Zum Produzieren braucht es keine Chefs

Besetzte Fabriken als Teil der Bewegung

Eine neue Welt entsteht auf den Trümmern der alten: ein treffender Satz angesichts Hunderter Fabriken, die nach dem Abzug ihrer Besitzer, die lieber leer stehende Hallen daraus gemacht hätten, von den ArbeiterInnen instand besetzt wurden.

»Fabrik geschlossen, Fabrik besetzt« ist seit dem Aufstand vom 20. Dezember 2001 zu einer populären Parole geworden. Nachdem sie vier Jahre Rezession ertragen haben und nachdem inzwischen die Hälfte der aktiven Bevölkerung von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung betroffen ist, erkennen immer mehr ArbeiterInnen, dass sie endgültig aus der formellen Wirtschaft herausfallen, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren, und dass für sie dann nur noch der Randbereich von prekären und schlecht bezahlten Gelegenheitsarbeiten oder das Arbeiten auf eigene Rechnung bleibt. Tausende von ArbeiterInnen haben deshalb den Weg gewählt, hartnäckig ihre Arbeitsplätze zu verteidigen, nachdem sich die Unternehmer entschieden hatten, das Schiff der Produktion zu verlassen und auf die Spekulation zu setzen.

Mehr als hundert Fabriken sind in Argentinien bereits von den ArbeiterInnen besetzt und zum Laufen gebracht worden. Dazu kommen etwa zweihundert in Brasilien — eine wirkliche Bewegung, die jetzt anfängt, sich mit anderen Gruppen zu koordinieren, die ebenfalls nach alternativen Wegen suchen. Die selbstorganisierte Instandsetzung von Betrieben hat Anfang der 90er Jahre begonnen, als durch die ökonomische Öffnung des Landes viele Betriebe auf der Strecke blieben, die nach vorheriger staatlicher Protektion nun als unrentabel galten und keinen geschützten Markt mehr hatten.

Der Anfang ist immer am schwersten. Die etwas mehr als hundert Arbeiterinnen der Textilfabrik Brukman, die im Stadtteil Once in Buenos Aires Herrenanzüge hergestellt haben, waren verblüfft, als ihr Chef Ende Dezember 2001 verschwand, während das Land in Aufruhr war. Seit Monaten hatte er ihnen nur einen kleinen Teil des Lohns bezahlt, kaum noch einen Dollar täglich und später nur noch zwei pro Woche. Die Lohnrückstände zogen sich bereits seit fünf Jahren hin. Als die Tage vergingen, ohne dass irgendein Geschäftsführer aufgetaucht wäre, hielten ein paar Arbeiterinnen es für angebracht, in der Fabrik zu bleiben — Arbeiterinnen wie Celia, die vorher nicht die geringste gewerkschaftliche Erfahrung hatte und die nun auf irgendein Wunder wartete, das es ihnen ermöglichen würde, weiter zu arbeiten und Lohn zu bekommen, auch wenn es nur ein Bruchteil des vorherigen wäre. In nicht wenigen Fällen haben die Chefs das Verlassen der Betriebe von langer Hand geplant. Sie schulden dem Staat und ihren Zulieferern Millionen und konnten auf Unterstützung durch die Gewerkschaftsmafia in der staatstragenden CGT zählen.

Die Karten werden neu gemischt

In den meisten Fällen kam die Entscheidung, die Produktion wieder aufzunehmen, erst nach einer gewissen Zeit zustande. Die Entscheidung fiel nie automatisch, sondern immer erst nach vielen Zweifeln, Unsicherheiten und Ängsten. Manche haben mehr als ein Jahr gebraucht, um die Fabrik wieder ans Laufen zu bringen. Einige können auf das Material zurückgreifen, das die Unternehmer zurückgelassen haben, aber andere müssen erst mal Rohstoffe besorgen; in manchen Fällen gelingt ihnen das mit Spenden und mit der Unterstützung der Bevölkerung. Kredite bekommen sie fast nie, zumindest nicht in der ersten Zeit.

Abgesehen von einigen Gemeinsamkeiten, wie den rechtlichen Auseinandersetzungen, sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich. Sie reichen von einem Bergwerk im Süden, Yacimientos Carboníferos Río Turbio mit mehr als tausend Beschäftigten, das nach drei Jahren Kampf wieder verstaatlicht wurde, bis zu der kleinen, aber modernen Druckerei Chilavert in Buenos Aires. Dort haben die Arbeiter verhindert, dass das Gebäude leergeräumt wurde, haben den Betrieb besetzt und mit dem Druck von Flugblättern und Plakaten für soziale Organisationen die Arbeit aufgenommen.

Solidarität ist der zentrale Ausgangspunkt, besonders am Anfang, in der so genannten »Durchhaltephase« — ein Wort, das den Willen zum Kampf und zum Widerstand gegen den Druck von Polizei und Unternehmern ausdrückt. Das zeigt sich an einem Beispiel im Norden von Buenos Aires. Im Oktober 2001 wurden die Brotfabrik Panificadora Cinco geschlossen; die achtzig ArbeiterInnen wurden ohne Entschädigung entlassen. Im April diesen Jahres suchte die Nachbarschaftsversammlung des Stadtteils, die nach den Tagen im Dezember entstanden war, nach einer Möglichkeit, billiger an Brot zu kommen, und tat sich mit einer Gruppe von zwanzig Entlassenen der Panificadora Cinco zusammen. NachbarInnen und ehemalige ArbeiterInnen besetzten gemeinsam den Betrieb. 50 Tage lang hielten sie den Räumungsversuchen stand. Die Solidarität aus dem Stadtteil in dieser Zeit war beeindruckend: Mitglieder der Versammlung, piqueteros und linke AktivistInnen bauten vor dem Fabriktor ein Zelt auf, um Wache zu halten, sie organisierten drei Festivals, eine Demonstration durch den Stadtteil, ein escrache gegen den Unternehmer, eine Kundgebung zum 1. Mai, Veranstaltungen, Diskussionen und kulturelle Aktivitäten. Sie entschieden sich dafür, eine Kooperative zu bilden, und inzwischen haben sie durchgesetzt, dass das Provinzparlament das Gebäude, die Maschinen und den Markennamen enteignet und an die Kooperative übergeben hat. Jetzt produzieren sie billiges Brot, das sie unterhalb des Marktpreises an Krankenhäuser, Volksküchen und Leute aus dem Stadtteil verkaufen.

Staat oder Kooperativen

Durch die Bewegung zieht sich von Anfang an eine grundsätzliche Diskussion. Welchen rechtlichen Status sollen sich die instand besetzten Fabriken geben? Es gibt zwei Vorschläge: Staatseigentum unter Arbeiterkontrolle oder die Bildung selbstverwalteter Kooperativen.

Der erste Vorschlag kommt von der Linken, vor allem von den trotzkistischen Parteien Partido Obrero (Arbeiterpartei) und Movimiento Socialista de los Trabajadores (Sozialistische Arbeiterbewegung), er wird aber auch von Teilen der Kommunistischen Partei und der Sozialistischen Parteien geteilt. Die Idee gehört zur Vorstellungswelt der internationalen kommunistischen und revolutionären Bewegung und besteht in der Verstaatlichung des Betriebes, der dann später vom Staat subventioniert wird, wobei die ArbeiterInnen zu kommunalen oder staatlichen Angestellten werden, welche die Geschäftsleitung kontrollieren.

Im Gegensatz dazu bedeutet der Kooperativenvorschlag, dass die Führungsaufgaben nicht an Instanzen außerhalb des Arbeiterkollektivs delegiert werden, sondern dass dieses selbst alle Verantwortlichkeiten und Risiken übernimmt, bis hin zur Vermarktung der Produkte. Ein Merkmal der selbstverwalteten Kooperativen besteht darin, dass sie sich in vielen Fällen vornehmen, die klassisch fordistische Arbeitsorganisation zu verändern, die Vorarbeiter absetzen und manchmal auch die Rolle der Vorarbeiter an sich in Frage stellen.

Bisher hat sich die Mehrheit dafür entschieden, Kooperativen zu bilden. 2001 wurde das Movimiento Nacional de Empresas Recuperadas (MNER, Nationale Bewegung der instand besetzten Betriebe) gegründet, in der etwas über sechzig selbstverwaltete Betriebe zusammenkommen. Ihr Vorsitzender Jorge Abellí meint, »dass es nicht gerade angesagt erscheint, die Betriebe, die wir besetzt und mit großer Anstrengung ans Laufen gebracht haben, diesem mafiosen Staat zu übergeben«. Abellí gehört zu einer Geflügel–Kooperative in Rosario, die 1998 geschlossen wurde, wobei die hundert Arbeiter auf der Straße landeten. Seit 1999 produzieren sie für den kleinen Binnenmarkt.

Bei den instand besetzten Betrieben sind alle Branchen der Produktion vertreten: Die größten sind die Metall– und Stahlbetriebe, es gibt Zeitungen und Druckereien, aber die meisten gehören zur Lebensmittelbranche. Im Durchschnitt haben sie siebzig Beschäftigte und sind über das ganze Land verteilt. »Es ist was anderes, einen kleinen Betrieb mit 15 ArbeiterInnen zu betreiben oder die größte Traktorenfabrik des Landes«, meint Abellí. Er bezieht sich auf einen beispielhaften Betrieb: auf Zanello in der Provinz Córdoba, eine große Traktorenfabrik mit 400 Arbeitern, die einzige Traktorenproduktion in Argentinien. Am 28. Dezember 2001 wurde der Betrieb per Gerichtsurteil den Beschäftigten übergeben. Im Februar brachten sie ein neues Modell auf den Markt, das die Arbeiter gemeinsam mit den Technikern auf der Grundlage eines findigen Abkommens entwickelt hatten. Sie schmiedeten eine »strategische Allianz«, eine Aktiengesellschaft, die zu gleichen Teilen den zur Zeit 280 Arbeitern der Kooperative, dem technischen und Leitungspersonal, das auf diese Weise ein höheres Einkommen erzielen kann als in der Arbeiterkooperative, sowie den Konzessionären gehört, die das Kapital zur Wiederaufnahme der Produktion eingebracht haben. Im März konnten sie zwei Traktoren montieren und verkaufen, und zur Zeit produzieren und verkaufen sie trotz der Krise schon jeden Tag einen, zu einem Preis, der dreißig Prozent unter dem der Traktoren von John Deere liegt. Dies ist ein anderer ungewöhnlicher Weg, aber wenn es um Großbetriebe mit fortgeschrittener Technologie geht, die große Investitionen erfordern, gibt es anscheinend keine einfachen Lösungen.

Abgesehen von dem fehlenden Kapital für Material, stellt die Verwaltung ein weiteres großes Problem dar. Wenn Betriebe geschlossen werden, sind die Verwaltungsangestellten die ersten, die sich aus dem Staub machen. »Unsere Verwaltung ist prekär, aber transparent und demokratisch«, sagt Abellí. Viele selbstverwaltete Betriebe haben sich dafür entschieden, jeden Freitag Lohn auszuzahlen, und machen gleichzeitig einen Aushang mit den Einnahmen und Ausgaben, damit jedes Kooperativenmitglied über die Finanzen Bescheid weiß. Die MNER hat mit der Vereinigung der Klein– und Mittelbetriebe und mit der Technischen Universität von Buenos Aires ein Abkommen zur Unterstützung der Ausbildung von Verwaltungs– und Führungspersonal geschlossen.

Solidarische Ökonomie

Bei der Vermarktung gehen die Betriebe davon aus, dass der Konsument der beste Verbündete ist. Deshalb appellieren sie an die Nachbarschaftsversammlungen und andere Teile der Bewegung, auf einen »bewussten Konsum« umzustellen. Sie stützen sich aber auch auf die Kommunen und versuchen, Krankenhäuser und Schulen zu beliefern.

Die Beispiele selbstverwalteter Produktion gehen über die Fabriktore hinaus und breiten sich tendenziell in der ganzen Basisbewegung aus, wie z.B. bei der Nachbarschaftsversammlung im Stadtteil Parque Avellaneda, einem relativ zentralen Stadtteil von Buenos Aires. Anfang Juni besetzten die organisierten NachbarInnen die leer stehende Kneipe Alameda, renovierten sie und richteten mit Unterstützung anderer asambleas eine Volksküche ein, zu der inzwischen mehr als 120 Leute kommen. Sie backen selbst Brot, kochen und haben jetzt eine Kooperative gebildet, die Brot produziert und an Volksküchen und BewohnerInnen des Stadtteils verkauft und die gerade anfängt, Reinigungsartikel zu niedrigen Preisen zu produzieren.

In der instand besetzten Kneipe gibt es zwanzig Arbeitsgruppen, von Nachhilfeunterricht für Kinder bis zu ökologischem Gartenbau, Tanz, Keramik, Yoga, alternativen Medien, Selbstbehauptung und Tischlerei. Außerdem haben sich die NachbarInnen in acht Kommissionen organisiert, die sämtliche Aufgaben in diesem Kultur– und Produktionszentrum übernehmen. Darüber hinaus ist ein Versammlungsraum geschaffen worden, ein Ort, an dem etwa dreißig asambleas aus der Hauptstadt und der Provinz zusammenkommen, die vor ähnlichen Fragen stehen. Die Nachbarschaftsversammlungen, die mit gemeinschaftlichen Einkäufen und Erfahrungen von Tauschhandel angefangen haben, begeben sich so auf das Gebiet der Lebensmittelproduktion, andere trauen sich an den Versuch der Medikamentenproduktion heran, und wieder andere begeben sich an den Eigenbau von Wohnungen.

Auf Initiative des Zentrums haben in der ehemaligen Kneipe im Juli und August zwei Treffen zur Solidarischen Ökonomie stattgefunden. Es waren breite Treffen, mit Beteiligung der VertreterInnen von asambleas, piqueteros, selbstverwalteten Fabriken und Gruppen von StudentInnen. Insgesamt vierzig Delegationen beschlossen, ein Unterstützungsnetz für Leute aus dem Stadtteil aufzubauen, die von Zwangsräumung bedroht sind.

Mit ihren Beschlüssen, die in der Zeitung Alameda publiziert wurden, nehmen sie sich vor, »sich gemeinsam gegen die Angriffe von oben zu verteidigen und durch die Besetzung von verlassenen Fabriken, brachliegenden Grundstücken und leer stehenden Häusern Wege zu Arbeit und Würde zu finden«. Sie stellen fest, »dass der Wind sich allmählich zugunsten der Kleinen dreht«, und rufen dazu auf, »die Kräfte zu bündeln, damit die Mächtigen uns nicht spalten«.

Ein interessanter Punkt sind die Verbindungen zwischen den Initiativen. Die asambleas produzieren in derselben Weise wie schon vorher die piqueteros von Solano im Stadtteil Quilmes; beide tun sich mit den selbstverwalteten Fabriken zusammen in der Hoffnung, Produkte tauschen zu können. Mit vereinten Kräften lernen sie aus den Erfolgen und Misserfolgen jedes Einzelnen; sie sind sich einig in der Solidarität mit der Keramikfabrik Zanón, im weit entfernten Süden, die eine von den Mapuche entworfene Kachel auf den Markt gebracht haben usw. Das Netz wird von Tag zu Tag dichter, es ist ein Kommen und Gehen, es verflechtet und verknotet sich, man trennt und vereint sich wieder.

Die Welt verändern

Beispielhaft ist die Geschichte der Fabrik Industrias Metalúrgicas y Plásticas de Argentina (IMPA), die mitten in Almagro liegt, einem normalen Wohnviertel von Buenos Aires. Sie wurde 1918 von Deutschen als Kupfergießerei gegründet. 1935 war sie das erste Aluminium produzierende Unternehmen, und am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie unter der Regierung von Juan Domingo Perón verstaatlicht. Bei IMPA wurden die einzigen Düsenflugzeuge Lateinamerikas hergestellt und die Fahrräder, mit denen die argentinischen Kinder spielten. 1961 machte die Regierung einige Betriebsteile zu und beschloss die Umwandlung in eine Kooperative, die aber von der Geschäftsleitung immer wie ein Privatunternehmen geführt wurde.

Mitte der 90er Jahre begann der Aluminiummonopolist Aluar einen unlauteren Konkurrenzkampf gegen IMPA. Aluar stellt die Vorprodukte für Alufolie her, die in den letzten Jahren das Hauptprodukt von IMPA war. Ende 1997 waren von den mehr als 500 Arbeitern, die in diesem Betrieb gearbeitet hatten, nur noch eine Handvoll übrig. Angesichts der unmittelbar bevorstehenden Schließung — der Strom war bereits wegen unbezahlter Rechnungen abgeschaltet — besetzten sie mit Unterstützung einiger Gewerkschafter den Betrieb, richteten mit Hilfe von BewohnerInnen und Händlern aus dem Stadtteil eine Volksküche ein, schmissen die alte Geschäftsleitung raus und wählten einen neuen Verwaltungsrat.

Sie beschlossen, die Produktion wieder aufzunehmen. Sie waren gerade noch 15 Arbeiter (heute sind sie 136), beschafften sich Rohstoffe, die sie wiederverwerten konnten, und heute sind sie ein wichtiger Bezugspunkt für die ganze Bewegung. Es gab zwei einschneidende Entscheidungen: Aluminiumschrott zu kaufen, um Kosten zu senken und der Konkurrenz von Aluar zu entgehen, trotz der Skepsis sämtlicher Beschäftigten, die meinten, dass sie nicht qualifiziert genug wären, um mit wiederverwerteten Rohstoffen zu produzieren, was ihnen auch die Ingenieure sagten. Die zweite Entscheidung betraf die älteren Beschäftigten. »Wir hatten immer Arbeit für 80 bis 90 Personen, aber wir beschäftigen 136, weil hier viele Alte sind, denen sie die Rente geklaut haben, und die helfen hier mit, fegen, machen sauber, machen nach ihren Kräften mit. Das war ein Beschluss der Versammlung, die der Meinung war, dass es würdiger wäre, dass sie in der Fabrik bleiben, in der sie 30 oder 40 Jahre verbracht haben, als dass man ihnen eine Unterstützung zahlt und sie zu Hause bleiben«, sagt der Vorsitzende der Kooperative, Oracio Campos, ein Mann von 65 Jahren mit indigenen Zügen. Er sagt das mit ergreifender Aufrichtigkeit, einfach so, ohne zu merken, dass er damit jegliche Wirtschaftstheorie und sogar das Fortbestehen des Projektes in Frage stellt, um auf einer Menschlichkeit zu bestehen, die sie »Klassensolidarität« nennen.

Sie halten Informationsversammlungen ab, haben die Vorarbeiter durch Abteilungs– oder Werkstattkoordinatoren ersetzt, die für die Arbeitsverteilung zuständig sind, und sie haben einige Gruppen gebildet, um die Arbeit zu demokratisieren. Aber sie sind nicht naiv: »In einigen Abteilungen gibt es hierarchische Strukturen, denn der Markt erfordert schnelle Entscheidungen, da bleibt für nichts Zeit«, erklärt Eduardo Murúa, ein ehemaliger Gewerkschafter von 41 Jahren, der die Funktion eines Geschäftsführers hat. IMPA produziert heute vor allem Einweggeschirr, Zahnpastatuben, Keksverpackungen und Tabletts für Catering.

In Bezug auf die Arbeitsorganisation kommt es in den einzelnen Betrieben zu unglaublichen Veränderungen. Eine Arbeiterin von Brukman erklärt mit Nachdruck: »Jetzt herrscht größere Freiheit bei der Arbeit, wir arbeiten kollegialer zusammen, vorher waren wir nach Stockwerken getrennt, jetzt sind wir alle zusammen und organisieren uns selbst.« Die Arbeiterinnen haben entschieden, die Zuordnung der Maschinen zu verändern, und haben damit das alte Kontrollsystem über den Haufen geworfen. Abellí ist damit einverstanden, dass die »Laster des Kapitalismus« bekämpft werden müssen, aber er schlägt den unvermeidlichen Bogen zur Realität: »Die Produktion kann kein ständiger Diskussionsprozess sein.«

Die wichtigste Initiative von IMPA, die sie von anderen unterscheidet und auf die Dario Fo neidisch wäre, ist die Einrichtung der Stadt–Kultur–Fabrik (La Fábrica Ciudad Cultural). Seit etwa vier Jahren betreiben sie ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, das von einer Gruppe von vierzig Jugendlichen geleitet wird. 35 Kurse und Workshops finden dort statt, sowie Feste, Kino– und Theatervorstellungen und was es sonst noch an Ideen gibt.

Tatsächlich begann das Projekt, als sie angesichts der mehr als zwei Millionen US–Dollar Schulden, die sie bei der Nationalbank haben und die zur Zwangsversteigerung führen könnten, die Solidarität der NachbarInnen und der sozialen Bewegungen brauchten. »Danach haben wir begriffen, dass das eine Möglichkeit war, der Gesellschaft für die enorme Solidarität, die wir bekommen haben, etwas zurückzugeben«, sagt Murúa. Campos lacht und erinnert an das Auftauchen der ersten Punks, mit ihren Punkerfrisuren und Ringen, von denen die Arbeiter nichts wissen wollten. Heute essen sie alle zusammen in der Kantine, die sie nach Azucena Villaflor de Devicenti benannt haben, der verschwundenen Gründerin der Mütter von der Plaza de Mayo, die auch Metallarbeiterin gewesen war.

Wer gegen Abend in die Fabrik kommt, wenn die Produktion langsam eingestellt wird und die Jugendlichen eintreffen, kommt aus einer lauten Werkshalle, wo verdreckte Arbeiter Maschinen bedienen, die Aluminiumtuben ausspucken, in anliegende, durch einen kleinen Gang abgetrennte Räume, wo sich eine Gruppe von Studenten in völliger Stille zum Aktzeichnen um ein Modell schart. Sie geben die Zeitschrift IMPActo heraus und können auf einiges stolz sein. 2001 hat hier das Internationale Filmfestival von Buenos Aires stattgefunden, und 1998 kam Orlando Borrego, ein Genosse von Che Guevara in der Sierra Maestra, um die erste Veranstaltungsreihe zu eröffnen. Die Fabrik funktioniert weiter, und sie rühmen sich damit, dass es noch nie irgendeinen Zwischenfall gegeben hat zwischen Leuten von der Universität, Anarchopunks, Jugendlichen, die nackt Modell stehen, Homosexuellen und alten Arbeitern und Arbeiterinnen, die nur zwei oder drei Jahre auf der Schule waren.

Das Portugiesische Krankenhaus ist vor sechs Jahren wegen Konkurs geschlossen worden. Vor zwei Wochen haben es zwei Nachbarschaftsversammlungen aus dem Stadtteil Flores in Buenos Aires besetzt. Die Überraschung war groß: In den vier Stockwerken mit Labors, Behandlungsräumen und Bettensälen waren noch fast alle Apparate intakt, sogar die der Intensivstation.

Innerhalb weniger Tage kamen die Leute von Dutzenden asambleas und mehreren instand besetzten Fabriken zum ehemaligen Krankenhaus. Es entstand die Idee, ein Gesundheitszentrum für die 8 000 ArbeiterInnen der sechzig selbstverwalteten Fabriken einzurichten sowie ein Zentrum für Prävention für den Stadtteil. Aus den Überschüssen der Fabriken soll ein Fonds für das Startkapital gebildet werden. Mehrere ehemalige Angestellte der Klinik haben ihre Unterstützung für das Projekt erklärt. Die Brukman–Arbeiterinnen haben zugesagt, Bettwäsche herzustellen, und die Arbeiter von IMPA, Chilavert und einem halben Dutzend instand besetzter Fabriken stellen sich gemeinsam mit Leuten aus dem Stadtteil für die Reinigungsarbeiten zur Verfügung. Laut der Zeitung Página/12 haben die NachbarInnen den bezeichnenden Namen Que se vayan todos für das neue Zentrum ins Auge gefasst.

Selbstverwaltung: Ein Projekt fürs Leben

In Brasilien wurde 1991 die erste Erfahrung mit dem Instand besetzen von bankrotten Betrieben gemacht. Die Schuhfabrik Makerli hatte den Betrieb geschlossen und 482 ArbeiterInnen auf die Straße gesetzt. 1994 wurde die Nationale Allianz von ArbeiterInnen in selbstverwalteten Betrieben (ANTEAG) gegründet, um die verschiedenen Unternehmungen, die mitten in der Krise der Industrie entstanden, zu koordinieren. Sie hat in sechs Provinzen Büros, welche die Selbstverwaltungsprojekte begleiten und versuchen, sie mit Initiativen von NGOs und mit den Provinz– und Stadtverwaltungen zusammenzubringen. Sie arbeitet mit 160 Selbstverwaltungsprojekten zusammen, zu denen 30 000 ArbeiterInnen gehören. Selbstverwaltete Betriebe gibt es in allen Branchen, vom Erzabbau über Textil bis hin zu Tourismus und Hotelgewerbe. Für die ANTEAG ist die Selbstverwaltung ein Organisationsmodell, welches das kollektive Eigentum an den Produktionsmitteln mit der demokratischen Beteiligung an der Geschäftsführung verbindet. Aber sie bedeutet auch Autonomie, weil die Entscheidungen und die Kontrolle der Betriebe, wie auch der Spezialisten, die sie beauftragen, bei den Mitgliedern liegen.

Für die ArbeiterInnen der selbstverwalteten Betriebe besteht eine der größten Schwierigkeiten darin, »wieder zu denken«. Die ANTEAG stellt fest, »dass die paternalistische Kultur dazu geführt hat, dass die ArbeiterInnen erwarten, dass andere alles für sie machen«. Einige erwarten alles vom Chef, andere von der Gewerkschaft oder von der Regierung. Aber es bestehen auch Ängste, Verantwortung zu übernehmen und Risiken einzugehen, sowie Probleme beim Versuch der demokratischen und transparenten Geschäftsführung, und vor allem die Schwierigkeiten, zu verstehen, dass das wichtigste Ziel die Festigung des Kollektivs ist, von dem der Fortbestand des Betriebes abhängt.

Die Selbstverwaltung ist auch ein Lebensprojekt, das für breite Schichten von ArbeiterInnen zum gesellschaftlichen Bezugspunkt werden kann, als Teil der Alternativen zum System, die von der sozialen Basis aus entstehen. Für einen unvermeidlichen Schritt hält die ANTEAG »die Neuerziehung des Arbeiters, damit er in der Arbeit einen neuen Sinn findet, an seine Fähigkeiten glaubt und die Initiative im Prozess der Selbstverwaltung ergreifen kann, um so mit der Geschichte der Unterwerfung zu brechen«.

Raúl Zibechi

Aus dem Spanischen von Alix Arnold

Originaltext: http://www.wildcat-www.de/dossiers/latina/arg_occu.htm


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