Heiner Koechlin - Notizen zum Klassenkampf

"Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen". So schrieben Karl Marx und Friedrich Engels im Jahre 1848 im "Kommunistischen Manifest".

Obwohl es in der Geschichte immer auch anderes gab, als Klassenkämpfe, war dieser kategorische Satz berechtigt gegenüber einer Auffassung, welche die ökonomisch-sozialen Auseinandersetzungen fast unbeachtet liess und höchstens als Randerscheinung der Geschichte würdigte. Im Einklang mit der bürgerlich-kapitalistischer Entwicklung innewohnenden Tendenz zum Materialismus und vom Marxismus beeinflusst haben inzwischen auch nichtmarxistische Historiker, Soziologen und Politiker den ökonomisch-sozialen Faktor als bewegende Kraft der Geschichte nicht nur schätzen, sondern auch überschätzen gelernt. Heute müssen wir es wieder lernen, nichtökonomische und von einem materialistischen Aspekt aus unlogische, irrationale Beweggründe menschlichen Handelns ernst zu nehmen und politisch in Rechnung zu stellen.

Bindungen und Traditionen religiöser, nationaler oder ideologischer Art können wirkungsvoller sein, als ökonomische Interessen. Das gilt für Vergangenheit, Gegenwart und, soweit man voraussehen kann, in höherem Masse für die Zukunft. Ein eindrückliches Beispiel von heute sind die Auseinandersetzungen im Nahen Osten, die nur mit äusserster Gewaltsamkeit in ein historisch-materialistisches Schema zu pressen sind. Dort wie anderswo handeln die Menschen ihren wirtschaftlichen Interessen oft direkt entgegen. Nur vorübergehend und oberflächlich hat der der modernen Industriegesellschaft innewohnende praktische Materialismus der materialistischen Geschichtsauffassung recht gegeben.

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Die Marxisierung des Sozialismus, welche Engels die "Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" nannte, hat die Idee der technisch-kapitalistischen Entwicklung integriert und ihr damit politische Erfolgsmöglichkeiten gegeben. So hat sie den Sozialismus verbürgerlicht und verpolitisiert. Das "Kommunistische Manifest" feiert die Bourgeoisie als die eigentliche Bahnbrecherin des Fortschritts. Mit der "Zerstörung der sentimentalen Bande" zwischen den Menschen hat sie die Hindernisse, welche der grossen Nivellierung im Wege standen, rücksichtslos hinweggeräumt.

Das von der Bourgeoisie geschaffene Proletariat ist in seiner Rolle passiv. Es hat nichts weiteres zu tun, als eine Erbschaft zu übernehmen. Als Folge der Machtübernahme durch das Proletariat kommt die klassenlose Gesellschaft. Aber wie nun eigentlich? Darüber schweigt der historische Materialismus. Wer sich diese Frage auch nur stellte, wurde von Marx und Engels als Utopist verlacht.

Durch seine Integration in die von der Bourgeoisie geschaffene soziale Wirklichkeit verarmte der Sozialismus geistig und trocknete aus. Der Schutz der menschlichen Umwelt zum Beispiel, der noch im Zentrum des Denkens eines Charles Fouriers stand, fand im "wissenschaftlichen Sozialismus" keinen Platz mehr. Das Problem musste in unseren Tagen unter dem Zwang der Verhältnisse und hundertfach erschwerten Umständen neu entdeckt werden.

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Karl Marx, so wird gesagt, habe die Hegelsche Geschichtsphilosophie vom Kopf auf die Füsse gestellt, indem er die progressive Auseinandersetzung eines Weltgeistes mit sich selbst durch die Auseinandersetzung zwischen ökonomisch bedingten Klassen ersetzte.

Dies gelang ihm auch, wie mir scheint, solange es sich um Gesellschaftsklassen handelte, denen er (im Namen der Geschichte) keine weitere Aufgabe zudachte, als die Macht ihrer Vorgängerin abzulösen und ihrerseits als herrschende Klasse die übrige Menschheit auszubeuten.

Um aber an das von ihm der Geschichte zugedachte Endziel einer klassen- und herrschaftslosen Gesellschaft zu gelangen, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinerseits eine Gesellschaftsklasse von den Füssen auf den Kopf zu stellen. Das Marxsche Proletariat ist ein Produkt idealistischer Spekulation und hat mit einer realen Arbeiterschaft aus Fleisch und Blut wenig zu tun. Für den wirklichen Arbeiter hatte Marx menschlich wenig übrig.

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"Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein." So lautete die Devise der ersten "Internationalen Arbeiterassoziation". Dieser Wahlspruch wurde von Anfang an auf zwei verschiedene Arten verstanden. Wörtlich fassten ihn die Proudhonisten der französischen Sektion auf. Konsequent nahmen diese nur Arbeiter als Mitglieder auf. Intellektuelle mussten sich mit der Rolle distanzierter Berater begnügen. Damit sollte das Entstehen einer Hierarchie verhindert werden.

Der marxistische Flügel der Internationalen auf der anderen Seite wollte von socher Konsequenz nichts wissen. Sein Ziel war die "Diktatur des Proletariates", worunter er die Herrschaft einer Partei verstand, welche die Macht im Namen der Arbeiter auszuüben berufen war. Führer dieser Parteien waren zum Teil ehemalige Arbeiter, meist aber Advokaten, Journalisten und andere Berufspolitiker.

Paradox erscheint, dass die letzteren im Gegensatz zu den ersteren einer Klassentheorie huldigten. Den Proudhonisten ging es nicht um Herrschaft des Proletariates, sondern um Autonomie der Arbeiter in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten.

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Herrschaft des Proletariates, was man auch darunter immer verstehe, ist ein Widerspruch in sich selbst.

Die Besitzlosen können nicht herrschende Klasse sein, auch nicht für ein Übergangsstadium, weil Herrschaft automatisch mit Besitzergreifung verbunden ist. Kommt ein Besitzloser zur Herrschaft, so kommt er gleichzeitig zu Besitz und umgekehrt.

Nur ein kleiner Teil des Proletariates kann zur Herrschaft gelangen, ungefähr so, wie nur ein minimaler Prozentsatz von Arbeitern zum Vorarbeiter oder gar Direktor aufsteigen kann. Ein kleiner Teil von ehemaligen Arbeitern herrscht dann zusammen mit einem Teil der früheren herrschenden Klasse, der es verstand, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, über das Proletariat. Das Neue ist, dass er dies im Namen des Proletariates tut, was dessen Lage noch verschlimmert.

Milovan Lilas hat in seinem Buch "Die neue Klasse" die Entstehung einer neuen Ausbeutung als nachrevolutionären Prozess analysiert. Heute konstatieren wir, dass sich neue herrschende Klassen schon vor und während der Revolution gleichsam fix und fertig formieren, als Führungsgremien von Studentenorganisationen, Guerillaverbänden u.a.

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Verheerend ist die "Klassifizierung" des Denkens durch den sog. historischen Materialismus.

In seinem "Spektrum Europas" hat Graf Hermann von Keyserling einen mehr oder weniger glücklichen Versuch gemacht, die europäischen Nationen als Träger typischer Charaktereigenschaften zu präsentieren. So sind z.B. die Schweizer in seinen Augen ein Volk von kleinlichen und geizigen Wirten und Krämern. Das hat zweifellos etwas für sich. Ein russischer Goethe ist so schwer vorstellbar, wie ein deutscher Dostojewski oder ein französischer Cervantes.  Ebenso wie nationale gibt es zweifellos auch soziale Traditionen und Lebensformen, die mit verschiedenen Weisen des Empfindens und Denkens Hand in Hand gehen können. Ein Meister der Gestaltung sozialer Charaktere war Honore de Balzac mit seiner "Comedie humaine".

Behandelt man das Thema aber mit dem tierischen Ernst einer "Wissenschaft", so kommt nur barer Unsinn zutage. In der Sprache des sog. historischen Materialismus treten an die Stelle von "wahr" und "falsch","gut" und "böse", "schön" und "hässlich", die Worte "feudal", "bürgerlich" und "proletarisch". Einen besonderen Stellenwert aber besitzt das Wort "kleinbürgerlich", in welche Kategorie alles Denken verbannt wird, das dem Machtanspruch einer "historisch-materialistischen" Fraktion im Wege steht. Schon Marx und Engels haben damit begonnen, alles, was ihnen nicht passte, mit dem Bannstrahl des "Kleinbürgerlichen zu belegen. Das Wort ist hier allen sozialen Inhaltes entleert und bedeutet ganz einfach "ketzerisch", so, wie "proletarisch" mit "rechtgläubig" identisch ist.

Diese volksverdummende "Umwertung aller Werte" macht nicht nur für menschliche Werte, sondern auch für konkrete soziale Probleme blind. Nirgends wurde der Klassenkampf so lau geführt, wie im klassentheoriedurchtränkten Deutschland. Ein Gegenbeispiel ist Spanien, wo ein harter Klassenkampf im Namen eines klassenunabhängigen Humanismus geführt wurde.

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Das deutsche Wort Bürger ist doppelsinnig. Es bedeutet je nach dem "Citoyen" oder "Bourgeois". Der Citoyen, von Marx "Pfahlbürger" benannt, war der Bewohner der Cite, der von Mauern umgebenen mittelalterlichen Stadt. Hier gab es zwar Unterschiede zwischen reicheren und ärmeren Handwerken, sowie in jeder Branche zwischen Meister, Gesellen und Lehrlingen, aber es gab keine Klassen. Jeder Lehrling wurde nach Ablauf der Lehrzeit Geselle und jeder Geselle hatte nach einer gewissen Zeit die Möglichkeit, Meister zu werden. Eine Zunftordnung verhinderte zwar nicht Vermögens- und Geltungsunterschiede, wohl aber Eigentums- und Machtkonzentrationen.

Der Bourgeois hingegen war der Bewohner des Bourg, d.h. der ausserhalb der Mauern gelegenen Vorstadt. Er war ein bürgerrechtsloser und nur geduldeter, entwurzelter, schrankenlos ausgebeuteter oder, wenn es ging, ausbeutender Lumpenbürger. Sein wirtschaftlicher und schliesslich auch politischer Sieg über den Citoyen war der Beginn des Kapitalismus. Bourgeoisie und Proletariat sind vom selben Stamm.

Eine Rückkehr zur mauerumschlossenen Enge des Pfahlbürgertums ist weder wünschenswert noch möglich. Der Citoyen von heute und morgen kann nur ein "Citoyen du monde" sein, ein Weltbürger.

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Die Nazis sprachen von"Volksgemeinschaft". Heute spricht man von"Sozialpartnerschaft". Beides ist Schwindel. Gemeinschaft und Partnerschaft kann es nur unter Gleichen geben. Solange es Klassen gibt, d.h. Besitzende und Besitzlose, muss es Klassenkämpfe geben. Das Recht steht dabei auf der Seite der Besitzlosen. Jeder mit Gerechtigkeitssinn begabte Mensch wird seine Partei ergreifen.

Doch ist die Meinung, das Proletariat sei dazu berufen, eine gerechtere Gesellschaftsordnung herbeizuführen, eine Überforderung. Diese moralische Überforderung hängt wahrscheinlich mit dem christlichen Armutsideal zusammen. "Lasse alles, was du hast und folge mir nach." Im Evangelium handelte es sich aber um eine freiwillige Armut, die mit der unfreiwilligen Armut des Proletariats nichts zu tun hat.

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Im Grunde genommen gibt es nur zwei Klassen: Adel und Bürgertum. Nach den Worten eines spanischen Anarchisten ist bürgerlich (burgues) "alles, was niedrig denkt". Adel, d.h. hohes Denken, kann es in jeder sozialen Schicht geben. Doch ist es, da Eigentum zu materialistischer Niedrigkeit verführt, wahrscheinlich leichter, als Eigentumsloser adlig zu sein. Die Meinung aber, dass Eigentumslosigkeit schon Adel bedeute, ist das marxistische Missverständnis.

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Der Besitzlose besitzt den moralischen Vorteil, niemanden auszubeuten und zu beherrschen. Das kann dazu verführen, in ihm einen Menschen höherer Ordnung zu sehen. Doch sind diesem Anspruch naturgemäss nur wenige gewachsen - eine Proletarieraristokratie.

Als Klasse unterscheidet sich der Proletarier nicht vom Bourgeois. Von der Illusion lebt er, Bourgeois zu werden, sei es durch individuellen Aufstieg infolge von Tüchtigkeit oder Servilität, sei es durch Revolution als neue herrschende Klasse.

Warum sollte der Proletarier auch anders sein, als ein Durchschnittsmensch eben ist? Doch ist er der ewig Betrogene. Mehr Gerechtigkeit kann nur von Menschen geschaffen werden, die mehr Gerechtigkeit wollen. Alles andere ist Illusion.

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Die proletarischen Massen wurden in der Geschichte noch immer dazu benützt, einem Tyrannen zur Macht zu verhelfen, der ihnen zu diesem Zwecke etwas versprach, ihnen hie und da auch etwas gab, aber an ihrer Lage als proletarische Massen nichts änderte. So scheiterten Ansätze zur individuellen Freiheit immer wieder an der Klassensituation.

Wirkliche und dauerhafte Freiheit muss alle Menschen umfassen und ist nur in einer klassenlosen Gesellschaft möglich. Diese aber setzt den klassenlosen Menschen voraus.

Originaltext: Akratie Nr. 7, Frühjahr 1977. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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