um uns einzuteilen. Diese Meister waren in der Mehrzahl SS- oder SA-Leute, nur daß sie Zivil trugen, sonst aber der Naziverbrechertypus. Nach der Einteilung ging das Arbeiten los. Wer sich auszuruhen oder nur umzuschauen wagte, wurde an Ort und Stelle vom Meister oder Posten sofort mit Strafen belegt wie: Stockschläge, 100 bis 500 Kniebeugen, Bärentanz u.a.m.

Der Bärentanz ging folgendermaßen vor sich: Ein Spaten wurde in die Erde gestoßen, der Betreffende mußte sich an dem Stiel festhalten und solange im Kreise herumgehen, bis er umfiel. Unter dem Gelächter von Meister und Posten torkelte er wie ein Betrunkener wieder an die Arbeit; oder: Ein Schubkarren mit Sand im Laufschritt durch das aufgelockerte Moor fahren, wobei ein Posten mit blankgezogenem Seitengewehr hinterherlief und, sobald das Tempo nachlassen wollte, auf den Schiebenden einstach oder mit einem Stock dreinschlug, bis er nach völliger Erschöpfung zusammenbrach.

In die Sonne sehen: Die Bestraften mußten eine halbe oder eine ganze Stunde ohne zu blinzeln in das grelle Sonnenlicht sehen. Vor je 2 Mann stand ein Posten mit einer dünnen Gerte. Machte einer den geringsten Versuch, für einen Augenblick seine Augenlider zu schließen, sauste sofort die Gerte über die Augen und die Höllenqual wurde um eine weitere halbe Stunde verlängert.

Oder: Der Bestrafte mußte solange durch einen Abflußgraben, in dem sich 20 - 30 cm Schlamm und verfaultes Wasser angesammelt hatte, kriechen, bis er zusammenbrach und im Schlamm zu ersticken drohte.

Auch konnte man wegen einer Bagatelle in die Strafkompanie kommen, d.h., man mußte in einer besonderen Abteilung von den übrigen isoliert arbeiten und zwar von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, bewacht von den brutalsten Posten, denen Mißhandlungen, Quälereien und Schikanen am "geläufigsten" waren. Fast täglich kam es vor, daß Gefangene um die erlösende Kugel baten.

Die Verpflegung war der übrigen Behandlung angepaßt. Es gab morgens einen halben Liter schwarzen Kaffee, mittags nichts Warmes, abends 3/4 Liter Suppe, ein halbes Pfund Halbweißbrot und 1 Pfund Roggenschrotbrot, (welches die meisten nicht vertragen konnten), 125g Büchsenwurst oder Käse und dazu etwa 50g ungenießbares Kunstfett oder Talg. Brot, Wurst und Fett mußten als Mittagessen teilweise mitgenommen werden. Jeder von uns hatte in kurzer Zeit 20 - 25 Pfund durchschnittlich abgenommen und die Haare wurden bei der Mehrzahl fast zusehends grau. Im Revier wurde meistens nur mit Fußtritten oder auch der Pistole "behandelt".

Um den vielen willkürlichen Bestrafungen, Quälereien und Sonstigem nicht weiterhin ausgesetzt zu sein, hatten wir vereinbart, komme was da wolle, passiven Widerstand zu leisten, gleichviel, ob ein Posten, Meister oder Kommandoführer eine Strafe verhängt hatte. Zugleich gaben wir zu verstehen, daß, wenn ein Gefangener wirklich eine strafbare Handlung begangen hatte, eine entsprechende Meldung an den Lagerführer gemacht werden solle, von dem wir dann eine Bestrafung als allein zulässig auch annehmen würden.

Der Erste weigert sich, die über ihn verhängten Kniebeugen auszuführen und verlangt, dem Lagerführer vorgeführt zu werden. Der Zweite und der Dritte ebenfalls. Bei der vierten Weigerung wird sofort das Kommando zusammengerufen. Der Kommandoführer fährt ins Lager und erstattet Meldung wegen Meuterei. Er kommt mit Verstärkung zurück und der Tanz beginnt.

Kommando: Alles die Hände am Hinterkopf gefaltet! Im Laufschritt marsch, marsch! So trieb man uns etwa 4 km ins Lager zurück. Hier mußten wir warten bis 6 Uhr, bis alle Kommandos eingerückt waren.

Als erstes mußten wir 2 Baracken vom Bewachungslager ins Gefangenenlager transportieren. Ich habe in meinem Leben noch nie so schnelle Arbeit verrichten gesehen wie diesen Abend. Wir waren etwa 300 Mann. In nur wenigen Minuten stand von der ersten Baracke nur noch das Fundament da, und ebenso schnell war die Baracke im Gefangenenlager wieder aufgestellt. Dasselbe wurde bei der zweiten Baracke wiederholt. Doch, wer sich von uns umschaute, wer nicht blitzschnell auf Kommando zufaßte, oder irgendwie etwas hintennach hinkte, erhielt Stockschläge oder Stiche mit dem Seitengewehr. Fußtritte waren an diesem Abend Nebensächlichkeiten.
 
Nach etwa einer halben Stunde Abmarsch nach dem dem Lager zugehörigen Moorgebiet, welches ebenfalls kultiviert werden mußte. Die eine Hälfte unseres Kommandos mußte zum Werkzeugfassen und "Kulen" gehen, während die andere Hälfte in die Kniebeuge gehen mußte.

Es wurde gearbeitet, aber nicht mehr wie Menschen, sondern wie Maschinen. Graben um Graben wurde umgelegt, in einem Tempo, welches nicht zu beschreiben ist. Standen doch auf etwa 2 Gefangene ein Posten. Das blankgezogene Seitengewehr in der einen und in der anderen Hand der Stock! Fast    ohne Unterbrechung wurde dreingeschlagen oder gestochen. Nur Schreien der Posten und Schmerzenslaute der Mißhandelten waren in der Umgebung zu hören. Wir waren nicht mehr denkende Menschen, die das Geschehen erlebten, nur noch instinktiv vermochten wir, dem Zusammenbruch nahe, mit einem unbeschreiblichen Durstgefühl die mechanischen Arbeitsbewegungen durchzuführen.

Ich weiß nicht, haben wir eine, zwei oder drei Stunden gearbeitet, nur das ist mir bewußt, daß wir eine Arbeit bewältigt hatten, für welche wir normal 1 1/2 Tage gebraucht hätten. Wir wurden abgelöst durch die andere Hälfte, die bisher in Kniebeuge war. Nun mußten wir dieselbe Zeit, während    die anderen arbeiteten, in Kniebeuge gehen. Einige von uns brachen während der Kniebeuge zusammen. Es mußte nun eine Grube ausgehoben werden und einer von den Zusammengebrochenen wurde vom Posten mit den Stiefeln in die Grube getreten. Der Posten selbst deckte eine ca. 20 cm dicke Sand- und Moorschicht über den in die Grube Gestoßenen. Als sich nichts mehr regte in der Grube, schien es dem Posten doch etwas bedenklich. Er mußte aus der Grube gehoben und weg in den Arrest geschafft werden. Gesehen oder gehört haben wir von diesem Kameraden nichts mehr!

Nachdem nun auch unsere Kniebeugezeit und der Anderen Arbeitszeit beendet war, traten wir zusammen in gutem Glauben, daß nun die Qualen überstanden wären. Doch nach wenigen Minuten war Abmarsch in ein anderes, fertiges Feld.

Dieses Feld war tagsüber mit dem Inhalt der Abortgruben des Lagers übergossen worden. Es war nichts zu sehen als Abortpapier, menschliche Exkremente und Jaucherückstände. An diesem Feld mußten wir ausschwärmen, Front gegen das Feld. Und nun erscholl das Kommando: Alles hinlegen! Kriechen!!! Zum anderen Ende des Feldes und wieder zurück. Wehe dem, der den Kopf nicht tief genug auf der Erde hatte.

Die Posten sind auf unseren kriechenden Körpern herumgesprungen wie die Hyänen und lauerten darauf, um mit ihren Stiefeln unsere Köpfe in den Kot drücken zu können. Am Schluß sah das Feld aus wie frisch gepflügt, jedoch wir?! Ich möchte es nicht weiter beschreiben, nur was auf dem Felde weg war, klebte zum größeren Teil an unseren Kleidern, Händen und Gesichtern. Ich beschreibe auch unser Empfinden bei dieser Prozedur nicht weiter und bemerke nur: "Eine Kugel wäre uns als eine Wohltat willkommen gewesen!"

In Parallelerscheinungen zu diesem ist es z.B. im Lager VII öfters vorgekommen, daß Gefangene in die Abortgrube steigen mußten. Über ihnen mußten sich andere Gefangene aufstellen. Diejenigen in der Grube mußten nun einen Eimer mit dem Inhalt aus der Abortgrube denen über ihnen zureichen, die den Inhalt des Eimers auf die unter ihnen stehenden ausgießen mußten. Nach einiger Zeit wurden auf Anordnung der Posten die Positionen gewechselt. Ist es bei derartigen Zuständen unglaubhaft, daß Gefangene, um aus derartigen Höllen wegzukommen, sich selbst das Augenlicht nahmen, sich Arme oder Beine wegfahren ließen, Selbstmord begangen hatten, oder die Postenkette passierten, um die erlösende Kugel zu erhalten?

Ist es unglaubhaft, daß man einem Gefangenen, der sich den Unterarm abfahren ließ, um aus der Hölle wegzukommen, einfach einen Notverband anlegte, eine Prothese improvisierte und ihn ohne Schonung oder irgendwelche Rücksichten wieder an dieselbe Arbeit trieb, die er vordem verrichten mußte?

Ich greife nur noch einen Fall heraus, von den unzähligen anderen. Etwa Mitte Januar 1938 flüchteten von uns einige Kameraden durch den Stacheldraht aus dem Lager. Es war um Mitternacht! Alarm! Scheinbar wurde etwas bemerkt. Alle Lagerinsassen wurden nun von den Posten aus den Betten und auf die Lagerstraße gejagt. Es wurde aber keineswegs Zeit gelassen, uns anzukleiden, sondern wie man im Bett gelegen hatte, hinaus! Also die Mehrzahl nur mit dem Hemd bekleidet und barfuß. Antreten, abzählen und feststellen, wer fehlt!

Anschließend mußten wir "Stehen", bis der Kommandant sämtlicher Lager kam. Dies dauerte etwa 2-3 Stunden. Was das heißt, barfuß auf gefrorener Erde zu stehen, nur im Hemd, bei kalter, windiger Winterluft, das kann sich nur derjenige vorstellen, der ähnliches schon durchgemacht hat. So zu stehen, nannten die Nazi Kollektivstrafen. In Wirklichkeit war es einzig und allein beabsichtigte kollektive Gesundheitsschädigung.

Trotz alledem brachte von uns der Einzelne, sowie die Mehrzahl derartige Opfer für unsere geflüchteten Kameraden von Herzen gern. Wußten wir doch, daß, wenn es ihnen gelingt, das Ausland zu erreichen, sie die besten Kämpfer zur Verbesserung unserer Lage waren. Nur ihnen war, mit Hilfe des Auslandes, zu danken, daß im Laufe der Zeit die Verhältnisse etwas besser wurden. Derartige Wiedergaben von Geschehnissen klingen für Menschen, die den Faschismus nicht selbst am eigenen Körper zu spüren bekamen, einfach unglaubhaft, weil es das menschliche Begriffsvermögen übersteigt.

Aber viele, viele Tausende in Deutschland und viele, viele Millionen im Ausland werden den Beweis antreten, daß solches und weit Schlimmeres, als ich es darstelle, tatsächlich geschehen ist.

Meine Zeilen sollen ja auch nur ein bescheidener Beitrag sein zu einem Fanal, welcher den faschistischen Zeitabschnitt so festzuhalten versucht, wie er wirklich war. Dieser Beitrag soll einen Zeitabschnitt in der Geschichte der Menschheit mit brandmarken helfen, damit die Menschheit jetzt und nach uns ihr Urteil sprechen kann, so wie man über Cäsar oder Iwan den Schrecklichen spricht und urteilt.

Ich selbst habe drei Jahre im Emsländer Moor zugebracht. Wenn auch die letzten 1 1/2 Jahre etwas erträglicher waren, als die ersten, so ist dies lediglich dem Ausland durch seine Propaganda gegen den deutschen Faschismus zu verdanken. Doch ist und bleibt jenes von uns kultiviertes Land ein Land, das unsere Gesundheit, unseren Schweiß und unser Blut und ach, so manchen Seufzer verschlungen hat. Es ist ein Land, an das wir nur mit Grauen denken können. Emsland, wo sich die nationalsozialistischen Bestien zuerst an wehrlosen Menschen austoben durften!

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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