Politik und Privatleben

"Das Private ist politisch!" - eine Parole, die seit den 60ern (oder noch früher) die Grundlage unseres Lebens, Denkens und Handelns bildet. Allerdings auch eine Parole, die alles von uns verlangt - die letzte Konsequenz, Radikalität auf allen Ebenen, Einheit von Anspruch und Praxis - kurz: Militanz. Im Privatleben spiegelt sich unser politischer Ansatz wider, genauso wie unser politisches Leben Ausdruck unserer Beziehungen zu Mitmenschen ist. Soweit, so gut. Wie sieht´s aber in Wirklichkeit aus?

Unsere Lebensformen

Noch immer sind es nicht wenige, die das Prinzip der bürgerlichen Kleinfamilie, der Keimzelle des Staates und der Kirche, der Urform des Patriarchats, reproduzieren. Sei es, dass sie nach des Tages "revolutionärer" Müh und Last sich in der sauber von Mami aufgeräumten Wohnung vor die Glotze knallen; sei es, dass sie selbst schon im Begriff sind, eine Familie aufzubauen oder in einer "Wohngemeinschaft" leben, die sich davon nicht groß unterscheidet.

Einer der wichtigsten Grundsätze für mich ist es, die Gesellschaft, die wir erkämpfen wollen (hoffe ich doch, manchmal habe ich jedoch den Eindruck, dass es nicht dieselbe ist), soweit wie möglich schon hier zu leben - einerseits, um für uns selbst die Erfahrung der HERRschaftsfreiheit, der Gewaltlosigkeit in unseren Strukturen und des sozialen, solidarischen Zusammenlebens zu machen; andererseits, um damit anderen beispielhaft vorzuleben wie´s auch anders laufen kann. Die eigene Wohnung als sozialen Zusammenhang, als Verbindung von zwischenmenschlichen Beziehungen und politischer Agitation zu sehen, ist für mich die einzige zur Zeit in Frage kommende Perspektive. Eine natürliche Insel inmitten einer künstlichen Welt - dafür muss mensch nicht erst jahrelang nach "passenden" Leuten suchen und dies als Ausrede für sein eigenes Unvermögen hernehmen, soziales Leben praktisch zu organisieren, auch etwas von dem, was hinter der eigenen Mauer steckt, zu investieren. Wärme, Nähe, Zärtlichkeit und damit KRAFT!

Arbeitsverhältnisse

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass in diesem System alles Arbeit ist. Angefangen von Arbeitslosen- oder Sozialkohle bis hin zur "Hausarbeit" oder eben Arbeit im Betrieb, wechselnde Jobs oder weiß der Geier was. Nur lässt sich dieser Bereich nicht von meiner Überzeugung trennen. "Feierabendautonomie" gibt´s nicht. Was es gibt, sind Bedingungen, auf die ich mich einlassen muss.

Ich denke doch, dass wir alle noch auf die Revolution abzielen, und da braucht´s eben auch Leute, die bestimmte Sachen checken, sich also teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen unterwerfen müssen, um eine Ausbildung zu erhalten. Ich kann auch nicht immer von den Unterschichten als revolutionärem Subjekt/Objekt reden, ohne dass ich auch nur den blassesten Schimmer davon habe, weil Mami mir die Kohle immer vorstreckt. Manche sind eben gezwungen, Lumpenprolos zu werden, gewinnen dafür aber auch einiges an Erfahrung, das anderen fehlt. Für viele bedeutet der radikale Bruch mit diesem System, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sind damit aber konsequent und lassen sich nicht ein Hintertürchen zum bürgerlichen Leben offen. Ich will damit keinen Bereich verherrlichen oder als einzig richtig hinstellen, ich will nur, dass sich jedeR überlegt, ob das, was er/sie sonst so macht, mit dem, was sie/er verbalradikalisiert, zu vereinbaren ist.

Politische Gruppierungen

Es wundert mich überhaupt nicht, dass die mangelnde Kontinuität der Leute im politischen Handeln, das häufige Zusammenbrechen und Neu-Entstehen von politischen Gruppen eines unserer größten Probleme ist. Mensch trifft sich eben ab und zu mal (im günstigsten Fall jede Woche), labert großkotzig über die aktuelle politische Situation, liefert (teilweise durchaus richtige - eben!!) Analysen, sieht sich auf der nächsten Demo, pilgert zu den autonomen Kult-Städten. Und dann? Ciao - bis zum nächsten Mal. Es soll sogar Leute geben, die das jahrelang durchhalten und dabei noch tierisch was an Arbeit investieren, dann irgendwann zusammenbrechen, ohne irgendwas abgerafft zu haben. Leider. Scheiße!

Die zwischenmenschlichen Kisten, die bei uns so ablaufen, der psychische Druck, dem viele ausgesetzt sind, wird nicht verarbeitet und kommt höchstens beim nächsten großen Zoff zum Vorschein.

"Kommt zusammen Leute, lernt euch kennen!“

Tja, schön wär´s. Genau da scheitert´s aber. Das gegenseitige Kennen, menschliche Beziehungen, das Wissen um die Ängste und Probleme des/der Anderen sind Voraussetzung jeder revolutionären Tätigkeit. Ich sehe dabei politische Gruppen nicht als Selbsterfahrungsgruppen (ätz - kotz!), in denen tribunalmäßige Psycho-Teile ablaufen, sondern als Projektion anfangs genannten Grundsatzes. Seltsam nämlich, dass Leute "menschlich" total klar kommen, aber "politisch" den Ultra-Hardcore-Zoff haben ("KonterrevolutionärIn") bzw. dass Leute diesen Zoff auf einmal nicht mehr haben, wenn sie das "Counter-Schwein" mal näher/intimer/menschlicher kennenlernen und dabei feststellen, dass sie doch ´n ganzen Batzen Gemeinsamkeiten haben.

Als dritte Variation gibt´s dann noch die, die "menschlich" überhaupt nichts gemeinsam haben, aber meinen, sie könnten´s "politisch" auf die Reihe kriegen, weil sich das ja schließlich auf rein technische Sachen reduzieren lässt. Seltsam auch, dass viele von uns (vielleicht gerade deswegen, weil sie bei uns in multiplizierter Form aushalten müssen) Drogen schlucken, psychisch verkrüppeln, Selbstmord(versuche) machen oder nicht selten auch in Psychiatrien landen und keineR merkt´s. Wenn´s dann aufkommt, ist es oft schon zu spät und das große Erstaunen setzt ein. Länger als ´n paar Jahre hält´s kaum jemensch aus. Steigen solche Leute dann aus, weil sie einfach fertig, am Boden sind - desillusioniert, verzweifelt, leer - werden sie oft zu VerräterInnen abgestempelt. Autonome SelbstHERRlichkeit. Autonome Selbstüberschätzung. (Ja, ja ich weiß - es gibt auch Leute, die aus politischen Gründen aussteigen, die´s nie ernst gemeint haben, was weiß ich noch, dass mensch doch nicht alles auf ein Psycho-Teil reduzieren kann - aber die anderen Aspekte werden von anderen GenossInnen schon ausführlich genug behandelt.)

Typen, Frauen, Sexualität, bürgerliche Moral usw.

Da gibt´s Männergruppen und Frauengruppen. Frauen, die meinen, "Warum Frauengruppen?", "Was machen die da?" ginge Typen erstmal gar nix an. ("Geht doch lieber Schafkopf spielen!" oder so ähnlich - eben die Umkehrung: das bürgerliche Männerbild). Im Übrigen könnten Typen sowieso keine Solidarität zu Frauen zeigen, als potentielle Unterdrücker halt. (Und die Revolution läuft dann wohl auch getrennt?) Männer, die meinen, Patriarchat und alles, was damit zusammenhängt, ginge sie doch was an. Und damit haben sie gar nicht mal so unrecht. Denn das Patriarchat zeigt sich auch - und vor allem (vor allem ist ja wohl etwas übertrieben, d. S.in) – im Umgang zwischen Männern (noch nie was von Jungen gehört, die von ihren Onkels begrabscht werden?).

Viele Typen haben Schiss, ihr Mackertum bei Frauen rauszulassen. Könnten ja sonst vor´s revolutionäre Tribunal kommen. Im Umgang untereinander fällt´s aber wohl doch nicht so auf. Das geht los beim primitivsten Rivalen-Kampf. Besiegen, sich körperlich und geistig überlegen fühlen (und dann irgendwann doch auf die Fresse fallen), Sieger sein und sei´s im harmlosen "Spiel", das die Psyche einiger Obermacker besser offenbart als so manch anderes. Dann eben die Sexualität. Noch immer haben tierisch viele Männer (auch Frauen!) Schiss, sich anzufassen. Schiss davor, für "homosexuell" gehalten zu werden. Da kommen auch Argumente wie: "Ich geh´ in keine Männergruppe - ich bin doch nicht schwul!" Ein Problem, das Frauen wie Männer betrifft. Die bürgerliche Moral von der Mann-Frau-Beziehung steckt noch dicke in uns drin. Die uns seit Jahrhunderten eingehämmerte Sexualnorm (mit Hilfe einer aufgezwungenen Sexualität lässt sich ein Mensch schließlich am leichtesten versklaven!), die vollkommen unnatürliche Aufteilung in homo-, hetero- und bisexuell (ich weiß bis heute nicht, was ich denn nun bin - warum auch?)

Jeder Mensch hat gleichgeschlechtliche Neigungen - auch wenn sie /er eher zu dem einen oder anderen Geschlecht tendiert. Die Unterdrückung dieser Neigungen führt bei nicht wenigen Leuten zu ernsthaften psychischen Störungen. Wer gibt denn schon zu, dass er/sie auch mal zum eigenen Geschlecht zärtlich sein möchte oder dieses gar "bevorzugt"? Die meisten haben es bis jetzt "geschafft", dies zu unterdrücken, sich erst überhaupt nicht damit zu beschäftigen. Unmöglich! Kommt doch gar nicht in Frage! Und wenn ich dann erst sehe, welche Leute die Patriarchatsdiskussion hochpowern, wie Typen mit "ihren" Frauen umgehen (z.B. als reines Sexualobjekt - Bumsen ohne jegliche menschliche Beziehung, "Ersatzfrauen" etc.), wie sie über Verhütung reden (Sache der Frau, ekelhaft, unnatürlich, erst recht die Sterilisation – als ob´s in Heimen oder Familien-Knästen nicht genug Kinder gäbe, die nur darauf warten, rauszukommen - nein, MANN muss selber noch´n Sohn machen), wie Typen diese ganze Scheiße im Hirn haben und sich dann scheinheilig und über alles erhaben als Pseudo-Revoluzzer hochspielen, wenn´s mal eineR offen sagt! Oder halt die Softie-Mitleidstour ... WÜRG!

Dann noch so einige Frauen, die auf Demos ein´ auf selbstbewusst, stark, kämpferisch (autonom eben?) machen und sich dann freiwillig ihrem Typen unterwerfen und sogar für ihn noch die Präservative holen gehen, während er fett am Kneipentisch sitzt und wartet und auch sonst keineR´s Maul aufkriegt! KOTZ!!! Tja, das war´s. Hat´s gereicht? Haaaalt, noch ´n paar Parolen:

Nicht HOMO-, BI- oder HETEROsexuell, sondern SEXUELL!! DON´T DREAM IT - BE IT!!!

Aus: Freiraum # 22 - anarchistische Zeitung aus Bayern

Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/freiraum1.html


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