Barcelona, 70 Jahre "danach". Die heimliche Anarcho-Hauptstadt zwischen Nostalgie und neuen Perspektiven

Teil 1: Anarchosyndikalismus

Kann man als Anarchist durch Barcelona gehen, ohne nostalgisch zu werden? Ich habe es mir jedenfalls fest vorgenommen: Nicht der Glorie jener libertären Revolution wollte ich nachspüren, die vor einem Menschenalter der staunenden Welt bewies, dass Anarchie funktioniert, sondern dem, was heute ist.

Schlägt das Herz der heimlichen Anarcho-Hauptstadt auch nach 70 Jahren noch? Wo? Und vor allem: wie? Taugt Barcelona noch immer als libertärer Trendsetter, oder hat sich der Anarchismus dort mit dem Blick auf die ruhmreiche Vergangenheit abgefunden?

Wie das mit festen Vorsätzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie anpreist: "Señoras y Señores, kommen Sie, hier finden Sie das romantische Barcelona von früher!" Auf beiden Seiten Büchertische der Confederación Nacional del Trabajo mit Anarchokappen, CNT-Feuerzeugen, Stickern und Che Guevara-T-Shirts, dazwischen Zeitungen, Reprints von Postern und Büchern über die spanische Revolution von 1936. Der Stand wird belagert von jugendlichen Touris, die sich eindecken; die Ramblas sind heutzutage Barcelonas folkloristische Flaniermeile. Die beiden Tische sind strategisch gut postiert, direkt am Eingang zur Plaza Real, kaum jemand kommt ungeschoren durch.

Die gute und die böse CNT

Noch gestern hätte mich diese Cleverness gefreut, wenn ich nicht mittlerweile wüsste, dass hinter jedem Tisch eine andere CNT steht, zum Verwechseln ähnlich, aber heillos untereinander zerstritten. Sogar ihre Zeitungen führen den selben Namen: Solidaridad Obrera - vor langer Zeit ein Massenblatt und eines der wichtigsten Organe im libertären Spanien.

Zu einer Zeit, als die anarchistische Gewerkschaft noch Millionen Mitglieder zählte und stärkste soziale Kraft Spaniens war ...

Mein erster Weg hatte mich natürlich schon vor Tagen zum Sitz der CNT an der malerischen Plaza Medinacelli geführt, den ich seit den 70er Jahren als einen quirligen Ort lebendiger libertärer Aktion kannte. Aber die Öffnungszeiten waren auf werktags 19 Uhr reduziert, und selbst da stand ich vor verschlossener Tür. Es war nicht leicht, schließlich per Telefon einen Interviewtermin zu bekommen, aber letztlich wurde ich als FAU-Mitglied doch noch freundlich empfangen - samt meinem Empfehlungsschreiben.

Als erstes beging ich einen faux-pas. Ich gratulierte den Genossen zu ihrem neuen Büro in der Calle Joaquín Costa und dem schicken Buchladen, die ich zufällig in der Altstadt entdeckt (und ebenfalls verschlossen vorgefunden) hatte. Betretene Gesichter. "Das ist gar keine CNT, das sind Usurpatoren, die von uns längst ausgeschlossen sind."

So erfuhr ich von der CNT desfederada und einem internen Konflikt, der sich vor über 10 Jahren zutrug und bis heute zu dem ebenso paradoxen wie fatalen Zustand führt, dass in ganz Katalonien zwei konkurrierende, wenn nicht gar verfeindete CNTs in der Öffentlichkeit unter identischen Namen, Fahnen und Zeitungen auftreten und so das hässliche Bild von Zerrissenheit und Bruderkampf bieten. Deren überaus komplizierte Ursachen kann kein normaler Mensch so recht nachvollziehen. Mittlerweile interessieren sie auch kaum noch jemand anderes als die Beteiligten. Das politische Barcelona lacht darüber oder zuckt die Schultern.

Tatsächlich blieb diese Spaltung in den Interviews mit den CNT-Vertretern beider Richtungen das beherrschende Thema. So sehr ich mich auch bemühte, das Gespräch auf den gemeinsamen libertären Diskurs, auf aktuelle Kämpfe oder zeitgemäße anarchosyndikalistische Strategien zu lenken, die Leidenschaft obsiegte. Denn in dieser verworrenen Story aus persönlichen Animositäten, Machtkämpfen zwischen Basisgruppen und "Apparat" sowie 148 Millionen Peseten, die 1992 als staatliche Entschädigung flossen, hat natürlich jede Seite Recht. Besonders aber die CNT von der Plaza Medinacelli, denn die weiß die AIT und die FAI (1) hinter sich und versteht sich daher "nach Aktenlage" als die einzig "echte", als "CNT auténtica".

Gewerkschaft in der Klemme

Zum Glück wurden die Gespräche dann doch noch sachlich - und auch informativ, wenngleich natürlich stets aus dem jeweiligen Blickwinkel und entsprechend widersprüchlich.

Die CNT auténtica betont, dass sie in letzter Zeit in ganz Spanien wieder vermehrt in der Arbeiterschaft Fuß gefasst hat und zunehmend in Arbeitskämpfen agiert.

Tatsächlich erlebe ich live die fieberhaften Vorbereitungen für den morgigen Aktionstag: Im Auslieferungslager der Supermarktkette Mercadona sind CNT-Mitglieder entlassen worden, worauf der Streik ausgerufen wurde. Auf diese Aktion fokussiert sich derzeit die Aktivität, ist hier doch eine der wenigen aktiven Betriebsgruppen vital bedroht, die die CNT noch hat. Wenngleich mein Interviewpartner von der CNT desfederada darauf hinweist, dass die überwiegend aus Lateinamerika stammenden und als Billigarbeitskräfte brutal ausgebeuteten CNTistas ihren Kampf im Grunde schon aufgegeben haben und eigentlich nur noch für eine ordentliche Abfindung kämpfen, mobilisiert die CNT mit bewundernswertem Eifer und Elan alle ihre Kräfte. Sie versteht diesen Kampf auch als ein Stück praktischer Solidarität mit den zahllosen ausgebeuteten Randgruppen: ImmigrantInnen, Billiglohnsklaven, Arbeitslose.

Allerdings sind diese Kräfte begrenzt. Denn was die Verankerung in der spanischen Arbeiterschaft und die "klassische" Rolle angeht, die die anarchosyndikalistische CNT als relativ starke Gewerkschaft noch vor wenigen Jahren spielte, sieht es eher mager aus. Die Organisation zählt - je nach Lesart - in Barcelona noch zwischen 300 und 600 Mitglieder, die verstreut in den verschiedensten Berufen arbeiten oder kleine Betriebsgruppen unterhalten, die jedoch kaum offen auftreten können. Nach übereinstimmender Auskunft hat die CNT hier keine einzige funktionierende Branchengewerkschaft mehr und ihre secciones sindicales wieder auf die oficios varios reduziert, die "Vereinigung aller Berufe", wie sie auch in der FAU die Regel ist. Mit einer ganz frischen Ausnahme, auf die Eduardo Rodrigo, einer meiner Interviewpartner der CNT auténtica stolz verweist: die über 20 Mitglieder starke Gewerkschaftssektion - der Archäologen...

Findet die CNT vielleicht als Gewerkschaft der Randgruppen zu neuer Stärke und Identität? Ja, meint Eduardo, gerade hier genieße sie einen guten Ruf und habe regen Zulauf.

Ignacio Lamata, der mich bei den desfederados empfängt, schätzt die Situation nüchterner ein. Er ist ein alter Hase und seit Jahrzehnten in der Bewegung. Natürlich ist er mit den überwiegend "sehr jungen Leuten", die bei den auténticos erstaunlicherweise den Ton angeben, solidarisch - aber er sieht auch, dass sie mit viel Elan auf verlorenem Posten kämpfen. Er zieht eine düstere Bilanz der letzten 20 Jahre. Eine Zeitspanne, in der die CNT, die in Barcelona in manchen Branchen sogar Mehrheitsgewerkschaft und tonangebende politische Kraft war, fast in die Bedeutungslosigkeit zurückgefallen ist. Es sei einfach beschämend, wenn in Barcelona am 1. Mai ganze 50 CNT-Leute auf die Demonstration kämen, wettert er. Gründe hierfür sieht auch er in den verhängnisvollen Spaltungen (die beschriebene war nicht die einzige), aber auch in gewissen Verkrustungen der CNT. Sie sei noch immer zu sehr rückwärtsgewandt und ließe sich von den Apparatschiks der FAI viel zu sehr zu dogmatischem Purismus drängen. Zum Beispiel auch in der kontrovers diskutierten Frage, ob eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft an Betriebsratswahlen teilnehmen und Tarifverträge abschließen dürfe. Zwar legt er Wert auf die Feststellung, dass er in dieser Frage keineswegs mit der CGT übereinstimme, aber er fordert, dass dies in bestimmten Fällen auch für die CNT eine Option sein müsse. Wie sonst, so fragt er, solle man denn die Arbeiterschaft erreichen?

Und wenn sie nicht erreicht und von unseren libertären Alternativen überzeugt würden, so fürchtet er, könnte die nächste große Krise geradewegs zu einem neuen Faschismus führen.

Und noch ne Spaltung ...

Die CGT, von der Ignacio sich so vorsichtig distanzierte, ist die dritte anarchosyndikalistische Gewerkschaft, die ich in Barcelona besuche. Sie ist zugleich die stärkste - nicht nur hier, sondern in ganz Spanien. Ihre Abspaltung ist schon über ein Vierteljahrhundert her, aber die Narben sind auch hier noch nicht geheilt. Ich erinnere mich noch gut an den fatalen 5. Kongress der CNT, wo ich 1979 als junger Delegierter fassungslos mit erleben musste, wie Genossen mit dem Messer aufeinander losgingen.

Als 40 Jahre nach der Revolution der greise Diktator Franco starb und die CNT wieder erstarkte, war der Unterschied zwischen Traditionalisten und Erneuerern unüberbrückbar geworden. Die tradicionalistas wollten an die anarchosyndikalistischen Programme der 30er Jahre nahtlos anknüpfen, die renovadores forderten eine offene Debatte für eine Neubestimmung in den veränderten Realitäten. Auch hier waren Betriebsratswahlen und Tarifverträge das große Reizthema: anarchistischer Sündenfall für die einen, mögliche Option als pragmatisches Werkzeug für die anderen. Die Diskussion zog sich über Jahre hin, generierte regelrechte Schlammschlachten, hässliche Kleinkriege und eine endlose Prozessiererei um "anarchistische Markenrechte", denn die Frage, wer den historischen Namen CNT führen dürfte, war zum zentralen Streitpunkt mutiert. Derweil lief dem Anarchosyndikalismus die Arbeiterschaft davon.

Dem machten die Erneuerer schließlich ein Ende, besannen sich auf den alten Namen Confederación General del Trabajo, der schon 1910 bei der CNT-Gründung zur Debatte gestanden hatte, und segeln seit 1989 ebenfalls unter der schwarzroten Fahne, aber als CGT, ihren eigenen Kurs. Hartnäckig haftet ihnen in anarchistischen Kreisen der Ruf an, "reformistisch" zu sein und mit dem Staat und den Unternehmern zu paktieren. Sie hätten bezahlte Funktionäre, seien von Marxisten, Trotzkisten und Bourgeois unterwandert und selbstverständlich keine Anarchosyndikalisten, geschweige denn Anarchisten. Erst kurz vor meiner Abreise wurde in einem AIT-Zirkular eindringlich vor diesen marxistischen "Elementen" gewarnt, die den anarchosyndikalistischen Namen missbräuchten und eine arbeiterfeindliche Politik betrieben. In manchen Anarchokreisen gilt es geradezu als unanständig, auch nur Kontakt zur CGT zu haben; in der AIT gar als Ausschlussgrund.

Gewerkschaft im Aufwind

Als ich das CGT-Büro in der Via Layetana (ex Via Durruti) aufsuche, glaube ich zunächst, ich hätte mich in der Adresse geirrt: ein großes Bürohochhaus aus den 50ern, ein freundlicher Pförtner am Empfang im Foyer, überall schwarzrote Wegweiser zu allen möglichen Gewerkschaftssektionen, Veranstaltungs- und Sozialräumen, Rechtshilfebüro, Schulungszentrum, Bar ... So etwas war mir in fast 40 Jahren Anarchodasein noch nicht begegnet; fast automatisch kommen Skepsis und Misstrauen hoch: Das sieht ja aus wie in einer "richtigen" Gewerkschaft - hat sich die CGT also doch vom System "kaufen" lassen?!

Am Telefon hatte man mir gesagt, der Auslandssekretär würde mich erwarten - und das war dann die zweite Überraschung: Mir kommt ein alter Bekannter entgegen, Angel Bosqued, Anarchoaktivist seit den 70ern, der uns vor vielen Jahren in Deutschland besucht hatte, als wir das "Projekt A" aus der Taufe hoben ...

Mit ihm kann ich ja offen reden, also bringe ich sogleich meine Skepsis an den Mann. Angel lacht und klärt mich auf: Das Hochhaus gehörte einer Abteilung der alten faschistischen Franco-Gewerkschaft, wurde vor Jahren besetzt, und die CGT hat sich inzwischen ein Bleiberecht erkämpft. Als anarchosyndikalistische Organisation lehnt die CGT das Berufsfunktionärstum ab; die meisten FunktionsträgerInnen seien als Betriebsratsmitglieder freigestellt und würden vom Arbeitgeber bezahlt, er selbst zum Beispiel vom deutschen Versicherungsmulti Allianz. Die Statuten erlaubten nur bedürftigen Genossinnen und Genossen ein geringes Salär, etwa im Sekretariat sehr großer Ortsföderationen; in Barcelona werden der Portier und zwei Reinigungskräfte bezahlt, die vorher arbeitslos waren. Auch die Annahme staatlicher Fördergelder, etwa für Bildungsarbeit, ist strikt geregelt: Die Statuten verbieten die Annahme öffentlicher Gelder für alle grundlegenden Strukturen der CGT; nur Subventionen für punktuelle Projekte sind erlaubt: maximal 10 % des Etats. Aber selbst das wird nicht gerne gesehen.

Die finanzielle Basis der CGT sind die Beiträge ihrer Mitglieder. Und das sind in Barcelona 5.000, in Katalonien 10.000, in Spanien 60.000. Wobei nur diejenigen gezählt sind, die ihre Beiträge gezahlt haben. Die Gewerkschaft ist in allen relevanten Branchen fest verankert, mit Ausnahme von Bauindustrie und Landwirtschaft. In einigen Unternehmen ist sie Mehrheitsgewerkschaft, in der Regel aber nach UGT (sozialdemokratisch) und Comisiones Obreras (kommunistisch) die dritte Kraft: bei den Arbeiterinnen und Arbeitern respektiert, weil sie hart verhandelt, kämpferisch agiert und entsprechend viel "herausholt" - bei Staat und Unternehmern als "verbohrt", "militant", "unverschämt" und "Utopisten" verschrien.

Die Öffentlichkeit verfolgt die Kämpfe der CGT aufmerksam, Staat und Wirtschaft mit Argwohn, denn sie bringt gefährlich-radikale Positionen bis hin zum Steuerboykott ins Spiel und mischt in wichtigen Schlüsselindustrien mit: Post, Bahn, Banken und große Metallbetriebe wie die zum VW-Konzern gehörige SEAT. Dort haben die Anarchosyndikalisten 14.000 Stimmen bekommen, und 20 gewählte CGTistas tragen jetzt den Druck der Basis in die Verhandlungen.

Denn trotz aller Unkenrufe: Die CGT sieht in Betriebsräten und Tarifkommissionen keinen Selbstzweck, sondern nur eine pragmatische Option, um die Basis überhaupt zu erreichen und konkrete Verbesserungen zu erkämpfen. Die Grundlage ihrer Struktur bilden jedoch Betriebsversammlungen und autonome Basiskomitees. Wo immer es geht, wird diese direkte Demokratie von unten aufgebaut, gefördert und forciert. Nicht immer mit Erfolg.

Ambivalente Erfahrungen

Angel redet ganz offen über die ambivalenten Erfahrungen aus 20 Jahren des anarcosindicalismo renovado.

Wir haben uns inzwischen unters Dach in das anarchistische Archiv Salvador Seguí geflüchtet, nachdem uns ein Rundgang durch ein Dutzend Büros, durch Schulungszentren, Redaktionsräume und die Bar ein wenig ermüdet hatten: überall Shakehands, viele Fragen zur Situation in Deutschland - und zwischendurch, in der Sala Durruti, ein improvisiertes Meeting mit einigen Aktivisten und der frisch gewählten Generalsekretärin der katalanischen CGT... Überhaupt fällt hier die große Zahl von Frauen ins Auge.

Klar, sagt Angel, befände man sich ständig auf einer Gratwanderung, einem Spagat zwischen den sozialen Tageskämpfen und dem Ziel einer anarchistischen Gesellschaft. Von daher sei die CGT natürlich der Gefahr ausgesetzt, in Reformismus abzugleiten. Es gebe Sektionen, wo die Basisversammlungen hervorragend funktionierten, in anderen dagegen sei es regelrecht deprimierend. Aber "sich die Hände schmutzig zu machen" wäre nun einmal der Preis dafür, in der realen Arbeitswelt zu kämpfen.

Das sei übrigens bei der historischen CNT auch nicht anders gewesen - und gerade dies habe ihre einzigartige Stärke und Schlagkraft begründet: die Verbindung zwischen Alltag und Utopie zu schaffen. Das vergäßen die "Genossen der reinen Lehre" leider immer bei ihrer Kritik. Für sie reduziere sich das Bild auf eine höchst revolutionäre Situation vor 70 Jahren, als die CNT aus einer Position der Stärke heraus die Machtfrage stellte. Zu einer solchen Stärke aber gelange man nicht durch den Rückzug aus dem realen Leben. Im Grunde, so Angel, knüpfe die CGT an der Politik der alten CNT an. Die heutige CNT, für deren Kämpfe er übrigens auch lobende Worte findet, sieht er in der Gefahr, sich von der realen spanischen Gesellschaft zu isolieren.

Die CGT versteht sich denn auch, genau wie die historische CNT, nicht als eine Gewerkschaft für Anarchisten, sondern als eine anarchistische Gewerkschaft für alle arbeitenden Menschen.

Die meisten Mitglieder sind ihr beigetreten, weil ihnen die kämpferische Linie in einem Arbeitskonflikt imponiert hat oder sie von den reformistischen Gewerkschaften enttäuscht wurden. In vielen kleinen weiteren Schritten werden sie mit der libertären Zielsetzung vertraut gemacht und nach Möglichkeit eingebunden. Denn die CGT betreibt neben der Betriebsarbeit einen ganzen Fächer sozialer, kultureller und politischer Initiativen und ist in die aktuellen gesellschaftlichen Kämpfe Spaniens aktiv eingebunden: von der Ökologie- über die Frauenbewegung bis hin zu selbstverwalteten Betrieben, Antifa und Stadtteilarbeit.

Und am Fuße der Pyrenäen bietet sie Arbeiterfamilien in einem gewerkschaftseigenen Dorf sogar preiswerten Öko-Urlaub.

Wenn aber jeder in die CGT eintreten kann, bietet sie sich dann nicht für Unterwanderung geradezu an?

Angel zuckt die Schultern: Das habe man natürlich alles erlebt, genauso übrigens wie die CNT. Der Reihe nach haben es die Trotzkisten, Maoisten und sogar schon katalanische Nationalisten versucht, aber sie hätten sich allesamt an den Statuten die Zähne ausgebissen: In einer wirklich libertären Struktur liefen deren Unterwanderungskonzepte einfach ins Leere, da die Funktionen ja mit keinerlei Macht über die Mitglieder verbunden seien.

Die Leute, so Angel, hätten entweder resigniert oder wären zu Anarchisten geworden.

Brücken schlagen

Zwei Tage später bin ich im Stadtteil Sants zu Gast bei verschiedenen libertären Initiativen. In einem besetzten Haus wundere ich mich über Plakate und Aufrufe der CGT. Die Squatters indes wundern sich nicht. Von ihnen erfahre ich, dass es bei der CGT üblich ist, ihre Gewerkschaftstagungen in den Räumlichkeiten anderer sozialer Bewegungen und Projekte abzuhalten - beispielsweise in besetzten Häusern. Ich bin beeindruckt. So werden aktiv Brücken gebaut zwischen der Welt der Lohnarbeit und politischer Gegenkultur.


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Teil 2: Die libertäre Gegenkultur

La Rosa de Foc, die Feuerrose - seit Barcelona im Jahre 1908 diesen Beinamen erhielt, gilt die katalanische Metropole als heimliche Hauptstadt des Anarchismus. Damals brannten Klöster, Ämter, Kasernen, und die Welt horchte auf. 34 Jahre später, vor genau 70 Jahren, initiierten hier die mächtigen anarchistischen Gewerkschaften eine soziale Revolution, die der staunenden Welt bewies, dass Anarchie tatsächlich funktioniert.

Aber jenseits von Aufständen, Gewerkschaften und Revolutionen schlug der Puls des Anarchismus in Barcelona seit jeher auch immer ganz unspektakulär im Alltag der Menschendieser Stadt: Kultur und Volksbildung, Stadtteilkomitees und Genossenschaften, freie Schulen und Lebensmittel-Kooperativen, Theater, Verlage, Freidenkertum, Ausflüge in die Natur und Nudismus - all das und etliches mehr bildete praktisch den Humus für die Anarchie. Das Geheimnis ihrer enormen Popularität. Das Reservoir, aus dem sie immer wieder neue Kraft schöpfte.

In der Rosa del Foc läuft mir ein Mann mittleren Alters in die Arme, stutzt, lacht: "He, was machst du denn hier?" fragt er. Es dürfte 15 Jahre her sein, seit er uns in Neustadt besucht hatte, um das Projekt A aus der Nähe kennen zu lernen... Er umarmt mich, wir plaudern. Agustín arbeitet jetzt bei Virus, einem sehr rührigen anarchistischen Verlag, und brachte gerade ein Paket Bücher für Carmen vorbei. Carmen, eine resolute Frau in den Fünfzigern, ist die "gute Seele" von Rosa del Foc - dem gut sortieren und geschmackvoll eingerichteten anarchistischen Buchladen in der Altstadt, in dem nicht nur Anarchisten ihre Bücher kaufen. Der Laden, der auch Produkte von libertären Kooperativen anbietet, steht dem undogmatischeren Flügel der CNT nahe (vgl. GWR 311) und unterhält auch ein Ateneo - jene typisch spanische Variante eines politisierenden Kulturclubs, irgendwo angesiedelt zwischen Bibliothek, Freidenkertreff und Volkshochschule.

Agustín will viel von mir wissen und ich von ihm. Wir reden über die Initiativen, die damals in Barcelona vom Projekt-A-Fieber befallen waren; fast alle existieren noch, die meisten haben sich gut entwickelt, und die Projektidee stehe nach wie vor hoch im Kurs.

El Proyecto A

Das war eigentlich das Letzte, was ich erwartet hatte. Nach der Krise des Projekts in Deutschland (vgl. GWR 304) waren die Kontakte zu anderen Ländern langsam eingeschlafen, und irgendwie hatte ich geglaubt, denen müsste es genauso ergangen sein wie uns...

Aber schon am ersten Tag in Barcelona bin ich eines Besseren belehrt worden: Unser erster Besuch gilt Trèvol. Meine Lebensgefährtin und ich samt Kindern fallen reisemüde in die Räume dieser fast schon legendären Genossenschaft ein, die den einzigen ökologischen Fahrrad-Kurierdienst Kataloniens unterhält und zu den eifrigsten Pionieren des Proyecto A in Barcelona gehört. Unser alter amigo Chavi Palos, seinerzeit ebenfalls oft gesehener Gast in Neustadt, empfängt uns mit offenen Armen - und der Einladung zu einem veritablen "Bankett", das schon für diesen Abend, eigens "zu unseren Ehren", arrangiert ist...

Auch Trèvol war seit meinem letzten Besuch umgezogen: größere Räume, bessere Geschäfte, weiterer Aktionsradius - und immer noch eine selbstverwaltete Kooperative ohne Chefs, dafür aber jetzt auch mit den ersten Elektro-Lieferwagen in der Branche - wofür sie sogar einen Umweltpreis erhalten haben.

Und auch immer noch stark engagiert als Vorreiter der libertären Selbstverwaltungsidee innerhalb der traditionellen spanischen Kooperative-Bewegung. Erst kürzlich wurden sie in den nationalen Vorstand gewählt.

Auch die tolle Festa de l'Autogestió gibt es noch, das Fest der Selbstverwaltung, beliebter Ort zum Feiern, Kennen Lernen und Vernetzen für die vielen selbstverwalteten Betriebe der Stadt.

Das "Bankett" gerät dementsprechend zu einer Mischung aus nostalgischer Rückschau und optimistischer Zukunftsvision: noch mehr bekannte Gesichter, die ich zuletzt vor 10 Jahren in Neustadt oder Barcelona gesehen hatte, Umarmungen, Trinksprüche, feuchte Augen hier und da. Aber auch ganz junge Frauen und Männer voller Elan und frischer Ideen - eine ganz neue Generation in offensichtlichem Einklang mit den Carrozas, wie in Spanien "die Alten" genannt werden.

Meine Tischnachbarinnen, wohl noch keine 20 Jahre alt, erklären mir voller Begeisterung die Idee von Xarxa, dem "Netz", und ebenso begeistert redet der inzwischen ergraute Ferrán auf mich ein, damit ich auch alles schön begreife. Dass Xarxa nämlich mit seinen Ideen von solidarischer Ökonomie und gegenseitiger Hilfe ganz auf der Linie von Projekt A liege und in den verschiedenen Stadtteilen entsprechende Initiativen miteinander vernetze.

Ich müsse mir das unbedingt ansehen, meint Ferrán, und lädt mich für übermorgen zu einer Tour durch sein Barrio ein, den Stadtteil Sants.

Lebendige Gegengesellschaft

Auch Ferrán Aguiló hatte uns in Neustadt besucht und ist seither nicht müde geworden, das Projekt A zu propagieren und wo immer möglich umzusetzen. Er arbeitet bei Mon Verd, der "Grünen Welt", einem ideenreichen Vertrieb und auch Hersteller ökologischer Produkte, die im "alternativen Barcelona" überall zu finden sind. Er erwartet mich mit einem riesenhaften anarchotouristischen Programm, von dem wir am Ende nicht einmal die Hälfte schaffen.

Sants, so erklärt er mir, ist eines jener typischen barceloneser Barrios mit langer libertärer Tradition; einer Art kämpferischer und autonomistischer Gegengesellschaft, deren Wurzeln weit über 100 Jahre zurückreichen, bis hin in die frühe Arbeiterbewegung, den Antiklerikalismus, die Genossenschaftsbewegung. Die Alltagssolidarität hat selbst die langen Jahre der Franco-Diktatur überlebt, an ihr knüpften die Libertären vor über 20 Jahren wieder an.

Er gibt mir La Burxa, das professionell gemachte Stadtteilblatt, das von der basisdemokratischen Asamblea de Barrio, einer Art Stadtteilrat, herausgegeben wird. In Rotationsdruck und hoher Auflage, finanziert durch Anzeigen sympathisierender Kleinfirmen und linker Projekte - und überall im Viertel verteilt und gern gelesen. Mit einer in Deutschland kaum vorstellbaren inhaltlichen Toleranz: von den linken katalanischen Separatisten über die Gewerkschaften bis hin zu Anarchopunks und Hausbesetzern - mit einer in Wort und Bild klar erkennbaren Dominanz libertärer Ideen.

Vielfalt ohne Dogma

Unser nächster Besuch gilt Malea, einem kleinen Lädchen namens "Unkraut", über dem Herboristería steht, Kräuterladen. Hier wollen wir einkehren. Ich assoziiere moralinsauren deutschen Ökofundamentalismus und stelle mich auf Kamillentee ein. Stattdessen erwartet uns die sympathische Symbiose aus ökologischem Bewusstsein und spanischer Lebensart, halb Bioladen, halb Bar. Kräuter, Tees und viele gute Bio-Produkte von Mon Verd für ein gesundes Leben in selbstverständlichem Einklang mit einer Bar, an der es auch Martini und Cognac gibt. Sohn Moritz kriegt ein Bier, Tochter Nora eine Limo, Freundin Ute ihren Kräutertee und ich nach einem kleinen tinto einen echten argentinischen Mate, stilvoll aus der Bombilla. Wie erfrischend undogmatisch! Ich bin entzückt.

Etwas später werde ich ein wenig verlegen. Denn unsere jungen Gastgeberinnen, Maria und Milena, zücken plötzlich eine stark abgegriffene Fotokopie einer Fotokopie: El Proyecto A, ein 15 Jahre alter Reader auf spanisch, der, so sagen sie, hier noch überall zirkuliere und von den jungen Leuten begeistert gelesen und engagiert diskutiert werde. Auch sie haben sich bei ihrem Laden davon inspirieren lassen: Doppelprojekt Bar/Kräuter, Kinderbetreuung, Mittagstisch, politische Infotheke, Treffpunkt. Malea sei kein Gutmensch-Ghetto, sondern ein beliebter Ort für Jung und Alt aus der gesamten Nachbarschaft.

Sie selbst seien so etwas wie die zweite Generation des Projekts in Barcelona (und das könne ich ruhig wörtlich nehmen, denn Milena ist tatsächlich die Tochter von Ferrán). Als sie dann beginnen, aus dem Proyecto halbe Passagen zu rezitieren, fürchte ich fast, sie würden mich um ein Autogramm bitten, aber so weit kommt es dann doch nicht.

Denn wir werden schon in La Ciutat Invisible erwartet, der "unsichtbaren Stadt", einem weiteren Projekt gleich um die Ecke, das ebenfalls zum Dunstkreis des Proyecto A zählt und - mit Malea und etlichen weiteren - in loser Kooperation vernetzt und verbandelt ist.

Ciutat Invisible ist ein freundlicher, moderner Laden, der auf den ersten Blick wie eine Boutique wirkt. Auf den zweiten Blick entdeckt man hinter Silberschmuck, Mützen und den wunderschön designten Subversiv-T-Shirts aus eigener Produktion auch Anarcho-Buttons, Bücher, Infos, Zeitungen, Flugblätter und politische Aufrufe. Hernán, Mitte zwanzig, führt uns durch alle Räume und erklärt: Früher trafen sich hier nur die Opas aus dem Viertel; die kommen auch immer noch, aber seit die jungen Leute das Lokal in kollektiver Leitung übernommen hätten, kommen Leute jeden Alters und aller Schichten. In der Tat: Der Laden ist rappelvoll. Kein Wunder, bietet er doch neben dem Buch- und Warenverkauf auch ein Internet-Café, ein Archiv zur Stadtteilgeschichte nebst Bibliothek, eine DVD-Produktion, eine kleine Bar und Computerkurse.

Die nächste Station ist eine Kneipe, in der die katalanischen Separatisten verkehren (von denen es auch eine anarchistische Fraktion geben soll). An den Wänden Fahnen und Bilder von IRA- und ETA-Märtyrern - hier wird Militanz zur Schau gestellt. Junge Frauen sortieren riesige Haufen roter Nelken, die morgen, auf der Fiesta San Jordi, dem höchsten katalanischen Feiertag, traditionellerweise verkauft werden. Und Ferrán zählt derweil auf, was es sonst noch alles gibt, was wir aber nicht mehr besuchen können (weil Milena mir nämlich jetzt das besetzte Haus zeigen will, in dem sie lebt).

Also, zum Beispiel mehrere Dutzend Ateneos, zehn davon spezifisch libertär, zum Teil mit anarchistischen Bibliotheken und Archiven, Kneipen. Fünf anarchophil-autonome Radiosender. Den berühmten Infoladen El Lokal in der Calle Hospital. Das Cinema Rebelde und die Pimpam Films mit Videoclub, -verleih und eigenen Produktionen. Die Lebensmittelkooperative Germinal mit vier Läden in Sants, Vallès, Sarria und Gracia. Die Fahrradaktivisten von Amigos de la Bici und Biciclot. Und natürlich die besetzten Häuser, zu denen wir anschließend gehen wollen.

Ich verliere ein wenig den Überblick; mir wird klar, ich müsste eigentlich noch ein, zwei Wochen dranhängen... Und doch - das kann noch nicht alles gewesen sein, allenfalls eine Auswahl von Ferráns Favoriten. Denn die Agenda Libertaria 2006, der handliche Anarcho-Taschenkalender, führt alleine für Barcelona 73 unabhängige libertäre Initiativen auf - wohlgemerkt ohne die zahlreichen gewerkschaftlichen Organisationen: Zeitungen und Aktionsgruppen, Frauen-, Lesben- und Schwulenzirkel, Buch-, Musik- und Comicverlage, Ökogruppen und Bands, bis hin zu Naturisten, Antiprohibitionisten und der Liga für die Freiheit des Impfens. Und über all dem schwebt, sozusagen als der Kitt der politischen Gegenkultur, das, was früher in Deutschland "Alternativpresse" hieß. Aber auch hier keineswegs irgendwelche selbstgebastelten Szeneblättchen, sondern eine Vielfalt von richtig dicken, professionell und aufwändig gemachten links-undogmatischen Wochenblättern, teils gratis, teils kommerziell, in denen auch der Anarchismus jederzeit ohne Probleme eine wohlwollende öffentliche Plattform findet. Eines davon, die Directa, kam gerade mit ihrer ersten Nummer auf den Markt und wartete im Lager von Trèvol auf ihre Auslieferung.

Hausbesetzung de luxe

Wenig später stehen wir in einer ehemaligen katholischen Kapelle und staunen: Edle Täfelungen und Barocksäulen mit goldenen Kapitellen, aber aus den romanischen Bilderrahmen grinsen uns antiklerikale Teufelchen an... Wir befinden uns in Can Vies, einem besetzten Haus am Rande von Sants, in dem einst ein Bahnarbeiter-Heim untergebracht war, natürlich mit Hauskapelle, wie zu Francos Zeiten üblich. Heute dient sie für Meetings, Versammlungen, Konferenzen.

Auch die Anarchogewerkschaft CGT hält hier gelegentlich Tagungen ab. Und hier wohnt auch Milena, zusammen mit einem Dutzend junger Leute in einer Art Kommune. Alle zwei Wochen treffen sich Bewohner und Unterstützer zum Plenum; entschieden wird nach dem Konsensprinzip und, wenn das nicht klappt, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Im Vorderhaus gibt es eine Bar mit Infotheke, hier treffen sich auch Nachbarschafts- und Initiativgruppen, die beispielsweise gegen Globalisierung, Neoliberalismus und die Weltbank mobilisieren. Und natürlich gegen den Bau einer neuen ICE-Trasse, die mitten durch das Haus hindurchführen soll. Milena hat Zweifel, ob sie den Abriss verhindern können - aber noch wird gekämpft.

Can Vies ist unter den acht besetzten Häusern Barcelonas eher eine "kleine Hausnummer" - dafür aber ein wunderschönes altes Gebäude mit Charme und gemütlichem Ambiente. Die Bewegung der Okupas, wie hier die Squatters heißen, begann in Barcelona in den 90er Jahren. Ab 2001, berichtet Milena, nahm die Bewegung an sozialer Breite zu - unter anderem als Folge der neoliberalen Prekarisierung. Seither leben Menschen jeden Alters und verschiedener sozialer Herkunft in den besetzten Häusern, ideologische Dogmen und politische Vereinnahmungsversuche hätten seitdem stark abgenommen. Durch einige Eigentümlichkeiten des katalanischen Rechts bleiben die Besetzer relativ unbehelligt, vorausgesetzt, sie können die ersten Tage ohne Räumung überstehen und nachweisen, dass der Besitzer das Gebäude vernachlässigt hat.

Auf diese Weise kam die Hausbesetzerbewegung sogar zu einer echten De-Luxe-Immobilie in bester Villenlage direkt unter Barcelonas Hausberg Tibidabo: eine aufgegebene Kaserne der verhassten Polizeitruppe Guardia Civil: mit reichem Baumbestand, schattigem Innenhof und sogar einigen Äckern im Umland.

Dort wird jetzt Bio-Gemüse angebaut - ein geradezu musterhaftes Beispiel für eine gelungene libertäre Resozialisierung.

Horst Stowasser

Aus: Graswurzelrevolution Nr. 311 (Sommer 2006) und Nr. 312 (Oktober 2006)

Originaltexte: http://www.graswurzel.net/311/barcelona.shtml und http://www.graswurzel.net/312/barcelona.shtml


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