Heinrich Heine - Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne, 
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: 
»Deutschland, wir weben dein Leichentuch, 
Wir weben hinein den dreifachen Fluch - 
Wir weben, wir weben! 
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten 
In Winterskälte und Hungersnöten 
Wir haben vergebens gehofft und geharrt, 
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt - 
Wir weben, wir weben! 

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 
Den unser Elend nicht konnte erweichen, 
Der den letzten Groschen von uns erpreßt, 
Und uns wie Hunde erschießen läßt - 
Wir weben, wir weben! 

Ein Fluch dem falschen Vaterlande, 
Wo nur gedeihen Schmach und Schande, 
Wo jede Blume früh geknickt, 
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt - 
Wir weben, wir weben! 

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, 
Wir weben emsig Tag und Nacht - 
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, 
Wir weben hinein den dreifachen Fluch, 
Wir weben, wir weben!«

Heinrich Heine


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Das Gedicht Heinrich Heines erinnert an den Aufstand der "Schlesischen Weber" im Juni 1844, der sich gegen die zunehmende Verarmung und miese Löhne richtete. Fabrikantenvillen und Fabriken wurden attackiert, schließlich schickte die Herrschaft das preußische Militär zur Niederschlagung der Revolte. Dessen Eingreifen mit elf Toten und dutzenden Verletzten ließ die Situation außer Kontrolle geraten - es folgten Plünderungen und das Militär musste vor der mit Stöcken und Steinen bewaffneten Menge zurückweichen. Nach Eintreffen von Verstärkung wurde der  Aufstand niedergeschlagen - zahlreiche Weber wurden verhaftet und zu Zuchthaus, Festungshaft bzw. Peitschenhieben verurteilt.



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