Robbe Rosa - Menschen sind wie Stachelschweine

Menschen sind wie Stachelschweine, sie wollen sich umarmen, obwohl sie sich dabei verletzen. Ich sitze mit ihr zu zweit auf dem kümmerlichen Boden, den Menschen eine Wiese nennen, in einer Stadt. Alle rennen aneinander vorbei, eigentlich rennen wir alle gegeneinander. Bekommen wir etwas mit, was um uns herum passiert? Ich gucke sie an. Auf einmal weint sie und ich gucke in den Himmel. Schöner Himmel, blauer Himmel. Wo begegnen wir uns? Auf einer Ebene, der ich mich versperrt hatte. Meine Kühlschranktür fest verschlossen.

Wie wird man Eifersucht los, fragt sie mich. Wie stellst du dir das vor?, frage ich. Eifersucht ist nichts, was man los wird. Dabei ist es scheißegal, wie du deine Beziehungen gestaltest oder ob du sie dir verbietest, weil du nur an die Wahrheit der einen Beziehung glaubst. Eifersucht, eine Erfindung in einer Welt voller Eigentum? Die Ansprüche erlernt, mit der Muttermilch aufgesogen. Oder mit der Erfindung des Wortes Mutter? Nicht monogam zu leben, heißt nicht, Menschen, die man liebt, zu teilen. Mit anderen zu teilen. Eigentum wird geteilt. Wenn du Menschen, die du liebst, teilst, dann siehst du sie als Eigentum und wenn sie das tatsächlich darstellen, dann kannst du sie natürlich auch teilen, wenn du das möchtest. Ja, das klingt scheiße, Menschen als Eigentum zu betrachten. Dass ich sie so betrachte, habe ich gelernt, genau wie du. Dass ich es gelernt habe, heißt nicht, dass es okay ist. Aber was jetzt? Menschen sind sinnlos. Auch wenn die Besitzansprüche im Kühlschrank landen, und die Beziehung so verschieden und vielfältig sind, bleiben wir elende Stachelschweine.

Was meine ich nur mit dem Kühlschrank, fragt sie mich. Da haben wir uns gerade erst gesetzt. Lärmende Autos, nervige Menschen, scheiß Uni nebenan, in die wir nachher zurück müssen. Müssen, wollen, sollen. Straßenbahnen rattern vorbei, die Sonne scheint, und trotzdem ist es kalt. Here I go again – the blame. Ich überlege, was mir da letztens durch den Kopf ging. Der Kühlschrank beschreibt das so verdammt gut. Mein Kühlschrank muss kaputt sein, es stinkt total. Es stinkt in der ganzen Wohnung. Im Kühlschrank lagen so viele vergammelte Sachen. Ich habe lange nicht mehr darin aufgeräumt. Hab alles rein gestellt und nicht mehr beachtet. – fange ich an, ihr zu erklären – Der Kühlschrank hat eine ganz massive Tür. Die geht nicht leicht auf, also eigentlich gar nicht. Und diese massive Tür ging letztens kaputt. Und jetzt riecht es hier überall nach dem vergammelten Zeug und mir wird so übel davon, so übel. Aber ich kann nicht weg hier, ich würde gerne. Aber ich kann hier nicht weg, ich hab mich eingesperrt, eingesperrt in der Wohnung und nun bin ich gezwungen in diesem riesigen Kühlschrank wenigstens ein kleines bisschen aufzuräumen, damit ich nicht eingehe. Und ich kann das niemals schaffen, den sauber zu bekommen. Die Fäulnis hat sich bereits in die Wand des Kühlschranks gefressen und hält sich hartnäckig. Aber ich kann versuchen einige Sachen raus zu räumen, obwohl ich jedes Mal kotzen muss. So viel kann ich nicht zu mir nehmen, wie ich wieder auskotzen möchte, denn ich ertrag den Geruch nicht und kann mich nicht zusammenreißen. Da ist was in mir, was sich meiner Kontrolle entzieht. Meine Magenwand? Magenwand der Gefühle?

Aus irgendeinem Grund hältst du mich für stark, obwohl ich mit dieser Metapher versuche, dir etwas anderes zu beweisen. Dieser Schwäche – Stärke Antagonismus ist so ein Quatsch. Ich weiß, was der Grund ist, warum du mich, wie viele andere, für stark hältst. Denn dass ich mich als stark präsentieren kann, habe ich gelernt. Du aber hast gelernt, aufmerksam in den Spiegel zu sehen. Aufmerksam und kritisch, du beäugst dich misstrauisch, nicht sicher, was oder wer du eigentlich bist. Was dein Wesen ist, und ob es schwach ist. Da schlummert kein Wesen in dir, glaube ich, und du bist nicht schwach oder stark. Da schlummert deine Sozialisation in dir und die hat dir ein Selbstbild vermittelt, dass dich deine Persönlichkeit als schwach oder stark empfinden lässt. Und stark bin ich gar nicht. Ich bin so schwach, auf eine Weise, die dir vielleicht fremd vorkommt. Und sie sieht mich aufmerksam und fragend an. Ich erkläre, dass ich zu schwach bin, meine Kühlschranktür alleine zu öffnen, dabei brauche ich immer wieder Hilfe. Inzwischen habe ich allerdings gerafft, dass ich darin ab und zu aufräumen muss, damit es nicht mehr ganz so faulig riecht. Kann ich sogar wagen, zuzugeben, dass es mir manchmal schlecht geht?

Es laufen zwei Menschen an uns vorbei. Sie umarmen sich. The founding fathers of our plane that’s stuck in heavy clouds of rain. Wir können ihr Gespräch belauschen.

- Siehst du nicht, dass sich Menschen in festen Beziehungen gegenseitig einschränken und dass sie sich Zwängen beugen, obwohl sie das gar nicht müssen? Siehst du nicht, dass ich das nicht möchte und dass du mich auf keinen Fall in so etwas reinziehen darfst? – Reagiert er auf sie und seine Mimik bedeutet Abweisung. Sie antwortet. Was soll das denn heißen? Siehst du denn nicht, dass Monogamie abzulehnen, nicht heißt, dass du plötzlich frei bist? Wir haben gelernt, Besitzansprüche zu stellen, Erwartungen zu haben und bestimmte Formen von Zuneigung zu fordern, glaubst du, dass ist alles weg, wenn du dich hinstellst und dir sagst: – Monogamie ist so kacke! – Für monogame Beziehungsformen sind einige Regeln von vornherein klar. Sie müssen nicht besprochen werden. Und wenn Menschen betonen, dass sie nicht monogam leben möchten, heißt das doch nicht, dass sie nicht über diese Regeln sprechen müssen. Im Gegenteil, da das Gerüst wegfällt, in dass für gewöhnlich die Beziehung gepackt wird, muss man sich ein neues aufbauen. Und das funktioniert nicht, wenn ich nicht rede und nicht verstehe, was mein Verhalten mit meiner geschlechtsspezifischen Sozialisation zu tun hat. Und wenn ich nicht raffe, dass ich mich beim Aufbauen eines neuen Gerüsts auch mal scheiße fühlen muss. Es reicht einfach nicht, Beziehungsmuster praktisch zu dekonstruieren, oder sich vorzumachen, dass man das täte, um dann in einem bodenlosen Loch kognitiver Dissonanz zu versauern. Warum keine Umstrukturierung? Es sei denn, du hast das, was du fühlst, denkst und willst schon längst in deinem Kühlschrank verfaulen lassen. Es folgt eine Pause. Er weißt nicht, was er sagen soll? Und guckt sich danach um, wie andere Menschen sich umarmen. Wie andere Menschen sich verletzen. Little me and little you, kept doing all the things they do, they never really think it through like I can never think you‘re true. – Wieso muss ich mich scheiße fühlen, wenn ich glücklich darüber bin, frei zu sein? – Sie überlegt. Wieso glaubst du, dass du frei bist in deinem bodenlosen Loch, in deiner Beziehung, die keine sein soll, in deinem Nichts von Dekonstruktion? Du versauerst darin, weil du keinen Plan hast, wie eine Beziehung außerhalb des gewohnten Schemas ablaufen soll und du greifst auf diese bekannten Muster zurück, weil das viel einfacher ist, als deinen Kühlschrank zu öffnen, als deine eigene Position zu reflektieren, als Menschen nach ihren Bedürfnissen zu fragen, ohne ihnen Absichten zu unterstellen, die eigentlich nur deine eigenen auf sie projizierten Ängste darstellen.

In Wirklichkeit, hat sie kein Wort davon laut ausgesprochen.

Wir haben beobachtet und wir sehen beide, dass sie sich für schwach hält – genau wie du. Warum ist Stärke erstrebenswert? – Stärke ist männlich. – Ich werde von Menschen als stark betrachtet und weil das für gewöhnlich eine männliche Eigenschaft ist, genau wie Durchsetzungsfähigkeit und lauter solches Zeug, wird das auch anerkannt. Ich verkomme langsam selbst zu einem emotionslosen Latschen. Stärke ist erstrebenswert, weil wir dann von anderen Bestätigung erfahren. Scharen wir eine Bezugsgruppe um uns herum. Scharen wir Bestätigung um uns herum. Das geht einfach, für Alphamännchen oder auch Alphaweibchen. Bis ein Mensch es schafft, den Kühlschrank zu öffnen, oder bis die Tür von alleine kaputt geht. Bis ein Mensch seinen Fuß in die Tür stellt. Bis ein Mensch umarmen will? Niemand wird dir helfen, kein Latschen mehr zu sein. Emotionale Distanz, Rationalität, Stärke. Männlichkeit? Dein Leben lang, wirst du dafür belohnt und auf einmal merkst du, dass es auch Menschen gibt, die darauf nicht so stehen, dass sind aber Menschen, auf die du stehst, weil ihr zusammen von einer Gesellschaft träumen könnt, die nicht mehr ganz so kacke ist. Und wenn die Bestätigung auf einmal wegfällt, die du dein Leben lang für dein Verhalten bekommen hast, verunsichert das. Versuchst du, einen Weg zu finden, dich so zu verhalten, dass du anderen Menschen keinen Raum mehr nimmst, oder versuchst du das Leck an Bestätigung zu flicken? Und du?, ich gucke streitlustig diesen Menschen an, der sich schon längst aus der Umarmung gelöst hat, weil ihm die Anstrengungen zu groß waren, ein Gerüst für seine Beziehungen zu bauen, Was ist das für eine Einschränkung, sich mit den Bedürfnissen eines Menschen auseinander zu setzen? Warum fühlst du dich denn frei? Das Wort Freiheit gibt es nur in einer Welt voller Unfreiheit. Unabhängigkeit trifft es auch nicht. Nur die Leichtigkeit sich an die Spitze, die überlegene Position, setzen zu können. Und von dort aus seinem Spiegelbild erzählen zu können, diese Position bedeute Freiheit oder Unabhängigkeit. Die eigentliche Einschränkung ist nicht die, zu versuchen, Menschen in die Nähe des eigenen fauligen Kühlschranks zu lassen, für den du gelernt hast, dich zu schämen. Die Einschränkung ist die, andere mit dem Vorwand, auf der eigenen Freiheit zu beharren, zwingen zu wollen, selbst große Ketten an die eigene Kühlschranktür zu hängen und sie so oft wie es geht zu verriegeln. Nur um sich nicht gegenseitig einzuschränken. Denn dann passiert das, warum ich eigentlich auf diese Kühlschrankmetapher gekommen bin, die Tür geht kaputt, weil die Kapazität endlich ist. Und dann ist die Sauerei so groß, dass du Hilfe beim aufräumen brauchst, oder dich umbringst, ob nun mental oder physisch.

Wir sitzen immer noch auf der Wiese, aber inzwischen ist es fast dunkel und unsere Vorlesungen haben wir verpasst. No more tears, my heart is dry, I don‘t laugh and I don‘t cry. Wir sehen uns um, alle Menschen, die täglich aneinander geraten, sind verschwunden. Sie sind zu Hause, sitzen vor ihren eigenen Kühlschränken und erholen sich von den Verletzungen der Umarmungen, oder packen sie sorgfältig weg, damit sie verfaulen können. Der Unterschied ist, dass diese Menschen darüber gar nicht Bescheid wissen und in ihrem ganzen Leben niemals an den Punkt gelangen, an dem sie bewusst darüber entscheiden können, wie sie ihre Beziehungen gestalten wollen. Es ist eine Kunst, für Stachelschweine, sich unter den größten Verrenkungen zu umarmen, ohne sich das Rückgrat zu brechen oder sich gegenseitig zu verletzen, aber es ist erlernbar, für diejenigen, die das nicht länger wollen. Finden wir eine Art und Weise, uns zu umarmen?

Think of all the stories that we could have told.

Anmerkung: Zitate aus „Reckoning Song“ von Asaf Avidan

Originaltext: http://anarchorobben.blogsport.de/2012/05/16/menschen-sind-wie-stachelschweine/


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