Heiner Koechlin - Ist ein freier Sozialismus möglich?

In einem Interview erklärte der Nobelpreisträger Sacharow auf die Frage, ob er sich noch als Sozialist betrachte, in den sozialistischen Ländern bestünden grosse Misstände, und ob ein anderer Sozialismus möglich sei, sei für ihn eine problematische Frage.

Vor der totalitären Degeneration der ursprünglich als Befreiung gemeinten sozialistischen Idee bestand das Problem nur theoretisch. Leider haben konservative Unheilspropheten, wie Jakob Burckhardt, recht behalten. Doch haben auch Sozialisten, wie Proudhon und Bakunin, die Möglichkeit solcher Entartung vorausgesehen.

Recht behielt der deutsche Anarcho-Syndikalist Rudolf Rocker, als er schon in den Zwanziger- Jahren öffentlich erklärte, das Zentrum der Weltreaktion sei nicht mehr Rom, sondern Moskau.

Ist es heute noch sinnvoll, einen anderen Sozialismus zu wollen, als jenen Totalitarismus, der nahezu die Hälfte der Menschheit versklavt? Doch muss man, wie mir scheint, die Frage der Alternative stellen: Ist ein freier Kapitalismus möglich?

Es ist für mich keine Frage, dass wir in der internationalen machtpolitischen Auseinandersetzung das privatkapitalistische Amerika als das kleinere Uebel wählen müssen. Wir stehen in einer historischen Situation, in der sich der machtpolitischen Konstellation Ost-West entziehen zu wollen nicht revolutionär, sondern ganz einfach Vogel-Strauss-Politik wäre.

Dies unmissverständlich auszusprechen, erscheint mir als notwendig. Doch ist der Privatkapitalismus keine echte Alternative zum Staatstotalitarismus. Es verhält sich vielmehr so, dass der Westen noch teilweise liberal ist, nicht dank, sondern trotz seines Kapitalismus.

Insofern er kapitalistisch ist, betreibt er eine Politik, welche indirekt oder auch direkt den Staatstotalitarismus östlicher Prägung begünstigt oder aber unter antikommunistischer Flagge einen eigenen Totalitarismus entwickelt.

Das erste geschieht unter Opferung elementarer Menschenrechte um einer sogenannten Entspannungspolitik willen, die in Wirklichkeit eine Erpressungspolitik ist. Elementare Menschenrechte werden auf der anderen Seite zugunsten kurzsichtiger kapitalistischer Interessen geopfert. Beides gefährdet den Liberalismus des Westens täglich.

Liberalkapitalistische Staaten, wie die Vereinigten Staaten von Amerika, scheinen von einer seltsamen Schizophrenie befallen. Während sie im Innern liberal sind, unterstützen sie in ihrer Aussenpolitik oft automatische Regimes. Von solcher Schizophrenie gibt es in der Weltgeschichte Beispiele aller Art. So verband sich der "allerchristlichste" französische König mit den Türken und unterstützte die deutschen Protestanten. Der Liberalismus des Kapitalismus steht immer auf schwachen Füssen. Vergessen wir nicht die Finanzierung Hitlers durch den Weltkapitalismus. Ähnliches kann sich jederzeit wiederholen.

Der Westen ist teilweise liberal nicht dank seines Kapitalismus. Der Wirtschaftsindividualismus des Frühliberalismus, das sogenannte "Laisser-faire" gehört so gut historischer Vergangenheit an, wie ein von ehrlichen humanistischen Idealen getragener Staatssozialismus.

Wenn der Westen heute teilweise liberal ist, so ist er das - so paradox dies klingen mag - darum, weil dem Kapitalismus hier dank sozialer Ideen und Einrichtungen gewisse Grenzen gezogen sind. Der liberal-demokratische Kapitalismus ist kein reiner Kapitalismus, sondern er ist mit sozialistischen Elementen, wie Gewerkschaften, Genossenschaften, Betriebsräten, Sozialversicherungen, Gesetzen, welche die Arbeitszeit regeln etc. durchsetzt. All dies ist nicht kapitalistisch. Aber eben dank dieser dem Kapitalismus fremden Elemente, wozu auch allgemeines Wahlrecht und Referendumsdemokratie gehören, besteht ein gewisses Mass an Gleichheit und Freiheit.

Denn was auch immer gesagt wird, so gehören Freiheit und Gleichheit zusammen. Ohne Freiheit entartet, wie wir heute wissen, jede Gesellschaft in bürokratische Hierarchie. Andererseits ist eine Freiheit, die nur wenige geniessen, weder wünschbar, noch auf die Dauer möglich. Die Vernichtung der republikanischen Freiheiten des alten Roms durch den Caesarismus, der von den Volksmassen, die von diesen Privilegien ausgeschlossen waren, getragen war, ist ein klassisches Beispiel für diesen Sachverhalt. Ein analoges Schicksal traf die französische Revolution von 1848 und die Weimarer Republik von 1918.

Vom Caesarismus bedroht ist jede Gesellschaft, die ihre Freiheiten auf eine herrschende Klasse einschränkt.

Das Wesen des Caesarismus besteht darin, dass er mit Hilfe sozial Benachteiligter zur Macht kommt und, einmal an der Macht, diese sozial Benachteiligten seinerseits betrügt.

Von einer neuen Form des Caesarismus ist die ganze zivilisierte Menschheit bedroht, solange sie nicht dazu fähig ist, einen wirtschaftlichen Ausgleich mit der benachteiligten dritten Welt zu schaffen.

Der Privatkapitalismus schränkt die Freiheit durch Ansammlung wirtschaftlicher Macht in den Händen Weniger auf Wenige ein. Die Befehlsgewalt, der die grosse Zahl an ihren Arbeitsplätzen unterworfen ist, ist für sie realer, als die Freiheiten und Rechte, die sie im demokratischen Staat geniessen. Um die Freiheit wirklich zu machen und auf einen sicheren Boden zu stellen, muss man sie auf alle ausdehnen.

Ein freier Kapitalismus ist auf die Dauer unmöglich.
Ein freier Sozialismus ist notwendig. Ist er auch möglich?

Planung und Organisation setzt Unterordnung des Einzelnen unter eine Gemeinschaft voraus. Daraus erwächst eine selbstherrliche Bürokratie, welche die Ungleichheit in neuer, oft schlimmerer Form wiederherstellt. Darin liegt das ganze Problem.

Es genügt nicht zu sagen, der Sozialismus werde frei sein oder er werde nicht sein. Man muss sich vielmehr fragen: Kann er überhaupt, und wie kann er frei sein.

Der Hauptmangel aller bisherigen sozialistischen Anschauungen, ob sie sich nun kommunistisch, sozialdemokratisch oder auch anarchistisch nannten, scheint mir darin zu liegen, dass diese Anschauungen im Sozialismus ausschliesslich oder doch vorwiegend ein Machtproblem sahen. Jedes Problem ist unter anderem auch ein Machtproblem. Dies sei jenen Anarchisten gesagt, die meinen, sie könnten durch blossen Wortformalismus den politischen Machtproblemen ausweichen.

Sozialismus ist aber anderes und mehr als eine Machtfrage. Er ist eine neue Lebensform. Eine solche kann den Menschen nicht von aussen gegeben oder aufgedrängt werden, sondern muss Ursprung und Quelle im Innern der einzelnen haben. Sozialismus kann nur wachsen aus sozialistischen Keimen. Politik kann darum Sozialismus nicht organisieren. Das höchste, was sie kann, ist die nötige Freiheit herzustellen in der sich sozialistische Keime entfalten können. Das ist die schwierigste und höchste Aufgabe, die sich Politik überhaupt stellen kann. Will sie höheres und mehr, erreicht sie das Gegenteil dessen was sie will.

Damit sich Freiheit entfalten kann, ist Sozialismus nötig. Damit sich Sozialismus entfalten kann, ist Freiheit nötig. Die Aufgabe der Politik heisst darum Liberalismus, Widerstand gegen jede Form des Staatstotalitarismus. Aufgabe des Sozialismus heisst Bildung von freiwilligen Gemeinschaften zur Herstellung eines Maximums an Gleichheit, um der Freiheit Sinn und Dauer zu geben. In der Praxis sind diese beiden Bereiche, der politische und der soziale, selbstverständlich nicht fein säuberlich voneinander zu trennen.

Der liberale Staat muss, wenn er Bestand haben will, die schärfsten Kanten der vom Kapitalismus hervorgerufenen Ungleichheit durch eine Sozialgesetzgebung abschleifen. Den Sozialismus einführen aber kann kein Staat, er verkehre ihn denn in sein Gegenteil.

Dass Sozialismus nur freiwillig sein kann, bedeutet unter anderem, dass es nicht ein einheitliches, für alle Menschen gleiches sozialistisches System geben kann. Sozialismus ist nur möglich als eine Vielfalt von Formen menschlichen Zusammenlebens.

Möglich ist der totale Kommunismus. Dieser bedeutet ein Zusammenleben der Gruppe auf der Basis vollständiger Solidarität. Das Privateigentum ist hier fast vollständig aufgehoben und beschränkt sich auf die allerpersönlichste Sphäre.

Alle arbeiten für die Gemeinschaft und diese sorgt für alle. Möglich ist solcher Kommunismus erfahrungsgemäss nur unter Menschen, die vom Kitt einer starken gemeinsamen Überzeugung zusammengehalten werden. Erfahrungsgemäss sind die zum Kommunismus Bereiten und Fähigen immer eine Minderheit.

Versuche zu solcher Gemeinschaft hat es seit dem Altertum immer wieder gegeben. Die meisten waren von kurzer Dauer. Nur wenige überdauerten Jahrzehnte, noch weniger Jahrhunderte. Im Bereich Christlicher Tradition war die urchristliche Gemeinde das grosse Beispiel kommunistischer Brüderlichkeit. Diese wurde nachgeahmt von rechtgläubigen Mönchen und von Ketzern. Das religiöse Fundament gab solchen Gemeinschaften die Kraft, Jahrhunderte zu überdauern.

Noch heute leben in Kanada die Nachfahren jener Duchoborzen, die vom russischen Zaren aus dem Lande getrieben worden waren, in totaler Gemeinschaft.

Während der spanischen Revolution von 1936 schufen Bauern in Erinnerung an alte iberische Tradition und beeinflusst von modernem Anarchokommunismus freiwillige totalkommunistische Gemeinschaften, in denen es weder Geld, noch Zwang zur Arbeit gab und jeder im Rahmen von dem, was vorhanden war, das konsumieren konnte, was seinem Bedürfnis entsprach. Dieser freiheitliche Kommunismus funktionierte auf Grund eines gemeinsamen Ideals.

Gemeinsames Schicksal und gemeinsame Überzeugung führte gegen Ende des letzten Jahrhunderts zur Gründung jener landwirtschaftlichen Gemeinschaftssiedlungen in Palaestina, die heute das soziale und ideelle Rückgrat Israels bilden. Es ist oft kritisiert worden, dass die Kibbuzim nur 4 - 5 % der Bevölkerung in sich vereinen. Doch liegt dies in der Natur der Sache.

Zu totalem freiwilligem Kommunismus sind nur wenige bereit, wo dies auch immer sei. Doch können solche dank der Überlegenheit, die ihrer Lebensform innewohnt, zu Kraftfeldern ganzer Völker werden.

Totalen Kommunismus praktizieren zum Teil die sogenannten Kommunen, welche seit den Sechziger- Jahren unseres Jahrhunderts von unzufriedenen europäischen und amerikanischen Jugendlichen geschaffen wurden. Ob sich aus dieser Bewegung ein widerstandsfähiger dauerhafter Kern herauskristallisieren kann, ist noch ungewiss.

Mitten in der privatwirtschaftlichen Gesellschaft gibt es aber schon heute Formen sozialistischer Organisation, die sich auf breite Volksschichten ausdehnen lassen.

In diesen Formen des Sozialismus ist die Wirtschaftsgemeinschaft nicht total, sondern auf konkrete wirtschaftliche Gegebenheiten eingeschränkt. Schematisch kann man sie in zwei Klassen einteilen. Die eine Klasse kann man kollektivistisch, die andere genossenschaftlich nennen, obwohl das Wort Genossenschaft auch für das gebraucht wird, was wir hier um der Unterscheidung willen als Kollektive bezeichnen.

Die Kollektive ist ein Gemeineigentum, an dem eine Gruppe von Menschen beteiligt ist, welche diese gemeinsam benützen, resp. ausbeuten und verwalten. Wenn Kollektivbesitz an Grund und Boden besteht, so ergibt sich die Möglichkeit, dass die Kollektive den Einzelnen Landparzellen zur Verfügung stellt, die diese individuell oder familiär bearbeiten und ausbeuten, die sie jedoch nicht verkaufen können, da sie wohl Besitzer, nicht aber eigentliche Eigentümer sind. Eine solche Art des Sozialeigentums gab es im Mittelalter als sogenanntes Gemeindeland inmitten des Feudalsystems.

Propagiert wurde dieses System einer sozialistisch-individualistischen Synthese von dem englischen Sozialtheoretiker Henry George.

Es gibt andererseits die Möglichkeit, dass die Kollektive das Land gemeinschaftlich bearbeitet und dem Einzelnen einen entsprechenden Lohn bezahlt.

Beide Formen gab es neben den totalen Landkommunen in der spanischen Revolution von 1936. Beide Formen gibt es neben den Kibbuzim im heutigen Israel, wo die Moschavims den grössten Teil des Agrarlandes innehaben. Objekt des Kollektiveigentums kann ein industrieller Betrieb, ein Transportunternehmen u.a.m. sein. Der Einzelne gehört zur Kollektive, indem er demokratisches Mitbestimmungsrecht geniesst und am Produkt im Verhältnis seiner Arbeitsleistung beteiligt ist. Der Grossteil der Industrie war während der spanischen Revolution nach diesem kollektivistischen Prinzip sozialisiert.

Solche Kollektiven gibt es mitten im Kapitalismus als sogenannte Produktivgenossenschaften. Kollektiven sind Konsum- und Wohngenossenschaften, an denen die Einzelnen als Konsumenten und Benützer beteiligt sind. Damit solche Kollektiven wirklich sozialistisch sind und nicht zu partikularistischen Interessen- oder sogar Privilegiengemeinschaften degenerieren, sind von Solidaritätsgeist getragene föderative Verbindungen zu anderen Gruppen und Wirtschaftszweigen notwendig. Damit sie nicht bürokratisch erstarren, ist demokratische Beteiligung der Basis erforderlich.

Je seltener soche Kollektiven sind, desto grösser ist die Gefahr solcher Dekadenz durch Angleichung an kapitalistische Gewohnheiten. Je häufiger und in ihren föderativen Verbindungen ausgedehnter sie sind, desto mehr werden sie ihrerseits die Gesellschaft mit sozialistischem Geist durchdringen können.

Die andere Klasse, die wir genossenschaftlich nennen, besteht in Verbindungen zwischen Kleinbesitzern zur Ausschaltung der Ausbeutung durch Händler und Banken. Zu dieser Art gehören vornehmlich die landwirtschaftlichen Genossenschaften. Zweck solcher Genossenschaften ist gemeinsamer Einkauf von Futter, Düngemitteln etc. und gemeinsamer Verkauf von Produkten. In allen Ländern Europas haben solche Genossenschaften zur sozialen Hebung der Produzenten Grosses geleistet. Trotz Diktatur haben sie sogar im Spanien Francos grosse Bedeutung erlangt. Damit sie nicht ihrerseits zu Organen der Konsumentenausbeutung werden, wären föderative Verbindungen zu demokratisch verwalteten Konsumgenossenschaften eine Notwendigkeit.

Eine Kombination zwischen eigentlicher Genossenschaft und kollektiver Eigentumsform besteht, wenn eine Milchgenossenschaft zum Beispiel eine eigene Käserei oder eine Genossenschaft von Rebbauern eine eigene Weinpresse besitzt.

Eine andere Form der Genossenschaft sind die Kreditvereine, in der sich Bauern oder Handwerker gegenseitig mit dem zum Aufbau und zur Erhaltung eines Kleinbetriebes nötigen Kapital beleihen.

All dies ist freier Sozialismus. All dies ist möglich. Vermehrung, Ausdehnung, Verallgemeinerung solcher Einrichtungen würde die kapitalistische Gesellschaft in eine sozialistische umwandeln. Nicht alles konnten wir erwähnen, was es gibt und erst recht nicht, was möglich ist und es noch nicht gibt.

Der Sozialismus ist freiwillig oder er ist nicht. Daraus folgt unter anderem, dass eine Gesellschaft nur mehr oder weniger, aber nie gänzlich sozialistisch wird sein können noch dürfen. Wer lieber unter Brücken schläft, als im genossenschaftlichen Reihenhaus, dem soll kein Sozialismus dieses Recht nehmen dürfen. Ein Sozialismus, der dem letztten Zigeuner sein Recht auf eigene Lebensführung verweigerte, wäre wert, mit allen Mitteln bekämpft zu werden.

Doch ist Sozialismus nötig zur Verhinderung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit, welche die grosse Zahl von der Freiheit ausschliesst und nach dem Caesarismus ruft. Ist aber nicht jeder, auch ein freiwilliger Sozialismus dazu verurteilt, dem Gesetz menschlicher Mittelmässigkeit zu unterliegen, bürokratisch zu erstarren und mit dem Geist der Gleichheit auch die Freiheit zu verlieren und umgekehrt?

Ist ein freier Sozialismus möglich? In letzter Instanz führt das Problem Sacharows auf die Frage: Ist und wie ist Freiheit überhaupt möglich?

Originaltext: Akratie Nr. 5, Frühjahr 1976. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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