Erfahrungsbericht aus dem KZ - Im Dachauer Konzentrationslager

Anmerkung: Der folgende Bericht stammt von einem Mitglied der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union (FAUD). Er wurde 1946 verfasst.

Das Dachauer Konzentrationslager war von Kriegsbeginn bis März 1940 ausschließlich für SS-Truppen verwandt worden, somit waren wir die ersten Häftlinge, die das Lager wieder eröffnen mußten. Zu unserer Freude war das Dachauer Lager reinlicher als das Sachsenhausener. Wir hatten jeder ein Bett, 2 Decken, und es gab ein Revier für die Kranken. Wenn auch in diesem Revier mehr mißhandelt als behandelt wurde, so waren doch die Kranken nicht mehr der Selbsthilfe überlassen, wie dies in Sachsenhausen der Fall war.

Gleichzeitig mit uns kamen aus anderen Lagern die sogenannten "alten Dachauer" an, d.h. Häftlinge, die bereits früher im Lager Dachau inhaftiert waren. Unter diesen alten Dachauern versteht man Menschen, die entgegen ihrer Gesinnung sich umgestellt hatten und aus Angst um ihr Leben oder auch um eine Besserung ihrer Lage zu erzielen, irgendeine Funktion oder einen Posten im Lager annahmen und ihre Mithäftlinge schikanierten und drangsalierten. Es war der verachtenswerteste Typ.

Schon am ersten Tag fiel mir in Dachau das oft gebrauchte Wort "Kretiner" auf. Damit bezeichnete man im Lager Menschen, die es ablehnten, um irgendwelche Posten zu betteln, ihre Lage auf Kosten der Mithäftlinge zu verbessern, oder die Faschisten in keiner Weise unterstützten und dadurch natürlich total heruntergekommen und abgewirtschaftet waren. Auch hatte man dafür die Bezeichnung "Muselmann". In den Augen der alten Dachauer waren diese Mithäftlinge nicht etwa bedauernswert oder gar der Hilfe bedürftig, sondern man tat alles, um einen "Kretiner" möglichst schnell sterben zu lassen. Diese geistige Einstellung der "alten Dachauer" war für die Mithäftlinge weit gefährlicher als die verschiedenen Krankheitsepidemien.

Nach dem Wecken, das in Dachau ebenfalls morgens um 4 Uhr war, dem Bettenbauen und dem Kaffeetrinken, das alles im Eiltempo gehen mußte, mußten wir uns bis zum Morgenappell auf der Block- oder Lagerstraße aufhalten, egal bei welcher Witterung, egal ob jung oder alt, egal ob gesund oder krank, ob mit oder ohne genügende Kleidung, alles mußte hinaus bis auf den Stubendienst und das Blockpersonal. So standen wir jeden Morgen von 4-6 Uhr im Freien und warteten auf den Appell, der - wenn es gut ging - eine halbe Stunde, manchmal aber auch 3/4, eine ganze Stunde und auch länger dauerte. Diese Dauer hing von der Laune des Rapport- oder Lagerführers ab. Fehlte ein Häftling, oder war geflüchtet, so mußten wir auf dem Appellplatz "stehen", bis der Fehlende gefunden war oder das Suchen als aussichtslos eingestellt wurde.

Darüber konnten Stunden aber auch Tage und Nächte vergehen. Die Aufenthaltsstuben durften in Dachau nicht mit Schuhen betreten werden, sie mußten vor der Türe ausgezogen werden, und nur in Strümpfen, Füßlingen, Hausschuhen ohne Nägel oder barfuß durfte man hinein. Dies war ein ehernes Gesetz der "alten Dachauer". Obwohl die Häftlinge nur ohne Schuhwerk und auch nur einige Minuten im Aufenthaltsraum verbleiben durften, mußten morgens, mittags und abends sich 4-5 Häftlinge damit abquälen, den Barackenstubenboden auf Hochglanz zu wienern, was mitunter 1 1/2 bis 3 Stunden dauerte. Ein Stubenältester, der es verstand, seinen Boden mit einem organisierten Mittel besonders glänzen zu lassen, wurde gleich einem König von den "alten Dachauern" beweihräuchert.

Dies war aber keineswegs die einzige Schikane, das Bettenbauen übertraf noch bei weitem den "Bodenkoller". Der Strohsack mußte einer wie der andere vierkantig-zackig wie eine Zigarrenkiste bearbeitet werden. Decken bzw. Bettbezüge genau auf die Anzahl der Karos in der Breite aufgelegt werden und der Kopfkeil senkrecht wie waagerecht genau auf die anderen Betten ausgerichtet sein. Alles mußte mit einem Holzbügel glatt und ohne ein Fältchen oder eine Mulde "gebügelt" sein. Wehe dem, der dies nicht fertig brachte! Ihm wurde dann der Kaffee und das Mittagessen entzogen und dafür mußte er entweder Bettenbauen oder Strafarbeiten, wie Reinigung von Stuben, Aborten, Waschräumen, leisten, 10-14 Tage lang Essen holen und dergleichen. Dasselbe galt für das Putzen der Schränke.

Besser ging es den Kameraden, die den Stubenältesten mit Zigaretten un Lebensmitteln schmieren konnten, sonst mußte man Schränke putzen bis zur Verzweiflung. Auch gab es für derartige "Verbrechen" Meldungen nach "vorne". 1940 waren täglich etwa 50 - 100 Strafmeldungen. Verurteilt wurde man deswegen in der Mehrzahl "zu Pfahl" oder man mußte "über den Bock gehen".

Unter "zu Pfahl" verstand man: In einem Raum sind in einer Höhe von etwa 2,50 m waagerecht Balken angebracht, an denen im Abstand von einem Meter Ketten befestigt waren, die etwa 2 m lang herunterhingen. Unter der Kette stand ein Schemel. Der Bestrafte mußte nun auf einen Schemel steigen und die Hände auf dem Rücken kreuzen.

Um die beiden Handgelenke wurde ein Socke oder Lappen gewickelt und darüber die Kette befestigt, die nun so kurz gezogen wurde, bis die Arme bereits in Kopfhöhe zu liegen kamen und ein beträchtlicher Teil des Körpergewichts an der Kette hing. Dann wurde der Schemel, auf dem der Gefesselte "noch stand, von einem SS-Mann weggestoßen und er hing nun frei in der Luft. Nur kurze Zeit hielt seine Kraft in den gefesselten Armen aus, um die ganze Körperlast zu tragen. Die Arme zogen sich nach oben und der Körper senkte sich nach unten. Dadurch drehten sich die Arme im Achselgelenk, bis sie in senkrechte Lage zum Körper kamen. Bis zur Beendigung dieser Prozedur schwitzte der "Gehängte" derart aus allen Poren, daß die Kleider tropften und die Lache von Schweiß unter ihm auf den Boden immer größer wurde.

Man vernimmt Schreie, Weinen, Gejammer, Bitten, und wenn es sich um Erpressung von Geständnissen handelt, werden sie abgelegt, oder die Qualen stillschweigend erduldet. Dieses "zu Pfahl gehen" dauerte gewöhnlich eine Stunde und wurde je nach Art der Verurteilung in gewissen Zeitabständen wiederholt. Auch konnte es in besonderen Fällen bis zu 3 Stunden hintereinander dauern. Nach dieser Prozedur war der ganze Körper gefühllos und nur langsam erholte sich der Körper wieder. Die Arme selbst jedoch waren auf Tage oder Wochen hinaus unbrauchbar.

"Über den Bock gehen" hieß: zu Stockschlägen verurteilt sein. Der Bestrafte mußte sich mit heruntergelassenen Hosen auf ein pritschenartiges, etwa 1,20 m langes und 1,00 m breites und hohes Gestell legen, die Hände wurden ihm an einer besonderen Vorrichtung angeschnallt. Dann schlugen 2, 3 manchmal auch 4 SS-Leute, Block- oder Stubenälteste mit Ochsenziemern auf ihn ein.

Der Geschlagene mußte die Schläge zählen. Da nur jedes Zuschlägen gezählt wurde, jedoch von mehreren Mann ausgeführt worden ist, so erhielt der Bestrafte an Stelle der ihm verhängten 25 Schläge in Wirklichkeit 50, 75 oder 100. Die Schläge wurden mit voller Wucht geführt und zwar von "Schlägerspezialisten", die hauptsächlich bei der SS zu finden waren. Die einen schlugen speziell auf die Nieren, die anderen auf das Rückgrat oder Steißbein, wieder andere auf die Hoden oder auf ein und dieselbe Stelle des Gesäßes, bis die Haut aufplatzte und das Blut in Strömen an den Beinen herunterlief. Für derartige Verletzungen war eine Behandlung im Revier verboten. An den Folgen dieser Marter sind Tausende zugrunde gegangen oder tragen Körperschäden für ihr ganzes Leben davon.

Wieder eine andere Strafe war der "Stehbunker". Dies war eine kleine Zelle, in der ein Mensch nur aufrecht stehen konnte. Der Bestrafte mußte sich 3 Tage und Nächte ohne Unterbrechung darin aufhalten. Der vierte Tag galt als Erholungstag und je nach der Verurteilung, die bis zu 28 Tage ausgedehnt werden konnte, ging der Strafvollzug weiter. In den Strafabteilungen entsprachen die Zustände dem Lager in Sachsenhausen, nur nicht in demselben Ausmaß.

Mitte März erlebte ich folgendes:

Im Dachauer Lager wurde das Fundament zur Desinfektionsanstalt ausgegraben und hatte stellenweise eine Tiefe von 2,00 bis 2,50 m erreicht. In dem Graben sammelte sich das Bodenwasser und stieg über Nacht bis zu nahezu 1 Meter an. Als ich dort am zweiten Tag arbeitete, wurde ein Häftling vom Capo in die Grube gestoßen, neben dem Capo stand ein Oberscharführer. Der hinuntergestoßene Häftling versuchte sich wieder herauszuarbeiten, doch Capo und Oberscharführer schlugen mit einer Schaufel und einer Stange so lange auf den Häftling ein, bis er bewußtlos wieder in das Wasser zurückfiel. Der Häftling wurde später tot in die Leichenkammer gebracht. Beide schienen in derartigem routiniert zu sein und benahmen sich, als ob Morden eine selbstverständliche Sache wäre.

Was sagen heute, wo die Öffentlichkeit alles erfährt, die Vertreter der deutschen Justiz während der Faschistenzeit, was sie mit ihren Urteilen zur Verschickung ins Konzentrationslager auf sich geladen haben, oder sollten sie wirklich von den wahren Zuständen nichts gewußt haben? Dieses Mal war es kein Liebknecht oder eine Rosa Luxemburg!

Aus freiwilligen Spenden durch die Häftlinge gab es im Lager außer Büchern, Filmvorführungen und Theatereinrichtung sowie Sportveranstaltungen auch eine Musikkapelle. Nach außen hin demonstrierte man damit, als ob uns eine menschliche Inhaftierung zuteil geworden wäre, während in Wahrheit die im Lager eingeführten kulturellen Einrichtungen nur ein Deckmantel zur Verbergung der Schandtaten waren, die man an den Häftlingen beging. Daß z.B. die Musikkapelle, die bei einer Besichtigung des Lagers durch höhere SS-Offiziere oder andere prominente Nazisten selbstverständlich in Erscheinung trat, auch bei der "Auszahlung auf dem Bock" einige Märsche spielen mußte, dürfte der Öffentlichkeit nicht bekannt gemacht worden sein.

Es ist überhaupt unmöglich, das Leben im Konzentrationslager in allen Einzelheiten wiederzugeben. Bände würden dazu nicht ausreichen! Das Grundprinzip aller dieser Lager war jedenfalls die "Massenliquidierung", der schätzungsweise 15-20 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Deutsche und Ausländer, Frauen, Greise und Kinder, Juden und Arier, Christen und Antichristen.

Viele Leser werden auch heute noch sagen: Ich kann es einfach nicht glauben oder davon überzeugt sein, es seien alles Schuldige gewesen. Ihnen sei nur gesagt, daß man ganze Ortschaften oder Stadtviertel zusammentrieb ohne Feststellung des Namens, ohne Überprüfung der Schuldfrage und sie ins Konzentrationslager brachte.

Neben diesen individuellen Vernichtungsmethoden ging man auch in Dachau, besonders während des Krieges, dazu über, Methoden der Massenliquidierung zu entwickeln. Neben den wissenschaftlichen Versuchsstationen waren die Gaskammern die gefürchtetsten Hinrichtungsstätten. Die Opfer, die zu diesen wahren Menschenschlachthäusern geschleppt wurden, waren hauptsächlich Juden, Kriegsgefangene, Zigeuner, Bibelforscher und das Heer der Arbeitssklaven, die krank und verhungert nicht mehr leistungsfähig waren und als Arbeitsinvaliden für den mörderischen Arbeits- und Ausbeutungsprozeß der Nazis ausfielen.

Die vielgenannten "Gaszellen" waren ein Bau in der Nähe des Krematoriums oder auch eine Baracke, die mit dem Schild "Brause" bezeichnet waren. Jeder Häftling betrat ahnungslos, mit Handtuch und Seife versehen, den Raum, um ein vermeintliches Brausebad zu nehmen. Doch anstelle von Wasser entströmte den Düsen Gas. Da dieser Raum für viele "Brausegäste" eingerichtet war, zählten natürlich in wenigen Minuten alle zu Toten. Nach dem Entgasen des Raumes und Wegschaffens der Leichen ins Krematorium kam der nächste Schub an die Reihe.

Eine weitere Methode war, 80 - 100 Menschen in einen Eisenbahnwaggon hineinzupferchen, der dicht verschlossen wurde und keine Aborteinrichtung hatte. Ohne den Insassen weder zu Essen noch zu Trinken zu geben, wurde der Zug solange hin- und hergefahren, oder irgendwo auf ein totes Gleis gestellt, bis die Bewachungsmannschaft kein Lebenszeichen der Insassen mehr vernahm. Bis alle tot waren, spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Die noch Lebenden ernährten sich vom Fleisch der Verstorbenen, tranken vor Durst ihren eigenen Urin oder fügten sich eine Schnittwunde am Körper zu, um mit ihrem eigenen Blut den Durst stillen zu können.

Vielleicht lernt auch der eine oder andere Leser einmal einen "Malaria-Kranken" kennen, der ihm bestätigt, daß er sich diese tropische Krankheit nicht im Ausland zugezogen hat, sondern in Dachau. Man scheute sich nicht, den Häftlingen den Malaria- Bazillus zu injizieren oder sie von Malaria-Fliegen stechen zu lassen.

Weitere Versuche an lebenden Menschen: Meerwasser- und Luftdruckexperimente, wobei man feststellen wollte, wielange sich ein Mensch im Meerwasser aufzuhalten vermag und wielange er sich einem künstlich erhöhten Luftdruck aussetzen kann. Wieviele dabei "gestorben worden" sind, wußte vielleicht nur Heinrich Himmler.

Meine Studien im Revier Dachau

Dezember 1940 mußte ich, 40,5 Fieber, hervorgerufen durch eine heftige Scharlacherkrankung, ins Revier. Das Revierpersonal war zu jener Zeit alles andere als zur Krankenpflege geeignet. Ein alter Dachauer nahm mich in der Ambulanz auf. Er fuhr mich an: "Was hast Du Sauhund? Du siehst ja aus wie eine Sau, die Rotlauf hat. Hau ab auf 7/3 und berühre ja nichts unterwegs!" Daß ich überhaupt auf die Isolierstation geschickt wurde, ist das beste Zeichen für die Schwere meiner Erkrankung. Ich lag mit drei - ebenfalls an Scharlach Erkrankten - in einem Zimmer. Als erste "Behandlung" ließ mich der Stubenpfleger - ein "alter Dachauer" - wissen, daß ich nicht alleine den Abort oder den Waschraum betreten dürfe.

Am nächsten Tage kam der Arzt in Begleitung des Blockpflegers. Der Arzt fragte den Blockpfleger:
"Ja, was hat denn der?"
"Wir wissen es nicht genau, aber wir glauben, daß es Scharlach ist."
"Womit behandeln Sie diese Krankheit?"
"Es ist wohl ein Serum da, aber wir wissen nicht, ob es auch hierfür gut ist. Am besten ist es, man macht gar nichts. Kommt er durch, ist es gut, kommt er nicht durch, ist es auch gut". Darauf lächtelte der Arzt dem Blockpfleger verständnisvoll zu und sagte: "Allerdings, da haben Sie recht".

Da ich gegen Abend vollständig verschleimt war, bat ich den Stubenpfleger, mir ein schleimlösendes Mittel zu geben, worauf ich zur Antwort erhielt: "Du bist ja verrückt, so etwas gibt es doch hier nicht". Da ich das Gefühl hatte, ersticken zu müssen, schlich ich mich nachts unbemerkt in den Waschraum und gurgelte mit Wasser. Dies wiederholte ich noch weitere 3 Nächte und bilde mir ein, mich mit dieser Kur vom Erstickungstod gerettet zu haben.

Wir 4 Mann erhielten Diät-Kost. War das Essen schlecht und fast ungenießbar (was etwa 4-5 mal in der Woche vorkam), so erhielten wir fast einen Liter, war das Essen jedoch gut, so gab es nur einen Viertelliter mit dem Bemerken: Es sei heute eben wenig. Unser Krankenpfleger (natürlich alter Dachauer!) aß dafür zweimal eine Schüssel voll, was ja selbstverständlich war, denn er hat doch immer von uns Kranken nur das Beste gewollt, nämlich unser Essen! Er wog 196 Pfund, während die Patienten aus "Gesundheitsrücksichten unter 100 Pfund" gehalten wurden.

Nach 28 Tagen wurde ich entlassen. "Als Trinkgeld" für seine wohlwollende Behandlung überließ ich ihm 14 Pfund meines Körpergewichtes, da ich anderes nicht zu geben hatte.

Mit 8 Tagen Schonung kam ich Ende Januar 1941 wieder auf meinen zuständigen Block. Gleich am ersten Tage erhielt ich vom Blockführer eine Stunde "Hüpfen auf der Blockstraße" zudiktiert, denn ich hatte den Eimer, den ich beim Betreten der Stube in der Hand hielt, nicht sofort fallen lassen, ehe ich stillgestanden bin.

Von meiner Scharlach-Erkrankung her ohnedies noch geschwächt, zog ich mir durch das "Hüpfen" einen schweren Magen-Darmkatarrh zu und mußte einige Tage später wieder ins Revier. Diesmal in die Infektionsabteilung 7/4 oder nach dem Ausdruck der alten Dachauer Revierpfleger die "Scheißerabteilung". Der Schreiber - ebenfalls ein "alter Dachauer", hielt jedem Neuankömmling einen Vortrag, welcher etwa folgendermaßen lautete:

Sieh Dir die Stube an, so sauber sie ist, muß sie auch bleiben. Sollte es Dir passieren, hier hereinzuscheißen, so schlage ich Dich mit dem Knüppel zusammen und ziehe Dich solange in deiner Scheiße heraum, bis es wieder so sauber ist, wie vorher! Verstanden? Sollte es Dir gar ein zweites Mal passieren, so nehme ich Dich in den Waschraum und gieße Dir solange Wasser über den Balg, bis Du ausgeschissen hast. Bei mir heißt das "im Waschraum abwaschen". Nun weißt Du Bescheid!

Dieser Schreiber hat viele "abgewaschen", doch in der dritten Woche meines Revieraufenthaltes kam auch die Reihe an ihn.

Da auch in dieser Abteilung jeder auf sich selbst angewiesen war, half ich mir selbst so gut ich konnte. Ich verschaffte mir eine Leibbinde, damit der Unterleib wenigstens gleichmäßige Wärme hatte, denn eine Bettpfanne gab es nicht, sondern es mußte jeder im Hemd auf den kalten Abort gehen. Dadurch wurde das Leiden bei den meisten Patienten verschlimmert, zumal die dünne Diätkost nicht heilend wirken konnte. Da ich dieses Essen die ersten 10 Tage nicht zu mir nahm, sondern mich nur mit trockenem Weißbrot und 1-2 Schluck warmen Kaffees ernährte, verspürte ich nach 2 Tagen bereits eine Besserung. Da es auf der Station, wo die an Furunkeln, Flechten, Krätze, Phlegmone, Ekzemen und dergleichen Erkrankten untergebracht waren, sehr viel Arbeit gab, meldete ich mich nach 14 Tagen zu leichter Tätigkeit dorthin. Nach einigen Tagen war ich eingearbeitet und kam von morgens 4.00 Uhr bis abends 9.00 Uhr nicht mehr zur Ruhe. Selbst der Stationspfleger überließ alles mir. Das einzige, was er noch tat, er besorgte mir aus der Ambulanz alles an Medikamenten und Verbandsmaterial, was ich verlangte.

Mit der Zeit wurde mir die Arbeit aber zuviel und ich mußte ihn bitten, mir wenigstens beim Verbinden behilflich zu sein. Er hatte aber kein Interesse mehr an der Abteilung, weil er auf eine bessere versetzt werden sollte. Sein Angebot, den Posten zu übernehmen, lehnte ich mit    dem Bemerken ab, daß ich unter den angetroffenen Verhältnissen unmöglich Pfleger in Dachau sein könne, da ich die von oben angeordneten Maßnahmen nicht ausführen könne. Darauf antwortete er mir, "das darfst Du aber sonst niemanden sagen, sonst gehst Du in Dachau ein. Wenn Du aber willst, so besorge ich auf die Station einen Revierschüler, der dann eben für die Station die Verantwortung übernehmen muß. Du bringst ihm die Krankenpflege    bei und bleibst weiter als    Patient auf der    Station, so lange Du willst". Dies habe ich angenommen und abends ging der Pfleger von der Station weg.

Wenn mir vieles, was geschah, bisher ein Rätsel geblieben war, so kam ich jetzt hinter manches.

Gleich am nächsten Morgen hieß es "Pfleger 7/4 mit der Tragbahre zur Ambulanz". Ich ging hin. Es standen bereits 8 Pfleger (alte Dachauer) mit Tragbahren dort. Etwa um 7 Uhr kamen die Blockältesten (ebenfalls alte Dachauer) mit ihren "Kranken" an. Es waren in der Mehrzahl Juden mit Goldzähnen und anderen Wertsachen. (Darüber wurde auf den Blöcken genau Buch geführt).

Nach einiger Zeit erscheint der Reviercapo, der Mann über Leben und Tod eines Kranken, der Schrecken der "Kretiner" und aller "nicht alten Dachauer", wenn sie das Revier in Anspruch nehmen mußten. Mit den Blockältesten wird ein herzlicher Händedruck gewechselt und nun beginnt die "Krankenbehandlung".

Der Blockälteste wird gefragt: "Was fehlt dem?" Im Blick, der Geste oder Antwort des Blockältesten lag das Schicksal des "Kranken". Vielfach wurde der "Kranke" mit einem Schlag auf die Schläfe, einem Bauchhieb oder Fußtritt auf die Hoden niedergeschlagen. Lag er bewußtlos auf dem Boden, so erhielt ein Pfleger den Auftrag, den am Boden Liegenden auf seine Station zu nehmen, mit dem Bemerken, "morgen ist er gesund!" Auch ich erhielt einen Auftrag, einen zu Boden geschlagenen Juden auf Station zu bringen.

Ich hatte mich um den Ausdruck "morgen ist er gesund" nicht weiter gekümmert, jedoch anderen Tags sollte ich es erfahren. Der Reviercapo kam im Laufe des Nachmittags zu uns auf die Station und suchte nach dem Kranken, den ich tags zuvor auf die Ambulanz mitnehmen mußte.
"Wo ist der Stationspfleger?" fährt er mich an.
"Im Waschraum, ich werde ihn holen".
"Du", fährt er diesen an, "ich habe doch gestern gesagt, daß dieser da (auf den betreffenden Kranken hinweisend) heute "gesund" sein soll und jetzt liegt er noch da? Ach so, Du bist ja der Revierschüler! Bring mir den Mann sofort auf meine Station!"

Ich hatte von dem Betreffenden, wie dies Vorschrift war, notiert, daß er eine Goldbrücke mit zwei massiven Goldzähnen und etwa 14 Goldkronen im Munde hatte ... .Als ich am anderen Morgen einen Verstorbenen in die Leichenkammer schaffte, stand der Name des Betreffenden auf einem der Särge.

Gold, Platin oder dergleichen wurde durch den Reviercapo in der Leichenkammer aus dem Munde der Verstorbenen entfernt. Ich kenne zwar die Todesursache des Verstorbenen nicht, aber nach Ermessen hätte derselbe - trotz des Niederschlagens - noch viele Jahre leben können.

Ist er wegen der Goldzähne oder Goldwerte gestorben worden? Es ist stark anzunehmen, denn in jener Zeit sind auffallend viele mit Goldzähnen und anderen Wertsachen gestorben. Auch war reichlich bekannt, daß das Dachauer Blockpersonal gemeinsam mit den Blockführern 1938/39 bei der großen Judenaktion, wo in Dachau 13000 Juden eingeliefert wurden, sich ganz ansehnliche Vermögen außerhalb des Lagers angelegt hatten.

Wir durften nun keine derartigen "Patienten" mehr von der Ambulanz abholen, weil es scheinbar bei uns nicht klappte.

Ein anderes Mal erhielten wir den Auftrag, den Waschraum für 10 Mann herzurichten. Ich räumte auf und legte 10 Strohsäcke auf den Boden. Etwa um 9 Uhr kommt eine Tragbahre um die andere an. Der Revierschüler und ich nehmen die Menschen von der Tragbahre herunter und legen sie auf die Strohsäcke. Es waren 10 Mann, alle bewußtlos, scheinbar in Narkose. Nach einer halben Stunde trifft der Reviercapo ein, sieht sich die Bewußtlosen an und sagt zu uns wegwerfend: "Ihr seid noch die rechten Idioten, daß Ihr die Juden auf Strohsäcke legt. Die gehen heute doch noch alle ein!" Und weg war er wieder.

Die 10 Juden sahen aber durchaus nicht danach aus, als ob sie so rasch sterben würden. Doch als ich nach einer Stunde kontrollierte, waren bereits 2 tot und im Verlaufe der weiteren 2 Stunden mußte ich den siebenten als Leiche wegtragen. Als ich nach einer halben Stunde wieder nachsah, war einer der restlichen 3 Mann erwacht, hielt den neben sich liegenden - bereits Verstorbenen - am Arme fest und sagte mit wehmütiger Stimme zu ihm: "Jos, wir sterben zusammen!" Der Sprechende war bei klarem Verstand. Ich fragte ihn, warum auch er sterben wolle? Er schaute mich groß an und erkundigte sich, wo er sich überhaupt befinde. Ich erklärte es ihm und anscheinend war er mit meiner Antwort zufrieden. Er starrte eine Zeitlang vor sich hin und dachte anscheinend über etwas nach; dann schaute er sich suchend um und richtete an mich die Frage: "Wo sind die anderen"?
"Wen meinen Sie damit?"
"Wir waren doch zu 10 Juden, die vom Reviercapo Spritzen bekamen".

Obwohl ich die anderen sieben bereits weggetragen hatte, gab ich vor, dies nicht zu wissen. Mich interessierten nur noch die Spritzen. "Was waren das für Spritzen?" fragte ich ihn.

"Ich weiß es nicht. Oh, es ist in meinem Innern so heiß, ich meine gerade, ich verbrenne. Ich fühle, daß ich nur noch wenige Minuten leben werde". Dies war auch so. Die beiden habe ich dann ebenfalls weggetragen und untersuchte den 10. und letzten Mann, soweit meine Kenntnisse reichten, etwas genauer. Er war tief bewußtlos, atmete ruhig und hatte normale Herztätigkeit, jedoch glühte der Körper in hohem Fieber. Ich wollte einen Rettungsversuch machen, wußte aber nicht, wie. Ich kannte die Injektion nicht und selbst dann hätte ich keine Gegenmittel zur Hand gehabt. Da fiel mir ein, daß ich noch 3 Gläser Joghurt aus der Kantine hatte. Ich sagte mir: Hilft es, ist es gut, hilft es nicht, so kann nichts verschlechtert werden, und flößte dem Kranken die Milch ein.

Eine Art Röcheln war hörbar, doch er erwachte erst nach 4 Tagen. Ich fragte ihn, ob er ausgeschlafen habe. "Ich habe nicht geschlafen, habe alles gehört und gefühlt, doch war ich unfähig zu sprechen oder irgendeine Bewegung zu machen. Es war niemand anderes wie Sie, der mir eine Flüssigkeit gegeben hat. War das eine Wohltat. Ich wäre innerlich verbrannt. Sie haben mich gerettet".

Da ich seinen Namen nicht wußte und ihn nur als Nummer mitgeführt hatte, war es meine Pflicht, der Revierschreibstube Meldung zu erstatten.

Etwa 15.30 Uhr hatte ich gemeldet, um 16.00 Uhr erschien bereits der Reviercapo bei mir und fragte, wieso der Jude noch leben würde? Ich erklärte dem Capo, daß er vor 4 Tagen mit den anderen 9 Juden hierher gebracht worden sei und eben vor einer Stunde erwacht sei. Mehr wüßte ich nicht. "Der geht sofort mit auf meine Abteilung!"

Was aus ihm dann wurde, weiß ich nicht, meine Bemühungen, etwas über seinen Verbleib in Erfahrung zu bringen, waren erfolglos.

Ein anderer Fall: Auf unserer Abteilung ein vom Weltkrieg 1914 kriegsbeschädigter Jude. Er war durch einen Schuß linksseitig gelähmt und mußte deshalb zum Abort geführt werden. Bei dieser Hilfeleistung kam der Blockführer hinzu und fragte mich, weshalb ich den Juden tragen würde. Als ich ihm den Grund erklärte, fuhr er mich an: "Du bist ein Idiot, Mensch, Du läßt Dir von jedem einen aufbinden. Du mußt mal sehen, wie der bald laufen kann. Stelle ihn hin! - "Siehst Du, wie er schon stehen kann!" triumphierte er. "Das hat er noch immer gekonnt, nur kann er nicht gehen,    da seine linke Seite gelähmt ist".
"Das gibt es nicht, wenn einer stehen kann, muß    er auch gehen können. Los, marsch, geh schon!"
Der Jude: "Aber bitte, das geht doch nicht".
"Ach, Du bist zu faul! Na warte einen Augenblick, ich hole mir einen Stock".

Zurückgekehrt kommandierte er "Los, marsch!" wobei er dem Juden einige Schläge versetzte. Der Jude begann auf dem rechten Fuß unsicher zu hüpfen, wobei er hinfiel. Ich richtete ihn wieder auf und sagte zum Blockpfleger: "Durch Schläge werden gelähmte Glieder auch nicht wieder brauchbar!"
"Was weißt Du denn, ich habe schon anderen das Gehen beigebracht als das!"

Ich gab ihm keine Antwort mehr und ging, da ich es nicht mit ansehen konnte, wie schon wieder neue Schläge auf den Bedauernswerten niedersausten. Nach einer halben Stunde fand ich den Juden rot und blau geschlagen mit Wasser übergossen auf dem Boden des Waschraumes liegend. Ich zog ihm frische Wäsche an und brachte ihn wieder in sein Bett. Er drückte mir die Hand mit den Worten: "Oh, der Mensch steht weit unter einem Tier!"

Eines Tages erscheint der Reviercapo mit einem SS-Arzt auf unserer Abteilung. Der Arzt fragte den Capo, was dies für Kranke seien. "Ruhrkranke". (Nebenbei bemerkt, war nicht ein Fall von Ruhr in der Zeit dabei, sondern nur Magen- und Darmkatarrh).
"Diese Kranken haben immer soviel Durst und nichts zu trinken".
Der Arzt: "Ist nichts zu beschaffen?"
"Doch, in der Kantine gibt es Joghurt".
Der Arzt: "Also Joghurt, soviel verlangt wird".

Ich erhielt den Auftrag, aus der Kantine Joghurt beizuschaffen. Welche Wirkung Joghurt bei diesen Kranken hatte, war mir bekannt, und ich erklärte jedem Einzelnen, daß dies sein Tod sein könne. Der Durst überwog aber bei den meisten meine Warnung und so hatte ich in den nächsten Tagen, in denen Joghurt getrunken wurde, eine erheblich höhere Sterblichkeitszahl als normalerweise. Diese rapide Sterblichkeit wirkte jedoch auf die anderen Kranken abschreckend, keiner rührte mehr Joghurt an und nach kurzer Zeit nahm die Sterblichkeitsziffer wieder ab.

Als in Dachau eine Krätzeepidemie ausbrach, von der 2000 - 3000 Häftlinge befallen waren, wurde erst dann Notiz davon genommen und Gegenmaßnahmen ergriffen, als auf eine Beschwerde eines Münchener Gerichtes an eine höhere Instanz Meldung davon gemacht wurde. Sämtliche Krätzeerkrankten wurden in einen Block zusammengepfercht und bekamen nichts zu essen. Je nach der Aufnahmemöglichkeit wurden sie truppweise dem Revier zur Behandlung überwiesen. Diese Behandlung in Dachau war noch human zu nennen, denn im Lager Auschwitz wurden die Krätzeerkrankten einfach durch die Gaszelle gejagt und die Leiche dem Krematorium übergeben.

Gleichzeitig mit der Krätze trat eine ungeheure Läuseplage ein. Frische Wäsche gab es nur alle 6-8 Wochen und entlaust wurde nicht eher, bis das ganze Lager verseucht war. Erst als noch einige Typhusfälle dazukamen und die SS-Leute befürchteten, durch die Häftlinge infiziert werden zu können, wurde eingegriffen.

Der Todesmarsch nach Tölz und unsere Befreiung

Schon seit Wochen, als die Fronten konzentrisch immer näher rückten, war bei uns die Frage aktuell, was wird mit uns geschehen, wenn wir nicht durch ein überraschendes Ereignis befreit werden. Anfang April 1945 kreiste die Parole unter uns, daß Himmler angeordnet habe, im Notfälle das Lager zu liquidieren, damit kein Häftling in die Hände der Feinde falle. Aber was kümmerte uns diese Parole weiter, da wir doch das Massenmorden seit Jahren mit ansahen. Längst hatte man sich damit abgefunden, daß eines Tages auf irgendeine Art auch die Reihe an uns kommen könnte.

Von überall her trafen seit Wochen Transporte aus den verschiedensten Konzentrationslagern bei uns ein, woraus zu schließen war, daß die Nazis beabsichtigten, Bayern als letztes Bollwerk zu halten. Offensichtlich war die Macht der Nazis militärisch und politisch bereits gebrochen.

Das überraschend schnelle Heranrücken der alliierten Truppen schien die Nazis unsicher zu machen. Mitte April 1945 bis gegen Ende des Monats wurden Tag und Nacht Akten, Kartotheken und dergleichen verbrannt. Ebenso vernichtete man die Akten und anderes Beweismaterial der SS-Angehörigen, um alle Dokumente der Konzentrationslager aus der Welt zu schaffen. Die Vorbereitungen zur Sprengung von Krematorien, Vergasungsbaracke usw. wurden getroffen, Lebensmittel, Kleider und alles Wertvolle abtransportiert.

Jetzt waren nur noch die Häftlinge wegzuschaffen, da man keine Zeit mehr gefunden hatte, sie im Lager selbst zu liquidieren. Am 26. April mußten wir unsere Sachen packen und auf dem Appellplatz antreten. Revierkranke, Fußkranke und solche Häftlinge, die glaubten, einen längeren Fußmarsch nicht aushalten zu können, sollten zurückbleiben und später mit Fahrzeugen transportiert werden. Die verschiedenen Nationalitäten mußten in Kolonnen getrennt antreten und erhielten Marschverpflegung für 3 Tage. Da die meisten ausgehungert waren, war die Ration bereits verzehrt, ehe der Marsch überhaupt begann. Capo, Stuben- und Blockälteste zogen es vor, sich irgendwo im Lager zu verstecken. Erst bei Einbrechen der Dunkelheit setzten wir uns in Marsch, damit die Bevölkerung nicht unseren Elendszug zu sehen bekam. Trotzdem man es vermied, Ortschaften zu passieren, gab es doch noch viele Augen, die zu sehen bekamen, was sie nicht sollten.

Unsere erste Marschnacht brachte uns bis wenige Kilometer vor Starnberg, wo wir bei Tagesanbruch abseits der Straße lagern mußten. Außer 8.000 - 9.000, die aus Dachau angekommen waren, befanden sich schon tausende Häftlinge aus anderen Lagern hier, darunter Frauen und Kinder. Doch Kolonne um Kolonne zogen auf der Straße noch an uns vorüber, wohl einem anderen Lagerplatz zu.

Bei Anbruch der Dunkelheit brachen auch wir wieder zum Weitermarsch auf. An der Straße lagen bereits gruppenweise die Leichen von 5-20 Personen. Doch weiter ging es, immer weiter. Die abgezehrten Gesichter wurden immer fahler, bleischwer und taumelnd die Schritte. Kein Erbarmen, keine Erlösung. Wie mancher mochte sich sagen, weshalb sich noch weiter quälen, wenn man das Ende in sich fühlt? Zusammenbrechend warfen sie sich an den Straßenrand zwischen die schon dort liegenden Leichengruppen, in wenigen Minuten ebenfalls Leichen.

Immer grauenhafter wird der Marsch; das Sterben wird zur Selbstverständlichkeit; es ist ja auch das Ziel und der Sinn unseres Marsches. Immer elender, hungriger und kraftloser erreichten wir beim Morgengrauen Wolfratshausen, wo wir unweit davon in einem stark gelichteten Walde lagerten. Es war der 28. und 29. April. Über uns kreisten Flugzeuge der alliierten Luftwaffe, die uns durch Senken der Flügel grüßten. Am 30. April marschierten wir tagsüber und lagerten in der Nacht zum 1. Mai kurz vor Bad Tölz. Bei Morgengrauen wurden wir von den SS-Posten mit Gewehrkolben aufgetrieben und weiter ging es. Früh am Tage schleppte sich unser Zug durch Bad Tölz. Wer hier zusammenbrach und nicht wieder hoch kam, wenn der SS-Posten bis auf 3 gezählt hatte, erhielt den Kopfschuß oder die Herzlähmungsspritze. Den neuen Lagerplatz erreichten wir gegen Mittag kurz vor Waakirchen, wo von den 8.000 - 9.000 in Dachau abmaschierten Häftlingen kaum noch 4.000 anlangten.

1/3 des Weges zu unserem Bestimmungsort war erst zurückgelegt. Mit Grausen dachte man daran, was einem die weiteren 2/3 des Weges noch bringen würden. Im Walde uns gegenüber lagerten einige Stürme der Waffen-SS. Ob diese den Auftrag haben mochten, uns zu liquidieren?

Ein zusammengebrochenes Pferd wurde geschlachtet. Überall standen die Häftlinge einzeln oder in Gruppen, rohes Pferdefleisch essend oder von den Pferdeknochen nagend. Manchmal nagten sogar 2 Mann zu gleicher Zeit an einem Pferdeknochen oder einer Rippe. Nicht weit von mir steht ein Mithäftling mit einer Hornbrille. Die Hände, die Kleider über und über mit Pferdeblut beschmiert. Gierig reißt er mit den Zähnen die noch an einer Pferderippe klebenden Fleisch- oder Hautfetzen herunter, mehr schlingend als kauend.

Auch mich quälte der Hunger, aber ich brachte es nicht über mich, rohes Pferdefleisch zu essen. Gegen Abend fing es mit nur kurzen Unterbrechungen zu schneien an, so daß unser Lagerplatz um die Schlafenszeit mit einer 4-5 cm hohen Schneedecke bedeckt war. Müde, elend und hungrig kratzte man eben den Schnee beiseite und legte sich hin. Was kümmerte man sich noch um den nassen Boden. Die Decke über den Kopf gezogen schlief man auch bald ein. Doch nach einigen Stunden war die Decke schwer wie Blei von Schnee und tropfte durch. Man erwachte wohl davon, aber blieb weiterhin liegen, wie man lag, bis der Morgen anbrach. Steif, naß, hungernd, frierend erhob sich wer noch konnte, denn viele, viele blieben auch hier für immer liegen.

Erst nach Stunden wurden wir gewahr, daß sowohl die uns gegenüberliegende Waffen-SS wie auch die Mehrzahl unserer Bewachungsposten verschwunden waren. Wir erfuhren nun, daß die SS bis auf wenige Mann das Weite gesucht hatten, da die alliierten Truppen schon vor Bad Tölz standen, also nur noch wenige Kilometer von uns entfernt waren. Eine Abordnung von uns, die nach Waakirchen geschickt wurde, kam mit dem Bescheid zurück, daß wir dort in Scheunen untergebracht würden. Wie glücklich waren wir, wieder seit Tagen ein Dach über uns zu haben.

In Gruppen wurden wir auf die verschiedenen Scheunen verteilt. Die meisten streckten ihre müden Glieder auf Heu oder Stroh, wenn sie der Hunger nicht von Tür zu Tür trieb, um etwas Eßbares zu erhalten. Im Laufe des Tages verließen uns auch die letzten noch zurückgebliebenen SS-Posten, so daß wir auf uns selbst angewiesen waren. Ändern Tags, am 3. Mai, kamen die ersten alliierten Truppen nach Waakirchen.

Ein Jubel in unseren Reihen! Denn nun hatten wir die Gewißheit, endlich befreit zu sein.

Ob Deutscher oder Ausländer, jeder empfand das Gleiche. Je mehr Truppen und Kriegsmaterial an uns vorbeizog, den fliehenden Nazis nach, desto sicherer kehrte das Leben in uns zurück, und mancher, der noch vielleicht am selben Tage mit seinem Leben abgeschlossen hatte, faßte neuen Lebensmut.

K.St.

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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