Felipe Corrêa - Ocupas Urbanas. Die Praxis des sozialen Anarchismus in Rio de Janeiro

Die FARJ - Federación Anarquista de Rio de Janeiro (Anarchistische Föderation Rio de Janeiros) ist eine sehr aktive sozialanarchistische Gruppe in Brasilien. Die „Ocupas Urbanas“ sind besetzte Wohnhäuser in den armen Stadtteilen und Favelas in Rio.

In Hinblick auf die libertäre Bewegung in Rio kann die Gründung der FARJ als ein Meilenstein gewertet werden. Der Gründungsprozess der Gruppe dauerte 1,5 Jahre. Am Ende des Diskussionsprozesses gab es einen Konsens über das Profil einer möglichen Organisation:

Eine Föderation anarchistischer Individuen, die sich in die verschiedenen gesellschaftlichen Konflikte einmischt und Stellung bezieht. Seit ihrer Gründung am 30. August 2003, arbeitete die FARJ an unzähligen Projekten — immer mit dem Anspruch anarchistische Ideen in die Praxis umzusetzen. Wie es in ihrem „Manifiesto de Fundación“ heißt: „Die neue Gesellschaft wird durch uns geschaffen. Hier und jetzt, mit der Inspiration des Anarchismus.“

Eines der vielen Projekte der FARJ ist das „Centro de Cultura Social (CCS)“, welches im Norden der Stadt liegt. Der Raum wird für kollektive Arbeit, als Platz für Treffen und Versammlungen, zum gemeinsamen Kochen und Essen mit den AnwohnerInnen aus „Morro dos Macacos“ (2), Nachhilfe, Recycling und Capoeira ( traditionelle Selbstverteidigung) genutzt. Zudem existiert dort die „Bibiloteca Social Fábio Luz“. Das CCS ist ein gemeinsamer Raum vieler AktivistInnen und wird auch noch vom „Colectivo Libertario Activista Voluntariado de Estudios (CLAVE)“, der „Grupo de Acción Libertaria (GAL)“, dem Komitee gegen Folter und anderen nicht-explizit anarchistischen Gruppen genutzt.

Mit dem Ziel ihre gesellschaftliche Relevanz zu vergrößern begann die FARJ 2003 die Zusammenarbeit mit den „Städtischen Hausbesetzungen“. Seit dieser Zeit besuchen Militante der FARJ die Treffen der Besetzungen Olga Benário (Benannt nach einer bekannten Kommunistin, die in den 30er in Rio aktiv war), im Campo Grande, und Vila da Conquista und Nelson Faria Marinho in Jacarepaguá. Die dort stattfindende politische Arbeit ist eine gemeinsame Organisation mit den BesetzerInnen um ihr Forderungen besser durchsetzen zu können. Zu dem wird versucht die kämpfenden Kommunen mit anderen (Klassen-)Kämpfen zu verbinden. So unterstützen zum Beispiel einige Gewerkschaften die Besetzungen mit gratis Infrastrukturarbeiten.

Schließlich weitete die FARJ ihre Aktivitäten auch auf andere Besetzungen wie das Poeta Xynaiba in Tijuca und Margarida Maria Alves in Sao Goncalo aus. In all diesen Besetzungen versucht die FARJ die Autonomie der BesetzerInnen zu unterstützen und eine Solidarität und Zusammenarbeit unter den Besetzungen zu etablieren.

Fast alle Projekte arbeiten inzwischen kollektiv und ohne Bezug auf repräsentative Demokratie zusammen. Politiker dürfen nicht an den Versammlungen teilnehmen, und Wahlpropaganda ist an und in den Häusern nicht geduldet. Die Menschen verlassen sich auf direkte Zusammenarbeit mit anderen (Arbeiter)Organisationen und Direkte Aktionen um ihre Probleme zu lösen.

Ein anderes von einigen Companeros entwickeltes Projekt ist „Gestación“, welches regelmäßig im CCS stattfindet. Sie wollen Menschen, die sich die Mietkosten nicht mehr leisten können helfen und motivieren ihre Wohnungen und Häuser zu besetzen. Damit bieten sie diesen Menschen einen Raum um sich kennen zu lernen und sich gemeinsam herrschaftsfrei zu organisieren. Auf diesen Treffen wird vom Namen bis zur konkreten Aufgabenverteilung in den zukünftigen Besetzungen diskutiert. Darüber hinaus werden direkte Aktionen geplant um die Häuser zu erobern.

Dieser praktizierte „Soziale Anarchismus“, den die FARJ im Widerspruch zu dem ansonsten vorherrschenden „Lifestyle-Anarchismus“ sieht, versucht direkt in soziale Kämpfe und Bewegungen zu intervenieren und diese zu unterstützen. Sozialer Anarchismus ist keine neue innovative Idee. Der Anarchismus hat im Laufe der Zeit seine soziale Komponente verloren, der Soziale Anarchismus strebt eine Rückehr der Anarchisten zu ernsthaftem sozialen Handeln an — zusammen mit den Arbeitern und prinzipiell allen Prekarisierten der Gesellschaft wie den Obdachlosen, den Landlosen, den Indigenen, ... . Die Widersprüche und die Unfähigkeit des Kapitalismus, soziale Probleme zu lösen wird in diesen Kämpfen deutlich und so lassen sie sich mit anarchistischer Theorie direkt verbinden.


Anmerkungen: Der Text stammt von Felipe Corrêa und wird hier frei (nicht wortwörtlich und etwas gekürzt) übersetzt. Erschienen in La Libertad Nr. 5, Juli 07, San José, Costa Rica. Favela in Rio, wird teilweise von Mafia-Strukturen regiert. Homepage der FARJ: www.farj.org

Originaltext: http://www.direkteaktion.org/188/ocupas-urbanas


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