Antisemitismus in Österreich - ein historischer Überblick

Entgegen oftmaligen Behauptungen, der Antisemitismus sei eine Sache des Nationalsozialismus und dieser wiederum eine Sache der Deutschen begann der wirtschaftliche Antisemitismus in Österreich schon im 10. Jahrhundert. Juden und Jüdinnen war es nur erlaubt Geld- und Kreditgeschäfte zu betreiben, doch sie mußten an den Adel hohe Abgaben zahlen, wodurch sie hohe Zinsen verlangen mußten. Neben dem wirtschaftlichen gab es auch den christlichen Antisemitismus. Juden und Jüdinnen wurde nachgesagt "Gottesmörder" zu sein, Christenkinder umzubringen, Brunnen zu vergiften oder verantwortlich für Pestepidemien zu sein.

Im 15. Jahrhundert begann die "gesetzliche" Vertreibung der Jüdinnen und Juden. 1431 wurden sie aus Wien verbannt und 1498 erließ der Erzbischof von Salzburg ein "Judenverbot". Im 16. Jahrhundert allerdings waren wegen militärischer Niederlagen jüdische Händler (und nur Händler) im Habsburgerreich wieder geduldet. Doch bereits 1670 wurden von Leopold I. 4000 Juden und Jüdinnen aus Wien wieder vertrieben, weil sie sich nicht taufen ließen. Auch Maria Theresia (1740-1780) wollte ein von Juden und Jüdinnen gesäubertes Wien. Ihre antisemitischen Haßtiraden wurden mit Begeisterung von Nazis zitiert. Erst unter Joseph II. (1780-1790) ging es den Juden und Jüdinnen etwas besser. Sie mußten nicht mehr das sie kennzeichnende gelbe Abzeichen tragen, durften erstmals Schulen besuchen, akademische Berufe ausüben und in Fabriken arbeiten. Allerdings hatten sie sich anzupassen. Sie mußten sich christlich kleiden, deutsche Namen annehmen und durften nicht in ihrer Sprache in der Öffentlichkeit miteinander reden. Aber nach dem Tod Joseph II. war es mit den gemachten Zugeständnissen wieder vorbei. Erst 1867 wurden alle Gesetze abgeschafft, die Juden und Jüdinnen diskriminierten.

Ende des 19. Jahrhunderts entstand der rassische Antisemitismus. Viele antisemitische Parteien entstanden, wie Georg von Schönerers Alldeutsche Partei, oder die Christlichsoziale Partei, die von Karl Lueger, dem späteren Bürgermeister Wiens, gegründet wurde. Hitler widmete vor lauter Begeisterung beiden viele Seiten in seinem Buch "Mein Kampf". Nach der Gründung der 1.Republik nahmen die antisemitischen Kundgebungen und Ausschreitungen auf der Straße zu. So ziemlich jede Partei hatte antisemitische Forderungen. z.B. forderten die Christlichsozialen die Vertreibung von "Ostjuden" oder sie in Internierungslagern festzuhalten. Aber auch der Sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich, Albert Sever, forderte, daß alle "Fremden", bis auf solche mit vorübergehender Aufenthaltsbewilligung, das Bundesland zu verlassen hätten. Viel Anklang bei einer öffentlichen Kundgebung (mit 3.000 Personen!) fand auch die Behauptung, man trete für eine Deportierung von 200.000 "Ostjuden" ein, um für die 150.000 Obdachlosen der Stadt Platz zu schaffen.

Kein Wunder, daß ab 1931 auf jüdischen Geschäften Zettel mit der Aufschrift "Kauft nicht bei Juden" keine Seltenheit waren. Auch Bombenanschläge auf jüdische Geschäfte gehörten ab 1932 sozusagen zum Alltag. Ab Februar 1934, unter den Austrofaschisten, wurden Juden und Jüdinnen nicht mehr in öffentlichen Krankenhäusern aufgenommen, Gewerbe- und Gewerkschaftsbund schlossen jüdische Mitglieder aus und befürworteten 1937 den Boykott jüdischer Handelsbetriebe. Anfang 1938 war der Status der österreichischen Juden und Jüdinnen jenem in Deutschland sehr ähnlich.

Schon vor dem Einmarsch der deutschen Faschisten im März 1938 war der Antisemitismus in Österreich sehr weit verbreitet. Gleich in den ersten Tagen der Okkupation kam es zu einem Exzess von Plünderungen und brutalen Gewalttaten gegenüber jüdischen MitbürgerInnen, die in erster Linie von österreichischen Nazis und Nicht-Nazis durchgeführt wurden. Die Brutalität der österreichischen Antisemiten "beeindruckte" sogar die deutschen Nazis. Das offizielle SS-Organ "Das schwarze Korps" stellte Ende April neidisch fest, daß den Österreichern "Über Nacht das gelungen ist, was die Deutschen nach vielen Jahren nicht geschafft haben." Hinter der Vernichtungsmaschinerie Nazi-Deutschlands standen eine Vielzahl von Österreichern in führenden Positionen, allen voran Adolf Eichmann. Er war Chef der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" in Wien. Dort beeindruckte er die deutsche Nazi-Führung so sehr, daß sie ihn mit der Oberleitung der jüdischen Deportation für das ganze Reich betraute. Eichmann hatte einen Stab von Vertrauensleuten um sich herum, der zu 80% aus Österreichern bestand.

Nach Kriegsende stellte sich Österreich bekanntlich als das erste Opfer Deutschlands dar und behauptete niemals Gefühle des Hasses gegen andere Völker gehegt zu haben. Das war auch eine "gute" Begründung um Entschuldigungs- und Wiedergutmachungsforderungen abzuwehren (da Österreich schließlich selbst Opfer war). Sogar der erste Nationalratspräsident Nachkriegsösterreichs Leopold Kunschak rühmte sich schon 1945 wieder, immer schon Antisemit gewesen zu sein. Er war nicht der einzige führende Politiker der Nachkriegszeit der antisemitisches Gedankengut vertrat.

Der politische Antisemitismus ist heute zwar nicht mehr salonfähig, doch obwohl die Rolle des Sündenbocks auf politischer Ebene "geschickt" auf Nichtösterreicher und Nichtösterreicherinnen umgewälzt wurde, ist laut Umfragen der Antisemitismus in der österreichischen Gesellschaft immer noch präsent.

Sofia

Überarbeitet nach:
www.gajwien.at


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