PornNOgrafie? Einige Texte zur Debatte

Wendy McElroy ist Fellow des Independent Institute und Autorin zahlreicher Bücher und Aufsätze zu den Themen Individualanarchismus und individualistischer Feminismus (http://www.zetetics.com/mac/). Der Artikel orientiert sich an der feministischen Pornographie - Debatte in Amerika und bietet ausreichend Stoff für kritische Diskussionen. Er soll eine Denkanregung als Gegenstück zum "Pornographie - Beitrag" der Autonomen Antifa München sein, der auf einer Internetseite hämisch mit "der Vatikan informiert" übertitelt wurde. "Mit Gesetz und Staat" kritisiert die staatsfeministische Position der PorNO-Kampagne von Emma.

Pornografie: heute eine ganz anders strukturierte Industrie wie in den 1970ern/1980ern (man denke nur an die zahlreichen Amateurpornos). Ihre allgemeine Verteufelung oder Verbotsforderungen sind wenig sinnvoll - und treffen in ihrer Umsetzung dann meistens gerade nicht den sexistischen Mainstream, sondern dienen dem Schutz konservativer Wertvorstellungen. So erließ etwa die zuständige Behörde in England 2014 eine Liste mit Sexualpraktiken, die in englischen Pornos als "harmful content" verboten wurden: sie enthält neben Facesitting, Natursektspielen (Pisse) oder Fisting auch die weibliche Ejaculation. Squirting schädigt offensichtlich die Hirne der Zensoren und Zensorinnen - die wohl nicht so schnell auf die Idee kämen, die Ejaculation des Mannes genauso als "harmful content" zu klassifizieren...

Unbestritten ist, dass viele kommerzielle Pornos eine klare Rollenaufteilung und die patriarchale Struktur unserer Gesellschaft wiederspiegeln - einmal ganz abgesehen von dem ganzen Scheißdreck, in dem Menschen erniedrigt, geschlagen oder zu sexuellen Handlungen gezwungen werden (hiermit ist nicht das weite Spektrum an SM-Praktiken oder "Dominanzspielchen" gemeint, die im gegenseitigen Einverständnis stattfinden!). Darauf weist auch der vierte Text hin, den ihr auf dieser Seite findet. In ihm begründen autonome AktivistInnen, warum sie weiterhin militant gegen Sexshops vorgehen werden. Der fünfte Text weist aus Sicht einer anarchistisch - feministischen Gruppe auf eben diese sexistischen Rollenbilder hin, die in Mainstreampornos verbreitet werden.

Sexfilme können Ausdruck gelebter Sexualität in all ihren Formen sein, die sowohl Männern als auch Frauen Spaß machen und keinesfalls erniedrigend für eineN der Beteiligten sein müssen. Ohne eine Unterscheidung zwischen Sexfilmen und Filmen, die bewußt Gewaltverhältnisse reproduzieren oder Gewalt und Vergewaltigung verherrlichen, verkommt eine "Anti-Porno-Kampagne" zu einer Kampagne für die Zensur von Sexualität und deren Ausdruck in Wort und Bild allgemein. In diesem Sinne: habt Spaß an eurem Leben, erkundet eure Sexualität und bekämpft Verbote & Normierungen! Es kann aber nie schaden, sich auch mal Gedanken darüber zu machen, was für (Rollen)Bilder und Klischees man sich da gerne reinzieht...


Texte:

  • Stellungnahme der Antifaschistischen Aktion München
  • Wendy McElroy: Pornographie - aus feministischer Sicht
  • Mit Gesetz und Staat gegen`s Patriarchat
  • Warum wir es immer noch für richtig halten, Sex-Shops anzugreifen...
  • Erotik-Messe: PorNO!

Stellungnahme der Antifaschistischen Aktion München

Es wurde durch einen Zufall von uns festgestellt, dass ein Mitglied unserer Organisation über einen längeren Zeitraum größere Mengen pornographisches Materials aus dem Internet auf seinen Rechner heruntergeladen und dort gespeichert hat und versucht hat, dies geheim zu halten.

Dies alles geschah, obwohl:

  • er stets vorgab, dass der Kampf gegen Patriarchat und Sexismus zu seinen Zielen gehöre;
  • er zumindest einmal unsere Gruppe auf Diskussionen und Seminaren zu diesem Thema vertreten und dementsprechende Verantwortung auch nach außen übernommen hat;
  • ihm klar sein mußte, dass er gegen die Grundsätze unserer Organisation verstossen hat, d.h. er uns auf unsolidarische Art und Weise getäuscht hat und seiner Vorbildfunktion nicht gerecht wurde.

Daraus ergibt sich für uns als Organisation der Entschluss, dieser Person die Mitgliedschaft in der AAM zu entziehen, da die für einen gemeinsame politische Arbeit notwendige Vertrauensgrundlage nicht mehr besteht. Besonders enttäuscht und überrascht waren wir von der Tatsache, dass die Person immer vorgab, einen Entwicklungsstand erreicht zu haben, der derartige Handlungen nicht zulassen würde, tatsächlich aber unsere und seine selbst aufgestellten Maßstäbe für ihn wohl nur Makulatur waren.

Dieser grundlegende Gegensatz zwischen Wort und Tat kann und wird von uns nicht toleriert werden. Für uns stellt sich der Umgang damit als recht schwierig dar, da wir uns als Organisation nicht vorwerfen können, die Entwicklung unserer Mitglieder auf diesem Gebiet vernachlässigt zu haben. Wenn offiziell von einer Person vollkommene Übereinstimmung mit den Thesen und Werten der Gruppe besteht, die persönliche Umsetzung dieser Thesen und Werte aber nicht vorhanden ist und diese Tatsache vor der Organisation verdeckt wird, so hat eine halboffene Gruppe - wie die AAM - keine Möglichkeit mehr darauf Einfluß zu nehmen.

Der AAM, also auch dem ehemaligen Mitglied, ist bewusst, das kommerzielle Pornographie in dieser Gesellschaft eine milliardenschwere Industrie ist, die auf Profitgier und der "Verwertung" der Frau als "Ware" basiert. Dennoch kann der Konsum dieses menschenverachtenden Drecks nicht gleichgesetzt werden mit persönlicher, direkter sexuellen Gewalt gegen andere Menschen. Diesen Vorwurf erheben wir gegen die Person ausdrücklich nicht!

Da für uns die hauptsächliche Verfehlung der Person in dem gelebten Widerspruch zwischen Theorie und Praxis besteht, sehen wir keinen Sinn darin, eine theoretische Auseinandersetzung darüber ausserhalb unserer Organisation zu vertiefen. Vielmehr werden wir unserer politische Arbeit intensiviert fortsetzen, was eine weitere interne Aufarbeitung einschliesst. Wir erwarten von der Person eine Erklärung zu den gegen ihn gerichteten Vorwürfen und weitergehend eine politische Auseinandersetzung damit. Desweiteren hoffen wir, dass diese Person endlich die Konsequenzen aus seinem Handeln zieht, indem er tatsächlich seine angeblichen vorhandenen Maßstäbe umsetzt und legen ihm nahe, sich aus allen politischen Strukturen, in denen er aktiv war, zurückzuziehen.

Antifaschistische Aktion München, den 12. Februar 2001

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Wendy McElroy: Pornographie - aus feministischer Sicht

Feministische Positionen zur Pornographie zerfallen zurzeit in drei grobe Kategorien. Die zumindest in akademischen Kreisen verbreitetste ist, dass Pornographie ein Ausdruck männlicher Kultur ist, durch den Frauen zur Ware gemacht und ausgebeutet werden. Die liberale Position verbindet Respekt vor freier Meinungsäußerung mit dem Prinzip der Körper einer Frau, das Recht einer Frau, um eine Verteidigung der Pornographie zu liefern nach dem Grundsatz: "Ich finde es nicht gut, aber jeder hat das Recht, Worte und Bilder zu konsumieren oder zu produzieren". Eine echte Verteidigung der Pornographie stammt von Feministinnen, die als Pro-Sex-Feministinnen bezeichnet werden, und die behaupten, dass Pornographie Frauen Vorteile bietet. Was sind, wenn man die Emotionen beiseite schiebt, die wesentlichen Fragen, die von jeder feministischen Sichtweise jeweils aufgeworfen werden?

Anti-Porno-Feminismus

Page Mellish von den Feminists Fighting Pornography hat verkündet: "Es gibt keine Frage des Feminismus, die ihre Wurzel nicht im Porno-Problem hätte". In ihrem Buch Only Words bestreitet Catharine MacKinnon, dass Pornographie aus Worten und Bildern besteht, die beide durch den ersten Verfassungszusatz geschützt wären. Sie betrachtet Pornographie als solche als einen Akt sexueller Gewalt. Warum wird Pornographie sowohl als Kernfrage des Feminismus, als auch als inhärenter Gewaltakt betrachtet? Die Antwort liegt in der radikalfeministischen Ideologie begründet, die Christina Hoff Sommers als gender feminism bezeichnet. Der gender feminism schaut in die Geschichte und sieht eine ununterbrochene Unterdrückung von Frauen durch Männer, die kulturelle Schranken übersteigt. Für seine Anhänger besteht die einzige mögliche Erklärung darin, dass es sich bei Männern und Frauen um getrennte und feindliche Klassen handelt, deren Interessen notwendigerweise im Gegensatz zu einander stehen. Männliche Interessen werden ausgedrückt und aufrechterhalten durch eine kapitalistische Struktur namens Patriarchat.

Die Wurzeln des Gegensatzes liegen so tief, dass sie in der männlichen Biologie selbst gründen. Zum Beispiel verfolgt Susan Brownmiller in dem einflussreichen Buch Against Our Will die Unvermeidlichkeit der Vergewaltigung zurück bis zu den Zeiten des Neandertalers, als Männer begannen, ihre Penisse als Waffen zu benutzen. Brownmiller schreibt: "Von vorgeschichtlichen Zeiten bis zur Gegenwart, so glaube Ich, erfüllte Vergewaltigung eine entscheidende Funktion. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als ein bewusster Einschüchterungsvorgang, durch den alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten". Wie sie zu diesem Wissen über prähistorischen Sex kommt, ist unbekannt.

Liberale Feministinnen

Liberaler Feminismus ist eine Fortsetzung des Feminismus der 60er Jahre, welcher die Gleichstellung mit den Männern forderte, die nicht so sehr ihrer Natur nach Unterdrücker waren, sondern vielmehr widerspenstige Partner, die aufgeklärt werden mussten. Gleichstellung bedeutete nicht die Zerstörung des bestehenden Systems, sondern seine Reform durch Maßnahmen wie affirmative action. Das liberale Prinzip "Der Körper einer Frau, das Recht einer Frau" lag Argumenten zugrunde, die sich vom Recht auf Abtreibung bis zur Freiheit von Lebensstilen wie Lesbentum erstreckten. Die Betonung lag auf dem Akt des Wählens statt auf dem Inhalt irgend einer Wahl.

Liberale Feministinnen teilen die allgemeine liberale Vorliebe für freie Rede, aber sie schwanken bezüglich Pornographie. Einige liberale Organisationen wie die Feminists for Free Expression (FFE) haben Zensur in jeder Form durchweg bekämpft. Einige liberale Feministinnen wie Sallie Tisdale (Talk Dirty to Me) haben sexuelle Freiheit unbeirrt verteidigt. Aber viele liberale Feministinnen argumentieren üblicherweise wie folgt: "Als Frau bin Ich über den Playboy entsetzt ... aber als Autorin sehe Ich ein, dass Freiheit des Ausdrucks notwendig ist".

Solche Argumente sind keine Argumente für Pornographie. Es sind Argumente gegen Zensur, die sich auf verschiedene Gründe stützen, darunter: "Große Werke der Kunst und Literatur würden verboten; der erste Verfassungszusatz würde verletzt; politische Meinungsäußerung würde unterdrückt; und eine schöpferische Kultur erfordert Redefreiheit".

Andere liberale Feministinnen, die viele der ideologischen Annahmen der Anti- Porno-Position akzeptiert haben, scheinen bereit zu sein, die freie Rede dem größeren Gut des Schutzes der Frauen zu opfern. Zum Beispiel verurteilen sie auch den freien Markt für seine Kommerzialisierung von Frauen als Körperteile, wodurch Frauen erniedrigt werden. In A Capital Idea, einem Aufsatz zur Verteidigung der Pornographie, der teilweise ein Angriff zu sein scheint, bemerkt Lisa Steel: "Sexistische Darstellung von Frauen ... ist völlig Teil des selben Systems, das, im Dienste des Profits, die Gesellschaft auf Verbrauchergruppen reduziert. Und Marketing ist ganz genauso konservativ wie das Militär ...Wir zahlen teuer für die Rechte einiger weniger, mit dem Rest von uns Gewinn zu machen". Solche wirren und ambivalenten "Verteidigungen" verletzen oft die Sexarbeiterinnen, die sie in Schutz zu nehmen beabsichtigen.

Pro-Sex-Feminismus

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat eine wachsende Anzahl von Feministinnen bezeichnet als Pro-Sex-Feministinnen die Entscheidung von Frauen verteidigt, an Pornographie mitzuwirken und sie zu konsumieren. Einige dieser Frauen, wie Nina Hartley, sind derzeitige oder ehemalige Sexarbeiterinnen, die aus erster Hand wissen, dass das Posieren für Pornographie eine nicht erzwungene Entscheidung ist, die bereichernd sein kann. Pro-Sex-Feministinnen behalten eine konsequente Auslegung des Prinzips "der Körper einer Frau, das Recht einer Frau" bei und bestehen darauf, dass jeder friedlichen Entscheidung, die eine Frau bezüglich ihres eigenen Körpers trifft, voller gesetzlicher Schutz, wenn nicht Respekt, gewährt werden muss.

Pro-Sex-Argumente scheinen sich teilweise mit liberal-feministischen zu decken. Der Staat, der Margaret Sanger ächtete , weil sie die Wörter Syphilis und Gonorrhöe gebrauchte, unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, der heutzutage Obszönität interpretiert. Es wird nicht einmal Schutz für die Klassiker des Feminismus wie Our Bodies, Ourselves geben, der einer Generation von Frauen die erste explizite Ansicht ihrer eigenen Biologie zur Verfügung stellte. Unweigerlich wird die Zensur gegen die am wenigsten verbreiteten Ansichten eingesetzt werden, gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft ... einschließlich Feministinnen und Lesben. Als der kanadische Oberste Gerichtshof 1992 beschloss, Frauen zu schützen, indem er den Import von Pornographie einschränkte, war eines der ersten Opfer ein lesbisch/schwuler Buchladen namens Glad Day Bookstore, der auf einer polizeilichen Hitliste gestanden hatte. Unter den Büchern, die vom kanadischen Zoll beschlagnahmt wurden, waren zwei Bücher von Andrea Dworkin, Pornography: Men Possessing Women und Women Hating. Solch ein Ereignis sollte Dworkin nicht überrascht haben, die in Take Back the Night erklärte: "Es gibt keine Feministin auf Erden, die vom männlichen Rechtssystem irgend einen wirklichen Schutz vor dem systematisierten Sadismus der Männer erwarten könnte. (S. 257)"

Über die Gefahren der Zensur von Pornographie sind sich Pro-Sex- und liberale Feministinnen oft einig. Bei den möglichen Vorteilen der Pornographie für Frauen trennen sich ihre Wege. Solche Vorteile werden am Schluss dieses Artikels untersucht.

Kritik des Anti-Porno-Feminismus

Unter den typischen Beschuldigungen, mit denen die Pornographie konfrontiert wird, sind:

  1. Pornographie erniedrigt Frauen;
  2. Pornographie führt direkt zu Gewalt gegen Frauen;
  3. Pornographie ist Gewalt gegen Frauen, denn:
  • a) Frauen werden physisch zur Pornographie gezwungen;
  • b) Frauen, die an der Produktion von Pornographie beteiligt sind, sind durch das Patriarchat psychologisch so geschädigt, dass sie unfähig sind, eine informierte oder echte“ Einwilligung zu geben.


Halten diese Beschuldigungen einer Überprüfung stand?

1. Pornographie ist erniedrigend

Erniedrigend ist ein subjektiver Ausdruck. Ich finde Werbespots, in denen Frauen wegen Seifenlauge einen Orgasmus bekommen, ungeheuer erniedrigend. Der Punkt ist, dass jede Frau das Recht hat, für sich selbst zu definieren, was erniedrigend und was befreiend ist. Die angenommene Erniedrigung wird oft mit der Objektivierung von Frauen verbunden: das heißt, Pornos verwandeln sie in Sexualobjekte. Was bedeutet das? Wenn man es wörtlich nimmt, bedeutet es gar nichts, denn Objekte haben keine Sexualität, nur Lebewesen. Aber zu sagen, dass Pornos Frauen als Sexualwesen darstellen, läuft auf bloße Rhetorik hinaus. Üblicherweise bedeutet der Ausdruck Sexobjekte, dass Frauen als Körperteile präsentiert, auf körperliche Gegenstände reduziert werden. Was ist daran falsch? Frauen sind genauso ihr Körper, wie sie ihr Geist oder ihre Seele sind. Niemand regt sich auf, wenn man Frauen als Gehirne oder als geistige Wesen präsentiert. Wenn ich mich auf den Humor einer Frau konzentriere, unter Ausschluss ihrer sonstigen Eigenschaften, ist das erniedrigend? Warum ist es erniedrigend, sich auf ihre Sexualität zu konzentrieren?

2. Pornographie führt zu Gewalt

Es wird eine Kausalbeziehung aufgestellt zwischen männlichem Ansehen von Pornographie und männlichen Angriffen auf Frauen, vor allem in der Form der Vergewaltigung. Aber Studien und Experten sind sich uneinig darüber, ob irgend eine Beziehung besteht zwischen Pornographie und Gewalt, zwischen Bildern und Verhalten. Sogar der zensurfreundliche Meese Commission Report gestand ein, dass die Daten für eine Verbindung von Pornographie mit Gewalt nicht verlässlich waren. Andere Studien, so wie die von der Feministin Thelma McCormick 1983 für die Metropolitan Toronto Task Force on Violence Against Women erstellte, finden keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen Pornos und Sexualverbrechen. Unglaublicherweise verheimlichte die Task Force die Studie und übergab das Projekt an einen männlichen Zensurbefürworter, der die korrekten Ergebnisse lieferte. Seine Studie wurde veröffentlicht.

Wie sieht es mit Feedback aus der Realität aus? In Japan, wo Pornographie mit anschaulichen und brutalen Gewaltdarstellungen weithin erhältlich ist, ist die Anzahl der Vergewaltigungen pro Kopf wesentlich niedriger als in den Vereinigten Staaten, wo Gewalt in Pornos stark eingeschränkt ist.

3. Pornographie ist Gewalt

a. Frauen werden zur Pornographie gezwungen.

Nicht eine der Dutzenden von Frauen im Pornogeschäft, mit denen ich gesprochen habe, berichtete, dass sie gezwungen worden sei. Nicht eine kannte eine Frau, die gezwungen worden war. Trotzdem weise ich Berichte über Gewalt nicht zurück: In jeder Branche gibt es Missbrauch. Und jeder, der Gewalt oder Drohungen anwendet, um eine Frau zum Auftritt zu zwingen, sollte des Menschenraubs, der Bedrohung und/oder der Vergewaltigung beschuldigt werden. Alle Bilder oder Filme sollten beschlagnahmt und verbrannt werden, denn niemand hat das Recht, vom Ertrag eines Verbrechens zu profitieren.

b. Frauen, die in Pornos auftreten, sind durch das Patriarchat so traumatisiert, dass sie keine echte Einwilligung geben können.

Obwohl Frauen in der Pornographie einverstanden zu sein scheinen, wissen Anti- Porno-Feministinnen, dass keine geistig gesunde Frau der Erniedrigung durch Pornographie zustimmen würde. Scheint eine Zustimmung vorhanden zu sein, so liegt dies deshalb daran, dass die Frauen sich in ihre eigene Unterdrückung verliebt haben und vor sich selbst gerettet werden müssen. Ein häufiges emotionales Thema für die Pornodarstellerinnen, die ich befragt habe, ist eine Liebe zum Exhibitionismus. Doch wenn eine solche Frau ihre Freude an der Zurschaustellung ihres Körpers erklärt, behaupten Anti-Porno-Feministinnen, dass sie nicht einfach ein einzigartiges menschliches Wesen ist, das sich aus einem anderen Hintergrund oder einer anderen Persönlichkeit heraus verhält. Sie ist psychisch geschädigt und nicht mehr für ihre Handlungen verantwortlich. Im Wesentlichen ist dies die Leugnung des Rechts einer Frau, irgend etwas außerhalb des beschränkten Bereichs von Wahlmöglichkeiten zu wählen, die durch die political correctness bzw. sexual correctness angeboten werden. Das Recht, zu wählen, hängt an dem Recht, eine falsche Wahl zu treffen, so wie Religionsfreiheit das Recht, Atheist zu sein, zur Folge hat. Schließlich wird niemand eine Frau davon abhalten, das zu tun, was man denkt, das sie tun sollte.

Eine Pro-Sex-Verteidigung

Als Pro-Sex-Feministin behaupte ich: Pornographie nützt Frauen, sowohl persönlich, als auch politisch. Persönlich nützt sie ihnen auf verschiedene Weise:

1. Sie liefert sexuelle Information auf mindestens drei Ebenen:

a. Sie liefert einen Überblick über alle sexuellen Möglichkeiten der Welt. Dies trifft sogar auf grundlegende sexuelle Information wie die Masturbation zu, die für Frauen nicht so selbstverständlich zu sein scheint, wie für Männer. Nicht selten erreichen Frauen das Erwachsenenalter, ohne zu wissen, wie sie sich selbst Genuss verschaffen können.

b. Sie erlaubt Frauen, auf sichere Weise sexuelle Alternativen kennenzulernen und eine gesunde sexuelle Neugier zu befriedigen. Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Dagegen kann Pornographie eine Quelle einsamer Aufklärung sein. Pornographie erlaubt es Frauen, in der Privatsphäre ihrer eigenen Schlafzimmer zu experimentieren, mit einem Fernseher, der ausgeschaltet werden kann, wann immer man genug hat.

c. Sie liefert eine andere Art von Information, als Lehrbücher oder Diskussionen. Sie bietet die emotionale Information, die nur aus der Erfahrung kommt, entweder direkt oder aus zweiter Hand. Sie versieht uns mit einem Empfinden dafür, wie es sich anfühlen würde, etwas zu tun.

2. Die Pornographie schiebt die emotionale Verwirrung beiseite, die den Sex in der realen Welt so oft umgibt. Pornographie erlaubt es Frauen, Szenen und Situationen zu genießen, die im wirklichen Leben Angstthema für sie wären. Nehmen wir zum Beispiel eine der häufigsten Phantasievorstellungen, von denen Frauen berichten, die Vorstellung, genommen, vergewaltigt zu werden. Zunächst muss man einsehen, dass eine Vergewaltigungsphantasie nicht das Verlangen nach ihrer Verwirklichung bedeutet. Es ist eine Phantasievorstellung. Die Frau hat die Kontrolle über das kleinste Detail jeder Handlung. Warum sollte eine gesunde Frau in Träume über ihre Vergewaltigung verfallen? Es gibt Hunderte von Gründen. Vielleicht wirft sie durch den Verlust der Kontrolle jedes Verantwortungs- und Schuldgefühl bezüglich Sex von sich. Vielleicht ist dies das genaue Gegenteil zu dem braven, sanften Sex, den sie jetzt hat. Vielleicht ist es schmeichelhaft, sich vorzustellen, dass ein bestimmter Mann so überwältigt von ihr ist, dass er sie haben muss. Vielleicht ist sie neugierig. Vielleicht hat sie etwas masochistische Neigungen, denen sie durch ihre Phantasien Luft verschafft. Ist es besser, sie zu unterdrücken?

3. Pornographie durchbricht kulturelle und politische Klischees, so dass jede Frau Sex für sich selbst interpretieren kann. Antifeministen bringen Frauen bei, sich für ihre Neigungen und Triebe zu schämen. Pornographie bringt ihnen bei, sie zu akzeptieren und zu genießen. Pornographie bietet Bestätigung und beseitigt Scham. Sie sagt den Frauen: Du bist nicht allein mit deinen Phantasien und geheimsten dunkelsten Begierden. Hier auf dem Bildschirm sind andere, die dieselben Triebe verspüren und so selbstbewusst sind, dass sie sie zur Schau stellen.

4. Pornographie kann eine gute Therapie sein. Pornographie schafft ein sexuelles Ventil für solche, die aus welchen Gründen auch immer keinen Sexualpartner haben. Vielleicht sind sie fern von zu Hause, frisch verwitwet, aus Krankheitsgründen alleinstehend. Vielleicht ziehen sie es einfach vor, allein zu sein. Manchmal sind Masturbation und Sex aus zweiter Hand die einzigen Alternativen zur Enthaltsamkeit. Paare benutzen Pornographie auch, um ihre Beziehung zu vertiefen. Manchmal tun sie dies von sich aus, indem sie Videos gucken und ihre Reaktionen zusammen erforschen. Manchmal gehen die Paare zu einem Sexualtherapeuten, der ihnen empfiehlt, Pornographie als Mittel zu benutzen, um Kommunikation über Sex zu eröffnen. Durch den gemeinsamen Konsum von Pornographie sind die Paare imstande, in ihrem Sexleben Abwechslung zu erfahren, ohne einander untreu werden zu müssen.

Pornographie nützt Frauen politisch in vielen Hinsichten, darunter folgende:

1. Historisch waren Pornographie und Feminismus Weggefährten und natürliche Verbündete. Beide sind während der selben Perioden sexueller Freiheit aufgekommen und erfolgreich gewesen; beide sind von den selben politischen Kräften attackiert worden, gewöhnlich von Konservativen. Gesetze, die gegen Pornographie oder Obszönität gerichtet waren, wie das Comstock Law in den späten 1880ern, sind stets verwendet worden, um die Wahrnehmung von Frauenrechten wie Geburtenkontrolle zu behindern. Obwohl es nicht möglich ist, eine Kausalbeziehung zwischen dem Aufkommen der Pornographie und dem des Feminismus aufzustellen, so setzen sie doch beide dieselben gesellschaftlichen Bedingungen voraus, nämlich sexuelle Freiheit.

2. Pornographie ist Redefreiheit, angewendet auf den sexuellen Bereich. Redefreiheit ist die Verbündete derer, die Veränderung suchen: Sie ist die Feindin derer, die Herrschaft aufrecht zu erhalten suchen. Pornographie sollte, zusammen mit allen anderen Formen sexueller Häresie, wie Homosexualität, denselben rechtlichen Schutz genießen wie politische Häresie. Dieser Schutz ist für Frauen besonders wichtig, deren Sexualität durch die Jahrhunderte von der Zensur kontrolliert wurde.

3. Das Ansehen von Pornographie mag durchaus eine kathartische Wirkung auf Männer ausüben, die gewalttätige Neigungen Frauen gegenüber haben. Wenn dies stimmt, dann entfernt die Einschränkung von Pornographie eine Schutzbarriere zwischen Frauen und Missbrauch.

4. Die rechtliche Anerkennung von Pornographie würde Sexarbeiterinnen schützen, die durch unsere Gesellschaft stigmatisiert werden. Zurzeit untergraben Anti- Pornographie-Feministinnen die Sicherheit von Sexarbeiterinnen, wenn sie sie als indoktrinierte Frauen behandeln. Die Psychologieprofessorin Dr. Leonore Tiefer bemerkte in ihrem Aufsatz On Censorship and Women: "Diese Frauen haben Feministinnen um Unterstützung, nicht Zurückweisung, gebeten ... In der Sexbranche Beschäftigte streben, wie alle Frauen, danach, wirtschaftlich zu überleben und ein anständiges Leben zu führen, und wenn Feminismus irgend etwas bedeutet, dann bedeutet er Schwesternschaft und Solidarität mit diesen Frauen."

Gesetze können Pornographie nicht abschaffen, genau so wenig, wie sie imstande waren, Prostitution auszumerzen. Aber Pornographie illegal zu machen, wird weibliche Sexarbeiterinnen weiter entfremden und gefährden.

Die Aufgabe von Gesetzen

Die Pornographiedebatte wird hervorgehoben durch zwei fundamental gegensätzliche Ansichten über die Aufgabe von Gesetzen in der Gesellschaft. Die erste Ansicht, zu der sich Pro-Sex-Feministinnen bekennen, ist, dass Gesetze freie Entscheidungen schützen sollen. Der Körper einer Frau, das Recht einer Frau ist auf alle friedlichen Aktivitäten anwendbar, an denen eine Frau sich freiwillig beteiligt. Gesetze sollten nur dann ins Spiel kommen, wenn eine Frau Gewalt initiiert, oder wenn Gewalt gegen sie initiiert wird. Die zweite Ansicht, zu der sich sowohl Konservative, als auch Anti-Porno-Feministinnen bekennen, ist, dass Gesetze die Tugend schützen sollen. Gesetze sollen korrektes Verhalten erzwingen. Sie sollten ins Spiel kommen, wann immer es einen Verstoß gegen die öffentliche Moral gegeben hat, oder einen Verstoß gegen "weibliche Klasseninteressen".

Das ist alter Wein in neuen Schlachten. Worum es bei der Pornographiedebatte geht, ist nichts weniger, als der uralte Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Kontrolle.

Originaltext: http://www.zetetics.com/mac/articles/14-fem__sicht.html

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Mit Gesetz und Staat gegen's Patriarchat

Es ist schwierig, Pornos als Endprodukt einer Industrie wie jeder anderen zu sehen und anzugreifen. Zu tief sitzt das Gefühl, dass es womöglich doch um Sexualität geht, obwohl es uns abstößt. Zu pervers ist die Vorstellung, selber dort zu sitzen und sich anzubieten. Zu eklig die Vorstellung, sich angaffen, angrabschen zu lassen. Ärger steigt auf - wir müssen uns täglich wehren, und die Frauen bieten sich an. Wir werden von den selben Augen abgetastet, von den selben Händen angegrabscht. Aber so einfach ist es nicht! Ein neuer Gesetzentwurf liegt auf dem Tisch. Diesmal nicht von Regierenden zur Senkung der Sozialabgaben, zur Verwendung der Arbeitslosenversicherung zur Senkung des Haushaltsdefizits, oder zur steuerlichen Begünstigung der finanziell Begünstigten. Nein, diesmal kommt er von "Emma" und soll Pornographie verbieten bzw. einschränken. Der Gesetzentwurf wurde allen Abgeordneten des Bundestages zugestellt. Die weiblichen Abgeordneten wurden zudem aufgefordert, sich "Über alle Parteigrenzen hinweg" für das Anti-Pornographie-Gesetz einzusetzen.

Die Gründe für einen Vorstoß gegen Pornographie liegen vor unseren Augen: Die zunehmende Darstellung-, von Gewalt, Unterdrückung, Erniedrigung, Misshandlung gegen Frauen in Pornos. Ein System, das praktisch: alles bis hin zu unserer Phantasie; zur Ware macht, hat dies längst auch mit der Sexualität gemacht. Im harten Konkurrenzkampf um Marktanteile besteht auch in der Pornographie der Zwang, ständig neues, ausgefeilteres, absurderes zu produzieren. Selbstverständlich basiert das Marketing der Porno-ProduzentInnen sowohl auf der Schaffung neuer Bedürfnisse, als auch auf der Ausnutzung bereits vorhandener. Und auch die von der Porno-Industrie vorgefundenen, profitabel zu nutzenden Bedürfnisse haben ihren Ursprung nicht in Männern/Menschen an sich, nicht in ihrer "Natur", sondern sind Ergebnis Jahrtausende alter, patriarchaler Kultur.

Pornographie ist insofern kapitalistischer Ausdruck des Patriarchats. In ihr wird Verfügbarkeit und Benutzbarkeit der Frau bis hin zur offenen Vergewaltigung und Zerstörung als Lustgewinn an Männer und manchmal auch an Frauen verkauft. Im historischen Kontext ist dies die Fortsetzung eines Unterdrückungsverhältnisses, das sich durch die uns bekannte Geschichte von den Kulturen des Altertums über die Hexenverbrennungen des Mittelalters bis zur Reduktion der Frau als Mutter und Seelenheilerin in der Auffassung unserer Eltern wie ein roter Faden zieht. Diese Geschichte der Frauenunterdrückung verläuft parallel zur Entwicklung und permanenten Rekonstruktion der Herrschaft, der Macht, der unterdrückerischen Arbeitsteilung, der Staatlichkeit.

Unter diesem Gesichtspunkt wird die Entwicklung der Frauenunterdrückung in der jüngeren Geschichte in ihren äußerlich unterschiedlichen, teilweise scheinbar gegensätzlichen Formen als Kontinuität sichtbar: Von der Ausbeutung der Frau als unbezahlte, abhängige Reproduktionsarbeiterin (Hausarbeit, Seelenmasseurin des Mannes), über die Benutzung der Frau als billigste Produktionskraft (bis heute primär in Niedriglohngruppen beschäftigt), über den NS-Mütterkult, der sie auf ihre Funktion als Nachwuchsproduzentin für die Kriegsmaschinerie reduzierte, bis zur Darstellung unterworfener, gequälter, zerstückelter Frauen in der Pornographie als Ventil für Herrschafts- und Unterdrückungsphantasien fremdbestimmter Männer.

Die Vielschichtigkeit des Problems, das mit dem Fordern nach einem Anti- Porno-Gesetz verbunden ist, wird deutlich, wenn man sich die unterschiedlichen Funktionen der Pornographie vor Augen führt:

- Scheinausbruch aus dem monotonen Alltag. Durch Pornos wird versucht, den öden, langweiligen Arbeitsalltag aufzulockern. Das führt dazu, dass
- Sexualität zum reinen Abreagieren, zur Triebbefriedigung als Puzzleteil in unserer Fabrikgesellschaft degradiert wird. Als Institution mit patriarchalem Charakter, die der optimalen Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft gilt. Sexualität wird genauso bestimmt, wie unser Alltag. Individuelle Erotik, Zärtlichkeit, Bedürfnisse und Unterschiedlichkeit haben in dem Rahmen der genormten Sexualität keinen Platz.
- Damit werden Pornos gleichzeitig zum Scheinausbruch aus der staatlich diktierte Kleinfamilie/Ehe. Sie bieten für eine Weile scheinbare Abwechslung vom gewohnten Ehealltag, den visuellen Seitensprung z.T. im gemeinsamen Einvernehmen. Gleichzeitig sind die Menschen in den Darstellungen austauschbar, bekommen Warencharakter (sie dienen ja nur der Abwechslung), und auch das setzt sich fest.
- Die Austauschbarkeit, der Warencharakter gliedert sich in die gesellschaftliche Wegwerfmentalität ein. Darauf wird in den Filmen bewusst hingesteuert, denn nur so können sie überhaupt einen Unterhaltungswert besitzen. In dieser Kombination wird psychologisch vermittelt, dass Unterhaltung, Abwechslung nur dann entstehen kann, wenn möglichst viele, beliebig austauschbare Personen zur Verfügung stehen. Das Bild der ewig willigen Frau und das des ewig potenten Mannes frisst sich ein, wird zum gesellschaftlichen Maßstab. Das Bild der unterworfenen Frau kann zum Teil im Porno durch das der dominierenden Herrscherin zurechtgerückt werden. Der Frust über eigene Impotenz zum Teil in Vergewaltigungsszenen.

Die Pornoindustrie als ein Zweig des Kapitalismus schafft einen nicht endenden Kreislauf. Bedürfnisse werden den Verwertungsbedingungen entsprechend geschaffen und in die verwertbarste Richtung gelenkt. Daran entsteht dann eine Doppelmoral: Z.B. mit Wohngemeinschaften wird automatisch Gruppensex assoziiert und verteufelt, im Schlafzimmer läuft stattdessen Rudelbumsen als Porno.

In ihrem Kommentar zu dem Gesetzentwurf schlägt sich Alice Schwarzer mit den Widersprüchen, den Ungereimtheiten unter Frauen herum: "...die Erotik der Frauen selbst ist ja nicht frei von all dem, sie ist ganz einfach auch Produkt der herrschenden Verhältnisse -und damit keineswegs immer auf der Höhe feministischer Erleuchtung. Das gilt für Nicht-Feministinnen wie für Feministinnen. Mit diesem Widerspruch müssen (manche) Frauen leben: Sie kämpfen gegen eine Verachtung und Erniedrigung, die so manches Mal sogar unter ihrer eigenen Haut sitzt, zur Selbstverachtung und Selbsterniedrigung umschlägt. Auch und gerade erotisch...".

A. Schwarzer spricht Frauen quasi die Kompetenz ab, sich mit Pornographie auseinander zusetzen, da sie inzwischen so fremdbestimmt sind, dass sie alleine nicht mehr auseinanderhalten können, was an ihrer Lust erotisch (selbstbestimmt) und was Produkt des Patriarchats (fremdbestimmt) ist. Frau kann entweder vor lauter Widersprüchen keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, oder aber sie fängt an, sich mit ihnen auseinander zusetzen. Das emotional schwierige an Pornos ist für mich, dass ich nicht sagen kann: lehn' ich ab, find ich völlig beknackt. Ich hab Pornos gesehen, die mich angetörnt haben, und andere, die mich völlig angewidert haben, weil es in letzteren in erster Linie um Macht und Unterdrückung als "Lustgewinn" ging. Alice Schwarzer tröstet: "Diese passiven, sich den Mächtigen anpassenden und unterwerfenden Phantasien von Frauen sind keine Realität. Die sexualisierten Machtphantasien von Männern hingegen, die sind Realität. Die meinen es ernst...". Aber unsere Phantasien sind Realität, weil sie da sind. Sie sind aber weder passiv, noch haben sie etwas mit den Anpassungen an die Mächtigen und unserer Unterwerfung zu tun. Passivität (als fatalistische Unterordnung), Anpassung und Unterwerfung sind Phänomene unserer Angst, nicht unserer erotischen Phantasie. Die erotischen Phantasien zeichnet ja gerade die Abwesenheit der Angst aus, das Fehlen der Fremdbestimmung, der Unterwerfung unter uns widerwärtige Bedingungen. Wir schaffen uns in unserer Phantasie Bedingungen, die unseren Bedürfnissen entsprechen! Kein Grund also, jetzt voller schlechtem Gewissen mit der Unterdrückung unserer Phantasien zu beginnen. Aller Grund aber, statt irgendwelcher Sexualpraktiken und jetzt sogar irgendwelche eigenen Phantasien, endlich das Herrschaftsverhältnis selbst in den Vordergrund zu rücken! Sonst werden wir uns immer wieder als "Produkte", "Objekte", Opfer (!) begreifen, ohne dagegen eine Vorstellung von Befreiung und Selbstbestimmung entwickeln zu können.

Unsere Bedürfnisse und Phantasien aufzuspalten in solche, die "Produkt der herrschenden Verhältnisse", und solche, die feministisch legitimiert sind, ist eine Methode, die mittels schlechten Gewissens unsere Identität angreift, um neue "Normen eines reinen Feminismus" zu installieren. Diese Normen stehen der Entwicklung einer authentischen, offen vertretbaren und vor allem selbstbestimmten Erotik der Frauen entgegen. Und unsere Selbstbestimmung bleibt die entscheidende Alternative, und die entscheidende Waffe gegen die ständige Reproduktion von Herrschaft außerhalb und in uns. Wir müssen dabei immer wieder von Neuem herausfinden, welche Form von Erotik und Sexualität uns gerecht wird, an der wir Lust ohne Angst und ohne Unterwerfung finden. Erlaubt ist alles, was allen Beteiligten Spaß macht! Wir brauchen dafür keine neuen (feministischen) Normen, sondern die Fähigkeit, in jedem konkreten Fall zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen zu unterscheiden, und uns selbst zu bestimmen. Selbstverständlich gehen wir in diesen Prozess nicht als "freie Menschen", sondern als von den herrschenden Verhältnissen Geprägte. Ein Befreiungsprozess muss aber unsere konkreten Bedürfnisse und Phantasien jetzt als Ausgangspunkt haben. Er kann nur von unten, aus unseren Bedürfnissen heraus, und keinesfalls von oben, als normierte Vorgabe, sich entwickeln. Dass wir in einem solchen Prozess viele alte Bedürfnisse über Bord schmeißen werden, steht außer Frage.

Pornographie tötet Phantasien, normiert den Frauenkörper, zerschlägt die Seele der Sexualität. Pornographie ist Fremdbestimmung, ein unmittelbarer Angriff auf unsere psychische Selbstbestimmung. In ihr treten zwei Charakteristika dieser Gesellschaft offen zutage: Der Wille, Menschen/Frauen zu Objekten zu machen, sie der "gesellschaftlichen Fabrik" zu unterwerfen; zum andern, alles zu Waren zu machen, mit denen wir überschüttet und erdrückt werden. Die Darstellungen in der Pornographie sind Darstellungen entpersonifizierter Menschen als Ware. Vollkommen deutlich wird das, wenn wir hinter die Kulissen schauen, in die Produktionsbedingungen der Pornoindustrie. Der Herstellung von Pornographie ist nichts fremder als Lust. Die Entfremdung zwischen Produktion und Produkt kann kaum größer sein. Pornographie ist Visualisierte Prostitution. Selbstverständlich haben die Ausgebeuteten in der Pornoindustrie recht, wenn sie sagen, sie verkauften sich prinzipiell nicht anders als jede andere Arbeitskraft hier. Das Ausmaß ihrer Ausbeutung wird allerdings nur noch durch die direkte Prostitution übertroffen. Sie werden bis in ihre intimsten Bereiche vermarktet. Vollkommen widersinnig, in diesem Zusammenhang noch von "gerechter Entlohnung" zu faseln.

Insofern ist Pornographie ein verschärfter Bestandteil des kapitalistischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisses, in dem patriarchale Strukturen reproduziert werden. Und da kommt zuletzt die Kritik an dem Gesetzentwurf als solchem: Welche Funktion soll der Gesetzgeber/Staat, der immanent die Aufgabe hat, die kapitalistische Herrschaft zu sichern, durch ein solches Gesetz erfüllen? Der Staat, der der quantifizierte Ausdruck patriarchaler Herrschaft ist, soll ernsthaft zum Instrument gegen Pornographie gemacht werden? Nein, das wäre ja die Quadratur des Kreises! Sicherlich geht es selbst "Emma", die sich über "die Aktionen der Roten Zora...keine Gedanken macht", weil sie "illegal" sind, nur darum, mit ihrer Gesetzesvorlage "Öffentlichkeit" zu erreichen! Die öffentlichen Medien? War nicht gerade durch Grossisten der Verkauf der "Emma" Nr.11/87 verhindert worden, zunächst in Bayern, dann in der gesamten BRD? Als unverdrossen staatstreue "Feministin" weist "Emma" zwar unverzüglich darauf hin, dass es keine richterliche Anordnung dazu gab, muss dann aber gestehen, dass sie mit einer "einstweiligen Verfügung" dagegen nicht durchkam! Vielleicht sollte sie sich doch noch mal Gedanken über die Aktionen der "Roten Zora" machen!

Aus: Direkte Aktion Nr. 67, Februar 1988 - Originaltext: http://schwarze.katze.dk/texte/bez07.html

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Warum wir es immer noch für richtig halten, Sex-Shops anzugreifen...

Ein paar Gedanken ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Wahrheit

Es ist ein altbekanntes Phänomen - bei irgendeinem Porno-Laden werden die Scheiben eingeschmissen und schon geben alle die, denen sonst auch nichts besseres einfällt, ihren Senf dazu ab. Vorzugsweise anonym, z.B. als Kommentar bei Indymedia oder zumindest hinter vorgehaltener Hand. Da wird dann auch schonmal zugegeben, daß Mensch ja auch mal ganz gern in so ein Lädchen geht und all die, die solche Aktionen machen halt verklemmte Emanzen sind, die ihre verkorksten Moralvorstellungen durchsetzen wollen. Ob diese Leute das wirklich glauben oder solche Thesen als Selbstrechtfertigung aufstellen, um nicht über sich selbst oder gar ihr Verhältnis zu Sexualität nachdenken zu müssen bleibt im Dunkeln. Einzig ernstzunehmendes Gegenargument ist hier immer wieder die Frage nach der Vermittelbarkeit solcher Aktionen. Daher dieser Text.

Es geht nicht darum, sich gegen einen offeneren Umgang mit Sexualität auszusprechen - im Gegenteil. Sex ist in dieser Gesellschaft etwas höchst Privates. Er wird nicht behandelt als etwas (im positiven Falle) Schönes, was wir annähernd alle tun, so wie Eis essen gehen, sondern als Intimsache, über die nicht geredet wird, die unangreifbar im luftleeren Raum steht. Er wird (meist von Männern) als Mittel zur Angabe benutzt, dann darf auch schon mal drüber geredet werden, sofern er "erfolgreich" im Bett war. Wie die/der andere das fand, ist dabei irrelevant.

Dieser Umgang leistet einer gesellschaftlichen Stimmung Vorschub, in der es fast unmöglich ist über negative Ereignisse zu berichten. Menschen, die von Vergewaltigung und Missbrauch betroffen sind, haben es ungleich schwerer darüber zu reden, als Menschen, die anderen Formen physischer oder psychischer Gewalt ausgeliefert sind. Und das nicht nur, weil solche Erfahrungen oft noch tiefer persönlich verletzen, sondern weil die Betroffenen auch noch befürchten müssen, sich anhören zu müssen ja auch irgendwie selber Schuld zu sein oder nur auf peinlich berührtes Schweigen stoßen. Es werden Räume geschaffen, wie z.B. die Institution Ehe und Familie oder Beziehung, in denen Sex und damit eben auch sexuelle Gewalt immer noch als Privatsache gelten, in die sich gefälligst niemand einzumischen hat. Dabei sind meistens Frauen oder Kinder beiden Geschlechts die Betroffenen, erwachsene Männer die Gewaltausübenden. Nur eine Stimung, in der es jeder/m Betroffenen möglich ist, den Mund aufzumachen und sich sicher sein kann unterstützt zu werden, kann diese Praxis aufbrechen.

Und eine solche wird bestimmt nicht dadurch geschaffen, daß Sexualität nur im dunklen Hinterzimmer existent ist. Es geht also im konkreten Fall nicht darum, daß diese Läden Sexspielzeuge, Kondome oder Latexunterwäsche verkaufen. Die könnte Mensch von uns aus auch im Supermarkt verkaufen, was die Verkaufszahlen aber wahrscheinlich erheblich senken würde, weil doch alle zu verklemmt wären sich mit einem Dildo bei Famila in die Kassenschlange einzureihen. Unserer Meinung nach ist alles erlaubt, was allen Beteiligten Spass macht. Und genau das ist der Punkt, denn die Betonung liegt auf "allen". Denn leider verkaufen diese Läden nicht nur Utensilien für nette Stunden zu zweit, dritt oder wie auch immer.

Es wird ja wohl niemand behaupten, daß all die Darstellerinnen in Porno-Videos und -Heften das zu ihrer eigenen sexuellen Freude tun. Wenn das so wäre, so sähe die Sache anders aus. Das gängige Argument, daß ja keine(r) dazu gezwungen würde, hakt an allen Enden und Kanten. Denn wir leben immer noch in einem knallharten kapitalistischen System. Sicher ist den meisten keine Pistole auf die Brust gesetzt worden und doch werden viele gezwungen mangels anderer Möglichkeiten lieber einen solchen Scheiss-Job zu machen als nur Kartoffeln zu essen. Zahllose Porno-Darstellerinnen sind Menschen ohne Papiere, die keine Arbeit im legalen Rahmen annehmen dürfen, die gezwungen sind sich am Sozi vorbei ein bißchen Geld zu verdienen um sich oder die Familie zu ernähren. Andere hätten die Möglichkeit einen anderen Job für viel weniger Geld bei viel längeren Arbeitszeiten zu machen und haben vielleicht die Entscheidung zugunsten von ein bißchen mehr Freizeit getroffen. Bestimmt gibt es auch welche, die Spass dran haben. Aber woran erkennt bitte die Käuferin diese? Steht ja nicht drauf. Gäbe es für alle diese Menschen eine Alternative, statt dessen einen Job der ihnen Spass macht bei gleicher Vergütung auszuüben, wäre das ein gutes Argument. Doch leider entbehrt das jeglicher Realität.

An diesem Punkt führt die Selbstrechtfertigungsfraktion gerne ein, daß das ja schließlich in fast allen Jobs so sei. Wer macht schon eine Arbeit, die ihm/ihr wirklich nur Freude macht. Klar, wir verkaufen uns alle jeden Tag um leben zu können. zum einen lässt diese Argumentation aber den Fakt aus, daß viele sich eben nicht aussuchen können wofür sie sich verkaufen zum anderen ist es sowieso widerlich sich mit einem "ist ja eh alles Scheisse, dann machen wir eben auch die größten Sauereien mit" rauszureden.

Es ist anmaßend zu behaupten, Mensch könne beurteilen, ob es für etliche nicht immer noch weniger erniedrigend wäre einen langweiligen Fabrikjob zu machen als sich nackt vor einer Kamera als Sexobjekt anzubieten. Zudem ist eine solche Arbeit nicht gerade besonders angesehen. Die Leute wollen zwar gerne Pornos kaufen, aber die Darstellerinnen als Gleichberechtigte, die ihren Job machen anzuerkennen ist dann doch zuviel. Und wenn sich überhaupt mal jemand Gedanken darüber macht, daß die Leute auf den Bildern auch reale Menschen sind, dann werden sie oft auch noch zu den dummen Opfern stilisiert, die zu blöde sind, was anderes zu machen. Die Frage nach Hintergründen, Motivationen oder Arbeitsbedingungen bleibt auf der Strecke.

Hinzu kommt die Botschaft, die viele dieser Publikationen transportieren, in denen es sicher nicht darum geht gemeinsam Spass zu haben, sondern Menschen als Ware darzubieten. Pin-Ups geschmückt mit Sprüchen wie "Mach mit mir was Du willst!" entsprechen nicht gerade unserer Vorstellung von freier Sexualität sondern nur der von Macht über andere. Es geht nur ums Aussehen, für jeden Geschmack gibt`s was zu kaufen, Mensch kann genau das besitzen, was er will. Daß die Verkaufsschlager genau den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, die wir eingetrichtert bekommen haben, ist wohl kein Zufall. Sie tragen das Bild vom Menschen (denn es sind schon lange nicht mehr nur Frauen, um die es hier geht) als käufliche, nach Wünschen der/s Kunden/in verfügbares Objekt.

Hier ist Sex nichts zwischenmenschliches mehr, sondern richtet sich nach dem, was der/die KonsumentIn will, ist ja auch viel einfacher, als sich auch noch mit anderen Menschen und deren Wünschen auseinandersetzen zu müssen und passt prima in unser schönes Verwertungssystem. Und eben auch ins Patriarchat. Denn daß auch Männer von diesem "Phänomen" betroffen sind heißt nicht, daß die Logik, die dahinter steht nicht die gleiche geblieben ist. Hier geht es um Macht und Besitz. Und ein Großteil der KonsumentInnen sind eben auch immer noch Männer.

All das ist keine generelle Verurteilung von erotischen Publikationen, es könnte durchaus korrekte geben. Unserer Meinung nach liegt das Problem nämlich nicht in der Sache an sich, sondern den oben benannten Umständen. Und solange diese so sind wie sie sind und in Sex-Shops und am Kiosk unreflektiert jeder Mist angeboten wird, werden wir diese weiter angreifen.

Für eine freie Kooperation zwischen Menschen - im Bett und Überall!!!

Aus: Interim Nr.572 (15.05.03)

Originaltext:
Schwarze Katze


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Erotik-Messe - PorNo!

"Willige, ständig bereite Frauen, denen nichts zu groß ist"- so oder ähnlich werben Erotikanbietende für ihre Produkte und Dienstleistungen. Die Menschen, die abgebildet werden entspringen einem heterosexistischem Schönheitsideal: Frauen mit großen Brüsten und jungen, schlanken Körpern, Männer mit großen Penissen und durchtrainiertem Body.

Mit diesem Bild wird unser Bewußtsein getrimmt auf eine Vorstellung wie wir, unser Körper und unsere Sexualität zu sein haben, um "normal" zu sein. Diese Darstellung von dem was als "sexy" gilt, reproduziert und festigt gesellschaftlich geprägte Geschlechterrollen. In diesen befriedigt die Frau Männerphantasien, indem sie unterwürfig dem "ständig potenten" Mann dient und ihre Sexualität über seine definiert wird. Dabei übernimmt Er die aktive, Sie die passive Rolle. Auf diesem Weg wird insbesondere sexueller Gewalt ein Nährboden bereitet.

So spiegelt die, durch die Pornoindustrie geprägte Vorstellung von Erotik und Sexualität gesellschaftliche Verhältnisse wieder. Durch Käuflichkeit wird Sex zur Ware - der/die KäuferIn bestimmt, was, wann, wie und wo und zu welchem Preis stattfindet. Die Handelnden werden zu Objekten. Es kommt zur Entfremdung.

Vorangetrieben wird die Kommerzialisierung von Sex durch Erotikmessen wie dieser, die gerade in Berlin stattfindet.

!!!Kampf der sexuellen Ausbeutung!!!

!!!SMASH PATRIARCHY!!!

Anarchistisch-Feministischer Zusammenhang (AFZ)

V.i.S.d.P.: Louise Michel, Strasse der Pariser Komune 42, 10245 Berlin

Originaltext: Schwarze Katze


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